{"id":1029,"date":"2016-07-26T17:41:46","date_gmt":"2016-07-26T15:41:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1029"},"modified":"2016-07-26T17:41:46","modified_gmt":"2016-07-26T15:41:46","slug":"ein-unbeachteter-russe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/26\/ein-unbeachteter-russe\/","title":{"rendered":"Ein unbeachteter Russe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ars Produktion Schumacher, ARS 38 209; EAN: 4 260052 382097<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0059.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1030\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1030\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0059-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"395\" height=\"342\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0059-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0059-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0059.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 395px) 100vw, 395px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im zweiten Teil der Gesamteinspielung aller Klavierwerke des russischen Virtuosen Sergei Lyapunov f\u00fcr Ars Produktion ist Florian Noack zu h\u00f6ren mit der Novelette op. 18, der Barcarolle op. 46, der Humoreske op. 34, mit drei St\u00fccken op. 1, sieben Preludes op. 6, Chant du cr\u00e9puscule op. 22, Variationen und Fuge \u00fcber ein russisches Thema op. 49 sowie mit F\u00eates de No\u00ebl op. 41.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten d\u00fcrften den Namen Sergei Lyapunov zwar bereits irgendwo geh\u00f6rt haben, doch etwas Konkretes mit ihm in Verbindung bringen werden wohl die wenigsten, kein einziges seiner Werke genie\u00dft heute gro\u00dfe Bekanntheit. Immer wieder ist die Rede von &#8222;Epigonentum&#8220;, quasi ein Todesurteil f\u00fcr nicht etablierte Musik (w\u00e4hrend dies bei bereits entdeckten Komponisten scheinbar niemanden st\u00f6rt). Was die Chancen auf gro\u00dfe Verbreitung verringert, ist nicht zuletzt auch die hohe Virtuosit\u00e4t, die sogar den kleinen Miniaturen innewohnt und einen Gro\u00dfteil der Werke ausschlie\u00dflich f\u00fcr professionell ausgebildete Pianisten spielbar macht. Best\u00e4tigt wird dies alleine schon dadurch, dass drei der auf dieser CD zu h\u00f6renden St\u00fccke Ersteinspielungen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charakteristisch f\u00fcr Lyapunov sind gro\u00dfe uniforme Fl\u00e4chen, die bedingt werden durch flie\u00dfende Themen in gleichen Notenwerten, welche repetitiv ausgekostet werden, meist ohne dabei durchgef\u00fchrt oder gro\u00df variiert zu werden. Rhythmisch passiert dabei meist wenig, alles ist auf den dynamischen Melodiefluss und spannungssteigernde Harmonik angewiesen. Bei langen Werken besteht somit schnell die Gefahr, dass Langwierigkeit aufkommt, da es an Kontrasten und Abwechslungsreichtum fehlt, doch interessanterweise ist dies beinahe nie der Fall (au\u00dfer vielleicht bei der Barcarolle, die schon sehr umfangreich ist f\u00fcr das, was tats\u00e4chlich musikalisch geschieht). Anders als beispielsweise Chopin, der stets f\u00fcr Kontrast und Entwicklung sorgte, vertr\u00e4umt sich Lyapunov in seine Themen und sch\u00f6pft diese so weit wie nur m\u00f6glich aus. Es herrscht fast durchweg ein voller Klang, der durch virtuose Nebenstimmen erreicht wird, welche die schlichten Melodien umgarnen. Auf diese Weise bilden die technischen Anforderungen eine unumg\u00e4ngliche Herausforderung im Dienst der Musik, und die Virtuosit\u00e4t ist nicht reiner Selbstzweck. Das bedeutendste St\u00fcck sind zweifellos die Variationen und Fuge auf ein russisches Thema op. 49 &#8211; welch eine unb\u00e4ndige Kraft und Schroffheit in diesem Werk steckt und welch eine flexibel sich wandelnde Vielseitigkeit! Durch Abwechslungsreichtum stechen auch die F\u00eates de No\u00ebl op. 41 in all ihrer Beschaulichkeit heraus. Mit Zartheit bet\u00f6ren k\u00f6nnen zudem Chant du cr\u00e9puscule op. 22 und der Walzer aus den drei St\u00fccken op. 1. Bei den anderen St\u00fccken \u00fcberwiegt gr\u00f6\u00dftenteils die Monochromie bei Ausnutzung der physikalisch m\u00f6glichen Fingerfertigkeit, die nat\u00fcrlich durchaus Reiz und eine gewisse Sch\u00f6nheit besitzen, jedoch nicht das au\u00dferordentlich hohe Niveau der soeben genannten Werke erreichen. Schade, dass der Booklettext von Guy Sacre ausschlie\u00dflich Banalit\u00e4ten nennt und einen ewigen Vergleich anstimmt, wie technisch anspruchsvoll Lyapunov doch sei &#8211; was wesentlich an dieser Musik ist, scheint ihm nicht deutlich zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge belgische Pianist Florian Noack erweist sich als ein gro\u00dfes Talent mit einem au\u00dfergew\u00f6hnlich feinsinnigen Anschlag, innigem Gef\u00fchl und aufbegehrender Expressivit\u00e4t. Cham\u00e4leongleich kann er sich allen Charakteren anpassen und in die Musik regelrecht eintauchen. Noack kann die Sanglichkeit und Lyrik auskosten, ebenso auch nach vorne dr\u00e4ngen und seinem Ausdrucksverm\u00f6gen bis in die wildesten Passagen freien Lauf lassen. Die Schwierigkeiten l\u00e4sst er vergessen, so leicht fliegt er \u00fcber die Tasten und hebt die mit gr\u00f6\u00dfter Einfachheit gestrickten Hauptstimmen hervor. Beeindruckend ist Noacks Pedaleinsatz, der ein sauberes Legato erm\u00f6glicht, aber niemals etwas verschwimmen l\u00e4sst &#8211; so dass nicht einmal auff\u00e4llt, dass \u00fcberhaupt Pedal benutzt wird. Einziger Kritikpunkt ist, dass Florian Noack sich im Fortebereich etwas versteift, seine Flexibilit\u00e4t geht dadurch verloren und der Klang wird unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig trocken und hart, gar rabiat. Hier kann er des \u00d6fteren noch nicht seine Emotionen b\u00e4ndigen, was aber gerade in solch intensiven Passagen unbedingt erforderlich ist, um die Geladenheit auch dem H\u00f6rer weiterzureichen und nicht alles f\u00fcr sich selbst zu &#8222;verbrauchen&#8220;. Abgesehen davon ist Florian Noack ein ausgesprochen feinsinniger Musiker und ihm scheint eine gl\u00e4nzende Karriere zu bevorstehen \u2013 bleiben wir weiter auf dem Laufenden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Juli 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 209; EAN: 4 260052 382097 Im zweiten Teil der Gesamteinspielung aller Klavierwerke des russischen Virtuosen Sergei Lyapunov f\u00fcr Ars Produktion ist Florian Noack zu h\u00f6ren mit der Novelette op. 18, der Barcarolle op. 46, der Humoreske op. 34, mit drei St\u00fccken op. 1, sieben Preludes op. 6, Chant du cr\u00e9puscule &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/26\/ein-unbeachteter-russe\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein unbeachteter Russe<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[1024,388,1023,1022],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1029"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4978,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions\/4978"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}