{"id":1037,"date":"2016-07-28T18:00:27","date_gmt":"2016-07-28T16:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1037"},"modified":"2016-07-28T12:44:11","modified_gmt":"2016-07-28T10:44:11","slug":"der-vergessene-tiroler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/28\/der-vergessene-tiroler\/","title":{"rendered":"Der vergessene Tiroler"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 73<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(zu erwerben ausschlie\u00dflich \u00fcben:<br \/>\nhttp:\/\/cdeditionen.musikland-tirol.at\/content\/cds-kaufen\/)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0060.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1038\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1038\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0060-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0060-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0060-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0060.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da werde ich auf eine CD aufmerksam mit einem Komponisten, von welchem ich nie im Leben geh\u00f6rt h\u00e4tte, von dem mir nicht einmal der Name ein Begriff war. Doch stellt sich heraus, wie phantastisch diese Musik ist, und so nutze ich den Anlass des einj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums von <em>The New Listener<\/em>, diese schon etwas \u00e4ltere CD von 2010 zu besprechen, deren Mitwirkende &#8211; zumindest zweien von ihnen &#8211; ich bereits in meiner allerersten Besprechung auf dieser Plattform rezensierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Emil Berlanda ist kein Komponist, der in Vergessenheit geraten ist &#8211; nein, er war noch nie im Bewusstsein der H\u00f6rer vorhanden, weder zu Lebzeiten noch danach. Sein nicht allzu langes Leben von 1905 bis 1960 war gepr\u00e4gt von Misserfolg und Krankheit: Kaum ein Konzert erhielt der in Innsbruck lebende Musiker, welcher sich das Orgelspielen wie auch das Komponieren autodidaktisch beigebracht hatte, lediglich f\u00fcr Rundfunkauff\u00fchrungen oder f\u00fcr Laienb\u00fchnen wurde er engagiert; dabei wurde er immer wieder behindert durch die Multiple Sklerose, an der er die letzten ca. zwanzig Jahre seines Lebens litt. So kommt es, dass drei einige Werke zu Lebzeiten nie vor Publikum aufgef\u00fchrt wurden: Die Musik f\u00fcr konzertantes Klavier und Orchester sowie die Sinfonietta erklangen lediglich im Rundfunk, die Sinfonischen Variationen, sein sp\u00e4tes Hauptwerk, waren gar nie gespielt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 50. Todestag des Komponisten wurde dies von Karlheinz Siessl und dem Orchester der Akademie St. Blasius nachgeholt. Initiiert von Manfred Schneider, welcher auch den ausf\u00fchrlichen und informativen Booklettext verfasste, f\u00fchrten die Musiker am 31. Juli und am 1. August 2010 in der Basilika Stift Stams einige Orchesterwerke Berlandas auf, darunter die drei genannten Urauff\u00fchrungen. Bei www.musikland-tirol.at erschien der Mitschnitt auf CD.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Programm beginnt mit der dreis\u00e4tzigen Suite f\u00fcr Orchester op. 13 von 1931, die Berlandas intensive Besch\u00e4ftigung mit modernen Komponisten widerspiegelt und an Kl\u00e4nge unter anderem des fr\u00fchen Sch\u00f6nberg, von Debussy und Strauss gemahnt, dabei jedoch eine unverwechselbar eigene Note hat und bereits Qualit\u00e4t von \u00fcberregionalem Rang besitzt. Von ausgefeilter Form, herrlicher instrumentaler Farbigkeit und stringentem Spannunsverlauf ist die Sinfonietta op. 18 von 1933 gepr\u00e4gt, ein hochkomplexes Werk von knapp dreizehn Minuten L\u00e4nge. Die Musik zu Georg B\u00fcchners Leonce und Lena op. 25 von 1934, bestehend aus Vorspiel und Melodram (Sprecherin ist Christine Schallbaumer), kann die geh\u00e4ssige Skurrilit\u00e4t der Literaturvorlage ausgezeichnet musikalisch charakterisieren und akustisch erg\u00e4nzen &#8211; bei\u00dfender Humor und absolute Pr\u00e4gnanz zeichnen diese Musik aus. Eine moderne Umsetzung der Musik von Berlandas Idol Johann Sebastian Bach in Form und Kompositionsweise ist die Musik f\u00fcr konzertantes Klavier und Orchester op. 31 (1936) \u2013 hier mit dem Solisten Michael Sch\u00f6ch \u2013, in der eine unvergleichlich gelungene Synthese erreicht ist. Wohl der Gipfel seines Schaffens sind die Sinfonischen Variationen op. 43 aus dem Jahr 1942, die erst im hier aufgezeichneten Konzert 2010 zur Urauff\u00fchrung kamen. Berlandas Musik ist gleichzeitig so unmittelbar wirkend, dass sie einen sofort in den Bann nimmt, andererseits derart komplex, dass es mehrfaches H\u00f6rens bedarf, um die Werke einigerma\u00dfen in ihrer Struktur verstehen zu k\u00f6nnen. Der Satz ist gezeichnet von Kontrapunktik und einem dichten Gewebe aus Stimmen, wobei sich diese auf rhythmisch markante Themen und Motive st\u00fctzen, die durchaus auch im Ohr bleiben. Es herrscht eine stete Spannung, die stellenweise gar G\u00e4nsehaut erzeugen kann, so intensiv und durchdringend ist sie. Jedes St\u00fcck ist ein Solit\u00e4r und tr\u00e4gt die eindeutige Handschrift Berlandas, Vergleiche zu anderen Komponisten der Zeit k\u00f6nnen definitiv nicht das klingende Resultat umschreiben. Hier liegt Musik von einem grandiosen Komponisten internationalen Ranges vor, dessen bisherige Unbekanntheit eine wirkliche Vernachl\u00e4ssigung der Musikforschung ist, die dringend aufzuholen ist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karlheinz Siessl leitet sein Orchester der Akademie St. Blasius auch hier in der von neueren Aufnahmen gewohnten \u00fcberragenden Qualit\u00e4t mit gr\u00f6\u00dfter Dichte, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und flexibler Reaktion auf das Erklingende. Es wird deutlich, wie sehr den Musikern an der Musik liegt, und ich frage mich, wie lange sie daran geprobt haben, um ihr auch gerecht zu werden. Der Dirigent nannte die Musik einmal das Beste, was er je eingespielt habe &#8211; und das will etwas hei\u00dfen angesichts der Meisterwerke, die er sonst noch entdeckt und auf CD eingespielt hat. Karlheinz Siessl kann sein Orchester in jeder Stimme Leben entfachen lassen und alles h\u00f6rbar machen, auch gelingt es ihm, die Spannung das gesamte St\u00fcck \u00fcber aufrecht zu halten, ohne gelegentlich abzufallen. In dieser fr\u00fchen Aufnahme des Pianisten Michael Sch\u00f6ch h\u00f6rt man noch etwas den gleichf\u00f6rmig kr\u00e4ftigen Anschlag der Orgel heraus, welche er ebenso wie das Klavier beherrscht (mittlerweile hat er den Anschlag am Klavier verwandelt und agiert feinf\u00fchliger auf die sensible Ansprache des Fl\u00fcgels). Doch schon 2010 zeigt sich sein herausragendes Talent und seine Gabe, die Musik fast wie absichtslos entstehen zu lassen. Sch\u00f6ch und das Orchester verschmelzen dabei erstaunlichem Einklang. Sie wirken in makellosem Einvernehmen zusammen, wie es nur selten zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bereits gesagt, bei Berlanda herrscht dringender Nachholbedarf! Seit der Gr\u00fcndung von <em>The New Listener<\/em> war es mir ein stetes Anliegen, nicht nur den gro\u00dfen Namen eine weitere von unz\u00e4hligen Besprechungen zu geben, sondern auch f\u00fcr das Unbekanntere einzustehen und dieses vielleicht etwas ans Licht zu r\u00fccken. Es w\u00e4re f\u00fcr mich der sch\u00f6nste Beweis, etwas erreicht zu haben in diesem einen Jahr, wenn es tats\u00e4chlich neue Auff\u00fchrungen der von uns besprochenen Musik geben sollte, oder falls vielleicht ein Verleger oder ein Label dadurch auf diese Musik aufmerksam w\u00fcrde und sich auch daf\u00fcr einsetzte. Hier kann ich den Finger heben und zeige auf Berlanda.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Juli 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 73 (zu erwerben ausschlie\u00dflich \u00fcben: http:\/\/cdeditionen.musikland-tirol.at\/content\/cds-kaufen\/) Da werde ich auf eine CD aufmerksam mit einem Komponisten, von welchem ich nie im Leben geh\u00f6rt h\u00e4tte, von dem mir nicht einmal der Name ein Begriff war. 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