{"id":1042,"date":"2016-07-30T23:50:19","date_gmt":"2016-07-30T21:50:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1042"},"modified":"2016-07-30T23:53:58","modified_gmt":"2016-07-30T21:53:58","slug":"mehr-martynow-mehr-bluethner-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/30\/mehr-martynow-mehr-bluethner-2\/","title":{"rendered":"Mehr Martynow, mehr Bl\u00fcthner \u2026 !"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethoven\/Franz Liszt: Sinfonie Nr. 9 Klaviertranskription<br \/>\nYury Martynow (historischer Bl\u00fcther-Fl\u00fcgel ca. 1867)<br \/>\nBeatriz Oleaga, Alt<br \/>\nCD 70\u201852 Min., 9\/2015<br \/>\n\u00a9&amp; ALPHA Classics\/Outhere Music 2015<br \/>\nALPHA\u00a0 227<br \/>\nEAN\u00a0 3\u00a0 760014\u00a0 192272<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0034.jpg\" rel=\"attachment wp-att-586\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-586\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0034-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"372\" height=\"322\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0034-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0034-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0034.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">K\u00fcrzlich habe ich auf einem Flohmarkt die (in mehrfacher Hinsicht) etwas angestaubte, in Thomas Manns Geleitwort zur deutschen \u00dcbersetzung enthusiastisch als K\u00fcnstler-Roman begr\u00fc\u00dfte Biographie\u00a0 \u201eJoseph Haydn, His Art, Times, and Glory\u201c des (damals dann schon amerikanischen) Journalisten Heinrich Eduard Jacob aus dem Jahr 1950 f\u00fcr 20 Cent erstanden. Manchmal ist die Art, wie damals \u00fcber Musik geschrieben wurde, heute allenfalls noch als Skurrilit\u00e4t betrachtet zu ertragen. Doch werden wir nicht \u00fcberheblich! Was halten Sie von der folgenden Passage aus diesem Buch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eWar man mit einem Klavier allein und hatte keine Erinnerung mehr an die M\u00f6glichkeiten anderer Instrumente: welche Klangwunder standen da auf! Eine homophone Figur auf dem Klavier wirkte unerreicht in ihrer Einmaligkeit und Betontheit, ihrer \u00fcberredenden Gewalt. Und die Harmonik: wo gab es noch solche harmonischen Wirkungen bei einem anderen Instrument? Einer Terz auf dem Klavier, einer Quarte kam keine sonst gleich. Nach einer Viertelstunde Klavierspiel hat sich die Alleinherrschaft des Klaviers so v\u00f6llig etabliert, dass sein Klang absolut geworden ist und jeder andere daneben abf\u00e4llt. Die Fl\u00f6te wirkt hart, nasal und kalt, die Geige qu\u00e4kt und scheint sentimental. Aber wer w\u00fcrde \u00fcberhaupt noch Stimmen h\u00f6ren wollen? Das Klavier schafft ja die vollkommene Illusion des Orchesters. Dieses Instrument, das zu keinem andern eine Verwandtschaftsbeziehung hat, ist unbegreiflicherweise f\u00e4hig, alle anderen zu ersetzen. Jawohl, man macht \u201aKlavierausz\u00fcge\u2018, und die meisten sind gelungen. Zeichnungen nach Gem\u00e4lden sind schlecht. Ein Klavierauszug ist nichts anderes als eine Zeichnung nach einem Orchestergem\u00e4lde \u2013 und trotzdem ist er meistens gut, er dr\u00e4ngt zusammen, er macht klar. Er f\u00e4ngt die Gedanken der Meister ein, die sonst wie Wolken, nicht immer fassbar, durch den Orchesterhimmel schwimmen, und bannt sie fest, macht sie unvergesslich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Klavierauszug meistens gut? Vollkommene Illusion des Orchesters? Zu Liszts Zeiten waren ja Klavierbearbeitungen das, was jetzt der Plattenschrank ist \u2013 die Grundlage f\u00fcr Konzert im Wohnzimmer. Wozu dann heute solch ein altmodisches Surrogat? Ein originelles Geschenk f\u00fcr Leute, \u201edie schon Alles haben\u201c? Ein Ersatz f\u00fcr eine Auff\u00fchrung von Beethovens Neunter ist Yury Martynovs CD wahrlich nicht \u2013 kann sie nicht und will sie nicht sein. Sie ist etwas ganz Anderes. Dazu unbedingt lesenswert ist, was Arrangeur Franz Liszt selbst dazu sagt, zu finden als weitl\u00e4ufiges Zitat im sehr sch\u00f6nen und informativen Booklet der vorliegenden Produktion. Und was erst Martynov daraus macht! Da m\u00f6chte man denen glauben, die mit unwiderlegbaren Gr\u00fcnden sagen, dass Beethovens ureigenes Instrument das Klavier war, so genuin klavierm\u00e4\u00dfig klingt das Alles unter Martynovs H\u00e4nden: ein Molto Vivace in kraftvollem Galopp mit einem rhythmischen Drive, der der Satzbezeichnung alle Ehre macht, ein hinrei\u00dfend melancholisches Adagio molto cantabile, das sich anf\u00fchlt, als w\u00e4re es nie einem anderen Instrument zugedacht gewesen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber was machen Liszt und Martynov aus dem ber\u00fchmten, f\u00fcr eine Klavierbearbeitung mehr als problematischen Finale dieser Chor-Sinfonie, die damals nach Liszts eigenen Worten die meisten Musiker als \u201eein gar erschreckliches Schrecknis\u201c betrachteten? Dieser Klaviersatz, in dieser Einspielung, ist etwas v\u00f6llig Neues geworden, etwas v\u00f6llig Anderes als Beethovens Original, und, um es gleich \u2013 und ganz pers\u00f6nlich \u2013 zu gestehen: Ich h\u00f6re den Satz in dieser Form sogar lieber als im Original. Jemandem, der mit einer \u2013 sit venia verbo \u2013 manchmal etwas schw\u00fclstigen \u00c4sthetik des angehenden 19. Jahrhunderts (und ich gebe es zu: auch mit Faust Teil 2 habe ich meine Probleme) wenig anzufangen wei\u00df, ist in der Tat dieses Instrumentalwerk \u201eersatzweise\u201c leichter zug\u00e4nglich. Das h\u00f6rt sich dann eher an wie eine \u201eImprovisation zur Europa-Hymne\u201c.\u00a0 Mal z\u00f6gerlich suchend und vertr\u00e4umt, dann wieder schroff entschlossen werden wir hier \u2013 ganz \u201eklavieristisch\u201c \u2013 von Martyrov durch eine wild zerkl\u00fcftete Landschaft voll unerwarteter Sch\u00f6nheiten gef\u00fchrt. An manchen Stellen k\u00f6nnte man fast meinen, sich in einer Sturm-und-Drang-Fantasie Carl Philipp Emmanuel Bachs verirrt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Somit hat nun auch Yury Martynov \u2013 nach Scherbakow, Biret, Katsaris und Leslie Howard \u2013 seinen Zyklus der Liszt-Bearbeitungen von Beethovens neun Sinfonien abgeschlossen. Ich besitze bereits die Aufnahmen von Scherbakow und Howard, m\u00f6chte ihre Interpretationen aber hier nicht demonstrativ mit der Vorliegenden vergleichen. Ich liebe und sch\u00e4tze sie alle Drei. Den goldenen Apfel bekommt jedoch Martynov, vor allem auch wegen des wunderbar weichen und doch so farbig-obertonreichen Klangs des historischen Bl\u00fcthner-Fl\u00fcgels, gespielt\u00a0 in der f\u00fcr ihre Akustik weltber\u00fchmten Doopsgezinde Kerk von Haarlem (NL). F\u00fcr mich sind (die leider so seltenen) Auff\u00fchrungen auf Bl\u00fcthner-Fl\u00fcgeln immer etwas ganz Besonderes, und ich kann uns allen nur w\u00fcnschen: Mehr Martynow, mehr Bl\u00fcthner \u2026 !<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Hans von Koch, M\u00e4rz 2016]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#8211; reupload aufgrund technischer Fehler-<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethoven\/Franz Liszt: Sinfonie Nr. 9 Klaviertranskription Yury Martynow (historischer Bl\u00fcther-Fl\u00fcgel ca. 1867) Beatriz Oleaga, Alt CD 70\u201852 Min., 9\/2015 \u00a9&amp; ALPHA Classics\/Outhere Music 2015 ALPHA\u00a0 227 EAN\u00a0 3\u00a0 760014\u00a0 192272 K\u00fcrzlich habe ich auf einem Flohmarkt die (in mehrfacher Hinsicht) etwas angestaubte, in Thomas Manns Geleitwort zur deutschen \u00dcbersetzung enthusiastisch als K\u00fcnstler-Roman begr\u00fc\u00dfte &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/30\/mehr-martynow-mehr-bluethner-2\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Mehr Martynow, mehr Bl\u00fcthner \u2026 !<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[536,535,266,86,537,1046],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1042"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1042"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1042\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1051,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1042\/revisions\/1051"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}