{"id":1085,"date":"2016-08-12T15:20:54","date_gmt":"2016-08-12T13:20:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1085"},"modified":"2016-08-12T15:20:54","modified_gmt":"2016-08-12T13:20:54","slug":"haendel-in-absoluter-orchestraler-vollendung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/12\/haendel-in-absoluter-orchestraler-vollendung\/","title":{"rendered":"H\u00e4ndel in absoluter orchestraler Vollendung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Georg Friedrich H\u00e4ndel<br \/>\nOrgelkonzerte Op. 7 Nr. 1-6, Fassung f\u00fcr Klavier und Streichorchester<br \/>\nMatthias Kirschnereit, Deutsche Kammerakademie Neuss, Lavard Skou Larsen<br \/>\ncpo 777855-2 (EAN: 761203785520)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Ernst0001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1086\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1086\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Ernst0001-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"333\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Ernst0001-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Ernst0001-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Ernst0001.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\nGeorg Friedrich H\u00e4ndels unsterbliche Orgelkonzerte auf das Klavier zu \u00fcbertragen: eine wunderbare Idee, denn nicht nur gibt es dadurch endlich auch von ihm Klavierkonzerte, die mehr als attraktiv f\u00fcr den Solisten wie f\u00fcr den H\u00f6rer sind, sondern es ergibt sich dadurch die Gelegenheit einer tats\u00e4chlich musikalisch differenzierten Gestaltung hinsichtlich Dynamik und Nuancierung der Artikulation, die ungemein belebend wirkt und die Orgel musikalisch weit hinter sich l\u00e4sst, sofern der Solist der Sache stilistisch gewachsen ist und die innermusikalischen Zusammenh\u00e4nge tats\u00e4chlich erfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Um es vorweg zu nehmen: auch mit dieser abschlie\u00dfenden Folge ist man der \u201aKonkurrentin\u2019 Ragna Schirmer in jeder Hinsicht weit voraus, zu nivelliert und eint\u00f6nig war ihr nur klanglich experimenteller Zugang, der ja damals in einem etwas missgl\u00fcckten Crossover-Versuch \u201akulminierte\u2019. Doch auch Matthias Kirschnereits Darbietung hat ihre Schw\u00e4chen, wenngleich auf verfeinertem Niveau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die eigentliche Sensation dieser Einspielung ist das Orchester. Wohl niemand heute ist in der Lage, H\u00e4ndels Geist in solch emphatisch beschwingter und zugleich endlich mal wieder auch die tieferen Schichten der Musik ersp\u00fcrender Weise aufzuf\u00fchren. Wie wunderbar bewusst alles artikuliert und wie gesanglich phrasiert das durchgehend ist, wie unwiderstehlich die Themen herausgesch\u00e4lt werden und die Begleitung eben nicht in den eingeebneten Routinemodus verf\u00e4llt, der sich einstellt, wenn die Inspiration an der Oberfl\u00e4che \u2013 also lediglich auf die offensichtlichen Hauptstimmen bezogen \u2013 bleibt. Keine Spur davon. Dieser H\u00e4ndel ist ein Fest ohnegleichen, er kn\u00fcpft im besten, aufgekl\u00e4rten Sinne an an die unverg\u00e4nglichen Dokumente, die wir beispielsweise von Wilhelm Furtw\u00e4ngler oder den Adolf Busch Chamber Players besitzen. Er hat also das Zeug, vielleicht irgendwann als w\u00fcrdiges \u201aWeltkulturerbe\u2019 erkannt und gew\u00fcrdigt zu werden. Ja, in Neuss dreht sich die Uhr der Musik weiter, w\u00e4hrend sie vielerorts, wo viel mehr mediale Aufmerksamkeit eingefordert wird, stagniert oder sich im R\u00e4dchen vermeintlicher Perfektion \u201ezur\u00fcckdreht\u201c. Man kann eben aus dem vollen Musizieren, muss keine Puppenstuben-Niedlichkeiten oder d\u00fcmmlichen Grobheiten begehen, um in der Musik jene Urspr\u00fcnglichkeit, Kraft und Freude wiederzuentdecken, die sie potentiell stets in sich getragen hat. Ungehemmt, ja geradezu ungest\u00fcm gelegentlich, in den langsamen S\u00e4tzen mit W\u00fcrde, Tiefe, Pracht und \u2013 ja! \u2013 Erhabenheit, und niemals ins Willk\u00fcrliche, Altmodische, Sentimentale abgleitend. Stets schlank, leicht, beweglich und geschmeidig, und dabei in strahlender F\u00fclle und mit jenem innerlichen Prunk geschm\u00fcckt, wie ihn nur H\u00e4ndel hat, und der, versucht man ihn zu vermeiden, wie eine Amputation wirkt. Skou Larsen und seine hellwache Truppe bringen das singul\u00e4re Kunstst\u00fcck zustande, sowohl offenkundig historisch informiert als auch zeitlos im Ausdruck zu sein \u2013 das k\u00f6nnen nur paradoxe Charakterisierungen fassen: spannungsvoll und vollkommen losgel\u00f6st, den weit ausschwingenden Bogen mit fein ziselierter Detailkunst \u00fcberhaupt erst organisch erstehen lassend, rundherum hochkultiviert und immer von entschiedenem Charakter. Solist Kirschnereit hat derart traumhafte Bedingungen f\u00fcr sein Agieren, das bei aller Liebe zum Detail, pianistischen Finesse und wendigen Lyrik die klare Orientierung vor allem hinsichtlich der gr\u00f6\u00dferen Entwicklungsz\u00fcge vermissen l\u00e4sst. Da er alle dynamischen M\u00f6glichkeiten des Klaviers hat, br\u00e4uchte es eben nicht jene verspielten Rubati, die fortw\u00e4hrend die durchg\u00e4ngige Kraft und Linie unterbrechen oder schw\u00e4chen. Doch das Orchester f\u00e4ngt all diese Schlingereien jedes Mal in souver\u00e4nster und hinrei\u00dfend klar konturierter Weise auf. So ist es insgesamt doch eine gro\u00dfartige Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Niemand heute vermag H\u00e4ndels Musik auch nur ann\u00e4hernd so reich und charakteristisch aufzuf\u00fchren. Es w\u00e4re der gro\u00dfe Wunsch des Rezensenten, dass sich Lavard Skou Larsen und die Deutsche Kammerakademie nun auch der 12 Concerti grossi op. 6 \u2013 und, wenn noch ein weiterer Wunsch drin w\u00e4re, auch der Concerti grossi von Arcangelo Corelli \u2013 annehmen. So gespielt, w\u00fcrde jeder H\u00f6rer damit einen Sechser ziehen, mit passender Zusatzzahl, und das ganz ohne Lotto, sondern via cpo in Osnabr\u00fcck. Nicht aufh\u00f6ren, unbedingt weiter so!<\/p>\n<p><strong>[Ernst Richter, August 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Friedrich H\u00e4ndel Orgelkonzerte Op. 7 Nr. 1-6, Fassung f\u00fcr Klavier und Streichorchester Matthias Kirschnereit, Deutsche Kammerakademie Neuss, Lavard Skou Larsen cpo 777855-2 (EAN: 761203785520) Georg Friedrich H\u00e4ndels unsterbliche Orgelkonzerte auf das Klavier zu \u00fcbertragen: eine wunderbare Idee, denn nicht nur gibt es dadurch endlich auch von ihm Klavierkonzerte, die mehr als attraktiv f\u00fcr den &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/12\/haendel-in-absoluter-orchestraler-vollendung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">H\u00e4ndel in absoluter orchestraler Vollendung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[428,1087,368,418,1086],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1085"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1085"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1085\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1087,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1085\/revisions\/1087"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1085"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1085"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1085"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}