{"id":1096,"date":"2016-08-16T18:13:58","date_gmt":"2016-08-16T16:13:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1096"},"modified":"2016-08-16T18:13:58","modified_gmt":"2016-08-16T16:13:58","slug":"der-wahre-avantgardist-in-neuer-referenzqualitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/16\/der-wahre-avantgardist-in-neuer-referenzqualitaet\/","title":{"rendered":"Der wahre Avantgardist in neuer Referenzqualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Dmitri Schostakowitsch<br \/>\nSonaten f\u00fcr Violine und Klavier op. 134 (1968) und f\u00fcr Viola und Klavier (1975)<br \/>\nMirjam Tschopp (Violine, Viola), Riccardo Bovino (Klavier)<br \/>\nGenuin GEN 16428 (EAN: 4260036254280)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Lucien0005.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1097\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1097\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Lucien0005-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"314\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Lucien0005-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Lucien0005-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Lucien0005.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\nH\u00e4tte es je eine originellere \u00dcbernahme von tragenden Elementen eines gro\u00dfen Meisterwerks gegeben als im Finale von Schostakowitschs letzter Komposition, der Bratschensonate, die er einen Monat vor seinem Tod vollendete? Die Art, wie hier der Kopfsatz von Beethovens \u201aMondschein\u2019-Sonate anklingt, ist wahrlich unheimlich und zeugt von einer ungeheuren inneren und \u00e4u\u00dferen Freiheit. Wie hatte Schostakowitsch selbst zwei Jahrzehnte zuvor, 1955, geschrieben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eIch glaube, Originalit\u00e4t im Musikschaffen ist umfassend zu verstehen. Die \u00dcbernahme einzelner Elemente von gro\u00dfen Komponisten der Vergangenheit bedeutet noch lange nicht ein Abschreiben von Seiten oder Takten aus bekannten Werken. Man muss die Technologie ihres Schaffens gr\u00fcndlich durchdenken, sie verstehen und dann dieses oder jenes Element zu seinen eigenen Zwecken benutzen, indem man es ab\u00e4ndert oder \u2013 besser noch \u2013 entsprechend seiner eigenen k\u00fcnstlerischen Aufgabenstellung weiterentwickelt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein besseres Beispiel daf\u00fcr k\u00f6nnte es nicht geben. Danach ist derlei in der Sowjetunion in Mode gekommen, doch selbst bei Schnittke nicht auf solcher beklemmend befreiten H\u00f6he. Und heute erweist sich Schostakowitsch damit im Nachhinein als wahrer Avantgardist, denn heute ist solches M\u00e4andern zwischen den Zeiten und Stilen allgemeine Verfahrensweise in der sogenannten \u201aPostmoderne\u2019, wenngleich eben meist mit peinlichen und kaum je mit wirklich h\u00f6renswerten oder gar zusammenh\u00e4ngend tragf\u00e4higen Resultaten. Dergleichen Probleme \u2013 die von unseren Zeitgenossen in ihren eigenen Werken gar nicht als solche wahrgenommen werden \u2013 kannte Schostakowitsch nicht, denn bei ihm funktioniert es so unvorhersehbar wie folgerichtig organisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Neuaufnahme der Bratschensonate und der um sieben Jahre vorangegangenen Violinsonate f\u00fcr den un\u00fcbertroffenen David Oistrach durch die Schweizer Geigerin und Bratscherin Mirjam Tschopp und den Turiner Pianisten Riccardo Bovino bewegt sich auf olympischen H\u00f6hen. Nicht nur, das Mirjam Tschopp sowohl auf der Geige als auf der Bratsche eine herausragende Virtuosin ist: Bei ihr klingt die Bratsche zudem nicht wie eine tiefere Geige, sondern eben wirklich origin\u00e4r, wie eine Bratsche im sch\u00f6nsten Sinne klingen kann, als authentischer Ausdruck des Alt-Registers mit grandios m\u00e4chtiger Tiefe. Mirjam Tschopps Ausdruck umfasst eine weite Skala. Grunds\u00e4tzlich f\u00e4llt eine unsentimental innige Herbheit auf, die sich allerdings in idealtypischer Weise mit Schostakowitschs weltabgewandtem Sp\u00e4tstil verbindet. Riccardo Bovino ist ihr ein souver\u00e4n mitgestaltender und intensiv zuh\u00f6render Partner, und beide sind in jeder Hinsicht bestens aufeinander abgestimmt, auch in den dynamisch heikelsten Abschnitten bilden sie ein exzellent abgestimmtes Duo. \u00dcberhaupt ist das dynamische Spektrum mit entschlossener Bewusstheit sehr weit gespannt. Hinzu kommt eine vorz\u00fcgliche Aufnahmetechnik, die wohl auch von der ausgezeichneten Akustik der Leipziger Bethanienkirche profitiert haben d\u00fcrfte. Hier ist in allen Belangen superbe Arbeit geleistet worden, und auch Eckhard van den Hoogens kenntnisreicher Begleittext h\u00e4lt da gut mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein paar kritische Kleinigkeiten m\u00f6chte ich dennoch anmerken: Dem Ganzen t\u00e4te des \u00f6fteren noch mehr Tempokonstanz \u00fcber die gro\u00dfen Abschnitte hinweg gut; und dynamisch entspricht die Realisierung nicht immer ganz dem musikalischen Sinn. So werden etwa manche Crescendi, die eigentlich nur zur n\u00e4chsten Dynamikstufe hinf\u00fchren sollen, \u00fcberm\u00e4\u00dfig hervorgehoben, wodurch dann am Ziel die Dynamik wieder zur\u00fcckgenommen werden muss. Auch das gegenteilig ausm\u00fcndende Crescendo mit anschlie\u00dfendem subito piano (dieses einst von Beethoven mit so einmaliger Wirkung eingef\u00fchrte Mittel) wird gelegentlich nicht konsequent zum Ende gef\u00fchrt. Auch \u00fcber manche Phrasierung kann man diskutieren, doch das f\u00e4llt dann doch nicht so sehr ins Gewicht, und als Fazit ist zu sagen: Es handelt sich um eine Referenzaufnahme, wie seit Jahrzehnten keine gleichrangige vorgelegt wurde. Gerne h\u00f6ren wir mehr von diesen au\u00dfergew\u00f6hnlich ernsthaften und bef\u00e4higten K\u00fcnstlern.<\/p>\n<p><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, August 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dmitri Schostakowitsch Sonaten f\u00fcr Violine und Klavier op. 134 (1968) und f\u00fcr Viola und Klavier (1975) Mirjam Tschopp (Violine, Viola), Riccardo Bovino (Klavier) Genuin GEN 16428 (EAN: 4260036254280) H\u00e4tte es je eine originellere \u00dcbernahme von tragenden Elementen eines gro\u00dfen Meisterwerks gegeben als im Finale von Schostakowitschs letzter Komposition, der Bratschensonate, die er einen Monat vor &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/16\/der-wahre-avantgardist-in-neuer-referenzqualitaet\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der wahre Avantgardist in neuer Referenzqualit\u00e4t<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[29,30,182,86,1090,1091],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1096"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1096"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1096\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1098,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1096\/revisions\/1098"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}