{"id":11,"date":"2015-07-28T19:36:48","date_gmt":"2015-07-28T19:36:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=11"},"modified":"2015-08-08T00:17:21","modified_gmt":"2015-08-07T22:17:21","slug":"divergierende-werke-des-21-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/07\/28\/divergierende-werke-des-21-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Divergierende Werke des 21. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Streichquartett der Akademie St. Blasius deb\u00fctiert am 9. Juni 2015 mit Werken von Anders Eliasson, Christian Gamper und Thomas Larcher in der Reihe &#8222;Musik im Studio&#8220; des ORF in Innsbruck.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Akademie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, aufgeschlossene Zuh\u00f6rer einzuladen, sich auf die Suche nach Neuem zu begeben.&#8220; Dieser Satz aus dem Programmhefttext gilt exemplarisch f\u00fcr den Konzertabend am 09. Juni im Studio 3 des ORF in Innsbruck. Auf dem Programm stehen drei zeitgen\u00f6ssische Komponisten mit Werken f\u00fcr Streichtrio und -quartett, wie man sie viel zu selten zu h\u00f6ren bekommt. Den Beginn macht das <em>Trio d&#8217;Archi<\/em> mit dem Untertitel <em>Ahnungen<\/em> des 2013 verstorbenen Anders Eliasson aus dem Jahre 2012, nach der Pause erklingt erstmals das <em>erste Streichquartett in fis-Moll<\/em> des 1971 geborenen Tirolers Christian Gamper und schlie\u00dflich wird der Abend von Thomas Larchers <em>IXXU<\/em> f\u00fcr letztere Besetzung abgerundet. Die Interpreten sind das erstmals sich \u00f6ffentlich pr\u00e4sentierende Streichquartett der Akademie St. Blasius, bestehend aus Monika Grabowska, Anja Schaller, Andreas Ticozzi und Barbara Riccabona.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wahrlich h\u00fcrdenreiche Programm meistern die Musiker mit Bravour, sie behalten auch in den zerkl\u00fcftetsten Passagen Durchsichtigkeit und Glanz. Besonders hervorgehoben sei Anja Schaller an der zweiten Violine, die durch ihre F\u00e4higkeit des Zuh\u00f6rens und Anpassens an ihre Kollegen als ideale Kammermusikerin erscheint. Sie ist es, die als energetisches Zentrum des Quartetts fungiert und die Kr\u00e4fte der Musiker unaufdringlich, quasi aus dem Hintergrund, zu lenken und b\u00fcndeln vermag, was dem geschlossenen Ausdruck sehr zu Gute kommt. Das gilt gerade auch hinsichtlich der Balance in den beiden Streichquartetten, die wesentlich stimmiger ist als im Trio, wo Anja Schaller nicht mitwirkt. Insgesamt gesehen haben wir es hier auch mit drei weiteren exzellenten K\u00fcnstlern zu tun: Monika Grabowska ist eine \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise und dominante Konzertmeisterin mit strahlendem Klang, Andreas Ticozzi ein eher zur\u00fcckhaltender und lauschender Bratschist mit feinsinnigem Spiel, und Barbara Riccabona gibt am Violoncello eine exzellente Klangbasis, auf die das ganze Geflecht der Stimmen sich gut st\u00fctzen und aufbauen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich zwei gro\u00dfe Kenner und Freunde von Anders Eliasson sind im Auditorium vertreten, und einer von ihnen, Dr. Peter Kislinger, gibt sogar in einer kompakten Einf\u00fchrung bisher unver\u00f6ffentlichte Informationen rund um das zu h\u00f6rende Trio preis. Besser als in jeglicher Lekt\u00fcre darstellbar spricht er \u00fcber die Namensfindung und die Reaktionen des schwerkranken Komponisten auf sein letztes Werk, welches er einen Monat vor seinem Ableben noch in digitaler Form zu h\u00f6ren bekam. Durchzogen von h\u00f6chster Komplexit\u00e4t im Bereich der Rhythmik, Harmonik und auch der Melodik ist das dem Trio ZilliacusPerssonRaitinen gewidmete Werk eine extreme Herausforderung f\u00fcr alle Beteiligten, da sie zu keiner Zeit den polyphonen Kontext in diesem einheitlichen und nur sporadisch in drei satz\u00e4hnliche Tempozonen geteilten Trio aus dem Bewusstsein verlieren d\u00fcrfen. Nebst all dem sind auch die st\u00e4ndig im Wandel befindlichen Motive zu beachten, die das gesamte Werk \u00fcber 520 Takte durchziehen. Alles befindet sich im Fluss \u2013 oder, wie Eliasson sagte, alle wahre Musik sei wie H<sub>2<\/sub>O \u2013, st\u00e4ndig fortgehend und sich entwickelnd ohne einen Moment der Stagnation oder der leeren Mechanik. Auch im Hinblick auf seine eigene musikalische Entwicklung trifft diese Aussage zu, denn obgleich sich in diesem letzten Werk des Schweden einige f\u00fcr seine Musik typische Elemente sowie der ihm ganz eigene und unverwechselbare Streicherklang finden, hat es doch eine ganz eigene Pr\u00e4gung, und er selbst meinte dazu: &#8222;Da ist mir doch noch &#8218;was ganz Neues eingefallen!&#8220; Bei den Musikern ist eine erstaunlich gute Auseinandersetzung mit diesem beziehungsreichen Streichtrio bemerkbar, die Stimmen sind gut aufeinander eingespielt und finden sich stets zurecht in der rhythmischen Vielgliedrigkeit, die nuancenreich ausgespielt wird. Lediglich einmal, kurz vor Ende des zweiten Satzes br\u00f6ckelt das Zusammenspielt aufgrund eines Z\u00f6gerns der Violine, wodurch das Pulsieren f\u00fcr einen Moment unklar wird, doch schnell findet man wieder zusammen. Ein wenig zu leise und zur\u00fcckhaltend erklingt die Bratsche und droht immer wieder hinter den beiden Au\u00dfenstimmen zu verschwinden, was sich allerdings in den beiden folgenden Quartetten nicht wiederholt. Bedauerlich ist, dass das Trio nach dem ersten Satz eine zu lange Pause einlegt und die Instrumente absetzt, anstatt die Spannung \u00fcber die Fermatepause zu halten und das Werk in energetischer Gesamtheit erstehen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause erklingt die Urauff\u00fchrung des <em>1. Streichquartetts<\/em> von Christian Gamper, das auf das &#8222;Tumpfer Klasele&#8220;, frei \u00fcbersetzt stumpfsinniges Kl\u00e4uschen, Bezug nimmt \u2013 einen zur Bauernlegende gewordenen Einwohner des Heimatortes des Komponisten. In diesem Werk besteht zwischen den S\u00e4tzen absolut kein musikalischer Zusammenhang. Wie auch das Quartett an sich ist der erste Satz betitelt, der den Klasele auf avancierte Weise unter Vermeidung von \u00fcberm\u00e4\u00dfig vielen T\u00f6nen darzustellen versucht. &#8222;Schworz aufgwondlt&#8220; hei\u00dft der zweite Satz, in welchem der Klasele als Pastor bei einer Hostienverwandlung schwarz sah. Doch anstelle eines dramatischen Bogens hin zu einem Finale erf\u00e4hrt der Zuh\u00f6rer lediglich durchgehendes Gequietsche und andere dissonante Ger\u00e4usche ohne jede Art der Spannungsentwicklung, wodurch dieser Satz eindeutig zum Tiefpunkt des Abends wird. Ein unerwarteter Wechsel ereignet sich im dritten Satz, erstmals sind wirklich Harmonie und Melodie erkennbar sowie die vorgezeichnete Grundtonart ann\u00e4hernderweise vorhanden &#8211; es geht hier um einen seltsam vorgef\u00fchrten &#8222;Landler&#8220; des tumpfen Klasele. Sogar von Gamper selbst als st\u00e4rksten Satz eingestuft zeigt sich das Finale &#8222;Pfiat enk&#8220; als gr\u00f6\u00dfte Inspiration dieses Quartetts und schafft durch Aufgreifen des bisher eher verfremdet wirkenden Volksliedthemas in authentischerer Form auch einen gewissen Zusammenhang \u00fcber die stilistischen Differenzen hinweg. Dieser Satz illustriert am sp\u00fcrbarsten den Ideenreichtum des Tiroler Komponisten, der sich ab dem Landler deutlich entfalten kann. Trotz des ungleichen musikalischen Gehalts bleibt das Streichquartett der Akademie St. Blasius durchgehend konzentriert und mitrei\u00dfend bei der Sache und es gelingt ihm, auch den gesichtsloseren S\u00e4tzen klanglichen Reiz abzugewinnen, was ihm gerade aus Sicht des Komponisten sehr hoch angerechnet werden d\u00fcrfte. Allerdings setzen auch hier die Musiker zwischen den einzelnen Abschnitten der S\u00e4tze wieder teilweise irritierend lange ab, so dass der erste Satz gar wie zweigeteilt erscheint, was f\u00fcr die Zuh\u00f6rer erst bei Beginn des Landlers bemerkbar wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss erklingt von einem der bekannteren zeitgen\u00f6ssischen Komponisten, Thomas Larcher, <em>IXXU<\/em> f\u00fcr Streichquartett. In pr\u00e4gnanter Formung zeigt der Komponist eine dichte und konzentrierte Technik, im Gegensatz zu Gamper fast vollst\u00e4ndig unter Verzicht auf \u00e4u\u00dferliche Effekte. Das 2005 uraufgef\u00fchrte Werk verfolgt durch seine dreis\u00e4tzige Form (fl\u00fcchtig, nerv\u00f6s &#8211; sehr schnell, pr\u00e4zise &#8211; ruhig) eine klare Linie von rasenden Polyphoniegebilden hin zu tr\u00e4umerischen Sph\u00e4ren. Gerade letztere str\u00f6men eine unglaubliche Magie aus und verzaubern mit einem fantastischen Farbenspektrum. Die schnelleren Passagen demonstrieren hohes technisches K\u00f6nnen und Ausdrucksgehalt, auch wenn sie im Vergleich zu den losgel\u00f6sten ruhigen Phasen noch ein wenig &#8222;gemacht&#8220; wirken und nicht diese Freiheit und Weite verstr\u00f6men. Wie zuvor brillieren die Streicher in diesem sehr anspruchsvollen St\u00fcck und werden sowohl den unruhigen als auch den sanften und magischen Momenten mehr als gerecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wahrlich erstaunlich, was die Stimmf\u00fchrer der Akademie St. Blasius, obwohl nicht einmal erstes Orchester der Stadt, hier zustande bringen, vor allem in Anbetracht dessen, dass dies ihr erster \u00f6ffentlicher Auftritt als Kammermusikformation ist. Das Konzert ist von einem hervorragenden Niveau, wie man es von wesentlich bekannteren Institutionen f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik aus bedeutend gr\u00f6\u00dferen Metropolen auch nicht \u00fcberzeugender erwarten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Streichquartett der Akademie St. Blasius deb\u00fctiert am 9. Juni 2015 mit Werken von Anders Eliasson, Christian Gamper und Thomas Larcher in der Reihe &#8222;Musik im Studio&#8220; des ORF in Innsbruck. &#8222;Die Akademie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, aufgeschlossene Zuh\u00f6rer einzuladen, sich auf die Suche nach Neuem zu begeben.&#8220; Dieser Satz aus dem Programmhefttext &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/07\/28\/divergierende-werke-des-21-jahrhunderts\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Divergierende Werke des 21. 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