{"id":1105,"date":"2016-08-21T15:08:36","date_gmt":"2016-08-21T13:08:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1105"},"modified":"2016-08-22T21:44:13","modified_gmt":"2016-08-22T19:44:13","slug":"wahrhaft-legendaere-aufnahmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/21\/wahrhaft-legendaere-aufnahmen\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Wahrhaft legend\u00e4re Aufnahmen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Supraphon, SU 4203-2; EAN: 0 99925 42032 1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0064.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1106\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1106\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0064-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"359\" height=\"311\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0064-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0064-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0064.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 359px) 100vw, 359px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Legendary Recordings&#8220; des tschechischen Violinisten und Dirigenten Josef Vlach erschienen nun bei Supraphon. Vier CDs mit Aufnahmen von Anton\u00edn <\/em><em>Dvo\u0159\u00e1k, Josef Suk, Wolfgang Amadeus Mozart, Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Benjamin Britten, Claude Debussy, Ilja Hurn\u00edk,<\/em> <em>Ji\u0159\u00ed Pauer, Henry Purcell, Ottorino Respighi und Igor Strawinsky enth\u00e4lt die Box. Es spielt das Czech Chamber Orchestra, teils unterst\u00fctzt durch das Prague Chamber Orchestra (<\/em><em>Dvo\u0159\u00e1k Op. 39 und Respighi), die Solo-Harfe in Debussys T\u00e4nzen \u00fcbernimmt Karel Patras, in Hurn\u00edks Konzert f\u00fcr Oboe, Klavier und Streicher ist Stanislav Ducho\u0148 der Solist, Hurn\u00edk ist selbst am Klavier zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seinerzeit ein international legend\u00e4rer Musiker, heute nur Liebhabern ein Begriff: Josef Vlach. Der 1923 geborene Tscheche studierte unter anderem bei Stanislav Nov\u00e1k und arbeitete intensiv mit V\u00e1clav Talich zusammen, auch nach der Aufl\u00f6sung des damaligen (ersten) Tschechischen Kammerorchesters, welches Talich leitete. 1950 gr\u00fcndete Vlach das Vlach-Quartett, das bis 1957 bestand &#8211; aus ihm kristallisierte sich auch ein Kammerorchester heraus, welches nach dem ersten Konzert auf Wunsch Talichs den bis dahin mit ihm verbundenen Namen Tschechisches Kammerorchester annahm. Das Kammerorchester feierte europaweit riesige Erfolge in den 1960er- und 70er-Jahren. Vlach war bei all seinem Perfektionismus mit stundenlangen Proben und intensivster Vorbereitung doch als freundschaftlich-kameradschaftlicher und ruhiger Leiter gesch\u00e4tzt, so dass alle Proben freiwillig und ohne Druck stattfinden konnten (in der Freizeit der anderweitig hauptberuflichen Musiker!). Zwei S\u00e4tze Vlachs seien aus dem informativen Booklettext von Petr Kadlec zitiert, um einen Eindruck von seiner Maxime zu gewinnen: &#8222;Wir waren jung, nicht vom Professionalismus verdorben, Intrigen und Neid waren uns unbekannt und wir litten nicht unter ungesundem Stolz; wir behandelten einander gleich und f\u00fchlen uns alle frei.&#8220;; &#8222;Der Gemeinschaft zu dienen hei\u00dft auf egoistische Selbstgef\u00e4lligkeit zu verzichten, nicht <em>ich<\/em> &#8211; sondern <em>wir<\/em>&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beinahe unerh\u00f6rt scheint der Orchesterklang unter Josef Vlach, es herrscht eine durchgehende W\u00e4rme und eine sp\u00fcrbar tiefe Liebe zur Musik, eine stetige geistige Pr\u00e4senz und eine Dichte, die jede Stimme als Individuum aufleben l\u00e4sst und so ein atmend-pulsierendes Ganzes schafft von einer Qualit\u00e4t, von der man heute meist nur tr\u00e4umen kann. Schnell wird klar, was Vlach damit meinte, nicht vom Professionalismus verdorben zu sein: Es ist absolut keine Routine in den zu h\u00f6renden Aufnahmen zu vernehmen, die Musik entsteht frei und ohne jede Art von Mechanisierungen, sie ist im Moment empfunden und gelebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirklich \u00fcberrascht war ich vor allem von Mozart (Divertimento in D-Dur KV 136, Adagio und Fuge c-Moll K 546, Eine kleine Nachtmusik KV 525), noch nie durfte ich seine Musik auf eine so durchreflektierte und durcherlebte Weise h\u00f6ren, die eine Frische hat, als w\u00fcrden die St\u00fccke gerade eben das erste Mal das Licht der Welt erblicken. Den fl\u00e4chigen, weichgezeichneten Klang, welcher heute die Rezeption bestimmt, sucht man vergebens, Vlach l\u00e4sst auch die herben Kontraste hervorscheinen. Gerade im grandiosen Adagio und Fuge c-Moll KV 546 kann er damit den H\u00f6rer ersch\u00fcttern, hier zeigt sich Mozart von seiner progressivsten und wildesten Seite &#8211; und Vlach denkt nicht daran, dies zu gl\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wahres Heimspiel sind selbstverst\u00e4ndlich <em>Dvo\u0159\u00e1k und Suk, die in spielerischer Leichtigkeit und mit gr\u00f6\u00dfter Spielfreude erklingen. Aber auch die modernen Tschechen, die hier zu h\u00f6ren sind, k\u00f6nnen \u00fcberzeugen: Ilja Hurn\u00edk und <\/em>Ji\u0159\u00ed Pauer. Wer sich von der idiotischen Diffamierung solcher \u201aklassizistischen\u2019 Musik als &#8222;Anachronismus&#8220; l\u00f6sen kann und auch eine definierbare Form und Struktur in moderner Musik akzeptiert, wird hier zwei gro\u00dfartige Komponisten f\u00fcr sich entdecken. Beinahe eine Haydn&#8217;sche Beschwingtheit und Leichtigkeit durchzieht das Konzert f\u00fcr Oboe, Klavier und Streichorchester von Hurn\u00edk, nur wesentlich dichter und komplexer, gerade im Kopfsatz. Der Komponist sitzt selbst am Klavier, welches allerdings nicht solistisch auftritt, <em>Stanislav Ducho\u0148 spielt die Oboe. Die Musik Pauers spielt mit Changierungen zwischen grellen Dissonanzen und sanften Entspannungen, immer in einer gewissen Doppelb\u00f6digkeit, in der teils durchaus ein beinahe sarkastischer Zug erkennbar ist, fast schon an Schostakowitsch gemahnend.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wahre Klangmagie pr\u00e4gt die Serenade C-Dur Op. 48 von Tschaikowsky, ein sanfter Schleier verh\u00fcllt frei agierende Klanggewalten in gar unschuldig erscheinender Tanz-Geste, desgleichen im Andante cantabile &#8211; hier singt es wirklich! &#8211; aus dem ersten Streichquartett Op. 11. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In unserer Zeit entsteht immer mehr eine tiefe Kluft zwischen alter und neuer Musik, Hochschulen wie auch die Musikwissenschaft sind in zwei Lager gespalten. Wie wenig Sinn solch eine Trennung ergibt, stellt Vlach unmissverst\u00e4ndlich klar, bei Purcell und auch dem historisierenden Respighi (Gli Uccelli, eine Suite f\u00fcr kleines Orchester, die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts paraphrasiert) wie bei Britten, Debussy (Karel Patras an der Solo-Harfe) oder Strawinsky. Vlach und sein Orchester teilen die gleiche Liebe f\u00fcr jede Musik, wie das breit aufgestellte Spektrum auch beschaffen sei.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gesondert \u00fcber die Streichersolisten zu sprechen, macht in dieser Aufnahme &#8211; ebenfalls f\u00fcr heutige Einspielungen undenkbar &#8211; wenig Sinn, derart integriert sind sie in den lebendigen Orchesterklang und teilen die selbe Freude und Zuneigung zur Musik mit dem Ensemble.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, August 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Supraphon, SU 4203-2; EAN: 0 99925 42032 1 &#8222;Legendary Recordings&#8220; des tschechischen Violinisten und Dirigenten Josef Vlach erschienen nun bei Supraphon. 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