{"id":1121,"date":"2016-08-26T12:00:05","date_gmt":"2016-08-26T10:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1121"},"modified":"2016-08-25T10:30:02","modified_gmt":"2016-08-25T08:30:02","slug":"zwei-erstaunliche-symphonien-eines-filmkomponisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/26\/zwei-erstaunliche-symphonien-eines-filmkomponisten\/","title":{"rendered":"Zwei erstaunliche Symphonien eines Filmkomponisten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Naxos, LC 05537, 8.571371; EAN: 7 47313 13717 6<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Martin0001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1122\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1122\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Martin0001-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"365\" height=\"316\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Martin0001-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Martin0001-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Martin0001.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Der geb\u00fcrtige Rum\u00e4ne Francis Chagrin war ab 1936 in Gro\u00dfbritannien vor allem als Filmkomponist aktiv, hinterlie\u00df aber f\u00fcr das Konzertrepertoire u.a. die beiden hier als CD-Ersteinspielung vorliegenden Symphonien. Mit dem BBC Symphony Orchestra unter Martyn Brabbins kann Naxos mit einem Spitzenensemble aufwarten, das den Werken in jeder Hinsicht gerecht wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der vor allem durch ein sehr umfangreiches Schaffen f\u00fcr Film und Fernsehen \u2013 etwa zur seinerzeit in England sehr popul\u00e4ren Nazi-Widerstands-Kom\u00f6die <em>The Colditz Story<\/em> (1955) \u2013 bekannte Komponist Francis Chagrin entstammte einer wohlhabenden j\u00fcdischen Familie aus Bukarest, wo er 1905 als Alexander Paucker geboren wurde. Nach einem Ingenieurstudium in Z\u00fcrich und erster musikalischer Ausbildung am dortigen Konservatorium ging er ab 1933 nach Paris, wo er u.a. von Paul Dukas und Nadia Boulanger unterrichtet wurde. Schon hier verdiente er sein Geld als Barpianist und mit kleineren Auftr\u00e4gen f\u00fcr den Film. Nach einer missgl\u00fcckten Ehe und dem Zerw\u00fcrfnis mit seiner Familie (Enterbung) nahm er den neuen franz\u00f6sischen Namen an. Ab 1936 \u00fcbersiedelte er schlie\u00dflich nach England, wo er bei Matyas Seiber studierte und den Rest seines Lebens wirkte. Er arbeitete in verschiedenen Positionen f\u00fcr die BBC und setzte sich als Mitgr\u00fcnder der <em>Society for the Promotion of New Music (SPNM) <\/em>f\u00fcr die Auff\u00fchrung zeitgen\u00f6ssischer Musik ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Man darf davon ausgehen, dass f\u00fcr einen \u00fcberwiegend mit mehr oder weniger kommerzieller Musik befassten Komponisten das Schreiben von Symphonien sicher so etwas wie die K\u00fcr darstellt. Das mag wohl erkl\u00e4ren, dass sich die Entstehung von Chagrins <em>Symphonie Nr. 1 <\/em>\u00fcber den langen Zeitraum von 1946-1959 hinzog (nochmals revidiert 1965). Das tut der erstaunlichen Einheit des Werkes allerdings keinen Abbruch. Formal entspricht die erste \u2013 wie auch die zweite \u2013 Symphonie dem traditionellen viers\u00e4tzigen Schema, wie man es seit der Wiener Klassik gewohnt ist. Besonderes Merkmal in der <em>Symphonie Nr. 1 <\/em>ist jedoch, dass alle S\u00e4tze in der Mitte durch einen, auch im Tempo stark kontrastierenden Teil gebrochen werden So bricht etwa in den 2. Satz, <em>Largo<\/em>, ein kurzes <em>Allegro <\/em>ein. Harmonisch ist schon in diesem Werk interessant, dass trotz unzweifelhafter Tonalit\u00e4t \u2013 als Haupttonart l\u00e4sst sich doch so etwas wie G-Dur ausmachen \u2013 gleichzeitig eine hyperchromatische H\u00fcllkurve f\u00fcr das Klangbild angestrebt wird, die alle zw\u00f6lf T\u00f6ne m\u00f6glichst pr\u00e4sent h\u00e4lt. Dies geschieht sogleich in der <em>Largo-<\/em>Einleitung des Kopfsatzes, wo ein Zw\u00f6lftonakkord aufgebaut wird, bevor das Allegro-Thema erscheint. Dieses ist einheitsstiftend f\u00fcr die gesamte Symphonie, deren Themen sich nicht nur rhythmisch in Partikeln darauf beziehen lassen. Auch l\u00e4sst sich das Werk als Bogenform deuten: So taucht zum Ende des Finalsatzes erneut das Material der oben beschriebenen Einleitung auf, und der Zw\u00f6lftonakkord wird dann in dessen Coda analog schrittweise abgebaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">\u00c4hnlich einheitsstiftende Elemente harmonischer wie texturaler Natur finden sich noch st\u00e4rker in der <em>Symphonie Nr. 2 <\/em>(1965-71). So verwendet Chagrin hier eine Reihe von Sechstonakkorden, die paarweise alle 12 chromatischen Halbt\u00f6ne enthalten, aber immer auch derart auseinandergepfl\u00fcckt werden, dass klare Dur- bzw. Mollakkorde bzw. \u00fcberm\u00e4\u00dfige Dreikl\u00e4nge h\u00f6rbar werden. Dies erklingt dann f\u00fcr den H\u00f6rer \u2013 auch dank Chagrins wirklich ph\u00e4nomenaler Instrumentationskunst \u2013 in der Regel als gut nachvollziehbare Bitonalit\u00e4t, die sich aber kaum reibt oder unangenehm aufdr\u00e4ngt, sondern quasi perspektivisch auff\u00e4chert. Besonders gelungen erscheint dies in den fast monumentalen choralartigen Passagen im IV. Satz <em>Andante<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Was bleibt nun bei diesen Werken wirklich h\u00e4ngen? Chagrin hat unzweifelhaft die F\u00e4higkeit, Kontraste gut heraus zu arbeiten und damit dem Verlauf eines Symphoniesatzes dramatisches Gewicht zu verleihen. Bei der Verarbeitung der Themen \u00fcberzeugt vor allem rhythmisches und kontrapunktisches Raffinement. Die erste Symphonie ist dennoch etwas akademisch dem Neoklassizismus verpflichtet \u2013 was bei einem Sch\u00fcler Nadia Boulangers allerdings nicht verwundert; man vergleiche etwa die fr\u00fche Symphonie Elliott Carters. Im Scherzo (III. Satz. <em>Presto scherzando<\/em>) finden wir dauernde Taktwechsel, die m\u00f6glicherweise durch rum\u00e4nische Volksmusik inspiriert sind, allerdings auch als Antwort auf Boris Blachers Idee der <em>variablen Metren<\/em> interpretiert werden k\u00f6nnten. Gleiches findet sich z.B. auch im Scherzo (II. Satz) von Hans Werner Henzes 2. Sinfonie (1949). Schw\u00e4cher ist allerdings bereits die Themenbildung an sich. Hier ist Chagrin wenig individuell; das Streben nach Chromatik verhindert melodische Einf\u00e4lle, die wiedererkennbaren Charakter haben. Tats\u00e4chlich erinnert etwa das pr\u00e4gnante Trompetenmotiv (nach Buchstabe B) im Kopfsatz der <em>Symphonie Nr. 1 <\/em>sofort an das Hauptmotiv von William Waltons <em>1. Symphonie b-moll <\/em>(1932-35) \u2013 oder ist das gar als Hommage gedacht? So erweisen sich \u00fcberhaupt die Ecks\u00e4tze beider Symphonien trotz des darin gezeigten handwerklichen K\u00f6nnens als zwar spannend, aber durchaus nichts Neues oder etwas, das durch eine wirklich pers\u00f6nliche Handschrift aufmerken l\u00e4sst. St\u00e4rker sind die Mittels\u00e4tze: Die langsamen S\u00e4tze bauen Atmosph\u00e4re auf und die melodischen Einf\u00e4lle entwickeln Eigenleben \u2013 und hier bleibt Chagrin seiner nie verlorenen Affinit\u00e4t zur franz\u00f6sischen Musik treu. Die Scherzi beider Symphonien \u00fcberzeugen durch unwiderstehlichen Rhythmus und Schwung. Trotz der Einw\u00e4nde: Mit den Symphonien anderer Filmkomponisten \u2013 f\u00fcr die britische Musik seien da nat\u00fcrlich vor allem <em>William Alwyn<\/em> und <em>Malcolm Arnold<\/em> genannt \u2013 kann Chagrin locker mithalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Beide Symphonien erscheinen bei Naxos als Ersteinspielung auf CD. F\u00fcr die <em>Symphonie Nr. 2<\/em> existiert bei der BBC eine alte Aufnahme des <em>Bournemouth Symphony Orchestra<\/em> unter Leitung des Komponisten, die aber nie auf Tontr\u00e4gern erschien. Hier zeigt sich das <em>BBC Symphony Orchestra <\/em>unter<em> Martyn Brabbins <\/em>nat\u00fcrlich klar \u00fcberlegen. Brabbins hat sich ja mittlerweile in mehr als hundert Einspielungen um britisches Randrepertoire besonders verdient gemacht. Klanglich wie interpretatorisch l\u00e4sst diese Aufnahme vom November 2014 keine W\u00fcnsche offen. Die Sch\u00f6nheiten von Chagrins Orchestrierungskunst kommen ebenso zur Geltung wie die lyrischen Momente in den langsamen S\u00e4tzen und die Dramatik der Ecks\u00e4tze mit all ihren Br\u00fcchen. Die Aufnahmetechnik sorgt f\u00fcr extreme Durchsichtigkeit und die erforderliche Dynamik ist stets vorhanden \u2013 leider heute auch bei Digitalaufnahmen keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. \u00dcberhaupt zeigt sich beim <em>BBC Symphony Orchestra <\/em>einmal mehr, wie gut nach wie vor unter der Obhut eines \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Spitzenorchester auf Weltklasseniveau reifen und dieses auch halten kann; hier gilt dies ganz besonders im Vergleich mit den anderen \u201egro\u00dfen\u201c Londoner Orchestern. Diese Aufnahme ist f\u00fcr die Freunde von Symphonik jenseits des Mainstreams schon fast ein Muss!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, August 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, LC 05537, 8.571371; EAN: 7 47313 13717 6 Der geb\u00fcrtige Rum\u00e4ne Francis Chagrin war ab 1936 in Gro\u00dfbritannien vor allem als Filmkomponist aktiv, hinterlie\u00df aber f\u00fcr das Konzertrepertoire u.a. die beiden hier als CD-Ersteinspielung vorliegenden Symphonien. 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