{"id":1165,"date":"2016-09-19T15:00:45","date_gmt":"2016-09-19T13:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1165"},"modified":"2016-09-18T17:05:28","modified_gmt":"2016-09-18T15:05:28","slug":"in-schoenheit-die-zeit-still-stehen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/19\/in-schoenheit-die-zeit-still-stehen-lassen\/","title":{"rendered":"In Sch\u00f6nheit die Zeit still stehen lassen\u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Ole Buck &#8211; Sinfonietta Works: \u201aFiori di ghiaccio\u2019 f\u00fcr 9 Instrumente (1999), \u201aA Tree\u2019 f\u00fcr 13 Musiker (1996), [Untitled] f\u00fcr 8 Instrumente (2010), \u201aFlower Ornament Music\u2019 f\u00fcr 17 Instrumente (2001)<br \/>\nAthelas Sinfonietta Kopenhagen, Jesper Nordin<\/p>\n<p>Dacapo CD 8.226589 (EAN: 636943658925)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/ulrich0039.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1161\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1161\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/ulrich0039-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"414\" height=\"359\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/ulrich0039-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/ulrich0039-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/ulrich0039.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 414px) 100vw, 414px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der 1945 geborene d\u00e4nische Komponist Ole Buck z\u00e4hlt zu den \u00fcberragenden Meistern seines Landes, ist jedoch wie auch Hans-Henrik Nordstr\u00f8m dort ein Au\u00dfenseiter \u2013 aber wir wissen ja, dass die Au\u00dfenseiter oft viel bedeutender sind als die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, die landauf landab gespielt werden\u2026 Von Buck war bereits 1996 bei Dacapo eine Deb\u00fct-CD mit Sinfonietta-Werken erschienen, damals mit dem zwischen 1992 und 1995 entstandenen Jahreszeiten-Zyklus \u201aLandscapes\u2019, der zum Sch\u00f6nsten geh\u00f6rt, was die j\u00fcngere nordische Musik hervorgebracht hat. Denn in dieser Musik geht es zentral um Sch\u00f6nheit, und nicht weniger zentral darum, die Musik aus sich selbst heraus wachsen zu lassen, in anscheinender Absichtslosigkeit, und mit einer extremen Zerbrechlichkeit, die nicht nur technisch-tonlich sehr herausfordernd und heikel ist, sondern auch setets den Bezug zur beinahe (und manchmal auch tats\u00e4chlich) eintretenden Stille h\u00e4lt. Buck liebt \u2013 wie beispielsweise auch Arvo P\u00e4rt, Peteris Vasks oder Pascal Dusapin unter den Heutigen \u2013 die introvertierten Sph\u00e4ren des den ganzen Satz durchwebenden Moll. Er liebt ostinate Figuren, die zart ineinander gleiten und mal subtil, mal mit pl\u00f6tzlich herausfahrender Geste umschlagen. Er liebt das Andeutende, Offenlassende, um es dann ebenso unerwartet mit dem Konkreten, \u00fcberraschend Bestimmenden zu konfrontieren. Er liebt die pointillistisch oszillierende Instrumentation, und das naturhaft irregul\u00e4r sich Aufbauende und wieder Ausd\u00fcnnende. Obwohl diese Musik stark an unsere Emotionen appelliert, nimmt sie keineswegs gefangen, hat nichts Affirmatives und bel\u00e4stigt nicht auch nur mit einem Gramm Sentimentalit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das fr\u00fcheste Werk dieser neuen CD ist unmittelbar nach den \u201aLandscapes\u2019 entstandene, knapp viertelst\u00fcndige \u201aThe Tree\u2019, ein musikalische Lebewesen von unerh\u00f6rt feinsinnigem Zauber, von einer unergr\u00fcndlichen Sch\u00f6nheit auch in den dissonanten Reibungen, die auf der klaren harmonischen Folie wie Scherenschnitt seelischer Zust\u00e4nde wirken. Hier k\u00f6nnte man tats\u00e4chlich assoziieren, dass sich Per N\u00f8rg\u00e5rd mit seiner zeitenthobenen Entgrenzung und Arvo P\u00e4rt mit seiner innig psalmodierenden Versenkungskraft die Hand reichen, und doch ist die dabei gewonnene Sprache eine andere, eigene, die auch nicht den Mechanismen der Minimal Music, an welche sie immer wieder erinnert, verf\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Von 1999 stammt die wunderbar fein belebte, nur ein wenig k\u00fcrzere Mollstudie \u201aFiori di ghiaccio\u2019, eine Hommage an Nicol\u00f2 Castiglioni, und doch nur in der fragilen Klanglichkeit diesem verwandt und nicht in der von seriellen Verfahren nicht affizierten Tonsprache. Dieses St\u00fcck f\u00fchrt uns so unwillk\u00fcrlich in eine idyllisch verhangene Traumwelt hin\u00fcber \u2013 dem Komponisten zufolge \u201ef\u00e4llt die ganze Zeit \u00fcber Schnee\u201c \u2013, dass man nur ein gigantisches Kultpotenzial attestieren kann, das nur aus dem einen Grund nicht zum Tragen kommt, dass der Komponist ein Unbekannter ist. Es ist geradezu ideale Musik f\u00fcr New Age-Feingeister, und zugleich ist sie viel mehr. Umfang und insgesamt auch offenkundig facettenreicher ist die 22min\u00fctige \u201aFlower Ornament Music\u2019 von 2001, ein t\u00f6nendes Bekenntnis zum Zen, und die Zeit vergeht wie in einem permanenten Schwebezustand, was nicht bedeutet, dass nicht auch Kraftvolles und Dramatisches vork\u00e4me.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Klanglich eine deutlichen Kontrast bietet das k\u00fcrzeste, kleinstbesetzte und j\u00fcngste Werk, [Untitled] von 2010 mit ihrer Gegen\u00fcberstellung von stachliger Obsession und tiefem Unterholzkriechen, au\u00dferdem ist hier die Faktur viel dissonanter, aber immer von unmittelbar sich \u00fcbertragender K\u00f6rperlichkeit und Authentizit\u00e4t. Hier h\u00f6rt man jedenfalls deutlich, dass auch Buck ein Komponist unserer zerrissenen, das Z\u00e4rtliche zerst\u00f6renden oder wenigstens unterdr\u00fcckenden Epoche ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Spiel der Athelas Sinfonietta unter Jesper Nordin ist von beeindruckender Pr\u00e4senz, Pr\u00e4zision und Klangsch\u00f6nheit, das Klangbild geradezu ideal in der glasklaren R\u00e4umlichkeit fern trockener oder verhallender Extreme, und der Booklettext informiert \u00fcber das N\u00f6tigste. Rundherum ein hinrei\u00dfendes Album, das allen zu empfehlen ist, die offene Ohren f\u00fcr wirkliche Sch\u00f6nheit jenseits von Ideologien und Klischees haben (diese Musik ist eben auch kein \u201ezur\u00fcck zu\u2026\u201c!), die gerne die Zeit still stehen lassen und sich nicht mit der Bef\u00fcrchtung besch\u00e4ftigen, jemand k\u00f6nne sie f\u00fcr naive H\u00f6rer halten.<\/p>\n<p><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ole Buck &#8211; Sinfonietta Works: \u201aFiori di ghiaccio\u2019 f\u00fcr 9 Instrumente (1999), \u201aA Tree\u2019 f\u00fcr 13 Musiker (1996), [Untitled] f\u00fcr 8 Instrumente (2010), \u201aFlower Ornament Music\u2019 f\u00fcr 17 Instrumente (2001) Athelas Sinfonietta Kopenhagen, Jesper Nordin Dacapo CD 8.226589 (EAN: 636943658925) Der 1945 geborene d\u00e4nische Komponist Ole Buck z\u00e4hlt zu den \u00fcberragenden Meistern seines Landes, ist &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/19\/in-schoenheit-die-zeit-still-stehen-lassen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">In Sch\u00f6nheit die Zeit still stehen lassen\u2026<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[1266,1265,1264,1262],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1165"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1165"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1165\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1167,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1165\/revisions\/1167"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}