{"id":1169,"date":"2016-09-21T19:29:24","date_gmt":"2016-09-21T17:29:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1169"},"modified":"2016-09-21T19:33:21","modified_gmt":"2016-09-21T17:33:21","slug":"ein-tiger-und-erzromantiker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/21\/ein-tiger-und-erzromantiker\/","title":{"rendered":"Ein Tiger und Erzromantiker"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Alexander Scriabin: Klavierwerke Vol. 5<br \/>\nPervez Mody<br \/>\nSonate Nr. 5 op. 53,\u00a0 Morceaux op. 2 Nr. 2 &amp; 3, 5 Pr\u00e9ludes op. 15, \u00c9tudes op. 8 Nr. 2, 4, 5 &amp; 9, 2 Danses op. 73, Scherzo op. 46, 2 Po\u00e8mes op. 44, 2 Impromptus op. 12, 2 Pr\u00e9ludes op. 27, Fantaisie op. 28<br \/>\nThorofon CTH 2632 (EAN: 4003913126320)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Ernst0002.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1171\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1171\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Ernst0002-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"378\" height=\"328\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Ernst0002-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Ernst0002-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Ernst0002.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 378px) 100vw, 378px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Pervez Mody ist ein Tiger auf den Tasten, voller Geschmeidigkeit, Eleganz, w\u00fcrdiger Sch\u00f6nheit und wuchtiger Kraft. Fernab des Rummels der gro\u00dfen Labels spielt er seit 2008 f\u00fcr Thorofon das komplette Klavierwerk Alexander Scriabins ein und ist nun bei der f\u00fcnften Folge angekommen. Er ist ein sehr vielseitiger Pianist, von dem ich beispielsweise auch sehr fesselnden Beethoven geh\u00f6rt habe, und als Inder widmet er sich \u2013 wie auch die wunderbare italienische Pianistin Ottavia Maria Maceratini \u2013 der gro\u00dfartigen Klaviermusik des West-Meets-East-Pioniers John Foulds. Und Pervez Mody ist vor allem eins: ein echter Romantiker, jedoch nicht mit jenem morbide-sentimentalen, nostalgischen Flair, wie es heute viele Pseudoromantiker in ihrer fahlen Sehnsucht nach einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit, in der wir alle eigentlich nicht leben wollen, dem Publikum schmackhaft machen wollen. Bei Mody ist Romantik keine Dekadenz, sondern lebenspulsierende, kraftstrotzende Erotik des Klanges, der Linie, in \u00fcppiger und verfeinerter Sinnlichkeit. Diesmal pr\u00e4sentiert er uns zu Beginn die eins\u00e4tzige F\u00fcnfte Klaviersonate (jetzt fehlen noch die Nummern 6 und 8, die wohl auf den n\u00e4chsten zwei Alben folgen d\u00fcrften). Er spielt diese Musik mit einer gelassen-leidenschaftlichen Freiheit, die sie als seine ganz eigene Welt erscheinen l\u00e4sst. Und bei ihm geht es \u2013 bei aller Akrobatik \u2013 eben nicht um Klavier-Akrobatik als Selbstzweck, auch nicht vertr\u00e4umte Stimmungsnebel, sondern stets um eine dynamische Entwicklung, die auszufalten der Komponist den Musikern wahrlich nicht leicht machte. Wie lange muss ein lebendiges Pianissimo zu gestalten wissen, bevor die Dynamik wirklich h\u00f6her steigen darf! Und wie sparsam muss, bei allem entfesselten Tumult, mit dem \u00c4u\u00dfersten sein, denn nach dem Forte und Fortissimo muss noch Platz f\u00fcr das fff sein! Das gelingt auch Mody nicht so wirklich, aber die Frage ist nat\u00fcrlich, wem das \u00fcberhaupt gelingt. Ich w\u00fcsste es aus meinen bisherigen Erfahrungen nicht. Gelegentlich macht er geschmeidige \u00dcberg\u00e4nge, wo in eher Beethoven\u2019scher Manier dynamische Kontraste aufeinanderprallen sollten. Auch w\u00e4re es gro\u00dfartig, wenn Mody bei aller Freiheit der rhythmischen Gestaltung doch noch mehr darauf achtete, dass der H\u00f6rer innerhalb der flexiblen Agogik doch stets eine eindeutige metrische Orientierung erh\u00e4lt, ohne danach suchen zu m\u00fcssen. Aber auch daf\u00fcr gibt es keine Vorbilder. Warum also von ihm fordern, was die anderen \u2013 darunter die gro\u00dfen russischen Legenden \u2013 auch nicht verwirklichten? Nach vielen herrlich sinnf\u00e4llig angeordneten Miniaturen \u2013 er wei\u00df wirklich, was er wie zusammenstellt! \u2013 endet das Programm mit einer lebensspr\u00fchenden und herzerw\u00e4rmenden Wiedergabe der nicht sehr bekannten Fantaisie h-moll op. 27 \u2013 und man kann das Ganze wie in einem \u00fcberm\u00fctig errichteten Bogen h\u00f6ren \u2013 und wieder und wieder h\u00f6ren. Auch die vier Vorg\u00e4ngeralben sind als Ganzes nicht weniger gelungen, und auf dem ersten Album hatte er es doch tats\u00e4chlich gewagt, eine Bonus-CD mit Ger\u00e4usch- und Gedicht-Montagen zu den Werken anzuh\u00e4ngen, in der er seiner wilden Fantasie ungebremsten Lauf lie\u00df. Die einen werden es als Sakrilegsbruch ablehnen, die anderen teils am\u00fcsiert, teils gespannt genie\u00dfen. Hier macht einer wirklich, was er will, ohne dies als Akt der Willk\u00fcr auf die musikalische Gestaltung zu \u00fcbertragen. Und ohne gro\u00dfes Aufsehen, ohne pr\u00e4tenti\u00f6ses R\u00fchren der Werbetrommeln w\u00e4chst hier ein Scriabin-Zyklus heran, der das Zeug hat, nach Vladimir Sofronitzky und Igor Shukov nicht nur einfach Klavier- und Scriabin-Fans in Erregung zu versetzen, sondern auch die Kenner zu entz\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>[Ernst Richter, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Scriabin: Klavierwerke Vol. 5 Pervez Mody Sonate Nr. 5 op. 53,\u00a0 Morceaux op. 2 Nr. 2 &amp; 3, 5 Pr\u00e9ludes op. 15, \u00c9tudes op. 8 Nr. 2, 4, 5 &amp; 9, 2 Danses op. 73, Scherzo op. 46, 2 Po\u00e8mes op. 44, 2 Impromptus op. 12, 2 Pr\u00e9ludes op. 27, Fantaisie op. 28 Thorofon &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/21\/ein-tiger-und-erzromantiker\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Tiger und Erzromantiker<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[114,84,350],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1169"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1169"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1174,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1169\/revisions\/1174"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}