{"id":1176,"date":"2016-09-23T15:42:22","date_gmt":"2016-09-23T13:42:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1176"},"modified":"2016-09-23T15:42:41","modified_gmt":"2016-09-23T13:42:41","slug":"hommage-an-einen-jahrhundertmusiker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/23\/hommage-an-einen-jahrhundertmusiker\/","title":{"rendered":"Hommage an einen Jahrhundertmusiker"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Jos\u00e9 Iturbi<br \/>\nKomplette Soloaufnahmen f\u00fcr Victor (RCA) und HMV (EMI) 1933-52<br \/>\nAPR 3CD APR 7307 (EAN: 5024709173075)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Christoph0001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1177\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1177\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Christoph0001-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"389\" height=\"337\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Christoph0001-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Christoph0001-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Christoph0001.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 389px) 100vw, 389px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Domenico Scarlatti: Sonaten h-moll Kk27 &amp; C-Dur Kk159; Johann Sebastian Bach: Toccata BWV 906; Domenico Paradies: Toccata aus der 6. SonateA-Dur; Wolfgang Amadeus Mozart: Sonaten A-Dur KV 331 &amp; F-Dur KV 332; Ludwig van Beethoven: Andante favori &amp; \u201aF\u00fcr Elise\u2019; Robert Schumann: Arabeske op. 18 &amp; Romanze op. 28\/2; Franz Liszt: Liebestr\u00e4ume Nr. 3 &amp; Les jeux d\u2019eau \u00e0 la Villa d\u2019Este; Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin: Polonaise A-Dur op. 53, Fantaisie-Impromptu op. 66, Valses op. 64\/1&amp;2, Mazurka op. 7\/1, Nocturne op. 32\/1, Pr\u00e9ludes op. 28\/9&amp;10, \u00c9tude op. 10\/12; Pjotr Tschaikowsky: Juni &amp; November aus \u201aJahreszeiten\u2019 op. 37b; Sergey Rachmaninoff: Pr\u00e9lude cis-moll op. 3\/2; Ignace Paderewski: Menuett G-Dur op. 14\/1; Filip Lazar: Marche fun\u00e8bre aus der Sonate a-moll op. 15; Camille Saint-Sa\u00ebns: Allegro appassionato op. 70; Claude Debussy: Clair de lune, R\u00eaverie, Arabesques Nr. 1&amp;2 (in 2 Versionen), Jardins sous la pluie; Isaac Alb\u00e9niz: Sevilla op. 47\/3, C\u00f3rdoba op. 232\/4, Malague\u00f1a op. 165\/3; Enrique Granados: Das M\u00e4dchen und die Nachtigall aus \u201aGoyescas\u2019, Spanische T\u00e4nze Nr. 2 \u201aOriental\u2019, Nr. 5 Andaluza &amp; Nr. 10 \u201aDanza triste; Eduardo L\u00f3pez-Chavarri: Das alte maurische Schloss aus \u201aCuentos y fantasias\u2019; Manuel de Falla: Tanz des Schreckens &amp; Ritueller Feuertanz aus \u201aEl amor brujo\u2019; Manuel Infante: Sevilla\u00f1as; Jos\u00e9 Iturbi: Canci\u00f3n de cuna &amp; Peque\u00f1a Danza Espa\u00f1ola; Morton Gould: Blues No. 3 aus \u201aInterplay\u2019 &amp; Boogie Woogie Etude<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jos\u00e9 Iturbi (1896-1980) war bis in die 1970er Jahre jedermann, der sich ein wenig auskannte, ein Begriff, doch heute kennen ihn nur noch wenige, obwohl er nicht nur zu den bedeutendsten Musikern des 20. Jahrhunderts z\u00e4hlte, sondern seinerzeit bereits das war, was man einen \u201aStar\u2019 nennt \u2013 wie es das amerikanische Musikleben so mit sich brachte, wenn man daf\u00fcr geeignet war. Und er war geradezu pr\u00e4destiniert f\u00fcr Popularit\u00e4t: als so virtuoser wie lebensspr\u00fchender und nat\u00fcrlich musikalischer Pianist und Dirigent wie auch als ausgesprochen gut aussehender, charimatischer B\u00fchnenzauberer. Der exzellent informierende Booklet-Essay von Jed Distler l\u00e4sst uns wissen, dass Thelonious Monk 1961 vom Metronome-Magazin befragt, Iturbi als seinen Favoriten unter den klassischen Pianisten nannte. Und als es 1936 um die Nachfolge Leopold Stokowskis beim Philadelphia Orchestra gegangen war, w\u00e4re Iturbi die Wahl des Orchesters gewesen, falls Eugene Ormandy nicht zugesagt h\u00e4tte. Daf\u00fcr wurde er dann f\u00fcr ein Jahrzehnt Chefdirigent des Rochester Philharmonic und leitete in der Folge weitere Orchester. Au\u00dferdem machte er eine Musical-Karriere in Hollywood. Doch als Musiker ist Iturbi als unfehlbarer Pianist in Erinnerung geblieben. Die Zusammenstellung seiner s\u00e4mtlichen kommerziellen Soloaufnahmen f\u00fcr RCA Victor und f\u00fcr His Master\u2019s Voice (EMI) auf drei CDs in sensationellem neuen Remastering von Mark Obert-Thorn f\u00fcr APR ist denn auch ein Ereignis, auf welches viele wirkliche Kenner gewartet haben. Um es vorwegzunehmen: Iturbi bildet nicht nur die unbestrittene Spitze der spanische Klavierkunst, er war einer der ganz gro\u00dfen Musiker, und dies ist vielleicht aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden wie bei Leopold Stokowski nie entsprechend allgemein gew\u00fcrdigt worden, da er sich nicht scheute, das amerikanische Showbiz mitzumachen \u2013 allerdings, in beiden F\u00e4llen, nicht auf Kosten der musikalischen Qualit\u00e4t. Sein Spiel ist schlicht makellos, wie Klavierspiel \u00fcberhaupt nur sein kann. Man h\u00f6re sich nur die unglaublich klare, bestimmte, herrliche groovende Eleganz und niemals auch nur minimal verwischende Geschwindheit des perlenden Figurenwerks im Finale von Mozarts F-Dur-Sonate KV 332 an: es kann eigentlich kaum mozartischer sein in der Quicklebendigkeit, der auch im Intrikaten wunderbar sanglichen Phrasierung, der durchgehenden Gegenw\u00e4rtigkeit, der Vielseitigkeit und tonlich flexiblen Brillanz der Artikulation, der \u2013 einem guten Komponisten und Dirigenten angemessenen \u2013 unbestechlichen Intuition f\u00fcr die Spannungsverh\u00e4ltnisse der kadenzierenden Kr\u00e4fte, der niemals ins Mechanische abgleitenden und durch kein technisches Hindernis auch nur ein wenig ins Hektische, Strikte oder Z\u00f6gernde sich verspannenden Gel\u00e4ufigkeit, und der immer k\u00f6rperlich sp\u00fcrbaren Liebe zur Musik, und eben nicht narzisstischen Selbstliebe des Elite-Interpreten. Auch hat man nie das Gef\u00fchl, hier ginge es um eine Demonstration von Professionalit\u00e4t oder den Beweis irgendeiner Ideologie. Er spielt alles mit cham\u00e4leonhafter Anpassungsgabe an die spezifischen Anforderungen des Stils und der formenden Dynamik, und gerade darin offenbart sich in gl\u00fccklicher Weise seine lichte, stets lebensbejahende, gel\u00f6st animierende Individualit\u00e4t. Ganz besonders gefallen mir sowohl seine Scarlatti- als auch seine Mozart-Sonaten, auch wenn ich dort die Rubati f\u00fcr \u00fcbertrieben halte. Sie sind jedenfalls nicht konventionell, sondern aus dem Zusammenhang empfunden, und das Resultat ist lebendiger, geschmackvoller und unsentimental innig ber\u00fchrender als fast alle stilistisch korrekteren Wiedergaben. Er kann es sich leisten, Akkorde (etwa im Menuett der A-Dur-Sonate) schwungvoll frei zu arpeggieren, ohne dass die den geringsten Ruch der Entstellung bedeutete. Das ist Freiheit im Dienst der Musik. Und sein Alla Turca, gemessen im Tempo und \u00fcberw\u00e4ltigend in der janitscheranhaften Wucht, dabei niemals vergewaltigend und grob, steht wie ein Leuchtturm \u00fcber allen originalit\u00e4tsbeflissenen Versuchen unserer Gegenwart. Auch ist sein Spiel stets vielstimmig vom Bass aus gestaltet, mit orchestraler Farbigkeit und Differenzierung, was sowohl seinem Bach als auch Schumann, Chopin, Liszt oder Tschaikowsky in substanzf\u00f6rdernder Weise zugute kommt. Nein, der ist niemals ein Oberstimmentr\u00e4umer, aber auch kein gelehrter Prinzipienreiter. Was f\u00fcr ein innerlich reicher, nat\u00fcrlich tiefgr\u00fcndiger Tschaikowsky! Und wie herrlich sein Beethoven \u2013 da ist zwar (leider) keine Sonate dabei, aber das gro\u00dfartig durchgestaltete Andante favori (eine echte Referenz) und die niemals den Klischees nahe Miniatur \u201aF\u00fcr Elise\u2019 gen\u00fcgen vollauf, um ihn als gro\u00dfartigen Beethoven-Spieler auszuweisen. Besonders freute mich, den Trauermarsch aus der a-moll-Sonate des fr\u00fch verstorbenen, in Frankreich heimisch gewordenen rum\u00e4nischen Komponisten Filip Lazar (1894-1936) in einer so vortrefflichen Auff\u00fchrung h\u00f6ren zu k\u00f6nnen! Chopin und Schumann sind auch vorbildhaft, und mit f\u00fcr einer Vielseitigkeit der Einf\u00fchlungskraft und Kontinuit\u00e4t des ernsthaften Entwickelns in kleinen Formen. Ja, kein Wunder auch, dass gerade Thelonious Monk ihn so bewunderte, war Iturbi doch stets ein wunderbar federnder, elastischer, mit nat\u00fcrlichem Groove gesegneter Rhythmiker. Bei Debussy bin ich mir bei aller unbestreitbaren Klasse nicht so sicher \u2013 hier bed\u00fcrfte es vor allem einer besseren Aufnahmequalit\u00e4t als damals m\u00f6glich \u2013 was ja auch f\u00fcr die legend\u00e4ren Casadesus-Einspielungen gilt. Hier haben Musiker wie insbesondere Michelangeli ein Ma\u00df gesetzt, das einfach unerreicht bleibt. Hingegen ist auch Rachmaninoffs gro\u00dfer Hit, sein cis-moll-Pr\u00e9lude unter Iturbis H\u00e4nden von einer vollendet feinsinnig geformten Naturgewalt, die heute als zeitloses Vorbild gelten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ist er in der spanischen Musik ganz zuhause. Sein Alb\u00e9niz ist von zauberhafter Grazie und unwiderstehlicher Verve, und mit jenem authentischen Stolz des Ausdrucks, der eine durch alle Dehnungen hindurch tragende rhythmische Kraft beinhaltet, die auch dann noch verhalten feuerspr\u00fchend ist, wenn die Gegenkr\u00e4fte der Morbidezza uns in einen Tagtraum-Abgrund ziehen wollen. Diese Musik lodert gef\u00e4hrlich, und auch hier bleibt die so klar durchdachte Darstellung stets unpr\u00e4tenti\u00f6s spontan im Ausdruck. Gro\u00dfartig auch ganz besonders der 5. Spanische Tanz von Granados, die \u201aAndaluza\u2019, i ihren herrlich gez\u00fcgelt wild z\u00fcngelnden Bass-Vorschl\u00e4gen. Manuel Infantes ausufernde \u201aSevilla\u00f1as\u2019 sind eine etwas schw\u00e4chere Komposition, doch umso wilder, das Ekstatische klar man\u00f6vrierende T\u00e4nze aus de Fallas \u201aEl amor brujo\u2019. Iturbi selbst ist hier als Komponist nicht von allzu gro\u00dfem Tiefgang, aber sch\u00f6ne Unterhaltungsmusik ist es allemal, die er teilweise unter dem augenzwinkernden Pseudonym \u201aJ. Navarro\u2019 ver\u00f6ffentlichen lie\u00df. Und in Morton Goulds Blues- und Boogie Woogie-Charakterst\u00fccken ist das Idiom sozusagen todsicher getroffen. F\u00fcr Pianisten, die wirklich ambitioniert sind, ist diese Box ohnehin ein Muss, ein Vitaminschub f\u00fcr die Seele eines jeden Musikers, die ich mit frischen Kr\u00e4ften ans Instrument zur\u00fcckkehren l\u00e4sst. Gewinnbringend ist sie f\u00fcr jedermann, und niemand sollte sich vom historischen Klangbild abschrecken lassen, denn erstens ist dieses grandios ins beste Licht gesetzt, und zweitens wiegt die musikalische und pianistische Substanz alle damit verbundenen Einbu\u00dfen vielfach auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jos\u00e9 Iturbi Komplette Soloaufnahmen f\u00fcr Victor (RCA) und HMV (EMI) 1933-52 APR 3CD APR 7307 (EAN: 5024709173075) Domenico Scarlatti: Sonaten h-moll Kk27 &amp; C-Dur Kk159; Johann Sebastian Bach: Toccata BWV 906; Domenico Paradies: Toccata aus der 6. 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