{"id":1192,"date":"2016-09-27T15:43:51","date_gmt":"2016-09-27T13:43:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1192"},"modified":"2016-09-28T21:01:18","modified_gmt":"2016-09-28T19:01:18","slug":"beispielhafte-klanglichkeit-mit-tiefenwirkung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/27\/beispielhafte-klanglichkeit-mit-tiefenwirkung\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich:] Beispielhafte Klanglichkeit mit Tiefenwirkung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im Rahmen der Reihe \u00bbWinners &amp; Masters\u00ab gab Lucy Jarnach am letzten Samstag (24.9. 2016) einen Klavierabend mit Werken von Schubert, Grieg, Jarnach und Greif und \u00fcberzeugte durch hochdifferenzierte Klanglichkeit, die den an Fallstricken reichen Werken die n\u00f6tige Tiefensch\u00e4rfe verlieh.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So unpr\u00e4tenti\u00f6s wie die Pianistin Lucy Jarnach die B\u00fchne betritt, so wenig ben\u00f6tigt ihr Klavierspiel irgendwelche \u201eM\u00e4tzchen\u201c, um ein \u00e4u\u00dferst anspruchsvolles Programm mitrei\u00dfend zu bew\u00e4ltigen. Einen Klavierabend mit Schuberts sperriger, gro\u00dfer <em>G-Dur-Sonate (op.78, D. 894)<\/em> zu beginnen, erfordert Mut und Konzentration. Bei allem Gef\u00e4lligen, das bei Schubert streckenweise das Ohr des Zuh\u00f6rers als Oberfl\u00e4che umschmeichelt, ist die eigentliche Herausforderung, die vielen versteckten Untiefen, die uns der Komponist immer fast gleichzeitig unterjubelt und die oft in kleinsten Details stecken, klanglich deutlich herauszuarbeiten. Und zwar ohne dass die Formkonzepte \u2013 in diesem Falle der Sonate \u2013 in ihrem Fluss zu absichtlich gest\u00f6rt werden, was dann zudem die ber\u00fcchtigten schubertschen \u201eL\u00e4ngen\u201c in Einzelereignisse, auf die quasi mit dem Finger gezeigt wird, zerfasert. Am Tag zuvor hatte ich mir noch die 1987er Aufnahme von Alfred Brendel angeh\u00f6rt (der von 2003 bis 2009 mit Lucy Jarnach arbeitete), und war \u00fcberrascht davon, wie schwer ihm dies anscheinend ausgerechnet bei dieser Sonate gefallen ist. Hatte ich Brendel mit den drei letzten Sonaten (D. 958-960) mehrfach begeisternd im Konzert geh\u00f6rt, so irritierten mich bei der G-Dur-Sonate merkw\u00fcrdige, allzu \u201edemonstrative\u201c Rubati, unklare Akzente und eine nicht konsequent abgestufte Dynamik \u2013 bereits im wirklich langen Kopfsatz. Bei Lucy Jarnach ist nach der ersten Seite klar, dass sie Schubert v\u00f6llig vertraut und allein durch ihre makellose Anschlagskultur und eine diskrete, aber vollkommen ad\u00e4quate Pedalbehandlung auch die kleinsten Differenzierungen, nicht nur harmonischer Art, bew\u00e4ltigt. Sie \u00fcberzeugt mit einem warmen, auch noch im Pianissimo homogenen Klang, der weder vulg\u00e4r basslastig noch spitz in der H\u00f6he ist, dort je nach Anforderung luzid oder brillant. Ihr Artikulationsspektrum reicht vom gesanglichen Legato bis zu trockenem, detailreichen Stakkato, ohne jemals zu verschmieren oder den melodischen Zusammenhang zu verlieren. Das erklingt alles so nat\u00fcrlich und dabei spannend, dass der Verzicht auf alle Wiederholungen, die die Partitur anzeigt, vielleicht nicht n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. Die ersten beiden S\u00e4tze werden hier zu staunenswerten Klangwundern. Im <em>Menuetto<\/em> scheint sich Jarnach anfangs ein so langsames Tempo zuzutrauen, dass man es richtig \u201eauf drei\u201c h\u00e4tte empfinden k\u00f6nnen. Das h\u00e4lt sie nicht wirklich durch; immerhin kann sie das Trio aber im gleichen Tempo nehmen \u2013 Brendel bremst im Trio und macht es dadurch in seiner Simplizit\u00e4t geradezu l\u00e4cherlich. Auch die oft \u00fcberraschende Dynamik versteht die Pianistin richtig. Beim Finale bringen sie einige kleinere Unsicherheiten beim Auswendigspiel dann leider etwas aus dem Konzept \u2013 aber insgesamt ist dies eine Schubert-Interpretation auf allerh\u00f6chstem Niveau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause folgen drei h\u00f6chst interessante Werke, denen allen jeweils ein Lied als Grundsubstanz dient \u2013 und die von der K\u00fcnstlerin kurz anmoderiert werden, was wegen des fehlenden Programmhefts dankbar aufgenommen wird. Die leider viel zu wenig gespielte <em>Ballade g-moll, op. 24<\/em> von Edvard Grieg \u2013 eigentlich ein Variationssatz \u2013 erfordert enorme Virtuosit\u00e4t, mehr als seine Sonate oder sogar das Klavierkonzert. War Komponieren als Therapie die Initialz\u00fcndung f\u00fcr dieses Werk, kann man die Krise, in der sich der Komponist um 1875 befand, geradezu nachempfinden: Hier ist alles auf wackeligem Boden, gewagt, aber dabei unkonventionell und innovativ. Gegen Schluss gibt es eine wahnwitzige Steigerung ins Delirium bzw. Nirgendwo, die auf einer herausgemei\u00dfelten Es-Oktave als lang ausgehaltenem Vorhalt endet, bevor nochmals ganz verhalten das Thema wiederkehrt. Gerade bei solchen Kontrasten ist Lucy Jarnach in ihrem Element und kann deren Wirkung durch kluge Disposition des Vorausgehenden souver\u00e4n aufs Publikum \u00fcbertragen. In den auch rhythmisch schwierigen, schnellen Variationen gewahrt sie v\u00f6llige Durchsichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die K\u00fcnstlerin eine ganz besondere Beziehung zum heute fast vergessenen kompositorischen Werk ihres Gro\u00dfvaters <em>Philipp Jarnach<\/em> hat, verwundert nicht. Die <em>Sonatine \u00fcber eine alte Volksweise, op. 33 <\/em>erweist sich als h\u00f6chst intelligente, keineswegs r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte und pianistisch anspruchsvolle Komposition, mindestens auf dem Niveau etwa eines Paul Hindemith, die auch beim Publikum offensichtlich gut ankommt. Hier passt jedes Detail. Lucy Jarnach endet dann aber noch mit einem Schocker: In Deutschland immer noch v\u00f6llig untersch\u00e4tzt, hat der viel zu jung verstorbene franz\u00f6sische Komponist <em>Olivier Greif <\/em>(1950-2000) ein beachtliches pianistisches Oeuvre hervorgebracht, darunter einige gro\u00dfformatige Sonaten. Man kann diese Musik getrost der musikalischen Postmoderne (eh\u2018 ein Passepartout-Begriff) zurechnen. Jedenfalls vertraut Greif noch der Tonalit\u00e4t, auch wenn er sie regelm\u00e4\u00dfig durchbricht \u2013 dann aber bedingt durch musikalischen Ausdruck, weniger durch kaltes Kalk\u00fcl. Ein krasses Beispiel ist der Satz <em>Wagon plomb\u00e9 pour Auschwitz <\/em>aus der Sonate \u00abLe r\u00eave du monde\u00bb (1993). Die schrecklichen Assoziationen, die schon der Titel evoziert, werden hier musikalisch \u00fcberzeugend mit recht einfachen Mitteln \u2013 wie man sie eigentlich schon aus dem Schluss des Trauermarsches von Beethovens <em>Eroica<\/em> kennt \u2013 zur gnadenlosen, apokalyptischen Gewissheit. Das ist aber eben nicht plump-plakativ, sondern absolut ber\u00fchrend. Lucy Jarnach scheut sich hier nicht vor extremen dynamischen Kontrasten, die n\u00f6tig sind, um die Brutalit\u00e4t, mit der das zugrunde liegende Synagogenlied \u2013 und offensichtlich nicht nur das! \u2013 vernichtet wird, zwingend zu verdeutlichen. Ergriffenheit beim Publikum nach dieser Darbietung, die auch mit <em>\u201eFast zu ernst\u201c<\/em> aus Schumanns <em>Kinderszenen<\/em> als Zugabe nicht mehr zu relativieren ist. Daf\u00fcr dann verdient gro\u00dfer Applaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr derart beseeltes, klangsch\u00f6nes Klavierspiel und solch kluge und \u00fcberraschende Programme jenseits ausgetretener Pfade sollte es im immer noch klavierverr\u00fcckten M\u00fcnchen ein gr\u00f6\u00dferes Publikum geben, als in den <em>Kleinen Konzertsaal<\/em> im Gasteig passt. Sicherlich nicht nur mir w\u00e4re es eine echte Freude, diese junge K\u00fcnstlerin auch hier noch \u00f6fters h\u00f6ren zu d\u00fcrfen \u2013 vielleicht auch einmal mit einer kompletten Greif-Sonate?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Martin Blaumeiser, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Reihe \u00bbWinners &amp; Masters\u00ab gab Lucy Jarnach am letzten Samstag (24.9. 2016) einen Klavierabend mit Werken von Schubert, Grieg, Jarnach und Greif und \u00fcberzeugte durch hochdifferenzierte Klanglichkeit, die den an Fallstricken reichen Werken die n\u00f6tige Tiefensch\u00e4rfe verlieh. 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