{"id":1194,"date":"2016-09-28T20:59:42","date_gmt":"2016-09-28T18:59:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1194"},"modified":"2016-09-28T21:00:44","modified_gmt":"2016-09-28T19:00:44","slug":"unorthodoxe-musikalische-zeitreise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/28\/unorthodoxe-musikalische-zeitreise\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich:] Unorthodoxe musikalische Zeitreise"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lucy Jarnach spielt am 24. September 2016 um 20 Uhr<\/strong><br \/>\n<strong> im Kleinen Konzertsaal im Gasteig: Schubert, Grieg, Jarnach, Greif<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Wenn es in der Welt richtig zuginge, m\u00fcssten alle Menschen einen ebensolchen Weltblick besitzen wie Bismarck, ein ebensolches Gehirn wie Kant, einen ebensolchen Humor wie Busch, ebenso zu leben verstehen wie Goethe und ebensolche Lieder singen k\u00f6nnen wie Schubert.\u00a0 (Egon Friedell 1878-1938)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und es ging in der Welt richtig zu an diesem Samstag-Abend im Kleinen Konzertsaal im Gasteig in M\u00fcnchen, als die Pianistin Lucy Jarnach sich an den Steinway-Fl\u00fcgel setzte und die ersten Akkorde der G-Dur-Klaviersonate D894 erklingen lie\u00df. Denn was Egon Friedell uns in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit \u00fcber Franz Schubert so hellsichtig beschreibt, das stimmt ja. Diese auch heute noch immer wieder \u00fcberraschende und\u00a0 ber\u00fchrende Sonate aus Schuberts letzten Schaffensjahren, sie ist und bleibt ein Mysterium \u2013 wenn der spielende Musiker sie so erlebbar werden lassen kann, wie uns das die junge Lucy Jarnach besonders eindrucksvoll vom ersten bis zum letzten Ton vorspielte, nein, besser, vorlebte, \u201evorsang\u201c. Denn Schuberts himmlische Melodien und h\u00f6chst \u00fcberraschende Harmonien \u2013 seiner damaligen Zeit genau so voraus wie die seines hochverehrten Kollegen Beethoven, wenn auch von v\u00f6llig anderen Ideen und M\u00f6glichkeiten gesch\u00f6pft\u00a0 &#8211; m\u00fcssen erst einmal zusammenh\u00e4ngende Gestalt gewinnen und singen und klingen, wenn sie uns erreichen sollen. Mit aller geheimnisvollen Neuartigkeit, die auch heute, 250 Jahre sp\u00e4ter so in Bann schlagen kann, wie sie Lucy Jarnach mit verzaubernder Kantabilit\u00e4t und wohllautendstem Klang auf dem Steinway-Fl\u00fcgel hervorspielte. Drei langsame S\u00e4tze und ein schnellerer vierter, dann war der erste Teil des Abends in seiner Verzauberung vor\u00fcber. (Wieder einmal musste ich daran denken, dass Schubert viele Jahre lang nur ein abgespieltes Tafelklavier zur Verf\u00fcgung stand, was w\u00fcrde der wohl heute f\u00fcr Ohren machen (k\u00f6nnen)!)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der zweite Teil begann mit einer kurzen Erkl\u00e4rung der Pianistin zu Edvard Griegs Ballade g-moll op. 24 von 1878, einem St\u00fcck, was sehr vielen Zuh\u00f6rern noch immer ziemlich unbekannt sein d\u00fcrfte. Ein melancholisches, an ein norwegisches Volkslied angelehntes Thema wird im Lauf der Komposition in 14 Variationen abgewandelt: sowohl harmonisch als auch melodisch, in allen Klangregistern des Fl\u00fcgels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was mich an Griegs Klaviermusik schon immer fasziniert , ist seine weit in die Zukunft weisende Harmonik, eine Tonalit\u00e4t und Klanglichkeit, die teils sogar den Impressionismus eines Debussy schon vorweg zu nehmen scheint. Und auch bei den viel bekannteren Lyrischen St\u00fccken ist f\u00fcr mich wieder und wieder erlebbar, dass Grieg eben nicht nur der leicht fassliche \u201eUnterhaltungs-Komponist\u201c kleiner Formen war, sondern in vielen seiner Werke \u2013 wie das auch Lucy Jarnachs Spiel sehr \u00fcberzeugend zum Ausdruck brachte \u2013 ein durchaus in der Entwicklung vorausschauender K\u00fcnstler und Komponist war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Anschluss daran folgte eine Sonatine \u00fcber eine alte Volksweise, op. 33 (eigentlich ist es eine Komposition von Leonhard Lechner (1553-1606), die dem St\u00fcck zu Grunde liegt) von Philipp Jarnach, dem Gro\u00dfvater der Pianistin, der von 1892-1982 lebte und seine entscheidenden Impulse von Ferruccio Busoni (1866-1924) bekam. Diese Sonatine spielte Lucy Jarnach mitnichten aus einer verwandtschaftlichen Verehrung f\u00fcr ihren Gro\u00dfvater, sondern zeigte uns, was f\u00fcr ein wunderbares St\u00fcck Musik da unter ihren H\u00e4nden zu uns sich entfaltete, durchaus tonal und melodi\u00f6s, aber doch ein St\u00fcck zeitgen\u00f6ssische Musik aus dem 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das letzte St\u00fcck des Abends des fr\u00fchverstorbenen franz\u00f6sischen Komponisten Olivier Greif \u2013 d\u00fcrfte den allermeisten Konzertbesuchern sicher v\u00f6llig unbekannt gewesen sein, wie die Musik dieses aberwitzigen Franzosen leider bei uns bis heute so gut wie gar nicht auftaucht. Er wurde 1950 als Sohn eines j\u00fcdisch-polnischen Neurochirungen\u00a0 geboren, der die Gr\u00e4uel in Auschwitz \u00fcberlebte. Diese Tatsache beeinflusste die Musik seines Sohnes, der mit 9 Jahren anfing zu komponieren. Aus \u00abLe R\u00eave du monde\u00bb (1993)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Spielte Lucy Jarnach den dritten Satz \u00abWagon plomb\u00e9 pour Auschwitz\u00bb. Das Thema ist eine jiddische Melodie, die allerdings nach kurzer Zeit durch gewaltt\u00e4tige \u201eSch\u00fcsse\u201c zerrissen wird, darstellend die Horrorszenen, denen die in den Viehwagons Eingesperrten dann in Auschwitz ausgesetzt waren. Das unfassbare Grauen so auf einem Klavier darstellen zu k\u00f6nnen, ist eigentlich unvorstellbar, trotzdem ist es dem Komponisten und auch der Pianistin gelungen, in diesem kompakten St\u00fcck all das auf sehr eindr\u00fcckliche Weise den Zuh\u00f6rern zu vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gro\u00dfer, verdienter Beifall f\u00fcr die Pianistin und ein Programm, das so sicherlich im ach so konservativen M\u00fcnchen \u2013 noch dazu zur Wiesn-Zeit \u2013 noch nie zu h\u00f6ren war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit einer kurzen Zugabe (\u201aFast zu ernst\u2019 aus Schumanns op. 15, den \u201eKinderszenen\u201c) entlie\u00df uns Lucy Jarnach in einen sehr nachdenklichen Abend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">(Auch die \u201eGr\u00e4uel\u201c dieses Abends seien ganz am Rande erw\u00e4hnt, also der vollendete Amateurismus des lokalen Veranstalters, der das Konzert miserabel beworben hatte und sowohl dem unterzeichnenden Kritiker eine Pressekarte als auch der K\u00fcnstlerin Blumen verweigerte. Sein Mangel an Professionalit\u00e4t wurde jedenfalls mit einem fantastischen Auftritt belohnt.)<br \/>\nOder, um mit Egon Friedell abzuschlie\u00dfen:<br \/>\n<em>\u201eEs gibt Menschen, die selbst f\u00fcr Vorurteile zu dumm sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>[Ulrich Hermann, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lucy Jarnach spielt am 24. 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