{"id":1199,"date":"2016-09-29T21:51:49","date_gmt":"2016-09-29T19:51:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1199"},"modified":"2016-09-30T00:12:39","modified_gmt":"2016-09-29T22:12:39","slug":"britten-in-trier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/09\/29\/britten-in-trier\/","title":{"rendered":"Britten in Trier"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Benjamin Brittens Oper &#8222;A Midsummer Night&#8217;s Dream&#8220; erlebte in einer neuen Inszenierung von Sam Brown ihre Premi\u00e8re im Theater Trier (Teatrier) am 24. September 2016, weitere Vorstellungen gibt es bis zum 30. Oktober. Es wirken das Philharmonische Orchester der Stadt Trier sowie der Kinder- und Jugendchor (geleitet von Martin Folz) und Statisterie (einstudiert von Christian Niegl) des Theater Trier unter Leitung von Generalmusikdirektor Victor Puhl mit.<br \/>\nDie B\u00fchne machte Simon Lima Holdsworth, Loren Elstein war f\u00fcr Kost\u00fcme verantwortlich, Choreograph war Hannes Langolf. Die Rollen waren folgenderma\u00dfen besetzt: Benjamin Britten (Prolog): Benjamin Popson, Indischer Junge: Luis Grammatikou, Oberon: Fritz Spengler, Titania: Frauke Burg, Puck: Paul Hess, Theseus: L\u00e1szl\u00f3 Luk\u00e1cs, Hippolyta: Bernadette Flaitz, Lysander: Benjamin Popson, Demetrius: Bonko Karadjov, Hermia: Clare Presland (singend) \/ Ulrike Malotta (spielend), Helena: Eva Maria Amann, Zettel\/Pyramus: Don Lee, Quenz\/Prolog: Lukas Schmid, Flaut\/Thisbe: Rouwen Huther, Schnock\/L\u00f6we: Eui-Hyun Park, Schnauz\/Wand: Wolfram Winter, Schlucker\/Mond: Carsten Emmerich, Spinnweb: Emilia Scharf, Bohnenbl\u00fcte: Lina Schankweiler, Senfsamen: Zo\u00eb Salm, Motte: Laetitia King, Fl\u00f6tenelfe: Clara Folz.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welch ein gro\u00dfes Ereignis ist eine solche Premi\u00e8re f\u00fcr die Stadt Trier! Ein Theater mittlerer Gr\u00f6\u00dfe f\u00fchrt nicht alle Tage eine gro\u00df besetzte, abendf\u00fcllende und nur mit gr\u00f6\u00dftem Aufwand \u00fcberhaupt zu realisierende Oper des 20. Jahrhunderts auf wie &#8222;A Midsummer Night&#8217;s Dream&#8220; von Benjamin Britten nach William Shakespeare auf Libretto eigener Feder unter Mithilfe von Brittens Lebensgef\u00e4hrten und Gesangspartner Peter Pears (mit welchem wundervolle Aufnahmen entstanden, gerade die Liederzyklen Schuberts mit Britten und Pears geh\u00f6ren zu den besten Einspielungen \u00fcberhaupt). Und Trier machte ein wahres Spektakel daraus, hat tats\u00e4chlich alle erdenklichen Mittel aufgefahren, den Abend zum \u201aEreignis\u2019 avancieren zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einem stimmungsvollen Prolog, dem eigentlich nicht zur Oper geh\u00f6rigen, sondern durch die Inszenierung Sam Browns hinzugef\u00fcgten Lied &#8222;The Wanderings of Cain&#8220; (Gedicht: Samuel Taylor Coleridge; aus Brittens Nocturne f\u00fcr Solotenor, sieben obligate Instrumente und Streichorchester Op. 60), \u00f6ffnet sich der Vorhang und gibt eine bezaubernde B\u00fchnengestaltung preis. B\u00e4ume schm\u00fccken eine von Simon Lima Holdsworth gestaltete Drehb\u00fchne, die durch einen mittig platzierten H\u00fcgel zwei Einzelb\u00fchnen realisiert, um organische Szenen\u00fcberg\u00e4nge ohne Umbau zu erm\u00f6glichen. Hinrei\u00dfende Details wie Klappen im H\u00fcgel, aus dem Elfen zum Tanz kommen, oder ein ph\u00e4nomenal blendender Sonnenaufgang (sehr hell f\u00fcr die Zuschauer!) ziehen in ihren Bann. Die Inszenierung ist herrlich, wie ein Traum, abwechslungsreich und farbig schillernd, ebenso die elegant eingebetteten Choreographien von Hannes Langolf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stiller Star des Abends ist und bleibt unangefochten Paul Hess als Puck. Zwar hat er nicht eine Note zu singen, doch in seiner Sprechrolle \u00fcberzeugt er vollkommen. Und noch weitaus mehr mit seinen choreographischen F\u00e4higkeiten: Schon schwingt er sich auf einen Baum, dann fliegt er an Seilen befestigt \u00fcber die B\u00fchne, unerwartet springt er vom H\u00fcgel und rollt sich mit federnder Leichtigkeit ab, dann umschmeichelt er wieder zart seinen Herren Oberon. Puck ist omnipr\u00e4sent in Browns Inszenierung und verleiht ihr das Phantastische, M\u00e4rchenhafte, das wesentlich zum Gesamteindruck beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider indisponiert ist an diesem Abend Fritz Spengler als Oberon. So filigran und \u00fcbernat\u00fcrlich k\u00f6nnte die Rolle sein, w\u00e4re sie nicht wie hier ohne jeden Glanz, ohne Farbigkeit oder Klangf\u00fclle gesungen. Oberon ist die Rolle eines lupenreinen und doch bestimmten, herrschaftlichen (teils \u00fcberraschend tief gesetzten) Countertenors und nicht die einer hei\u00dferen Kopfstimme mit Intonationsschwierigkeiten. Umso mehr f\u00e4llt dies auf, wenn neben ihm seine Elfenpartnerin Frauke Burg als Titania steht, die mit ihrem brillanten Koloratursopran die Halle zum Schwingen bringt, dass man meinen m\u00f6chte, alles Glas w\u00fcrde bald zerspringen. Eine vielversprechende Begabung, von der wir noch einiges h\u00f6ren k\u00f6nnten. \u00dcberzeugend sind auch die Liebespaare Lysander (Benjamin Popson) und Hermia (Clare Presland, Ulrike Malotta) sowie Demetrius (Bonko Karadjov) und Helena (Eva Maria Amann). Hervorstechen konnte hierunter zumal Clare Presland, welche erst am Premierentag aus London eingeflogen wurde, um der erkrankten Ulrike Malotta ihr Stimme zu leihen. Diese \u00fcbernahm die gespielte Rolle und bewegte ihren Mund, von der Seite synchronisierte Presland mit so elegantem wie stimmgewaltigem Mezzo-Sopran von atemberaubender Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Handwerker (Don Lee, Lukas Schmid, Rouwen Huther, Eui-Hyun Park, Wolfram Winter, Carsten Emmerich) waren es, die sich am meisten in die Herzen der Zuschauer sangen. Ihre Rollen sind so herrlich kom\u00f6diantisch und vielseitig, so charmant tollpatschig und liebenswert geschrieben, dass man sie einfach m\u00f6gen muss. Vielleicht sind diese S\u00e4nger stimmlich nicht die sonorsten, textverst\u00e4ndlichsten oder sinnlich \u00fcberw\u00e4ltigendsten, doch passen sie sich allesamt bestens in ihre Rollen ein und spielen aus voller \u00dcberzeugung und mit Herzblut. Stimmlich beeindruckt hat von ihnen am meisten Don Lee als Zettel und Pyramus, der gerade in seiner Eselsgestalt so wunderbar seine Stimme \u00fcberschlagen lassen kann und sogleich wieder lupenrein weiterzusingen vermag. Auch Flaut beziehungsweise Thisbe, gesungen von Rouwen Huther, \u00fcberrascht mit seiner wandelbaren Stimme, die er so sch\u00f6n falsch klingen lassen kann, wenn es auf diese Art von Britten vorgesehen ist (der erste Einsatz von Thisbe, die nerv\u00f6s auftritt und deshalb in einer falschen Tonart beginnt). Allgemein charakterisiert die Handwerker, dass sie &#8211; sofern angebracht &#8211; ihre Passagen mit \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Unkultiviertheit und \u00fcberzogener Laienhaftigkeit w\u00fcrzen, wie es die Rollen eben auch verlangen, was f\u00fcr etliche Lacher sorgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezaubernd sind auch die J\u00fcngsten auf der B\u00fchne, der Kinder- und Jugendchor des Theater Trier, und die daraus hervortretenden Gesangssolisten. Schon die Kleinsten beherrschen die teils aufw\u00e4ndige Choreographie und singen komplett auswendig, eine beachtliche Leistung!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch warum ist die Klangbasis teils so farblos, matt, uninspiriert oder gar \u00e4ngstlich? Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier bietet nicht den facettenreichen Boden, auf dem sich die S\u00e4nger ungezwungen entfalten k\u00f6nnen &#8211; dabei bleibt doch nicht zu \u00fcberh\u00f6ren, dass die Musiker ihre teils \u00e4u\u00dferst heiklen Passagen gut bew\u00e4ltigen und musikalisch wesentlich mehr herausholen k\u00f6nnten als geschehen. Generalmusikdirektor Victor Puhl scheint seinen Musikern nicht das Feuer \u00fcberreicht zu haben, die Musik lebendig zu entfalten und aus sich herauszugehen, frei und mutig zu agieren. Statt dessen gibt es nur Notenleserei, die gerade bei den pikanten Glissando-Passagen recht zittrig wird. Puhl k\u00f6nnte so leicht seine graue Routine ablegen, k\u00f6nnte aus dem mittelm\u00e4\u00dfigen Alltags-Gesch\u00e4ft emporsteigen &#8211; es w\u00e4re so einfach! Wenn Victor Puhl mit innerer, zerrei\u00dfender Leidenschaft an die Proben gehen w\u00fcrde, seine Musiker mitzurei\u00dfen und zu \u00fcberzeugen verm\u00f6chte, wenn er sie vielleicht noch mit herausgemei\u00dfelten Details in den Unterstimmen und mit einer lebendigen Musikvorstellung zu \u00fcberraschen w\u00fcsste, dann k\u00f6nnte aus dem teils recht faden und eint\u00f6nig-introvertierten Orchester in kurzer Zeit ein wirkliches Orchester von Rang werden, Fortschritte w\u00e4ren sicher schon bis zur letzten Vorstellung Ende Oktober sichtbar! Das musikalische Erwachen lohnt sich! (Ebenso wie die gro\u00dfe Passage des Erwachens der Liebenden, in einem Eulenspiegel&#8217;schen Scherz unterlegt mit einer verzerrten und doch unverkennbaren Reverenz an Strawinskys Sacre!)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist beachtlich, was die Trierer an diesem Abend auf die Beine gestellt haben, diese riesenhafte Oper inklusive informativer Einf\u00fchrung vor dem Konzert durch Peter Fr\u00f6hlich und ausgedehnter Premierenfeier hinterher, wo alle Beteiligten noch einmal auf die kleine Foyer-B\u00fchne durften. Gerade die ungezwungene Musikalit\u00e4t und Freude mancher S\u00e4nger wird mir im Ged\u00e4chtnis bleiben, fernab von der \u00fcberk\u00fcnstelten, makellos polierten Art der heutigen Stars\u00e4nger, daf\u00fcr mit wesentlich mehr Esprit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamin Brittens Oper &#8222;A Midsummer Night&#8217;s Dream&#8220; erlebte in einer neuen Inszenierung von Sam Brown ihre Premi\u00e8re im Theater Trier (Teatrier) am 24. September 2016, weitere Vorstellungen gibt es bis zum 30. Oktober. 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