{"id":1205,"date":"2016-10-03T18:53:22","date_gmt":"2016-10-03T16:53:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1205"},"modified":"2016-10-05T17:19:08","modified_gmt":"2016-10-05T15:19:08","slug":"obsession-aus-tirol","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/03\/obsession-aus-tirol\/","title":{"rendered":"Obsession aus Tirol"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Karl Senn: 1809. Drei S\u00e4tze f\u00fcr Orchester; Romantisches Konzert; Vorfr\u00fchling.<br \/>\nOrchester der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl; Michael Sch\u00f6ch, Klavier.<br \/>\nKlingende Kostbarkeiten aus Tirol 83, erh\u00e4ltlich auf: www.musikland-tirol.at<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Eduard1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1206\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1206\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Eduard1-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"410\" height=\"355\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Eduard1-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Eduard1-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Eduard1.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Tiroler, dessen Name mir noch nie zu Ohren gekommen war, wurde mir f\u00fcr meinen Einstand bei <em>The New Listener<\/em> anvertraut: Karl Senn. Heute ist Senn komplett vergessen, da er sich politisch rechts engagierte, zun\u00e4chst dem \u00f6sterreichischen Faschismus huldigte und sp\u00e4ter der NSDAP beitrat (http:\/\/arge-ns-zeit.musikland-tirol.at\/content\/senn\/index.html). Durch die Verstrickungen Senns mit dem &#8218;Regime&#8216; ist damals ungeh\u00f6rt auch seine Musik schlechtgeredet worden:\u00a0 als regional oder banal. Zu diesem allgemeinen Vorurteil f\u00fchrten allerdings haupts\u00e4chlich einige Liederb\u00fccher mit NS-Gedankengut, die viel sp\u00e4ter entstanden sind als die hier zu h\u00f6renden gro\u00dfen Orchesterwerke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Lebensdaten nach, 1878 in Innsbruck geboren und dort 1964 auch gestorben, ist Senn ein Musiker, der den Umbruch in die Moderne voll miterlebt haben muss und sogar in die musikalische Avantgarde der 60er-Jahre noch hineinschnuppern durfte. Doch so klingt seine Musik nicht, zumindest nicht die hier dargebotene von 1913, 1925 und 1937\/8. Viel eher scheint Senn noch der Sp\u00e4tromantik verpflichtet zu sein in den vorgegebenen Bahnen der Dur-Moll-Tonalit\u00e4t und mit Fixierung auf gro\u00dffl\u00e4chig formale Gestaltung, die die Grenzen des Zusammenh\u00e4ngenden beinahe sprengen m\u00f6chte. Schnell wird jedoch klar, dass Senn nicht zu jenen mittelm\u00e4\u00dfigen Postromantikern geh\u00f6rt, die den gleichen \u00fcbersentimentalen Einheitsbrei immer und immer wieder hochw\u00fcrgen und wiederk\u00e4uen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz im Gegenteil, Karl Senn hat (trotz un\u00fcberh\u00f6rbarer Einfl\u00fcsse gerade von Mahler und Strauss, vielleicht auch von Wagner und Reger) seine eigene Note, die ihn ausmacht und ihn von der epigonalen Komponistenmasse abhebt. Was zeichnet ihn aus? Dies d\u00fcrfte allem voran die Obsession sein, die seine Werke erf\u00fcllt, diese schier unb\u00e4ndige Kraft und Gewalt, mit der er seine Themen bis zur h\u00f6chsten Ekstase treibt, sie nicht freigibt und immer weiter auf ihnen herumreitet, bis sie total ersch\u00f6pft versinken. Doch artet dies nicht in heillosem Chaos und Wildheit aus, sondern wird von bewusst formendem Geist im Zaum gehalten &#8211; ein leidenschaftlicher Geist in einem zur\u00fcckhaltend-gutb\u00fcrgerlichen K\u00f6rper. Die ausgedehnte Form scheint Senn zu verehren, die Orchesters\u00e4tze kratzen gerade an der zehn-Minuten-Marke, der Vorfr\u00fchling misst zwanzig und das eins\u00e4tzige Konzert gar f\u00fcnfundzwanzig Minuten. Senn schafft phantasieartig sich ausbreitende Formgebilde, die er durch seine obsessive Ader fortzuspinnen vermag, und die stets eine nat\u00fcrlich verlaufende Entwicklung nehmen. Gerade &#8222;Ave Maria nach der Schlacht am Bergisel&#8220; als zweiter Satz von &#8222;1809&#8220; verzaubert durch eine ungezwungen freie Entfaltung zu Beginn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klanglich trumpft Karl Senn vor allem mit einer gewissen Dunkelheit auf, einem Schleier von drohender Gefahr, einer gewissen tief liegenden Angst, die die Stimmung gerne unterminiert und j\u00e4h einen Abgrund aufzusto\u00dfen vermag. Dazu w\u00fcrzt Senn seine Werke vor allem mit dumpf br\u00fctenden Dissonanzen, die nicht das Elend hinauspl\u00e4rren, sondern in gem\u00e4\u00dfigter Introversion von innen wirken. So beginnt der erste Satz von &#8222;1809&#8220;, &#8222;Schwur&#8220;, mit der perkussiv genommenen Sekund e-fis in den tiefen Streichern &#8211; das Unheil ist vorhergesagt. Und der Schluss von Vorfr\u00fchling: Ein F-Dur-Akkord mit d und e &#8211; ein Jazzer w\u00fcrde es vielleicht als d-Moll major 7 mit Non auf dem Basiston F bezeichnen, doch da Vorfr\u00fchling wenig mit Jazz gemein hat, liegt einfach ein unfassbar interessanter Klang mit einer durch weite Lage verschleierten Reibung vor, der zwar schlie\u00dft und doch nicht alle Sorgen vertreiben mag. Es gibt viele solcher herrlichen Klangph\u00e4nomene in der Musik Senns, die der H\u00f6rer gl\u00fccklicherweise sogar online studieren kann, auf Musikland Tirol sind alle Noten ediert und abrufbar: http:\/\/www.musikland-tirol.at\/html\/html\/musikedition\/senn.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zuletzt besticht Senn durch ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr die Orchestration, er beherrscht das volle Orchester auf eine beinahe kammermusikalische Manier, setzt auf dichte Klanggewebe. Besonders deutlich wird dies beim Romantischen Konzert f\u00fcr Klavier und Orchester, welches urspr\u00fcnglich als Klavierquintett komponiert wurde. So beh\u00e4lt auch das Orchester die Dichte eines Quintettsatzes, jedoch mit weitaus mehr Dopplungen &#8211; gr\u00f6\u00dftenteils funktioniert diese Idee, lediglich zu Beginn verschwindet das Klavier etwas ungewollt im dichten Orchesterklang (vielleicht ein Problem der Abmischung; das vollgriffige Klavier sollte eigentlich schon gegen\u00fcber den Orchesterstimmen h\u00f6rbar sein k\u00f6nnen). Faszinieren kann mich vor allem die Stelle, wo nach einer kleinen Klavierkadenz ein Solocello die Melodie aufgreift (T. 402), worauf das hohe Holz folgt &#8211; welch ein hinrei\u00dfender Moment!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Pult des Orchesters der Akademie St. Blasius steht Karlheinz Siessl, der mit Herzblut und so reflektierter wie genauer Ausarbeitung der Musik gerecht wird. Das Zusammenwirken zwischen den Musikern funktioniert mit scheinbar unbek\u00fcmmerter Leichtigkeit, ohne je in seelenlose Routine zu verfallen &#8211; die Musiker haben ihren Spa\u00df und das wird deutlich. Siessl treibt sein Orchester in die k\u00fchnsten H\u00f6hen hinauf und l\u00e4sst es gerne donnern, beh\u00e4lt jedoch stets die Z\u00fcgel in der Hand und l\u00e4sst die Musiker und die Musik nicht &#8222;durchgehen&#8220;. Die einzelnen Orchesterstimmen stuft Siessl genau ab und ist darauf bedacht, keine einzige in den Untergrund verschwinden zu lassen, alles wird h\u00f6rbar und die dichte Polyphonie ist wunderbar wahrzunehmen. Auch gelingen dem Dirigenten lange Spannungsverl\u00e4ufe und weitr\u00e4umige Entfaltungen ohne Abfallen der Spannung. Zwei kurze holprige Momente seien hierbei verziehen, handelt es sich doch um einen Livemitschnitt und nicht um eine Studioaufnahme. Der Pianist Michael Sch\u00f6ch brilliert mit lupenreinem Spiel und beeindruckendem Sch\u00f6nklang. Die atemberaubenden technischen Schwierigkeiten meistert er in spielerischem Gleichmut und gestaltet auch von der Linienf\u00fchrung aus, so gut es die Linien zulassen. Das Klavier klingt leider etwas stumpf in der Abmischung. Doch soll dieses kleine Manko den starken Eindruck dieser \u00fcberzeugend dargebotenen Aufnahme einer vollkommen unbekannten Musik nicht tr\u00fcben, einer Musik, die sich trotz der historischen sch\u00e4ndlichen Haltung ihres Hervorbringers dringend zur Rehabilitation empfiehlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Eduard Alpmann, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Senn: 1809. Drei S\u00e4tze f\u00fcr Orchester; Romantisches Konzert; Vorfr\u00fchling. Orchester der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl; Michael Sch\u00f6ch, Klavier. 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