{"id":121,"date":"2015-09-18T22:05:26","date_gmt":"2015-09-18T20:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=121"},"modified":"2015-09-19T01:44:12","modified_gmt":"2015-09-18T23:44:12","slug":"norwegische-impressionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/09\/18\/norwegische-impressionen\/","title":{"rendered":"Norwegische Impressionen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Reisen in andere L\u00e4nder ist immer auch eine kulturelle Bereicherung, wenn man sich nur darauf einl\u00e4sst. So war es f\u00fcr mich ein gro\u00dfer Gewinn, eine Rundreise durch eines der f\u00fcr mich sch\u00f6nsten und vielf\u00e4ltigsten L\u00e4nder zu starten und dort alles nur M\u00f6gliche an musikalischen Impressionen in mich aufzunehmen, was sich einem als einfachem Touristen so bietet \u2013 in diesem Fall in Norwegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musikgeschichte in diesem Land unterscheidet sich grundlegend von der aller anderen L\u00e4nder. Norwegen ist ein absoluter Sonderfall. Zentraler Grund daf\u00fcr ist die lange Unterdr\u00fcckung des heutigen eigenst\u00e4ndigen K\u00f6nigreichs zuerst unter d\u00e4nischer Herrschaft von 1380, als der d\u00e4nische K\u00f6nig Olav H\u00e5konsson Norwegen erbte, bis 1814, und anschlie\u00dfend bis 1905 in Personalunion mit Schweden. Dies hatte zur Folge, dass sich keine h\u00f6fische Kunstmusik entwickeln konnte, daf\u00fcr aber die Volksmusik sich wie an kaum einem anderen Ort auspr\u00e4gen konnte. Nat\u00fcrlich gab es auch Kunstmusik vor der Besatzungszeit; die norwegische Musikgeschichte beginnt nachweisbar ca. 1500 vor Christus, wie Funde von Bronzeh\u00f6rnern zeigen, und auch Lieder aus der Wikingerzeit sind uns heute bekannt, doch herrschte ebenso hier in j\u00fcngerer Zeit ausl\u00e4ndischer Einfluss vor: 1030 wurde Norwegen christianisiert und der gregorianische Choral eingef\u00fchrt, der jedoch sehr bald ein nordisches Sonderleben zu f\u00fchren begann, was im Choralsatz in parallel gef\u00fchrten Terzen ersichtlich ist statt wie auf dem Kontinent in Quint- und Quartparallelen. W\u00e4hrend der Personalunion mit D\u00e4nemark war der Musikerberuf haupts\u00e4chlich ausl\u00e4ndischen Stadtmusikanten vorbehalten, die selbstverst\u00e4ndlicherweise ihre Musik importierten. So verwundert auch nicht, dass Norwegens fr\u00fchestes St\u00fcck eines namentlich bekannten Komponisten, des Caspar Ecchienus (ca. 1550 &#8211; ca. 1600), im niederl\u00e4ndisch-polyphonen Stil verfasst ist. Die Volksmusik beschritt einen g\u00e4nzlich anderen Weg; seit dem Mittelalter finden sich aus s\u00e4mtlichen Epochen Stoff und Gattungen, von K\u00e6mpeviser &#8211; Kampfweisen (heroischen Balladen) &#8211; bis zu religi\u00f6sen Liedern, von Hirtenges\u00e4ngen bis zu ersten dichterischen Formen in etwas sp\u00e4terer Zeit, findet sich alles in den Wurzeln der Volksmusik. Ausl\u00e4ndischer kontinentaler Volksliedtanz wurde recht bald verdr\u00e4ngt von noch heute existierenden T\u00e4nzen, unter denen die wohl ber\u00fchmtesten Springar\u00a0 oder Springdans genannt, Halling und Gangar sind. Besonders f\u00fcr den Solotanz der M\u00e4nner, den Halling, gibt es heute etliche Wettbewerbe und sogar nordische Meisterschaften, in denen die T\u00e4nzer ihre akrobatischen K\u00fcnste inklusive den so genannten Hallingkast, das Herunterschlagen eines Huts von einer hochgehaltenen Holzstange mit dem Fu\u00df, unter Beweis stellen m\u00fcssen. Begleitet werden sie dabei von dem urtypischen Instrument Hardingfele (Hardangerfiedel) &#8211; einer geigenartigen Fiedel, die neben den vier zu spielenden Saiten auch Resonanzsaiten besitzt, die ihr einen kernigen und bordunhaften Ton verleihen. Ein weiteres typisch norwegisches Instrument ist die Langeleik, \u00fcbersetzt in etwa Langes Spiel, eine Brettzither mit einer Melodieseite mit B\u00fcnden auf dem Griffbrett, sowie mehreren Bordunsaiten, die nur leer angespielt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/1.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-122 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/1-300x200.jpg\" alt=\"1\" width=\"418\" height=\"278\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/1-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 418px) 100vw, 418px\" \/><\/a><strong>Troldhaugen, Wohnst\u00e4tte von Edvard Grieg, dahinter rechts der Konzertsaal<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in diese unvergleichliche Musiktradition verschl\u00e4gt es mich nun! Die Reise beginnt in Bergen, der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt des Landes und zentralen Hochburg der norwegischen Kunstmusik. Als Geburtsstadt von Norwegens herausragenden Komponisten Edvard Grieg (1843-1907), Ole Bull (1810-1880), Harald S\u00e6verud (1897-1992) und dessen Sohn Ketil Hvoslef (geb. 1939) ist Bergen singul\u00e4r. Ole Bull war der Revolution\u00e4r der Transkription norwegischer Volksmusik &#8211; die bereits Ende des siebzehnten Jahrhunderts durch Hinrich Meyer begann &#8211; und der &#8222;gute Engel&#8220; Edvard Griegs: dem damals f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen empfahl er als eine der gr\u00f6\u00dften musikalischen Autorit\u00e4ten des Landes das Studium in Leipzig. Edvard Grieg ist seither international ber\u00fchmt durch sein Klavierkonzert a-Moll, seine Suite aus Holbergs Zeit, seine Peer-Gynt-Suiten und einige seiner Lyrischen St\u00fccke f\u00fcr Klavier, ist aber auch Autor hervorragender Kompositionen wie einer Klavier-Ballade und eines Streichquartetts (beide in g-Moll), von drei Violinsonaten, einer Cello- und einer Klaviersonate, und etlicher Bearbeitungen nordischer Weisen, die somit kunstmusikalisch geadelt im Konzertsaal ihren Platz finden. Bedauerlicherweise hat im letzten Jahrhundert Harald S\u00e6verud noch nicht die Bekanntheit seines weltweit beliebten Vorg\u00e4ngers erreicht, doch hat auch er eine Peer-Gynt-B\u00fchnenmusik geschaffen und gilt durch seine insgesamt neun h\u00f6chst eigent\u00fcmlichen Symphonien als gr\u00f6\u00dfter Symphoniker Norwegens. S\u00e6veruds Sohn Ketil Hvoslef schlie\u00dflich beschritt ganz andere Wege und etablierte sich als Komponist einer gro\u00dfen Zahl vor allem von Solokonzerten und Kammermusikwerken im Grenzbereich von fast improvisatorisch wirkender, kontrollierter Spontaneit\u00e4t. Die Wohnh\u00e4user der ersten drei genannten Komponisten sind heute als Museen zug\u00e4nglich, doch leider erlaubte die Zeit nur einen Besuch in Troldhaugen, der Villa von Edvard Grieg. Unter Leitung seiner Witwe Nina wurde ein Teil des Mobiliars 1928 an die richtigen Pl\u00e4tze zur\u00fcckgestellt und der Besucher kann einige fast unverf\u00e4lscht wiederhergestellten R\u00e4ume besichtigen und sich zur\u00fcckversetzt f\u00fchlen in Griegs Lebzeiten. Der f\u00fcr den nur gut 1,50 Meter gro\u00dfen Edvard Grieg extra tiefgelegte Fl\u00fcgel, die dicken B\u00e4nde mit Beethovensonaten, auf die er sich zum \u201eHeraufreichen\u201c an die Tasten eines normalen Klaviers oft setzte, sowie seine Komponierh\u00fctte mit idealem Blick auf den Fjord bleiben hier besonders eindr\u00fccklich in Erinnerung. Auch die Grabst\u00e4tte des Ehepaars unterhalb des Hauses ist einen Besuch wert, und hier scheint die Zeit stillgestanden zu haben. Neben dem Haus findet sich ein kleiner Konzertsaal, der zwar von au\u00dfen mit seinen Betonmauern nicht gerade in die Idylle passt, aber von innen wahrlich eindrucksvoll erscheint und hinter dem Fl\u00fcgel durch eine Glasfassade den Blick auf das kleine rote Komponierh\u00e4uschen des Nationalromantikers freigibt. In dieser kleinen Halle werden immer wieder lange Abendkonzerte und halbst\u00fcndige Lunsjkonserter (Mittagskonzerte) angeboten. Hier wurde auch ich erstmals mit norwegischer Pianistenpraxis vor Ort konfrontiert, Signe Bakke spielte Werke vom Meister. Als erstes St\u00fcck war der Kopfsatz seiner e-Moll-Sonate Op. 7 angek\u00fcndigt, so kam die in Tracht fast ein bisschen an Nina Grieg erinnernde Pianistin auf die B\u00fchne und spielte &#8211; den ersten Satz der Suite aus Holbergs Zeit Op. 40! Nun k\u00f6nnte man meinen, Signe Bakke habe einfach nicht genug Zeit gehabt, um die technisch delikate Sonate aufzupolieren, und genau diese Vermutung best\u00e4tigte sich auch anhand der oft verstolperten Perpetuum-Mobile-Sechzehntel im Prelude der Suite, die den gesamten Satz durchziehen. Gl\u00fccklicherweise besserte sich die Ausf\u00fchrung in den folgenden Volksweisen aus Op. 17 und 52 sowie den Lyrischen St\u00fccken aus Op. 43 und 71. Insgesamt war die Tendenz zu beobachten, dass das romantische Element bei Grieg viel zu sehr ins willk\u00fcrliche Extrem gezogen wurde, zusammenhangslose Rubati und unbedachte sowie auch unsangliche Phrasierung war der Regelfall &#8211; ein Ph\u00e4nomen, dass mir mehrfach bei norwegischen Pianisten ins Auge stach! Doch pl\u00f6tzlich tat sich eine neue Welt auf, als Signe Bakke eine Stelle im Volksmusikcharakter authentisch wiedergab: Kurzzeitig machte sich der Eindruck breit, es spiele eine Hardingfele und kein Klavier mehr; so wurde jedes Volkslied und jeder Volkstanz zu einem einmaligen Erlebnis und der Springdans im ber\u00fchmten Det var en gang (Es war einmal) avancierte zu einem hinrei\u00dfenden Tanzcharakter von vollendeter Klangsch\u00f6nheit, wenn auch leider umgeben von einem \u00fcberemotionalen und somit aufgesetzt wirkenden Andante-Rahmen, bei dem jede Aufl\u00f6sung, als sollte es absichtlich genau gegen die Natur sein, einen besonders starken Akzent erhielt. Nichts desto Trotz kann man hier lernen, wie die nordische Fiedelmusik auch auf dem Klavier einen stattlichen Charakter und F\u00fclle entfalten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-123 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/2-300x200.jpg\" alt=\"2\" width=\"383\" height=\"255\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/2-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/2-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 383px) 100vw, 383px\" \/><strong>Das Instrumentenmuseum Ringve von au\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trondheim hie\u00df die n\u00e4chste Station musikalischer Erfahrung, Heimatstadt von Ludvig Mathias Lindeman (1812-1887), der jahrelang durch Norwegen reiste und Volksmelodien sammelte, welcher er f\u00fcrs Klavier gesetzt in den <em>\u00c6ldre og nyere norske Fjeldmelodier <\/em>publizierte, die als wichtigste Volksmusikquelle auch f\u00fcr Edvard Grieg dienten. Etwas au\u00dferhalb der Stadt befindet sich das Ringve Museum, eine ehemalige Landvilla, die von den kinderlosen Besitzern, leidenschaftlichen Instrumentensammlern, als Erbe f\u00fcr die Gemeinschaft zum Musikinstrumentenmuseum umfunktioniert wurde. Hier steht alles auf Musik, schon bei der Ankunft wurden wir begr\u00fc\u00dft von schwedischen Volksweisen auf der Geige, und auch zu Beginn der F\u00fchrung im Herrenwohnsitz genossen wir zu Ehren der russischst\u00e4mmigen fr\u00fcheren Besitzerin gespielten Rachmaninoff auf dem historischen Fl\u00fcgel. Im Museum selbst befindet sich ein kleiner Konzertsaal, in dem die Entwicklung des modernen Klaviers vom Clavichord bis zum Konzertfl\u00fcgel anhand jeweils zeitgen\u00f6ssischer St\u00fccke wirkungsvoll demonstriert wurde. Auch eine Kostprobe von Hardingfele und Langeleik wurden gegeben, was immer wieder aufs Neue verzaubert. Hier gibt es die nordische Musikkultur noch zum Anfassen! Weiter geht die F\u00fchrung in die faszinierende Sammlung unz\u00e4hliger teils noch nie gesehener Instrumente. Der erste Raum ist best\u00fcckt mit paneurop\u00e4ischen Instrumenten, einheimische Sammlerst\u00fccke stehen neben kontinentalen Rarit\u00e4ten, so zum Beispiel wundersch\u00f6n erhaltene Klavierinstrumente und sogar ein Harfenklavier. Ein Zimmer weiter wird es interkontinental, afrikanische Rhythmusinstrumente und amerikanische elektronische Ger\u00e4tschaften locken den Besucher an, sie einmal auszuprobieren: Highlight hierbei unbestritten das spielbereite Theremin, bei dem durch Ann\u00e4herung an zwei Antennen Tonh\u00f6he und Dynamik bestimmt werden k\u00f6nnen, allerdings entgegen der unmittelbar instinktiven Assoziation derart, dass die Lautst\u00e4rke mit wachsender Entfernung zunimmt und das Ger\u00e4t bei der Ber\u00fchrung verstummt. Eine kleine zweite Ausstellung widmet sich haupts\u00e4chlich der norwegischen Musik, hier sind besonders rare Sammlerst\u00fccke und auch Trachtenkleidung ausgestellt. Die F\u00fchrer im Ringve, \u00fcberwiegend ausgebildete oder in Ausbildung befindliche Musiker, sind sehr kompetent und gerade im direkten Gespr\u00e4ch sehr offen f\u00fcr Hintergrundinformationen zu einzelnen Ausstellungsst\u00fccken. Alle k\u00f6nnen sie ihr Instrument spielen und lassen aus einem normalen Museumsbesuch ein akustisches Erlebnis werden mit einer solchen Vielzahl an unerh\u00f6rten Kl\u00e4ngen, wie man sie sonst wohl nirgends so hautnah und live zu h\u00f6ren bekommen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 <img loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-126 alignnone\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/31-236x300.jpg\" alt=\"3\" width=\"236\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/31-236x300.jpg 236w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/31-807x1024.jpg 807w\" sizes=\"(max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <img loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-124 alignnone\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/4-300x200.jpg\" alt=\"4\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/4-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/4-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>Die Eismeerkathedrale und Troms\u00f8 nach Mitternacht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht vergessen werden darf auch ein Konzert in der zum Wahrzeichen gewordenen Eismeerkathedrale in Troms\u00f8. Touristen wird hier ein Mitternachtskonzert geboten. Mitternacht auf der anderen Seite des Polarkreises ist allerdings etwas vollkommen anderes als in Deutschland: W\u00e4hrend es im Winter grunds\u00e4tzlich dunkel ist, geht nun im Sp\u00e4tsommer die Sonne erst gegen Mitternacht unter, ein heller Schimmer am Horizont verschwindet die ganze Nacht lang jedoch nicht. Zwischen prachtvollen gl\u00e4sernen Front- und R\u00fcckw\u00e4nden bieten die Sopranistin Berit Norbakken Solset, der Cellist Georgy Ildeykin und der Pianist Robert Frantzen ein gemischtes Programm nordischer Musik, darunter teilweise Folklore, dar, wobei auch zentraleurop\u00e4ische und sogar samisch-einheimische Elemente Einzug finden. Neben eher selten geh\u00f6rten Werken des Grieg-Vorg\u00e4ngers Halfdan Kjerulf und des Zeitgenossen Johan Mahtte Skum stehen auch Klassiker wir Griegs Lied Jeg elsker dig (Ich liebe dich) und erneut Det var en gang auf dem Programm. Auch hier geraten gerade die volksnahen St\u00fccke zu einem besonders stimmungsvollen Ereignis, Solset bezaubert durch gl\u00e4nzendes Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen in die b\u00e4uerliche Tradition und l\u00e4sst ihre fast etwas chansonartig wirkende Stimme in der H\u00f6he brillieren. Ihre Mitstreiter k\u00f6nnen sich angemessen einf\u00fcgen und unterlegen die dominierende Stimme mit stets passender Begleitung. Robert Frantzen pr\u00e4sentiert auch ein eigenes Duo-St\u00fcck f\u00fcr seine kleine Tochter mit dem Cellisten, ein gelungenes Werk mit neoromantischem Gestus. Ein wenig entt\u00e4uschend sind auch hier wieder die bekannten Programmpunkte: Bachs Pr\u00e9lude aus der Suite f\u00fcr Violoncello Nr. 1 in G-Dur BWV 1007 ger\u00e4t strukturlos, wobei routinem\u00e4\u00dfig stets auf der Takteins ritardiert wird, Jeg Elsker Dig erf\u00e4hrt auch standardisierte Verz\u00f6gerungen und extreme mechanische Betonungen der Spitzent\u00f6ne, und Det var en gang ist hier ein formloses St\u00fcck \u00fcbersch\u00e4umender und offensichtlich \u00e4u\u00dferlich pr\u00e4tendierter Emotion. Doch will man Unbekanntes entdecken, so sei dieses Konzert trotzdem nachdr\u00fccklich empfohlen, denn gerade erst bei den fast vergessenen Werken bl\u00fchten die Musiker richtig auf, und derart werden Volksweisen, samische Joiks und Lieder vergessener Komponisten zu kleinen, brillanten Meisterwerken, die in ungewohnt guter Qualit\u00e4t und optisch atemberaubendem Umfeld noch mehr an Wirkung gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-127 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5-200x300.jpg\" alt=\"5\" width=\"235\" height=\"353\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5-683x1024.jpg 683w\" sizes=\"(max-width: 235px) 100vw, 235px\" \/><\/a><strong>Die malerische Landschaft im Trollfjord<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon sehr lange Zeit hat besonders die norwegische Musik mein Herz gewonnen; diese im positiven Sinne naive Haltung, die Naturverbundenheit, dieses Gef\u00fchl von Freiheit, aber auch von Melancholie und archaischen Uremotionen der Menschen, die diese Musik enth\u00e4lt wie sonst nichts mir Bekanntes, hat mich von Anfang an nicht unber\u00fchrt lassen k\u00f6nnen. Dies alles zum Ausdruck zu bringen ist eine ungeahnt diffizile Aufgabe f\u00fcr jeden Musiker, und viele scheitern an der idiomatisch angemessenen Ausf\u00fchrung selbst der leichtesten Werke von Edvard Grieg und anderen nordischen Komponisten. Oft habe ich den Eindruck, als fl\u00f6sse zu viel K\u00fcnstelei und Falschheit in diese so schlichte und nat\u00fcrliche Quelle unbelassener Energie ein, anstatt dass der K\u00fcnstler sich \u00f6ffnet f\u00fcr die subtile Unmittelbarkeit und grundlegende Nat\u00fcrlichkeit, die alles durchstr\u00f6mt. Vieles ist mir klar geworden alleine durch den Anblick der Fjordlandschaften: Welch ein unbeschreibliches Gef\u00fchl es ist, mit dem Schiff in den Trollfjord hineinzufahren und zu sp\u00fcren, wie hoch sich um einen herum die Berge auftun, zu erfahren, wie m\u00e4rchenhaft und fast unwirklich diese Landschaften wirken und wie sehr man sich zuhause f\u00fchlen kann in dieser Fantasielandschaft, die eine mysteri\u00f6se Art von Geborgenheit vermittelt. Jeder Augenblick gibt etwas Neues, nie kann man erm\u00fcden: Einfach nur zu schauen und zu sp\u00fcren, wie sich Landschaften ver\u00e4ndern, unz\u00e4hlige Erhebungen und Inseln vor\u00fcberziehen oder pl\u00f6tzlich Tiere vorbeihuschen. Genau das ist das Gef\u00fchl, was auch in nordischer Musik in T\u00f6ne gebannt ist und welches es heraufzubeschw\u00f6ren gilt &#8211; nicht mit Professionalit\u00e4t alleine ist dies zu machen, sondern nur mit einem offenen, neugierigen Geist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, September 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Reisen in andere L\u00e4nder ist immer auch eine kulturelle Bereicherung, wenn man sich nur darauf einl\u00e4sst. 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