{"id":1217,"date":"2016-10-07T22:39:12","date_gmt":"2016-10-07T20:39:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1217"},"modified":"2016-10-07T22:39:22","modified_gmt":"2016-10-07T20:39:22","slug":"kopf-in-den-wolken-die-klaviermusik-des-sergei-bortkievicz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/07\/kopf-in-den-wolken-die-klaviermusik-des-sergei-bortkievicz\/","title":{"rendered":"Kopf in den Wolken? Die Klaviermusik des Sergei Bortkievicz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Russian Piano Music Series &#8211; Volume 12: Sergei Bortkievicz &#8211; Klavier: Alfonso Soldano<br \/>\nKlaviersonate Nr. 2, Esquisses de Crim\u00e9e, Lyrica Nova, Nocturne, \u00c9tude Op. 15, Drei Pr\u00e4ludien<br \/>\nLabel: divine art; Art.-Nr.: dda25142 \/ EAN: 0809730514227<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Grete0017.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1218\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1218\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Grete0017-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"391\" height=\"339\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Grete0017-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Grete0017-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Grete0017.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 391px) 100vw, 391px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Serie \u201eRussian Piano Music\u201c ver\u00f6ffentlicht das Label \u201edivine art\u201c nun ein Album mit Musik des Komponisten Sergei Bortkievicz. Dass Bortkievicz Ukrainer war und zudem ein \u00e4u\u00dferst untypischer Vertreter der Musikszene w\u00e4hrend der Sowjetzeit, verwirrt im Zusammenhang mit dem Erscheinen in der genannten Reihe. Interpretatorisch hat das Album dank des beherzten Einsatzes des Pianisten Alfonso Soldano f\u00fcr diese nicht unproblematische Musik jedoch sehr viel zu bieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Grat zwischen \u201eOh, das gef\u00e4llt mir aber gut\u201c und \u201eUi, das gef\u00e4llt mir aber gar nicht\u201c ist oft schmaler als man denkt. So geschehen bei mir hinsichtlich der Musik des hierzulande nur wenig bekannten Komponisten Sergei Bortkiewicz, der von 1877 bis 1952 lebte. Obwohl er den gr\u00f6\u00dften Teil seines sch\u00f6pferischen Lebens im 20. Jahrhundert verbrachte, schrieb er Musik, die man vordergr\u00fcndig am Ehesten mit Komponisten wie Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin, John Field oder Mili Balakirev vergleichen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bortkievicz studierte bei Anatoli Liadov, der (bei allem Respekt f\u00fcr Liadovs Musik, die ich sehr sch\u00e4tze) ein ebenfalls eher r\u00fcckw\u00e4rts gewandter Komponist war. Trotzdem mag man Bortkievicz, der \u00fcberiegend Klaviermusik komponierte, kaum als Fortf\u00fchrung von Liadovs Stil einstufen, eher ging der Sch\u00fcler noch einen Schritt weiter zur\u00fcck als der Lehrer, und so gehen Bortkievicz zum Beispiel auch so ziemlich alle \u201eImpressionismen\u201c ab, die immerhin Liadov (der 20 Jahre fr\u00fcher geboren wurde) auf seine sp\u00e4ten Tage noch reichlich auslebte.<br \/>\nBortkieviczs Musik ist deshalb durchaus heikles Terrain: Spielt man ihn wie Chopin w\u00e4re es einfach falsch, denn Bortkievicz ist bei aller R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit doch ein Komponist, der einen anderen R\u00fcckblick auf die Musikgeschichte hatte. Er ist, was die Mittel des Komponierens f\u00fcr das Klavier angeht, zweifellos auf der H\u00f6he seiner Zeit und bedient sich immer wieder Effekten, die etwa auch bei Rachmaninov oder Prokofiev zu h\u00f6ren sind. Spielt man ihn aber wie Rachmaninov, so w\u00fcrde man die bemerkenswerte Historizit\u00e4t von Bortkieviczs Musik unter den Tisch kehren, denn auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen: Rachmaninov war ein moderner Komponist, in seinen Ans\u00e4tzen viel moderner, als man auf den ersten \u201eBlick\u201c h\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nun ist eine CD erschienen, die einen quasi idealen Mittelweg findet und eine Interpretation vorlegt, bei der Bortkieviczs Musik auf optimale Art und Weise zum Zuge kommt. Zu verdanken ist dies dem Pianisten Alfonso Soldano, der diese Musik mit so viel Hingabe und Herzblut spielt, dass man gar nicht anders kann, als bezaubert zu sein. Soldano ist zudem ein Pianist, der spieltechnisch v\u00f6llig souver\u00e4n agiert und \u00fcberhaupt gar keine Probleme bei der Ausf\u00fchrung dieser \u00fcber weite Strecken hoch virtuosen Musik hat. Die geradezu herzerw\u00e4rmende Emotionalit\u00e4t, die Soldano in seine Interpretation legt, ist einfach entwaffnend. Zudem stellt Soldano Bortkievicz genau als den dar, der er ist: Als einen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der aber wom\u00f6glich gern 80 Jahre fr\u00fcher geboren worden w\u00e4re. Ein bemerkenswert sch\u00f6ner Klavierklang in einer makellosen Aufnahmetechnik tut sein \u00dcbriges dazu, dass diese CD als eine Referenz in Sachen Bortkievicz durchgehen kann. Ich w\u00fcrde sagen, sie schl\u00e4gt so ziemlich alles andere, was ich von diesem Komponisten bislang von anderen Pianistinnen und Pianisten auf anderen Labels geh\u00f6rt habe (denn live h\u00f6rt man Bortkieviczs Musik ja praktisch \u00fcberhaupt nicht).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Satz zum Schluss: Leicht irritierend ist es, dass diese CD in der Reihe \u201eRussian Piano Music\u201c des Labels \u201edivine art\u201c erscheint. Ist Bortkievicz nicht in der Ukraine geboren? H\u00f6rt man sich seine Musik an, so ist der Einfluss Liadovs zwar sp\u00fcrbar, aber ansonsten sind kaum R\u00fcckgriffe auf die gro\u00dfe russische Schule zu h\u00f6ren. Teilweise nimmt der Komponist sogar klipp und klar Bezug auf die deutsche Tradition: Bach, Beethoven, Schumann, Brahms. Vor allem aber scheint er Chopin- und Field-Bewunderer gewesen zu sein. Deshalb ist es zumindest irref\u00fchrend, ihn in dieser Serie zu bringen, zumal er nicht einmal besonders typisch f\u00fcr die sowjetische Klaviermusik ist. Sein Stil wirkt hingegen eher wie ein Eskapismus aus dem sowjetisch-russischen Musikzwang. Bortkieviczs Musik ist schwelgerisch, vertr\u00e4umt, ganz und gar \u00fcberirdisch und \u00fcberhaupt nicht lebensnah.<\/p>\n<p><strong>[Grete Catus, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russian Piano Music Series &#8211; Volume 12: Sergei Bortkievicz &#8211; Klavier: Alfonso Soldano Klaviersonate Nr. 2, Esquisses de Crim\u00e9e, Lyrica Nova, Nocturne, \u00c9tude Op. 15, Drei Pr\u00e4ludien Label: divine art; Art.-Nr.: dda25142 \/ EAN: 0809730514227 In der Serie \u201eRussian Piano Music\u201c ver\u00f6ffentlicht das Label \u201edivine art\u201c nun ein Album mit Musik des Komponisten Sergei Bortkievicz. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/07\/kopf-in-den-wolken-die-klaviermusik-des-sergei-bortkievicz\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kopf in den Wolken? 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