{"id":1226,"date":"2016-10-13T01:43:57","date_gmt":"2016-10-12T23:43:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1226"},"modified":"2016-10-14T16:07:52","modified_gmt":"2016-10-14T14:07:52","slug":"und-die-zeit-steht-still","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/13\/und-die-zeit-steht-still\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Und die Zeit steht still"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Den musikalischen Abschluss des dreit\u00e4tigen interdisziplin\u00e4ren Symposiums &#8222;Vergleichzeitigung. Resonanzen durch Musik&#8220; vom 06. bis 08. Oktober 2016 im M\u00fcnchner Freien Musikzentrum bildet ein Konzert des Trios Ars et Labor aus Perugia mit Christa B\u00fctzberger am Klavier, Sara Gianfriddo an der Violine und H\u00e9lio\u00efse Piolat als Cellistin. Auf dem Programm steht das gro\u00dfe letzte Klaviertrio Franz Schuberts, Es-Dur D. 929, sowie zuvor die Duo-Sonate op. 35 f\u00fcr Violine und Klavier von Heinz Tiessen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welch ein musikalischer H\u00f6hepunkt ist dieses Konzert nach dem Symposium \u00fcber Vergleichzeitigung, an welches es so nahtlos anschlie\u00dft. Nicht nur, dass die Pianistin des Trios Ars et Labor, Christa B\u00fctzberger, selbst am Vortag noch einen Vortrag \u00fcber die Aktualisierung und Vergleichzeitigung in Schuberts Es-Dur-Klaviertrio D. 929 hielt, nein, auch wurde die lang theoretisch besprochene musikalische Ph\u00e4nomenologie hier in der Praxis erlebbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Symposium schloss die Ph\u00e4nomenologie von mehreren Seiten aus ein, am ersten Tag gab es interdisziplin\u00e4re Vortr\u00e4ge aus den Bereichen der Religionswissenschaft, der Psychologie und der Philosophie, vor allem wurden hierbei die transzendierenden Zust\u00e4nde des menschlichen Bewusstseins beim H\u00f6ren von Musik thematisiert sowie der Vorgang im menschlichen Gehirn. Der zweite Tag widmete sich haupts\u00e4chlich der Musik, nach einer er\u00f6ffnenden Performance von Gunter Pretzel auf der Bratsche folgte der phantastische Vortrag von Christa B\u00fctzberger, die einem das harmonische Geschehen in der Musik Schuberts (und auch allgemein) so greifbar nahe bringen und auch die Liebe zu dieser Musik vermitteln konnte. Prof. Dr. Wolfgang-Andreas Schultz weckte die Erinnerungen an die elementare Formlehre, gerade die kadenzierenden Schl\u00fcsse in ihrer Mannigfaltigkeit zeigte er anhand einer Sonate von Mozart. Christoph Schl\u00fcren sprach \u00fcber &#8222;Korrelation und Transzendenz in der Musik&#8220;, stie\u00df dabei gewagt etliche Thesen \u00fcber die Entwicklung der abendl\u00e4ndischen Musik wie die &#8222;Gew\u00f6hnungs-Theorie&#8220; (Konsonanzen und Quinten-Zirkel seien blo\u00dfe Konditionierung und nicht naturgegeben) um und konnte auf voller Linie \u00fcberzeugen. Einen nie so erlebten Zugang zur Musik legte Juan Jos\u00e9 Chuquisengo dar, der peruanische Meister rekonstruierte St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ein ber\u00fchmtes Klavierwerk, angefangen bei der Rhythmik, welche er das Publikum in Takte und Schl\u00e4ge einteilen lie\u00df (womit er auf absolute \u00dcberforderung stie\u00df, welche \u00dcberraschung bei solch hoch gebildeten, musikalisch professionellen und teils prominenten Zuh\u00f6rern!). Sp\u00e4ter folgten absichtlich verf\u00e4lschte Tonh\u00f6hen, dann ein Harmonieger\u00fcst und erst nach \u00fcber einer halben Stunde kam das Publikum langsam erstaunt auf die simple wie \u00fcberraschende L\u00f6sung: Es handelte sich um Clair de Lune von Chaude Debussy &#8211; das grundlegende Verst\u00e4ndnis von Musik wurde hier innerhalb einer Stunde revolutioniert! Ein religionswissenschaftlicher Vortrag \u00fcber Rituale rundete den Tag ab. Der dritte Tag brachte einen grandiosen medizinisch-psychologischen Vortrag von Prof. Ernst P\u00f6ppel \u00fcber die Beeinflussung des musikalischen Zeitma\u00dfes durch das Gehirn, eine Podiumsdiskussion mit dem nun 80 Jahre alt gewordenen Hans Zender, bei welchem sogar Zuschauer vor Emp\u00f6rung \u00fcber das Unverst\u00e4ndnis dieses eigentlich angesehenen Komponisten (dem am Vortag ein ganzes Konzert der Musica Viva gewidmet war) den Saal verlie\u00dfen, ein Gespr\u00e4ch zwischen Prof. Dr. h.c. Peter Michael Hamel und Christoph Schl\u00fcren sowie eine von Hamel geleitete kollektive Stimmimprovisation mit dem Publikum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Konzert des Trios Ars et Labor am Abend des 08. Oktober beginnt mit der Duo-Sonate von Heinz Tiessen, dem wichtigsten Lehrer von Sergiu Celibidache (&#8222;ich habe alles von Tiessen gelernt&#8220;) sowie von Eduard Erdmann, dem unangefochten gr\u00f6\u00dften deutschen Pianisten, von welchem Aufnahmen erhalten sind. Das 1925 entstandene dreis\u00e4tzige Werk Tiessens ist ein absolutes Meisterst\u00fcck des Expressionismus und geht in freier Tonalit\u00e4t an die Grenzen des Korrelierbaren (oder sogar dar\u00fcber hinaus?). Dieses selten gespielte Werk h\u00f6re ich heute das erste Mal und kann offen gestehen, es bei einmaligem H\u00f6ren noch nicht vollst\u00e4ndig durchdrungen zu haben &#8211; so komplex und vertrackt, in solch einem gewaltigen allumfassenden Bogen, dessen zentrifugale Kr\u00e4fte an die Grenzen des Wahrnehmbaren reichen. Doch glaube ich, dennoch relativ viel von der Musik zu verstanden zu haben, und dies ist nicht mein Verdienst, sondern das der Musiker. Die verzweigten Melodien sind von fein gef\u00fchlter Phrasierung, die stark erweiterte Harmonik absolut nachvollziehbar. Pl\u00f6tzlich ziehen dichte Wolken auf und es donnert musikalisch, doch auch das heftigste Aufbegehren bleibt geschmeidig und ohne grobe H\u00e4rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im direkten Anschluss gibt es Schuberts letztes Klaviertrio Es-Dur D. 929, welchem er die Opuszahl 100 verliehen hat. Dieses St\u00fcck sollte Schuberts Durchbruch sein, wenngleich er diesen nicht mehr erlebte, einen Monat vor der finalen Drucklegung verstarb der Meister viel zu fr\u00fch. Doch hatte er es selbst noch einige Male h\u00f6ren d\u00fcrfen, die Kritik war begeistert, doch einige Freunde nannten den Finalsatz zu lang. So nahm Schubert zwei gro\u00dfe K\u00fcrzungen in der Durchf\u00fchrung vor, \u00fcber einhundert Takte fielen &#8211; scheinbar f\u00fcr alle Zeit &#8211; aus dem Text heraus und wurden nicht mitgedruckt. Erst in den 1970er-Jahren wurde in einer neuen Ausgabe das wiederentdeckte Manuskript ber\u00fccksichtigt und die eigentliche Fassung wiederhergestellt, diese ist heute zu h\u00f6ren. Und die Welt hat was verpasst: Welche Magie steckt in den gestrichenen Passagen, welch unfassbare harmonische Genialit\u00e4t und welch ein finalkonvergenter H\u00f6hepunkt, der an einer Stelle die Themen aller S\u00e4tze zusammenlaufen und damit verbl\u00fcffen l\u00e4sst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Trio verzaubert! Ich \u00fcbertreibe nicht, zu sagen, dass dies mit Abstand der beste Schubert ist, den ich je geh\u00f6rt habe. Die Musiker f\u00fchlen alle Nuancierungen der harmonischen Spannung und setzen diese auf einmalige Weise um, dass es einem direkt den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzuziehen scheint. Jedes Spannungsverh\u00e4ltnis ist von innen heraus gef\u00fchlt, die \u00dcberg\u00e4nge geschmeidig flie\u00dfend und zu keiner Zeit gibt es nur den geringsten Abfall an Energie. Und wenn nicht schon beim ersten Satz, so bleibt sp\u00e4testens im <em>Andante con moto<\/em> die Zeit stehen &#8211; die w\u00e4hrend der Vortr\u00e4ge so viel besprochene Zeitlosigkeit ist hier am eigenen Leib zu erfahren. Sogar den weitr\u00e4umigen vierten Satz spielen die Musiker in einem Zug ohne Ecken und Kanten in unwiderstehlich organischer Formung. Vom Klavier aus h\u00e4lt Christa B\u00fctzberger das Trio musikalisch zusammen und leitet mit gr\u00f6\u00dfter Geschmeidigkeit. Ihr Spiel ist farbenreich in unz\u00e4hligen dynamischen wie artikulatorischen Abstufungen, dabei von ungezwungener Leichtigkeit und mit einer atemberaubenden Zuneigung zur Musik, die in jedem Ton sp\u00fcrbar wird. Einen lockeren Ton hat Sara Gianfriddo an der Violine, sie schwingt sich spielerisch in die H\u00f6hen und besticht mit einem erhabenen und doch so nahen Ton voll von innerem Gef\u00fchl und unverf\u00e4lschtem Ausdruck. Am Violoncello begeistert H\u00e9lio\u00efse Piolat, selten ist eine so unpr\u00e4tenti\u00f6se Cellistin zu h\u00f6ren, sie stellt sich nicht mit \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Vibrato und \u00fcberzogenen Dynamiken zur Schau, wie es so oft zu h\u00f6ren ist, sondern vertraut der Feingliedrigkeit und dem zentrierten Bewusstsein \u00fcber die Musik, womit sie ausnahmslos \u00fcberzeugt. Die Musiker beherrschen auch den Raum und verm\u00f6gen, ihn komplett auszuf\u00fcllen: Einmal will ich mich fast umdrehen, da ich mir sicher bin, das Klavier in seiner hohen Lage hinter mir geh\u00f6rt zu haben. So sind die drei Musikerinnen bei aller Synchronizit\u00e4t und ihrem unzertrennlich verbundenen Zusammenwirken doch auch noch Individuen, die ihren Teil zur Musik beitragen und wie von unterschiedlichen Ecken des Raums auf das Publikum eindringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Konzert ist es lange still, so in den Bann genommen sind die Zuh\u00f6rer noch, und auch nach dem tosenden Applaus bleibt das Publikum wie gefesselt &#8211; nur langsam wird gewahr, dass dieser unvergleichliche Abend bereits vor\u00fcber ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2016] <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den musikalischen Abschluss des dreit\u00e4tigen interdisziplin\u00e4ren Symposiums &#8222;Vergleichzeitigung. Resonanzen durch Musik&#8220; vom 06. bis 08. 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