{"id":1229,"date":"2016-10-14T16:07:08","date_gmt":"2016-10-14T14:07:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1229"},"modified":"2016-10-14T16:07:34","modified_gmt":"2016-10-14T14:07:34","slug":"eine-stunde-ein-wimpernschlag-schubert-in-vollendung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/14\/eine-stunde-ein-wimpernschlag-schubert-in-vollendung\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Eine Stunde ein Wimpernschlag \u2013 Schubert in Vollendung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Trio Ars et Labor im M\u00fcnchner Freien Musikzentrum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Zeit der Fragmentierung und selbstdarstellerischen Ver\u00e4u\u00dferung, in welcher die Mainstream-Medien in ihrem aussichtslosen \u00dcberlebenskampf zu den Knechten einflussreicher Geldgeber mutiert sind und notgedrungen weit \u00fcberwiegend Hofberichterstattung betreiben, erf\u00fcllt ein unabh\u00e4ngiges Medium wie The New Listener eine unentbehrliche Funktion im Bereich der Musik, die au\u00dfer durch das Abfeiern von Stars, Events und Skand\u00e4lchen sowohl in den v\u00f6llig dekadenten \u00d6ffentlih-Rechtlichen Anstalten als auch in den Feuilletons und der sogenannten Fachpresse fast durchweg ignoriert wird. Ein Konzert wie das den Trio Ars et Labor aus Perugia, das eben nicht aus Stars, sondern schlicht aus h\u00f6chstkar\u00e4tigen, traumwandlerisch aufeinander eingespielten Musikern besteht, wird eben nicht nur nicht von den etablierten Kritikern der \u201aWeltstadt mit Herz\u2019 ignoriert, sondern findet quasi au\u00dferhalb des Betriebs statt. Diese Musiker m\u00fcssten im Herkulessaal in einer der gro\u00dfen Reihen spielen, doch sie treten im Abschlusskonzert eines Symposiums im Freien Musikzentrum statt, einer wunderbaren Institution, die M\u00fcnchner Konzertg\u00e4ngern \u2013 sofern sie auf klassische Konzerte spezialisiert sind \u2013 so gut wie kein Begriff ist. Und dort war nun am Samstag, den 8. Oktober das letzte Klaviertrio von Franz Schubert in einer Vollendung zu h\u00f6ren, wie dies alle Anwesenden in ihrem Leben noch nicht erlebt hatten \u2013 jenes Franz Schubert, der seinerzeit von den hochn\u00e4sigen Wienern ebenso ignoriert wurde wie dies heute Musikern widerfahren kann, die sich nicht vom Starsystem auspressen und hypen lassen. Oliver Fraenzke als Chefredakteur von The New Listener geb\u00fchrt entsprechender Dank f\u00fcr seine Neugier und Courage, das klassische Musikleben quasi von unten aufzurollen, und er hat den einm\u00fctigen Eindruck, den die Zuh\u00f6rer dieses singul\u00e4ren Konzerts mitnahmen, treffend wiedergegeben, soweit dies m\u00f6glich ist. Ja, die Zeit stand still f\u00fcr mehr als eine Stunde, und wer dabei war, konnte sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, einen Schubert geh\u00f6rt zu haben, wie er zumindest seit Celibidaches Wirken mit dieser Kraft der Verinnerlichung als erlebter Gesamtzusammenhang in M\u00fcnchen nicht zu h\u00f6ren war \u2013 also f\u00fcr mehr als zwei Jahrzehnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schweizer Pianistin Christa B\u00fctzberger, Mentorin und Seele des Ars et Labor-Projekts in einem Land, dessen kultureller Verfall noch weit offenkundiger als hierzulande ist, hat zehn Jahre lang bei Celibidache studiert. Sie geh\u00f6rt zu den wenigen, die offensichtlich verstanden haben, was Celibidache lehrte und vorlebte. Zu Beginn erklang die knappe, dreis\u00e4tzige Duo-Sonate von Heinz Tiessen (1887-1971), eines der gro\u00dfen expressionistischen Meisterwerke dissonanter Freitonalit\u00e4t der Berliner Szene in der Weimarer Republik, und bis heute nicht auf Tontr\u00e4ger eingespielt. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis Tiessen und seinem Sch\u00fcler Eduard Erdmann der Rang als zwei der bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts einger\u00e4umt wird? Im Dritten Reich massiv unterdr\u00fcckt, hatten sie nie eine Lobby, die sich um die Verbreitung ihrer Werke k\u00fcmmerte, wie dies j\u00fcdischen Komponisten und einigen prominenten Vertretern zuteil wurde. Aber daf\u00fcr ist es nie zu sp\u00e4t, wenn auch der posthume Ruhm dem Komponisten selbst nicht mehr in den Scho\u00df f\u00e4llt \u2013 doch das gilt ja auch f\u00fcr Schubert. Sara Gianfriddo und Christa B\u00fctzberger vermittelten uns mit ihrer so innig musikalischen wie herausfordernd wagemutigen Wiedergabe weit mehr als nur einen nachhaltigen Eindruck, welch gro\u00dfartiges Kaliber musikalischer Erfindung und Gestaltung hier der Vergessenheit entrissen wird. Tiessen geh\u00f6rte keiner Schule an. Einfl\u00fcsse des avancierten Richard Strauss und Arnold Sch\u00f6nbergs sind hier zu etwas vollkommen Eigenem, in seiner Authentizit\u00e4t Mitrei\u00dfendem und zutiefst Ber\u00fchrendem transformiert, und die teils extremen technischen Schwierigkeiten sollten kein Duo von Rang abschrecken, sich mit dieser Musik zu besch\u00e4ftigen, die mit einer Bewusstheit ohnegleichen durch den freitonalen Raum moduliert und keinen Wunsch offenl\u00e4sst au\u00dfer dem, sie so oft wie m\u00f6glich auf einem solchen Niveau h\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach \u2013 ohne Pause \u2013 das Klaviertrio in Es-Dur op. 100 von Franz Schubert in der Originalfassung, also ohne die K\u00fcrzungen im Finale, die Schubert in seiner Verzweiflung, nicht einmal von seinen besten Freunden verstanden zu werden, f\u00fcr die Drucklegung \u2013 die er gerade nicht mehr erleben sollte, und die den Beginn seines Durchbruchs im gro\u00dfen Format markieren sollte \u2013 vornahm. So erst kann dieser Satz \u2013 und damit das ganze Werk \u2013 in seiner ganzen F\u00fclle und nur wieder von Bruckner erreichten gro\u00dfen Dimension wirken. Man muss erlebt haben, wie die Geigerin Sara Gianfriddo und die Cellistin H\u00e9lo\u00efse Piolat wie zu einem Wesen verschmolzen in der Tongebung, Phrasierung und subtilsten Elastizit\u00e4t des Tempos, und wie Christa B\u00fctzberger \u2013 auf dem nun wahrlich nicht optimalen Yamaha-Fl\u00fcgel des FMZ \u2013 das Ganze trug, jede Schattierung h\u00f6rbar machend, ohne dass auch nur ein Moment Selbstzweck w\u00fcrde. Alles dient der Formentwicklung als Ganzes. Die ergreifende Innigkeit hat \u00fcberhaupt nichts zu tun mit schmachtender Sentimentalit\u00e4t, und ebenso nichts mit abstrakter N\u00fcchternheit. Die H\u00f6rer wurden mit dem Dreiklangsmotiv des Beginns in Empfang genommen und mit der Coda des Finalsatzes entlassen. Was dazwischen war, entzieht sich in der Essenz jeder Beschreibung. Als h\u00e4tte man ein ganzes Leben, in vier Stationen gegliedert, in einer guten Stunde durchschritten, durchlitten, durchlebt. Die frappierende Makellosigkeit der Auff\u00fchrung zu bestaunen ergab sich sozusagen keine Gelegenheit, da der Spannungsbogen so unwiderstehlich und bruchlos errichtet wurde, dass jeder Gedanke, der einen Aspekt herausgegriffen und gesondert bewundert h\u00e4tte, sich zerst\u00f6rerisch auf das Erleben ausgewirkt h\u00e4tte.\u00a0 Jedoch sei erw\u00e4hnt, dass die Modulationen mit einer Feinsinnigkeit und vision\u00e4ren Gestaltungskraft einmaliger Qualit\u00e4t ausgeh\u00f6rt uns ausmusiziert wurden, dass die das Metrum transzendierende Artikulation keinen Anflug von Schwere zulie\u00df, dass die Tongebung auch im fernsten Pianissimo noch substanziell und im machtvollsten Fortissimo nie grob war, dass in all der Manifestation unersch\u00f6pflicher Mannigfaltigkeit nie ein Effekt um des Effekts willen produziert wurde, der Rhythmus aufs Nat\u00fcrlichste ausschwang, die Musik ihren ganz eigenen Sog frei entfalten konnte, bei aller Disziplin des gemeinsamen Erfassens eine ideale Freiheit der Gestaltung erreicht wurde. Die Zeit verging wie im Fluge, sozusagen eine Stunde ein Wimpernschlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Oktober 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Trio Ars et Labor im M\u00fcnchner Freien Musikzentrum In einer Zeit der Fragmentierung und selbstdarstellerischen Ver\u00e4u\u00dferung, in welcher die Mainstream-Medien in ihrem aussichtslosen \u00dcberlebenskampf zu den Knechten einflussreicher Geldgeber mutiert sind und notgedrungen weit \u00fcberwiegend Hofberichterstattung betreiben, erf\u00fcllt ein unabh\u00e4ngiges Medium wie The New Listener eine unentbehrliche Funktion im Bereich der Musik, die au\u00dfer &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/14\/eine-stunde-ein-wimpernschlag-schubert-in-vollendung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">[Rezensionen im Vergleich] Eine Stunde ein Wimpernschlag \u2013 Schubert in Vollendung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[1341,87,723,1133,1344,1342,1340],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1229"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1229"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1229\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1232,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1229\/revisions\/1232"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}