{"id":1235,"date":"2016-10-16T12:29:07","date_gmt":"2016-10-16T10:29:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1235"},"modified":"2016-10-16T12:29:29","modified_gmt":"2016-10-16T10:29:29","slug":"eine-ungarische-hochzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/16\/eine-ungarische-hochzeit\/","title":{"rendered":"Eine ungarische Hochzeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Nico Dostal &#8211; \u201eEine Ungarische Hochzeit\u201c<br \/>\nFranz-Leh\u00e1r-Orchester; Leitung: Marius Burkert<br \/>\nAufnahme: 17-19.08. 2015, Bad Ischl<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">dieklangschmiede<br \/>\ncpo 77 974-2; EAN: 7 61203 79742 4<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Reik0004.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1236\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1236\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Reik0004-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"357\" height=\"309\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Reik0004-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Reik0004-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Reik0004.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 357px) 100vw, 357px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nico Dostals Operette fiel aus der Zeit. Komponiert in den 1930ern, uraufgef\u00fchrt 1939 in Stuttgart, blieb sie der Vergangenheit verhaftet \u2013 nein, versuchte die entschwundene Zeit vergeblich wiederzubeleben. Der damaligen Gegenwart entkoppelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Operette, einst ein Medium subversiver Gesellschafts- und Sozialkritik in ihrer Hoch-Zeit, die mit gro\u00dfz\u00fcgigem Augenzwinkern viele Heucheleien und Verwerfungen der ausgehenden, dann ausgegangenen Kaiserzeit unter die (vers\u00f6hnlich gef\u00e4rbte) Lupe nahm \u2013 hier ist davon nichts mehr vorhanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Handlung kurzgefasst: Graf tauscht mit Lakai die Identit\u00e4t. Einfaches M\u00e4del verliebt sich in den scheinbaren Grafen \u2013 falscher Lakai verliebt sich in standesgem\u00e4\u00df ad\u00e4quates Fr\u00e4ulein, die hadert, nun einen vermeintlichen Diener anzuschmachten, aber ihn gegen die Widrigkeiten aller Standesd\u00fcnkel dennoch liebt. Am Ende \u2013 wen wundert es \u2013 geht es gut aus. Das klingt nach Operette, ist es aber nur bedingt. Denn, wie oben angedeutet, war dereinst Operette nicht nur ulkiges Am\u00fcsement, sondern auch subtil formulierte Gesellschafts-, ja fast auch: Systemkritik. Das Libretto der \u201eUngarischen Hochzeit\u201c bietet hierzu nichts an. Sie stellt ein sinnfreies Abspulen von harmlosen Verwechslungen, Missverst\u00e4ndnissen und gutem Ausgang dar. Am Ende behauptet sich das Ideal eines st\u00e4ndisch geordneten, monogamen Gl\u00fcckes \u2013 und sogar von der Kaiserin Maria Theresia (Frau Dolores Schmidinger &#8211; als Sprechstimme eindrucksvoll und launig dargeboten) als g\u00f6ttlicher Stimme in aller G\u00fcte verordnet und abgesegnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So flach wie die Handlung &#8211; auch die Dramaturgie und Musik. Dostal vermag durchaus gef\u00e4llige Linien zu schreiben. Kehlengerecht und schmiegsam. Wie aber der l\u00e4ssliche Text, so auch die Musik: kein einziger Schritt \u00fcber das geziemende Ma\u00df hinaus \u2013 keine burlesken, geschweige: grotesken Momente. Kein Versuch, aus den vorhandenen erotischen Spannungen leidenschaftliche oder abgr\u00fcndige Momente zu gestalten, Situationen, die das Wohlgef\u00fchl gef\u00e4hrden k\u00f6nnten. Dostal riskiert und gewinnt auch nichts. Das eckt nicht an, rei\u00dft nicht mit &#8211; pl\u00e4tschert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er n\u00fctzt das Kolorit des Ungarischen nur als W\u00fcrze aus dem Streuer. Eine ernsthafte Besch\u00e4ftigung mit den Kl\u00e4ngen und musikalischen Valeurs Ungarns kl\u00e4nge anders. Im Gegenteil \u2013 streckenweise vergisst er den Anspruch, auf \u00fcberall \u201ePaprika\u201c zu rieseln \u2013 und dann sind wir pl\u00f6tzlich bei einer beliebigen Gef\u00e4lligkeit, die so viel \u2013 zu viel in den von oben gewollten Nichtigkeiten sp\u00e4terer Ufa-Filme erklingen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dieses St\u00fcck Musiktheater hatte damals keinen Bezug zu seiner Zeit \u2013 somit noch weniger heute zu unserer. Kein Verbrechen, es zu inszenieren und einzuspielen. Bei letzterem Vorhaben sei allerdings die Frage gestattet, weshalb?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Musik entr\u00e4t fesselnder Momente \u2013 eines Ohrwurms, eines Schlagers \u2013 Momente, wo Musik und Handlung sich f\u00fcgen zu einer (wenn auch nur angedeuteten) Entgrenzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die vorliegende Aufnahme stellt dahingehend zufrieden, dass Handlung, Musik und deren Darstellung gut zusammenpassen. Hervorzuheben ist die sehr gute Textverst\u00e4ndlichkeit, auch in den gesprochenen Partien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Orchester macht alles richtig \u2013 allein die Leitung unter Marius Burkert verschenkt fast alles. Mit mehr Rubato, Gas-geben, Nachlassen, Wieder-anziehen, so wie man es von (meistens schlechten) \u201ealla zingarese\u201c-Darbietungen kennt, w\u00e4re doch etliches mehr an Attraktivit\u00e4t gewonnen gewesen. Auch das \u201eWenige\u201c gilt es ernst zu nehmen und mit Leidenschaft anzupacken. Take it for serious or leave it!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Blutleer \u2013 als ob das Ganze den Bohei eh\u2018 nicht wert gewesen sei. \u2013 also: con passione: Fehlanzeige, Herr Kapellmeister! Schade!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die s\u00e4ngerischen Leistungen \u2013 achtbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Herausragend zu erw\u00e4hnen: Frau Regina Riel als Janka, die in der Nummer 14, der Romanze, mit Leichtigkeit und schlankem, klarem Ton den einzigen Moment des Werkes, der etwas tiefer sch\u00fcrft, so tief, wie es die flache Musik erlaubt, sehr sch\u00f6n auszuloten wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Stefan Reik, Oktober 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nico Dostal &#8211; \u201eEine Ungarische Hochzeit\u201c Franz-Leh\u00e1r-Orchester; Leitung: Marius Burkert Aufnahme: 17-19.08. 2015, Bad Ischl dieklangschmiede cpo 77 974-2; EAN: 7 61203 79742 4 Nico Dostals Operette fiel aus der Zeit. Komponiert in den 1930ern, uraufgef\u00fchrt 1939 in Stuttgart, blieb sie der Vergangenheit verhaftet \u2013 nein, versuchte die entschwundene Zeit vergeblich wiederzubeleben. 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