{"id":1239,"date":"2016-10-18T20:11:30","date_gmt":"2016-10-18T18:11:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1239"},"modified":"2016-10-18T23:09:12","modified_gmt":"2016-10-18T21:09:12","slug":"eine-reise-wert-fuer-dreizehn-minuten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/18\/eine-reise-wert-fuer-dreizehn-minuten\/","title":{"rendered":"Eine Reise wert f\u00fcr dreizehn Minuten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Urauff\u00fchrung von Michael F.P. Hubers \u0108ambretosono op. 63 und Arnold Sch\u00f6nbergs zeitloses Meisterwerk Kammersymphonie Nr. 1 E-Dur op. 9 wurden am 16. Oktober 2016 neben &#8222;Niemals Real und Immer Wahr&#8220; von Jamilia Jazylbekova und &#8222;Objet Diaphane &#8211; Kammersinfonie&#8220; von Charlotte Seither im VIERundEINZIG in der Hallerstra\u00dfe 41 Innsbruck dargeboten. Es spielte die Kapelle f\u00fcr Neue Musik Windkraft unter Leitung von Kasper de Roo.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal wieder zieht es mich nach \u00d6sterreich ins sch\u00f6ne Tirol, und zwar erneut zu einer Urauff\u00fchrung des Tiroler Komponisten Michael F.P. Huber. Zumal die Zusammenstellung spannend ist, denn sein neues Werk, \u0108ambretosono ist f\u00fcr exakt die gleiche Besetzung geschrieben wie Sch\u00f6nbergs Kammersymphonie, welche im direkten Anschluss erklingt. Doch zuvor widmet sich &#8222;Windkraft&#8220;, wie diese &#8222;Kapelle f\u00fcr Neue Musik&#8220; sich nennt, unter Leitung von Kasper de Roo zwei zeitgen\u00f6ssischen Komponistinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Programm beginnt mit der Kammersymphonie Objet Diaphane f\u00fcr 13 Instrumente von Charlotte Seither, einer prominenten Gallionsfigur der zeitgen\u00f6ssischen Musik, deren Name immer wieder auf gro\u00dfen Veranstaltungen \u201aNeuer Musik\u2019 zu lesen ist. Die Kammersymphonie war ein Auftragswerk der Berliner Philharmoniker und erhielt den ersten Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb Prager Fr\u00fchling 1995. Das gesamte Werk zentriert sich statisch um Einzelt\u00f6ne, um welche sich ohne jede innere Folgerichtigkeit durch kleine Sekunden entstehende grelle Dissonanzenreibungen kumulieren. Es gibt keinerlei Entwicklung, Melodie oder irgendetwas, das dem Ganzen Zusammenhang geben w\u00fcrde, wodurch der Terminus \u201aSymphonie\u2019 dem Werk an sich nicht entspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessante akustische Effekte erklingen in Jamilia Jazylbekovas &#8222;Niemals Real und Immer Wahr&#8220; (Jamais R\u00e9el et Toujours Vrai) von 2012. Sie vertraut auf das Arsenal der ger\u00e4uschhaften Effekte inklusive Streichen auf dem Holz oder Blasen ins falsche Ende der Mundst\u00fccke. Dadurch m\u00f6gen reizvolle Kl\u00e4nge entstehen und auch verharrt diese ger\u00e4uschhafte Musik nicht leblos statisch auf einem Fleck. Jazylbekovas Werk spricht Zust\u00e4nde an und kursiert eindrucksvoll im Raum, bei Hinzunahme von einigen musikalisch verbindenden Elementen wie Melodie oder pr\u00e4gnanter Rhythmik w\u00e4re es sogar m\u00f6glich, das Geschehen auf zusammenh\u00e4ngend mitvollziehbare Bahnen lenken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgt die Urauff\u00fchrung Michael F. P. Hubers, und die Zuh\u00f6rer horchen pl\u00f6tzlich erstaunt auf. Dieses Werk sticht in seiner Musikalit\u00e4t und auch dem profunden K\u00f6nnen turmhoch hervor, hier herrscht eine vielgestaltige und feingliedrige motivische Arbeit, die Musik ist von nachvollziehbarem Fluss, alles erscheint in sinnf\u00e4lliger Abfolge. Auf einen hektisch-wilden Kopfsatz von h\u00f6chster Schwierigkeit f\u00fcr alle Musiker (denen besonders hier gro\u00dfer Respekt zu zollen ist!) folgt ein ruhig dahingleitendes Andante, doch auch dieses hat einige \u00dcberraschungen parat und t\u00e4nzelt zwischenzeitlich verspielt (&#8222;Giocoso&#8220;), bevor es wieder in die Ruhe zur\u00fcckgleitet. Der dritte Satz ist ein mitrei\u00dfender Tanz, dessen Walzerrhythmus immer wieder gewollt ins Stolpern ger\u00e4t, voll rhythmischer Vitalit\u00e4t und herrlicher Einf\u00e4lle. Es macht wirklich Freude, dieses dreizehnmin\u00fctige Werk zu h\u00f6ren, es ist f\u00fcr Kenner gleichsam wie f\u00fcr Liebhaber von \u00fcberw\u00e4ltigendem Reiz und alleine schon die Reise wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schade, dass man dies nicht \u00fcber den ganzen Abends sagen kann. Gewiss, Sch\u00f6nbergs Kammersymphonie ist ein gro\u00dfartiges Werk der Pionierzeit der freien Tonalit\u00e4t, doch verlangt es von den Musikern und vor allem vom Dirigenten vieles &#8211; darunter auch vieles, was an diesem Abend nicht wirklich vorhanden ist. Kasper de Roo inspiriert nicht, er h\u00e4lt taktierend zusammen und z\u00e4hlt, wobei jedoch die musikalischer Arbeit nicht vollkommen ausreicht &#8211; was vermutlich haupts\u00e4chlich den zu kurz bemessenen Probenzeiten geschuldet ist. Folglich kann es nicht verwundern, dass auch diese gro\u00df dimensionierte Kammersymphonie auseinanderf\u00e4llt, der H\u00f6rer geht verloren in den aneinandergereihten Klangt\u00fcrmungen, die weder von der Dynamik noch von der Phrasierung her gen\u00fcgend erschlossen wurden. Kasper de Roo verbirgt sich hinter \u00fcberhetzten Tempi (die Kammersymphonie dauert unter ihm lediglich 22 Minuten!), ein gem\u00e4\u00dfigteres Tempo w\u00fcrde eine substanziellere musikalische Aussage verlangen, als hier vorliegt, um nicht &#8222;langweilig&#8220; zu wirken. Die Musiker beherrschen allesamt ihre Instrumente und k\u00f6nnen dies auch demonstrieren, w\u00e4ren sicherlich auch zu noch mehr f\u00e4hig, doch bei der anscheinend an diesem Abend indispositionierten Leitung leidet auch die potentielle Qualit\u00e4t der Instrumentalisten. In den zeitgen\u00f6ssischen Kompositionen sind die Musiker zu Hause und bl\u00fchen auf, bei Sch\u00f6nberg f\u00e4llt hingegen der \u00fcberakustische Raum ins Gewicht, der die T\u00f6ne knallen l\u00e4sst und einiges an hineingegebener Geschmeidigkeit raubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob ich es nun bereue, angesichts der genannten Kritikpunkte bis nach Innsbruck gefahren zu sein? Definitiv nicht, denn alleine dreizehn faszinierende Minuten Musik k\u00f6nnen fesseln und den Abend zum Erlebnis avancieren lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0[Oliver Fraenzke, Oktober 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Urauff\u00fchrung von Michael F.P. Hubers \u0108ambretosono op. 63 und Arnold Sch\u00f6nbergs zeitloses Meisterwerk Kammersymphonie Nr. 1 E-Dur op. 9 wurden am 16. Oktober 2016 neben &#8222;Niemals Real und Immer Wahr&#8220; von Jamilia Jazylbekova und &#8222;Objet Diaphane &#8211; Kammersinfonie&#8220; von Charlotte Seither im VIERundEINZIG in der Hallerstra\u00dfe 41 Innsbruck dargeboten. 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