{"id":1247,"date":"2016-10-19T23:15:07","date_gmt":"2016-10-19T21:15:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1247"},"modified":"2016-10-20T00:16:25","modified_gmt":"2016-10-19T22:16:25","slug":"emil-gilels-zum-100-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/19\/emil-gilels-zum-100-geburtstag\/","title":{"rendered":"Emil Gilels zum 100. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 19. Oktober 2016 w\u00e4re Emil Gilels, dieser Titan unter den Pianisten des 20. Jahrhunderts, 100 Jahre alt geworden. Wie David Oistrach, der \u00fcberragende Geiger seiner Epoche, wurde er in Odessa geboren, w\u00e4re also nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben Ukrainer. Doch kulturell besteht kein Unterschied zwischen Russen und Ukrainern. Und auch, ihn der \u201erussischen Schule\u201c zuzuordnen, f\u00fchrt schlicht in die Irre. Gilels war als Musiker ein einzigartiges Ph\u00e4nomen, und sicherlich der musikalisch und klangliche vollendetste Pianist, den Russland (oder eben seinerzeit die Sowjetunion) hervorgebracht hat. Was f\u00fcr ein Unterschied zwischen ihm und Svatoslav Richter, dem anderen gro\u00dfen Sch\u00fcler des legend\u00e4ren Heinrich Neuhaus: Richter, der geniale Sucher, und Gilels, der geniale Finder, um es auf den knappsten Nenner zu bringen. Leider starb Gilels viel zu fr\u00fch, am 14. Oktober 1985, also f\u00fcnf Tage vor seinem 69. Geburtstag. Er wurde das Opfer eines Kunstfehlers. Bei einer Routineuntersuchung in einem Moskauer Krankenhaus erhielt er eine falsche Injektion und war binnen weniger Minuten tot. Sein geplantes Gesamtaufnahmeprojekt der Beethoven-Sonaten f\u00fcr die Deutsche Grammophon blieb kurz vor der Zielgeraden unvollendet. Nun\u00a0 hat das russische Staatslabel zu seinem 100. Geburtstag eine Luxusedition mit 50 CDs zum stolzen Preis von 400 Euro ver\u00f6ffentlicht, das viele bislang unver\u00f6ffentlichte Mitschnitte enth\u00e4lt und mit einer limitierten Auflage von 2016 St\u00fcck bereits fast vergriffen ist. Eine Zeitungsannonce in Russland gen\u00fcgte, und schon hatten viele das Nachsehen\u2026 Doch freilich herrscht kein Mangel an Erh\u00e4ltlichem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was machte die einzigartige Kunst Gilels\u2019 aus? Es ist oft die Rede vom \u201egoldenen Klang\u201c, von der zutiefsten Ernsthaftigkeit, von der vollendeten technischen Beherrschung, von der strukturellen Strenge, die gleichwohl der W\u00e4rme und Leidenschaft keineswegs entbehrt. All das ist richtig. Seine nat\u00fcrliche, runde Wucht, seine filigrane Luzidit\u00e4t, \u00fcberhaupt die \u201eNat\u00fcrlichkeit\u201c seines Spiels wurde stets ger\u00fchmt, und eben nicht nur von Kritikern und Strippenziehern, sondern auch von so herausragenden Musikern wie Rudolf Barschai oder David Oistrach. Barschai berichtete, dass es nie auch nur die geringsten psychologischen Schwierigkeiten beim gemeinsamen Musizieren gab, dass Gilels zugleich auf h\u00f6chster Vollendung bestand und wie kein anderer mit dem Orchester oder in der Kammermusik mit den Streichern zu verschmelzen verstand. F\u00fcr viele mag \u00fcberraschend sein, dass dieser Mann, dessen Beethoven, Chopin, Tschaikowsky, Rachmaninoff, Prokofieff oder Schostakowitsch zu Recht aufs H\u00f6chste gepriesen wurde, ein ph\u00e4nomenaler Haydn- und Mozart-Spieler war. Und dies eben nicht nur, wenn er alleine spielte \u2013 man muss nur die wunderbare Aufnahme von Haydns F-Dur-Sonate mit seiner Schwester, der Geigerin Elisaveta Gilels, h\u00f6ren. Auch Couperin, Scarlatti oder Rameau fanden in ihm einen hinrei\u00dfenden Meister, und unter den heutigen verehren ihn Klavierhelden wie Grigori Sokolov wie einen Gott. Wie auch anders \u2013 seine F\u00e4higkeiten erscheinen unbegrenzt, und fast h\u00e4tten wir noch erleben d\u00fcrfen, dass er in M\u00fcnchen mit Celibidache aufgetreten w\u00e4re. Was f\u00fcr ein Zusammentreffen, das nur der so unerwartete Tod verhindern sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich kann hier nat\u00fcrlich noch viel erz\u00e4hlen\u2026 Also lasse ich, unter Verweis auf ergiebiges Material im Internet, lediglich noch ein paar CD-Empfehlungen folgen, auch wenn dies niemals ersetzen k\u00f6nnen wird, dass wir ihn im Konzert nicht erlebt haben. Rechtzeitig hat die Deutsche Grammophon s\u00e4mtliche je von ihr ver\u00f6ffentlichte Gilels-Aufnahmen in einem schmucken 24-CD-Schuber zusammengefasst (DG 479 4651) \u2013 da sind nat\u00fcrlich die bis auf f\u00fcnf Sonaten kompletten Beethoven-Sonaten dabei (nur wenige konnten die Hammerklavier-Sonate \u00e4hnlich souver\u00e4n meistern), herrlicher Mozart, die Brahms-Konzete, Chopin, Lyrische St\u00fccke von Grieg, und viel Kammermusik und Konzerte, unter welchen ich das 3. Prokofieff-Konzert mit Kondraschin besonders erw\u00e4hnen m\u00f6chte. Von Warner gibt es in der Icon-Serie eine Zusammenstellung der kompletten Emi-Aufnahmen auf 9 CDs, wo sich gleich zweimal die f\u00fcnf Beethoven-Konzerte befinden (einmal mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell) und die drei Tschaikowsky-Konzerte, das 3. Rachmaninoff-Konzert usw. Sony hat in diesem Jahr s\u00e4mtliche RCA-Aufnahmen Gilels\u2019 auf 7 CDs wiederver\u00f6ffentlicht, darunter das 1. Tschaikowsky-Konzert und das 2. Brahms-Konzert mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner, zwei Schubert-Sonaten, Liszts h-moll-Sonate und Schostakowitschs 2. Sonate, Bach und Chopins 1. Konzert mit Ormandy (Sony Classical 88875177312). Und mit einem ganz besonderen weiteren 4-CD-Juwel wartete Melodiya auf: \u201aEmil Gilels in Ensembles\u2019 \u2013 neben besagter Haydn-Sonate mit seiner Schwester fulminantes Duo-Spiel mit Yakov Zak und Yakov Flier, das 1. Klavierquartett von Brahms, die Beethoven\u2019sche Hornsonate op. 17 mit Yakov Shapiro und das Klaviertrio in cis-moll von Andrey Babayev (Melodiya MELCD 10 02210). Also: H\u00f6ren und selbst erfahren, was ein vulkanischer K\u00fcnstler, der sich niemals gehen lie\u00df, uns zu schenken imstande war. F\u00fcr alle Pianisten ist Gilels ohnehin zeitloses Pflichtprogramm, und eine sch\u00f6nere Pflicht kann es kaum geben\u2026<\/p>\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Oktober 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. Oktober 2016 w\u00e4re Emil Gilels, dieser Titan unter den Pianisten des 20. Jahrhunderts, 100 Jahre alt geworden. Wie David Oistrach, der \u00fcberragende Geiger seiner Epoche, wurde er in Odessa geboren, w\u00e4re also nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben Ukrainer. Doch kulturell besteht kein Unterschied zwischen Russen und Ukrainern. Und auch, ihn der \u201erussischen Schule\u201c zuzuordnen, f\u00fchrt &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/19\/emil-gilels-zum-100-geburtstag\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Emil Gilels zum 100. 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