{"id":1251,"date":"2016-10-22T16:40:49","date_gmt":"2016-10-22T14:40:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1251"},"modified":"2016-10-22T16:40:49","modified_gmt":"2016-10-22T14:40:49","slug":"zauber-des-moments","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/22\/zauber-des-moments\/","title":{"rendered":"Zauber des Moments"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Les Dissonances, LD 009; EAN: 3 149028 105421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/0067.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1252\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1252\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/0067-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/0067-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/0067-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/0067.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind zwei der meistgespielten Werke Schostakowitschs, die der Geiger und Dirigent David Grimal f\u00fcr die neueste Live-Aufnahme mit seinem Orchester Les Dissonances ausw\u00e4hlte: die f\u00fcnfte Symphonie d-Moll op. 47 sowie das Es-Dur-Cellokonzert Nr. 1 op. 107 mit dem Solisten Xavier Phillips. Seit jeher sorgt gerade diese Symphonie bei den Besserwissern f\u00fcr ein leichtes Grinsen, wenn am Ende das strahlendste und starrsinnigste nur vorstellbare D-Dur durchbricht und ein so \u00fcberm\u00e4\u00dfig feierliches Ende ergibt, dass es anscheinend \u00fcberhaupt nicht erst ernst genommen werden kann nach all den Abgr\u00fcnden dieser Musik. F\u00fcr die Musiker und vor allem den Dirigenten bietet die Symphonie eine harte Nuss, die es zu knacken gilt, so gewaltig sind die Formen und so schwierig gestaltet es sich, all die feinen \u00dcberg\u00e4nge flie\u00dfend zu gestalten und sich nicht in Details oder Momentaufnahmen zu verlieren, wor\u00fcber hinaus der Kontext und somit auch der H\u00f6rer verloren geht in uferlos sich ausbreitenden Fl\u00e4chen. Mrawinsky, Celibidache und Kondraschin haben allerdings bewiesen, dass die Form sehr wohl bew\u00e4ltigbar ist und ein gewaltiger durchgehender Sog entstehen kann, der mitrei\u00dft und alles aussch\u00f6pft bis zum Letzten, doch viel zu oft ist auch zu erleben, wie die Zuh\u00f6rer ma\u00dflos \u00fcberfordert werden durch den Mangel an Bewusstsein \u00fcber das gro\u00dfe Ganze, und sp\u00e4testens im dritten Satz sind fast immer einige K\u00f6pfe niedergesunken. Mit Schostakowitsch \u00fcber gro\u00dfe Strecken zu begeistern ist leicht, dies macht alleine schon die genial gesetzte Partitur mit herrlicher Orchestration und einer Unzahl an tiefgreifenden Effekten, doch sich der Musik voll bewusst zu werden und dies umzusetzen, gelingt den Wenigsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">David Grimal setzt mit seinem Orchester Les Dissonances auch auf die Magie des Moments. Dadurch entstehen \u00fcberw\u00e4ltigende Gegenwartsaufnahmen, die mit viel Hingabe und sp\u00fcrbarer \u00dcbertragung an gl\u00fchendem Gef\u00fchl dargeboten werden. D\u00fcstere Passagen brodeln direkt voll von Feuer und Energie, die gro\u00dfen Steigerungen begehren in h\u00f6chstem Ma\u00dfe auf und schie\u00dfen f\u00f6rmlich nach oben, um sich zu entladen. Die d\u00fcsteren Passagen sind hingegen neblig verhangen, geheimnisvoll und von einer unheimlichen Aura einges\u00e4umt. Klar und transparent gibt sich zudem der Orchesterklang, so dass alle Stimmen hervortreten k\u00f6nnen und die dichte Polyphonie ihre volle Wirkung entfalten kann. Doch auch bei Grimal zerbricht die Form oft in einzelne Episoden, die zwar jede f\u00fcr sich herausgearbeitet wurden, doch keine zusammenh\u00e4ngende Korrelation sp\u00fcren lassen. Woran liegt dies? Haupts\u00e4chlich spaltet es sich an den subtilen \u00dcberg\u00e4ngen auf, die Tempowechsel geraten stockend und werden \u00e4u\u00dferlich bemerkbar, der Fluss somit unterbrochen. Des Weiteren schwankt auch innerhalb der Abschnitte das Tempo teilweise sehr, dr\u00e4ngt gerne einmal nach vorne, die punktierte Rhythmik verstolpert als Folge dessen. Ebenfalls zu nennen ist die Phrasierung, die nicht den umfassenden Bogen spannt, den sie ben\u00f6tigt, um \u00fcber lange knapp besetzte Passagen zu tragen, sondern sich zu sehr momentverliebt gibt. Hinzu k\u00e4me das Verst\u00e4ndnis \u00fcber die harmonischen Modulationen &#8211; bei Schostakowitsch selbstredend eine an die Grenzen des Korrelierbaren reichende Aufgabe -, mit welchem bezwingend \u00fcber weit verzweigte Strecken disponiert werden kann (von Celibidache unnachahmbar verwirklicht), was aber auch hemmend wirken kann, sofern die Harmoniechangierungen nicht verstanden werden. Im zweiten Satz neigt Grimal zudem dazu, die Dissonanzen zu verharmlosen, und nimmt somit dem ersten Teil die d\u00fcstere Doppelb\u00f6digkeit, mithin auch den Kontrast zum verspielt scherzenden zweiten Teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Solopart in dem ersten, Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch gewidmeten Cellokonzert wird von Xavier Phillips \u00fcbernommen, einem ehemaligen Sch\u00fcler des Widmungstr\u00e4gers. Er geht mit klarem und erstaunlich unpr\u00e4tenti\u00f6sem Spiel die hochvirtuose Stimme an und \u00fcberzeugt mit Feingef\u00fchl und einem angenehmen Cantabile, doch auch mit einer gro\u00dfen Obsession, wenn es an die von Wildheit gepr\u00e4gten Passagen geht. Schade, dass hier das Orchester etwas in den Hintergrund gedr\u00e4ngt ist und in der Abmischung dem Solisten nicht als gleichwertiger Widerpart zur Seite steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar mag diese Aufnahme nicht durch vollendetes Formgef\u00fchl zu bestechen, doch wei\u00df Grimal sehr wohl, den Zuh\u00f6rer im Moment zu verzaubern und ihn in seinen Bann zu rei\u00dfen. Viele Stellen mei\u00dfelt er vorz\u00fcglich heraus und l\u00e4sst eine atemberaubende Wirkung zu Tage treten, die die vorliegende von der Mehrzahl der unz\u00e4hligen Aufnahmen dieser St\u00fccke abhebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Les Dissonances, LD 009; EAN: 3 149028 105421 Es sind zwei der meistgespielten Werke Schostakowitschs, die der Geiger und Dirigent David Grimal f\u00fcr die neueste Live-Aufnahme mit seinem Orchester Les Dissonances ausw\u00e4hlte: die f\u00fcnfte Symphonie d-Moll op. 47 sowie das Es-Dur-Cellokonzert Nr. 1 op. 107 mit dem Solisten Xavier Phillips. 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