{"id":1255,"date":"2016-10-24T16:40:49","date_gmt":"2016-10-24T14:40:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1255"},"modified":"2016-10-24T16:40:56","modified_gmt":"2016-10-24T14:40:56","slug":"grossmeister-der-kirchenmusik-der-klassischen-moderne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/24\/grossmeister-der-kirchenmusik-der-klassischen-moderne\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfmeister der Kirchenmusik der klassischen Moderne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Edmund Rubbra<br \/>\nTenebrae Nocturns op. 72; Missa Cantuariensis op. 59; Drei Motetten op. 76; F\u00fcnf Motetten op. 37<br \/>\nThe Sixteen, Harry Christophers<br \/>\nCoro CD COR 16144; EAN: 828021614422<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Lucien0006.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1256\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1256\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Lucien0006-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"376\" height=\"326\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Lucien0006-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Lucien0006-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Lucien0006.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 376px) 100vw, 376px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kirchenmusik im 20. Jahrhundert \u2013 das ist ein problematisches Kapitel. F\u00fcr die Chefideologen des Fortschritts ohnehin, da die Komplexit\u00e4t bei in der Regel mehrstimmiger Chormusik nicht so hoch sein kann wie im Instrumentalen, und die Dimensionen des Absurden nicht so ergiebig sind wie im Musiktheater. Die Kirche als potenter Geldgeber will ja auch ihren geldwerten Vorteil, und der hei\u00dft nicht Atonalit\u00e4t und Ger\u00e4uschlaboratorium, sondern irgendwie dann doch \u2013 Verst\u00e4ndlichkeit, eine gewisse Sch\u00f6nheit und Erhabenheit, und ganz allgemein Angemessenheit an den liturgischen Bedarf\u2026 Es ist aber auch von anderer Seite problematisch, denn der Glaube ist eben auch nicht mehr, was er mal war. Von Ernst Pepping, diesem f\u00fchrenden Vertreter von deutscher Seite, wissen wir beispielsweise, dass er gar nicht gl\u00e4ubig war und trotzdem Musik komponierte, die mehr Anklang fand als solche \u201emoralisch kompatiblerer\u201c Zeitgenossen \u2013 na ja, er konnte eben mehr, und er verstand zu ergreifen. Da kann es doch nun wirklich egal sein, was er dar\u00fcber dachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">All dies soll nicht schm\u00e4lern, welch gro\u00dfartige Beitr\u00e4ge existieren, so in Deutschland von Heinrich Kaminski, Reinhard Schwarz-Schilling, besagtem Meister Pepping, Hugo Distler und sogar Paul Hindemith, in Frankreich von Maurice Durufl\u00e9, Francis Poulenc oder Jean-Louis Florentz, in Italien von Giorgio Federico Ghedini, in der Schweiz von Frank Martin, in Polen von Krzysztof Penderecki, in Estland von Arvo P\u00e4rt, in Lettland von Peteris Vasks, in den USA von Vittorio Giannini, und nat\u00fcrlich in England: von Ralph Vaughan Williams, John Foulds und Benjamin Britten (mit zwei gro\u00dfen, \u00fcberkonfessionellen Requiem-Vertonungen), Bernard Stevens, Herbert Howells oder eben Edmund Rubbra.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Edmund Rubbra (1901-86) war ein gro\u00dfer Meister im zeitlosen Sinne. Sieht man davon ab, dass er auch ein hervorragender Pianist und \u00fcberhaupt Musiker war und obendrein ein h\u00f6chst differenziert reflektierender Theoretiker, so sind es vor allem seine elf Symphonien, die manchem Leser ein Begriff sein d\u00fcrften. Seine Kammermusik (darunter vier Streichquartette) ist auf keinem geringeren Niveau. Es ist freitonale Musik, die einen L\u00f6wenanteil ihrer Qualit\u00e4t lebenslangem intensiven Studium vorbarocker Polyphonie verdankt und diese in eine moderne harmonische Sprache mit fein ausbalanciertem Dissonanzengehalt, k\u00fchner Modulatorik und subtil lebendiger Rhythmik \u00fcberf\u00fchrt. Rubbra, der von der anglikanischen Kirche zum Katholizismus \u00fcbertrat, hat ja auch eine \u201aSymphonia Sacra\u2019 geschrieben, in welcher er das symphonische und das ekstatisch religi\u00f6se Element in unsentimental hymnischer Weise fusionierte. Hier nun tragen die vielfach preisgekr\u00f6nten \u201aThe Sixteen\u2019 unter Harry Christophers ein wunderbar vielseitiges Spektrum seiner geistlichen a-cappella-Chormusik vor, mit einer Ausnahme: das Credo der \u201aMissa Cantuariensis\u2019 wird von einer Orgel begleitet, was dem Ganzen eine willkommene Abwechslung beschert. Diese Chorwerke sind hier selbstverst\u00e4ndlich minimal (16!) besetzt, was das Klangbild dem entscheidend ann\u00e4hert, was wir heute von alter Musik erwarten, und somit den archaischen Aspekt betont. Die Auff\u00fchrungen sind von einer frappierenden Reinheit und Durchh\u00f6rbarkeit der eminent kunstreichen kontrapunktischen Verschlingungen, obwohl wirklich nicht behauptet werden kann, die Phrasierung sei bewusst im Dienste der melodischen Energetik bzw. der \u00fcbergeordneten harmonischen Spannungsverh\u00e4ltnisse verstanden. Aber es klingt fantastisch und ist ein gro\u00dfer \u00e4sthetischer Genuss, und je nachdem, wie der H\u00f6rer in der Lage ist, hinter das offenkundig Erscheinende zu h\u00f6ren, kann er sich vielleicht vorstellen, welche Wirkung diese in einer auch musikalisch idealen Auff\u00fchrung entfalten k\u00f6nnte. So bleibt es eben beim Staunen, und daf\u00fcr ist durchgehend Anlass, denn Rubbra ist ein inspirierter und gelassen tiefsch\u00fcrfender Meister des Fachs, der mindestens auf einer H\u00f6he mit hierzulande viel bekannteren Gestalten wie Martin, Pepping oder Distler steht. Er hat \u00fcbrigens auch ein sehr wertvolles kleines B\u00fcchlein \u00fcber den Kontrapunkt, aus einer mehr freigeistig historisch bilanzierenden als analytischen Warte, geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hauptwerk vorliegender Aufnahme ist aus neun in drei Abteilungen zusammengefassten Motetten gegliederte \u201aTenebrae Nocturns\u2019, von denen die ersten drei 1951, die weiteren sechs 1961 entstanden sind. Innerlich freier und zugleich als Gesamtzusammenhang bezwingender kann man in einem gebundenen Kontrapunkt nicht f\u00fcr Chor schreiben. Diese Musik ist voll Trauer und Verzweiflung, doch sie bleibt bei sich und f\u00fchrt den H\u00f6rer mitten in sein Selbst \u2013 was wohl auch die hehre Aufgabe liturgischer Musik sein sollte. Ein zeitloses Meisterwerk. \u00c4u\u00dferlich am beeindruckendsten ist die doppelch\u00f6rige \u201aMissa Cantuariensis\u2019 von 1945 (eine von f\u00fcnf Messen Rubbras), und auch ist das Gesamtbild der sieben S\u00e4tze von h\u00f6chster dramaturgischer Vollendung. Eine w\u00fcrdige Lobpreisung der g\u00f6ttlichen Intelligenz. Dass es nicht erst der Entwicklung des Reifestils bedurfte, um den H\u00f6rer ganz in den Bann zu schlagen, beweisen die f\u00fcnf Motetten op. 37 von 1934, und hier ist der Kontrast zwischen den drei ruhigeren und den zwei dramatischeren dazwischenliegenden S\u00e4tzen mit souver\u00e4ner Hand gesetzt. Nichts an dieser Musik ist erm\u00fcdend, sie geht immerzu ohne unn\u00f6tiges Spektakel unbeirrbar ihren ganz eigenen Weg, der vielfach Unerwartetes enth\u00e4lt. Nat\u00fcrlich sind auch die drei Motetten op. 76 von 1952 ein wunderbar zusammenh\u00e4ngend empfundenes und ausgestaltetes Opus, das zugleich zeigt, wie Rubbra immer weniger \u00e4u\u00dferlich aufreizender Mittel bedurfte , um die seinem Schaffen innewohnende Dramatik zum Ausdruck zu bringen. Und doch wirkt nichts berechnend, routiniert oder \u00fcberhaupt gemacht an dieser Musik. Sie flie\u00dft aus sich selbst, aus den Kr\u00e4ften, die ihre Keimzellen freisetzen im Dienste der substanziellen Texte, die an ihrer Wurzel ergriffen sind und keinerlei konfessionelle Einengung atmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Klangbild ist f\u00fcr eine Kirchenakustik (Church of St. Alban the Martyr, London) au\u00dfergew\u00f6hnlich klar und durchsichtig, und der ausf\u00fchrliche Begleittext von Alexandra Coghlan sowohl den Komponisten als auch die Werke betreffend sehr informativ, einf\u00fchlsam und pr\u00e4zise. \u00dcber die Abfolge, die die Tenebrae Nocturns zweimal mit einer Packung Motetten unterbricht und mit der Messe abschlie\u00dft, kann man geteilter Ansicht sein, doch misslungen ist es nicht. Eine exzellente Produktion, die auch hierzulande Chorleiter anregen sollte, es endlich mal mit Rubbra zu probieren. Eure Ch\u00f6re werden es Euch danken, und das Publikum sowieso.<\/p>\n<p><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, September 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edmund Rubbra Tenebrae Nocturns op. 72; Missa Cantuariensis op. 59; Drei Motetten op. 76; F\u00fcnf Motetten op. 37 The Sixteen, Harry Christophers Coro CD COR 16144; EAN: 828021614422 Kirchenmusik im 20. Jahrhundert \u2013 das ist ein problematisches Kapitel. 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