{"id":1264,"date":"2016-10-29T16:52:21","date_gmt":"2016-10-29T14:52:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1264"},"modified":"2016-10-29T16:52:21","modified_gmt":"2016-10-29T14:52:21","slug":"unverbrauchte-frische","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/29\/unverbrauchte-frische\/","title":{"rendered":"Unverbrauchte Frische"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Rebekka Hartmann und Margarita Oganesjan spielen am 28. Oktober 2016 im Konzertsaal des Freien Musikzentrums M\u00fcnchen Quatre Pi\u00e8ces de Clavecin von Jean-Philippe Rameau in neuer Instrumentierung von Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe, die zehnte Violinsonate von Ludwig van Beethoven G-Dur Op. 96 sowie die Sonate A-Dur von C\u00e9sar Franck.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Freie Musikzentrum M\u00fcnchen ist in Insider-Kreisen schon l\u00e4ngere Zeit zu einer Art Wohnzimmer f\u00fcr qualitativ hochwertige klassische Konzerte avanciert. So wird auch heute wieder in famili\u00e4rer Runde ein beeindruckendes Konzertprogramm mit herausfordernden Werken von herausragenden Musikern dargeboten: Rebekka Hartmann und Margarita Oganesjan spielen Werke von Rameau (in Bearbeitung von Ysa\u00ffe), Beethoven und Franck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden jungen Musikerinnen legen sich kein barockes Korsett an in den von Ysa\u00ffe f\u00fcr Violine und Klavier instrumentierten Quatre Pi\u00e8ces de Clavecin, die urspr\u00fcnglich der Feder Jean-Philippe Rameaus entstammen. Mit funkenspr\u00fchender Lebendigkeit und hinrei\u00dfendem t\u00e4nzerischen Frohmut erhalten die vier St\u00fccke eine gl\u00e4nzende Leichtigkeit. Erstaunlich zur\u00fcckhaltend und innig hingegen wird der Kopfsatz von Beethovens viers\u00e4tziger G-Dur-Violinsonate Op. 96 genommen, hier bezaubern aufrichtige Empfindung und verhaltene Zartheit. Vor allem im zweiten Satz scheint es beinahe, als w\u00fcrde die Zeit stillstehen, bis einen das fidele Scherzo wieder in eine vollkommen andere Welt katapultiert. Nach der Pause gibt es noch die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Violinsonate C\u00e9sar Francks in A-Dur, ein wahrlich monstr\u00f6ses Werk, welches die meisten Ausf\u00fchrenden vor strukturell schier unl\u00f6sbare Aufgaben stellt. Vom ersten Moment an brodelt es f\u00f6rmlich, wenn Margarita Oganesjan ihr nebelverhangenes Klaviervorspiel beginnt, und wenn Rebekka Hartmann zum ersten Strich ansetzt. Es beginnt eine fesselnde Reise, die den H\u00f6rer durch harmonisch dicht verzweigte Passagen f\u00fchrt, durch virtuose &#8211; doch zugleich nie rein \u00e4u\u00dferliche &#8211; Lawinen von unb\u00e4ndiger Energie und durch einf\u00fchlsame Kantilenen in selten erreichter Sch\u00f6nheit. Auch hier verliert der H\u00f6rer jegliches Gef\u00fchl von Dauer und ist direkt \u00fcberrascht, wenn nach gut drei\u00dfig Minuten &#8222;schon&#8220; das Ende erreicht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweimal bisher durfte ich, schon vor l\u00e4ngerer Zeit, die beiden Solistinnen gemeinsam erleben und war dort bereits beeindruckt von ihrem fabelhaft abgestimmten Zusammenspiel und ihren musikalischen F\u00e4higkeiten. Doch ihre heutige Darbietung ist noch einmal eine Steigerung gegen\u00fcber allem bisher geh\u00f6rten: Die Musikerinnen spielen nicht nur zusammen, sie atmen zusammen, f\u00fchlen zusammen und denken scheinbar auch zusammen &#8211; alles ist in einer unzertrennbaren Einheit, die \u00dcberg\u00e4nge zwischen den Instrumenten geschehen so unmittelbar flie\u00dfend, dass die Umbruchsstelle oft kaum erkennbar ist, an welcher der Wechsel gerade stattfand. Rebekka Hartmann f\u00fchrt dem Vibrato wieder seine urspr\u00fcngliche Rolle zu: Als st\u00e4rkstes Mittel des Ausdrucks mit entsprechend sparsamer Verwendung und nicht als omnipr\u00e4sentes Obligo f\u00fcr jeden Ton. Ihr Spiel zeichnet sich durch lebendiges Gef\u00fchl und geschmeidigen Ausdruck aus, der sich von jeder Mechanisierung befreit hat und nun ungezwungene Bahnen wandeln kann. Margarita Oganesjan spielt mit einem markanten und doch orchestralen, warmen Anschlag, dem auch eine gewisse Weichheit nicht fehlt. Und flexibler als je zuvor passt sie sich jedem von der Musik verlangten Ausdruck an, singt geigerisch in den Kantilenen, perlt spielerisch in den virtuosen Passagen und mischt durch genauestes H\u00f6ren ihre Akkorde pr\u00e4zise ab. Das Resultat dieses Zusammenspiels ist eine unverbraucht frische Darbietung von drei unterschiedlichen Werken aus verschiedensten Epochen. Diese w\u00fcrden zweifelsohne mehr H\u00f6rer verlangen als die wenigen Anwesenden, die den ohnehin kleinen Konzertsaal des Freien Musikzentrums nicht einmal zur H\u00e4lfte f\u00fcllten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rebekka Hartmann und Margarita Oganesjan spielen am 28. Oktober 2016 im Konzertsaal des Freien Musikzentrums M\u00fcnchen Quatre Pi\u00e8ces de Clavecin von Jean-Philippe Rameau in neuer Instrumentierung von Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe, die zehnte Violinsonate von Ludwig van Beethoven G-Dur Op. 96 sowie die Sonate A-Dur von C\u00e9sar Franck. 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