{"id":1304,"date":"2016-11-16T18:00:31","date_gmt":"2016-11-16T17:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1304"},"modified":"2016-11-13T15:51:11","modified_gmt":"2016-11-13T14:51:11","slug":"musik-fuer-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/11\/16\/musik-fuer-die-zukunft\/","title":{"rendered":"Musik f\u00fcr die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Henri Dutilleux (1916-2013): Sur le m\u00eame accord; Les citations; Myst\u00e8re de l\u2019instant; Timbres, espace, mouvement (ou \u201eLa nuit etoil\u00e9e\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seattle Symphony; Ludovic Morlot, Dirigent; Augustin Hadelich, Violine; Mahan Esfahani, Cembalo; Chester Englander, Cimbalom; Mary Lynch, Oboe; Jordan Anderson, Kontrabass; Michael A. Wernern, Perkussion<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SSM1012; EAN: 8 55404 00 6512<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Ulrich0047.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1305\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1305\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Ulrich0047-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"359\" height=\"311\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Ulrich0047-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Ulrich0047-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Ulrich0047.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 359px) 100vw, 359px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gro\u00dfer Einzelg\u00e4nger, das war er, der franz\u00f6sische Komponist Henri Dutilleux. Er lebte zur\u00fcckgezogen auf einer kleinen Seine-Insel mitten in Paris. Moden, Mainstream, die Haute vol\u00e9e, all das interessierte ihn wenig. Seine Kompositionen sind h\u00e4ufig von Themen aus der Malerei angeregt, wie z. B. \u201eTimbres, espace, mouvement\u201c vom entsprechenden Bild des Sternenhimmels von Vincent van Gogh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste St\u00fcck auf dieser faszinierenden CD ist ein Nocturne, f\u00fcr dessen Ausarbeitung\u00a0 Dutilleux 15 Jahre von der Idee bis zur fertigen Fassung ben\u00f6tigte \u2013 er war ein von Selbstzweifeln geplagter Sch\u00f6pfer, der viele seiner fr\u00fchen Kompositionen radikal vernichtete. Augustin Hadelich ist der exzellente Solist, und ich erinnere mich mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen an die Einspielung der beiden Violinkonzerte von Sibelius und Thomas Ad\u00e8s vor einiger Zeit mit dem Dirigenten Hannu Lintu. Auch bei diesem St\u00fcck von Dutilleux \u2013 es ist Ann- Sophie\u00a0 Mutter gewidmet &#8211;\u00a0 ist die Solopartie bei Hadelich in besten (musikalischen) H\u00e4nden. Die Intensit\u00e4t der Dutilleux\u2019schen Klangsprache ist bezwingend, die Eigenst\u00e4ndigkeit seiner Musik \u2013 weitab von jeder Mode wie \u201eseriell\u201c oder \u201eatonal\u201c zeigt einmal mehr, warum ihn z. B. Sergiu Celibidache f\u00fcr einen der drei besten Komponisten des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Booklet ist zu entnehmen, dass das Orchester aus Seattle unter seinem Dirigenten\u00a0 Ludovic Morlot sich sehr ausf\u00fchrlich in seinen Programmen mit Neuer Musik befasst und es auch als seine Aufgabe ansieht, sie dem Konzertpublikum \u2013 ob jung oder alt \u2013 nahezubringen. Dass es dabei von vielen G\u00f6nnerinnen und G\u00f6nnern unterst\u00fctzt wird, ist ein Tradition in der amerikanischen Kulturszene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Quartett \u201eLes citations\u201c ( die Zitate) f\u00fcr Oboe, Cembalo, Kontrabass und Perkussion ist nicht nur wegen seiner ausgefallenen Besetzung h\u00f6renswert. Als \u201ecomposer in residence\u201c\u00a0 im Sommer 1985 in\u00a0 Aldeburgh (dem Festival, das Benjamin Britten zusammen mit Peters Pears ins Leben gerufen hatte) schrieb Dutilleux den Beginn, aber erst f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter war das St\u00fcck seinen Anspr\u00fcchen entsprechend fertig. Es zitiert nicht nur den jungverstorbenen Jehan Alain (1911-1940) \u2013 in der Art des Renaisssance-Komponisten Clement Janequin (1485-1558) \u2013, sondern auch Benjamin Brittens Oper \u201ePeter Grimes\u201c. Von langsamen und zarten T\u00f6nen bis hin zu jazzm\u00e4\u00dfigen, rhythmisch vertrackten Passagen ist das fast 14 Minuten lange Kammermusikwerk ein avanciertes Meisterst\u00fcck. Und in den H\u00e4nden der im Orchester mitspielenden vier Solisten bestens aufgehoben. Mit jedem Anh\u00f6ren gewinnt es an Tiefe und Bedeutung. \u201eGut Ding will Weile haben\u201c, k\u00f6nnte einer von Dutilleux\u2019s Wahlspr\u00fcchen gewesen zu sein. \u201eEs ist kein Scherz, Musik zu schreiben. Tiefe ist\u00a0 dazu n\u00f6tig: eine Art Mystik\u201c, beschrieb er seinen Arbeitsprozess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Paul Sacher, Anreger und Nestor der Neuen Musik, dem viele Meisterwerke der Moderne ihre Entstehung verdanken, geh\u00f6rte zu Dutilleux\u2019s \u201eAuftraggebern\u201c Seine Komposition \u201eMyst\u00e8re de l\u2019instant\u201c (Das Geheimnis des Augenblicks) von 1989 war eine der letzten, von Paul Sacher angeregten Kompositionen. \u00dcber die Einzelheiten dieses f\u00fcr\u00a0 Streicher, Perkussion und Cimbalom geschriebenen Werkes gibt das Booklet informativ Auskunft, wenn auch nur auf Englisch. Das Werk verwendet Noten des Namens \u201eSacher\u201c und besteht aus 10 aufeinanderfolgenden kurzen, quasi improvisatorischen St\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anregung zur vierten Komposition auf dieser CD geht auf den Cellisten Mstislav Rostropovich zur\u00fcck und nat\u00fcrlich auf das ber\u00fchmte Bild von Vincent van Gogh \u201eDie Sternennacht\u201c mit den bewegten Sternen und den Zypressen vor dem tiefblauen Firmament. Der erste und dritte Teil entstanden 1978, bevor Dutilleux 1991 ein Zwischenspiel einf\u00fcgte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e9buleuse, Interlude und Constellations hei\u00dfen die drei S\u00e4tze. Vom tiefsten bis zum h\u00f6chsten Ton des Orchesters, durch alle m\u00f6glichen melodischen, arabeskengleichen , rhythmischen und klanglichen Kombinationen, ist das Werk ein ganz eigenes Faszinosum in der Geschichte der Neuen Musik. Und l\u00e4sst h\u00f6rbar werden, wie weit sich Henri Dutilleux von allen \u201eStr\u00f6mungen\u201c \u2013 denen er stets aufgeschlossen gegen\u00fcber stand \u2013 frei machte und sich mit seiner ureigenen, unvergleichlichen Musiksprache in seiner Art und immer wieder\u00a0 von Zweifeln und Umarbeitungen gepr\u00e4gten Weise als einer der spannendsten und wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts weiterentwickelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufnahme, teils konzertant, teils in Studio-Sessions entstanden, ist die Begeisterung der Musiker, des Dirigenten, aller Beteiligten deutlich anzuh\u00f6ren. Auch bei leisesten oder lautesten, vollt\u00f6nendsten\u00a0 Kl\u00e4ngen ist die instrumentale Perspektive jeder einzelnen Stimme klar und deutlich eingefangen. Obwohl es keineswegs \u201eeasy listening\u201c ist, wenn es um die Musik von Henri Dutilleux geht: der Gewinn, der von diesen \u201eKl\u00e4ngen\u201c ausgeht, wirkt nachhaltig und ist eine grandiose Bereicherung des eigenen H\u00f6rens.<\/p>\n<p><strong>[Ulrich Hermann, November 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henri Dutilleux (1916-2013): Sur le m\u00eame accord; Les citations; Myst\u00e8re de l\u2019instant; Timbres, espace, mouvement (ou \u201eLa nuit etoil\u00e9e\u201c) Seattle Symphony; Ludovic Morlot, Dirigent; Augustin Hadelich, Violine; Mahan Esfahani, Cembalo; Chester Englander, Cimbalom; Mary Lynch, Oboe; Jordan Anderson, Kontrabass; Michael A. 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