{"id":1321,"date":"2016-11-23T23:37:39","date_gmt":"2016-11-23T22:37:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1321"},"modified":"2016-11-23T23:38:53","modified_gmt":"2016-11-23T22:38:53","slug":"hoeher-schneller-weiter-vier-junge-pianisten-beim-muenchner-prokofev-klaviersonaten-marathon","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/11\/23\/hoeher-schneller-weiter-vier-junge-pianisten-beim-muenchner-prokofev-klaviersonaten-marathon\/","title":{"rendered":"H\u00f6her, schneller, weiter \u2013 Vier junge Pianisten beim M\u00fcnchner Prokof\u2019ev-Klaviersonaten-Marathon"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-631\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-631 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glichst viel m\u00f6glichst billig \u2013 das scheint beim M\u00fcnchner Publikum nicht zu ziehen. Aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, die Philharmonie im Gasteig war kaum zur H\u00e4lfte besetzt beim Prokof\u2019ev-Klaviersonaten-Marathon im Rahmen des Festivals MPHIL 360\u00b0. Vielleicht ist \u201aMarathon\u2018 nicht unbedingt die geschickteste Vokabel, um dem Publikum ein Konzertereignis schmackhaft zu machen. Ich habe die zwei Konzerte am Samstag Nachmittag, bei denen vier Pianisten das gesamte Klaviersonaten-\u0152uvre Prokof\u2019evs spielten, jedenfalls nicht als Marathon empfunden. Das liegt an der Vielgestaltigkeit und dem Abwechslungsreichtum innerhalb des Prokof\u2019evschen Sonatenschaffens, das zugleich seinen Autor nie verleugnet. Es zeichnet fast die gesamte Biographie des Komponisten nach und daneben auch ein gutes St\u00fcck Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist ein wahrer Kosmos, der in mehrerlei Hinsicht einzigartig dasteht und in pianistischer Schwierigkeit, kompositorischer Originalit\u00e4t und Konsequenz h\u00f6chstens noch mit Skrjabins zehn Sonaten zu vergleichen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den sportlichen Aspekt brachten dann aber doch die Interpreten hinein: allesamt junge M\u00e4nner der Marke No-Name, wenn man das Pianisten-Business global betrachtet, hungrig nach Profilierung im harten Gesch\u00e4ft, voller Enthusiasmus und sicher auch Testosteron, was die Veranstaltung in einen wahren Pianistenkrieg verwandelte. Und man vergleicht dann doch immer. \u201aH\u00f6her, schneller, weiter\u2018 schien auch das Motto ihrer Interpretationen zu sein. Kein Satz, der nicht im Maximaltempo und mit maximalem Wumms genommen wurde, ein piano ohne Pathos gab es diesen Nachmittag einfach nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Pianist des Nachmittags, Dmitry Masleev kam, sah und pedalisierte. Sobald er mit gro\u00dfer Zielsicherheit am Fl\u00fcgel platzgenommen hatte, stand sein Fu\u00df schon auf dem rechten Pedal und blieb dort auch f\u00fcr den Rest seiner Darbietung. Die Sonaten eins bis drei waren dann auch wie aus einem Guss. Nach der nur eins\u00e4tzigen Nummer eins vergisst das Publikum zu klatschen. Egal, weiter. Bitte, mich nicht falsch zu verstehen: Da sa\u00df kein schlechter Pianist, ganz im Gegenteil. Stupende Fingertechnik verlor sich aber in einer Klangwolke, \u00fcber die sich nur einzelne Sforzato-Spitzen vernehmbar zu erheben vermochten. Das liegt vielleicht auch daran, dass ausschlie\u00dflich Fingertechnik zum Einsatz kam und all die M\u00f6glichkeiten, die der Pianistenk\u00f6rper vom Handgelenk an sonst noch bietet, ungenutzt blieben. Seine St\u00e4rken spielte Masleev aus, wo es grotesk und abgr\u00fcndig wird, wie im Scherzo der zweiten Sonate und vor allem in deren Schlusssatz \u2013 da ist bereits alles da, was Prokof\u2019ev ausmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Scarlatti schoss aber den Vogel ab. Man traute seinen Ohren kaum, dieser Scarlatti k\u00f6nnte Prokof\u2019evs Bruder sein: keinerlei Unterschied, ungebremste Wucht. Man meinte nicht Domenico zu h\u00f6ren, sondern irgendeinen Herrn Scarlatti vom Roten Platz. \u00dcberhaupt, das ist auch so ein diskussionsw\u00fcrdiger Punkt: die Programmplanung, die den Prokof\u2019ev-Nachmittag mit Scarlatti-Sonaten durchspickte, welche einst als Einspiel-\u00dcbung von Vladimir Horowitz geschm\u00e4ht wurden. Es war wohl kaum so, dass vier Pianisten mit der Idee kamen, dass ein jeder Scarlatti als Zugabe spielen k\u00f6nnte. Vielmehr wird sich ein Hei\u00dfsporn von einem Konzertdramaturgen gedacht haben: Hey, das w\u00e4re doch cool, wenn wir auch noch Scarlatti spielten. Wer bei Verstand ist, den wird die Frage nicht mehr loslassen, was das soll. Aufmerksamkeit um jeden Preis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, im Ernst: Die Prokof\u2019evsche Wucht verlangt ja schon nach Abwechslung, w\u00e4re wahrscheinlich ohne sie viel schwerer zu ertragen. Und die Scarlatti-Sonaten waren auch ein Lackmustest, der die verschiedenen (oder auch \u00e4hnlichen) Temperamente der vier Pianisten offenbarte. Und doch wurde es mit jeder Scarlatti-Sonate langweiliger, im Schatten der Prokof\u2019evschen Komplexit\u00e4t verblassten sie ziemlich schnell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonaten eins bis sechs bilden einen unentrinnbaren Abw\u00e4rtssog aus, unterbrochen h\u00f6chstens von der f\u00fcnften. Dem amerikanischen Pianisten George Li fiel die etwas unangenehme Aufgabe zu, zwei geradzahlige Sonaten aus dieser Gruppe zu interpretieren. Ich notiere meine n\u00e4chste Frage an die Programm-Dramaturgie, die mich besch\u00e4ftigt: wieso die zusammengeh\u00f6rende dritte und vierte Sonate auseinandergerissen wurden. Die merkw\u00fcrdig zur\u00fcckgenommene vierte ist leider die wohl am wenigsten eing\u00e4ngige der Sonaten Prokof\u2019evs. Es folgte die sechste, eine der l\u00e4ngsten und schwersten, wenn sich das \u00fcberhaupt \u00fcber eine im Prokof\u2019ev-Kosmos sagen l\u00e4sst. Der Pianist schuftete sich durch diese Herkulesaufgabe mit bravour\u00f6ser Meisterschaft, die keinen Wunsch offen l\u00e4sst. Anschlie\u00dfend kommt sein Scarlatti so perlend daher wie ein Mozart, so wie er eben sein soll, als h\u00e4tte es die gerade erst verklungenen Monstrosit\u00e4ten nie gegeben. Das ist fast zu viel der Perfektion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lukas Geniu\u0161as gibt am Klavier ein imposantes Bild ab. Sein Spiel ist nicht unbeteiligt, doch ungemein geerdet. Mit der f\u00fcnften Sonate kommt Prokof\u2019ev dem am n\u00e4chsten, was als Westliche Moderne angesehen wird, zu der man aber beispielsweise auch Karol Szymanowski z\u00e4hlen m\u00fcsste. Sie ist von geradezu qu\u00e4lender, unerbittlicher Klarheit und Geniu\u0161as spielt sie nicht ohne die erforderliche Sch\u00e4rfe. Apropos Klarheit: seiner h\u00f6chst ausdifferenzierten Pedaltechnik ist zu verdanken, dass kein einziger Ton unter den Tisch f\u00e4llt, sondern dass ein jeder plastisch dasteht. Auch er begn\u00fcgt sich f\u00fcr sein Spiel vorwiegend mit der Aktivit\u00e4t der Fingerspitzen, doch da wo es erforderlich wird, scheint er rhythmisch auf der Klavierbank auf und ab zu hopsen, mit seinem ganzen Gewicht in die Tasten gelehnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Satz der siebten Sonate, Mitten im Krieg entstanden, bringt Rhythmen einer verkehrten Welt. Selbst den ber\u00fchmten Precipitato-Satz spielt Geniu\u0161as so locker-flockig, dass man sich irgendeinen Widerstand herbeiw\u00fcnscht, nicht aus Geh\u00e4ssigkeit, sondern weil sich am Widerstand bekanntlich die Kr\u00e4fte entfalten \u2013 man m\u00f6chte nur zu gerne wissen, wohin die volle Entfaltung noch f\u00fchren k\u00f6nnte. Der Jubel des Publikums entlockt ihm nur ein betont entspanntes L\u00e4cheln, so als m\u00f6chte er uns sagen, dass er gleich mit den n\u00e4chsten zwei Sonaten weitermachen k\u00f6nnte. Wie die meisten jungen Pianisten dieser Liga k\u00f6nnen sich unsere vier Kandidaten damit r\u00fchmen, renommierte Wettbewerbe wie den \u010cajkovskij-Wettbewerb \u2013 im Falle von Geniu\u0161as auch den Chopin-Wettbewerb \u2013, aus der N\u00e4he erlebt oder gewonnen zu haben. Geniu\u0161as erscheint mir noch in dieser Gesellschaft als Ausnahme-Talent, vor allem aufgrund der Pr\u00e4zision seines Spiels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der [f\u00fcr Emil Gilels komponierten] achten Sonate beginnt bereits eine Retrospektive: alles scheint irgendwie im Modus des Uneigentlichen ausgesprochen. Der polternde Schluss der achten Sonate w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig gewesen, er wirkt wie angen\u00e4ht. Im ersten Satz hat Prokof\u2019ev als Schluss ein Entschweben nach oben hin \u2013 hier noch augenzwinkernd \u2013 erprobt und dann im zweiten Satz der neunten erneut angewandt. Die neunte Sonate mit ihrem nach au\u00dfen gekehrten Neoklassizismus ist weder als bewusster Schlusspunkt noch als ein Ausrufezeichen konzipiert. Sie f\u00fchrt den Weg fort, der mit den letzten drei Sonaten er\u00f6ffnet wurde, nicht unbedingt zu noch mehr Virtuosit\u00e4t, sondern zu noch gr\u00f6\u00dferer Verinnerlichung \u2013 so das nicht paradox klingt \u2013, zu einer schlafwandlerischen Sicherheit der weiten B\u00f6gen, kurz zu gr\u00f6\u00dferer kompositorischer Qualit\u00e4t. Der Interpret dieser Glanzlichter hei\u00dft Sergej Redkin, ein ganz anderes Temperament diesmal, er wirkt wie ein schlaksiger Junge. Noch den Scarlatti spielt er mit einer Art nerv\u00f6ser Feinheit als handele es sich um eine der traumartigen Offenbarungs-Musiken des fin de si\u00e8cle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im direkten Vergleich braucht es eine besondere Individualit\u00e4t, um sich von den anderen Pianisten, die auch alle ganz hervorragend sind, abzuheben. Sicherlich ist ein solcher Vergleich ungerecht, denn wann teilt sich ein Pianist schon ein Solo-Programm in einem Konzert mit seinem Kollegen. In einem Soloprogramm allein w\u00e4ren vielleicht ganz andere Qualit\u00e4ten aufgefallen. W\u00fcrde die Qualit\u00e4t von Musik an der Anstrengung f\u00fcr alle Beteiligten gemessen, dann w\u00e4re es ein gro\u00dfartiges Konzertereignis gewesen. Nicht, dass man h\u00e4tte Tiefe missen m\u00fcssen, dass uns mit dieser gro\u00dfen Musik nicht gro\u00dfe Fragen gestellt w\u00fcrden, aber letzten Endes war es mehr eine Pianisten-Show als alles andere, was auch am sportlichen Zugriff der jungen M\u00e4nner auf die Werke liegt. Die Mitschnitte sind auf medici.tv online, sodass sich jeder selbst ein Bild (freilich abz\u00fcglich der live vorhandenen Konzertsaalatmosph\u00e4re) machen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[David Vondr\u00e1\u010dek, November 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00f6glichst viel m\u00f6glichst billig \u2013 das scheint beim M\u00fcnchner Publikum nicht zu ziehen. Aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, die Philharmonie im Gasteig war kaum zur H\u00e4lfte besetzt beim Prokof\u2019ev-Klaviersonaten-Marathon im Rahmen des Festivals MPHIL 360\u00b0. Vielleicht ist \u201aMarathon\u2018 nicht unbedingt die geschickteste Vokabel, um dem Publikum ein Konzertereignis schmackhaft zu machen. 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