{"id":1325,"date":"2016-11-25T22:20:02","date_gmt":"2016-11-25T21:20:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1325"},"modified":"2016-11-30T16:53:24","modified_gmt":"2016-11-30T15:53:24","slug":"substanzielle-begegnungen-mit-einem-jahrhundertgenie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/11\/25\/substanzielle-begegnungen-mit-einem-jahrhundertgenie\/","title":{"rendered":"Substanzielle Begegnungen mit einem Jahrhundertgenie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Agora Darmstadt, ISBN: 3-87008-026-4<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0072.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1326\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1326 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0072-225x300.jpg\" alt=\"0072\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0072-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0072-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist er nur noch wenigen als Pianist ein Begriff, noch mehr als Komponist zu Unrecht beinahe vollst\u00e4ndig vergessen und so gut wie nie aufgef\u00fchrt: Die Rede ist von Eduard Erdmann. Legend\u00e4r sind seine uns hinterlassenen Aufnahmen, unter anderem von Schubert, Schumann, Mozart, Beethoven und Mussorgsky, die in einer unerreichten Phrasierung und Nat\u00fcrlichkeit ergl\u00e4nzen, in denen jede Stimme ein eigenst\u00e4ndiges Leben f\u00fchrt und sein Spiel in orchestral anmutende Sph\u00e4ren vordringen l\u00e4sst. Seine eigenen Werke, die zweifelsohne zum Substanziellsten der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts geh\u00f6ren, begeistern durch ihre schl\u00fcssige Formgestaltung, die einen unterbrechungslosen Spannungsbogen bilden, und durch energetisch ausgefeilte Melodielinien, welche in freier Tonalit\u00e4t an die Grenzen des Erfassbaren und Spielbaren gehen, doch von feinen Musikern zu ungeheuerlicher Wirkung gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Aufnahmen gibt es leider wenige, erh\u00e4ltlich sind haupts\u00e4chlich einige in mangelhafter Qualit\u00e4t von Israel Yinon eingespielte Orchesterwerke (an die \u00e4lteren, vermutlich weitaus besseren Aufnahmen der 50er- und 60er-Jahre konnte ich nicht gelangen) \u00a0&#8211; eine Renaissance in v\u00f6llig neuem, probenintensivem und musikalisch reflektiertem Herangehen ist dringend notwendig!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 10. Todestag Eduard Erdmanns widmeten Freunde, Sch\u00fcler und Verehrer dem K\u00fcnstler und seiner Frau Irene 1968 das Buch &#8222;Erinnerungen an Eduard Erdmann&#8220;, gesammelt und herausgegeben von Manfred Schl\u00f6sser und Christoph Bitter bei Agora Darmstadt. Es enth\u00e4lt verschiedenartigste Beitr\u00e4ge \u00fcber Erdmanns Pers\u00f6nlichkeit, sein Schaffen als Komponist und Wirken als Pianist sowie als Lehrer, zudem finden sich eigene Texte und Briefe von dem und an den K\u00fcnstler, der Text &#8222;Die Mama stirbt&#8220; von Irene Erdmann sowie ausf\u00fchrliche Anh\u00e4nge inklusive Werk- und Aufnahmeverzeichnis. Die Beitragenden sind: Manfred Schl\u00f6sser, Christoph Bernoulli, Heinz Tiessen, Ernst Krenek, Hans Ornstein, Albert Schulze-Vellinghausen, Viktor Achter, Ernst Lehmann-Leander, Sava Savoff, Marianne Savoff, Philipp Jarnach, Gert Kroeger, Max Rychner, Volker Scherliess, Rudolf Bauer, Frank Wohlfahrt, Paul Baumgartner, Karl Grebe, Arthur Willner, Oscar Bie, Walter J. R. Turner, Robert Oboussier, Josef M\u00fcller-Marein, Christof Bitter, Carl Seemann, H. Schmidt-Isserstedt, Helmuth Wirth, Karl Lenzen, Hilde Langer-R\u00fchl, Astrid Schmidt-Neuhaus, Alfons Kontarsky, Aloys Kontarsky, Hans Eckart Besch, Karl H. Girgensohn und J\u00fcrgen Klodt. Briefkonversationen wurden gef\u00fchrt mit Hans J\u00fcrgen von der Wense, Artur Schnabel, Ernst Krenek, Alban Berg, Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Yrj\u00f6 Kilpinen, Hans Pfitzner sowie Max Rychner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Spanne reicht von guten bis hin zu das Gros bildenden au\u00dfergew\u00f6hnlich fantastischen Beitr\u00e4gen, und mit jedem Artikel erg\u00e4nzt sich das Bild dieses einzigartigen Menschen, Komponisten und Musikers mehr. Am Ende wird man beinahe glauben, selbst ein Bekannter von Eduard Erdmann gewesen zu sein. Kaum ein Geheimnis bleibt unangetastet, der Leser erf\u00e4hrt von Erdmanns eigenwilliger Mutter, von seinen ersten Erfahrungen auf dem Podium, von seiner Leidenschaft als B\u00fcchersammler und seiner allumfassenden Gebildetheit, von gemeinsamen Reisen; Ebenfalls nicht vorenthalten werden dem Leser zeitgen\u00f6ssische Konzertkritiken, Gedenkworte und \u00e4hnliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerne w\u00fcrde ich auf jeden Artikel gesondert eingehen, denn beinahe jeder w\u00e4re es wert, doch w\u00fcrde dies den Rahmen der Besprechung sprengen. Besonders hervorheben m\u00f6chte ich allerdings den gro\u00dfen Beitrag &#8222;Eduard Erdmann in seiner Zeit&#8220; von dessen Lehrer, dem fantastischen Komponisten und ebenso \u00fcberragenden Musiktheoretiker Heinz Tiessen, der Erdmann um dreizehn Jahre \u00fcberlebte und somit am Anfang (Erdmann kam mit neunzehn zu ihm) wie am Ende von dessen Karriere Zeuge war &#8211; und alles dazwischen liegende auf eloquenteste Weise niederschrieb. Bemerkenswert sind auch die Texte von Erdmanns Komponistenkollegen Ernst Krenek und Philipp Jarnach, die besondere Einblicke gew\u00e4hren. Neben den eigenen Texten auch eine wahre Pflichtlekt\u00fcre ist der in gehobener Prosa geschriebene Text &#8222;Die Mama stirbt&#8220; von Irene Erdmann, hier wird noch das letzte Geheimnis aus der Familiengeschichte Erdmanns angesprochen. Nicht zuletzt nat\u00fcrlich entscheidend sind die Texte von Erdmanns Sch\u00fclern, wie er im Unterricht gearbeitet hat, auf was er wert legte und wie seine Vorstellung von lebendigem Klavierspielen war, wie \u00fcberhaupt er sich die Musik erarbeitet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurzum, das Bild ist allumfassend, das der Leser dieser Lekt\u00fcre von Eduard Erdmann erh\u00e4lt, und es ist auf vielerlei Ebenen \u00e4u\u00dferst lehrreich. Es sollte Pflichtlekt\u00fcre sein f\u00fcr alle Pianisten und Musiker, denen es nicht nur um rein technische Bew\u00e4ltigung der Musik geht, denn gerade hier wird ein unweigerlicher Unterschied bemerkbar. Auch allgemein ist dieses Buch w\u00e4rmstens zu empfehlen, hier lernt man einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen, einzigartigen Menschen kennen, der sich allen Konventionen entzieht und eines verk\u00f6rperte, was nur die wenigsten von sich tats\u00e4chlich behaupten k\u00f6nnen: einen wahren K\u00fcnstler und gro\u00dfen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2016]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><strong>Anmerkung:<\/strong> &#8222;Begegnungen mit Eduard Erdmann&#8220; ist beinahe ausverkauft, im freien Handel ist die Literatur nur selten zu finden. Restexemplare der 3. Auflage gibt es f\u00fcr \u00a020.-\u20ac {keine BpB}, nur direkt vom Agora Verlag, Nollendorfstr. 28, 10777 Berlin, E-mail: agora-<a class=\"\" href=\"mailto:verlag@gmx.de\">verlag@gmx.de<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agora Darmstadt, ISBN: 3-87008-026-4 Heute ist er nur noch wenigen als Pianist ein Begriff, noch mehr als Komponist zu Unrecht beinahe vollst\u00e4ndig vergessen und so gut wie nie aufgef\u00fchrt: Die Rede ist von Eduard Erdmann. 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