{"id":133,"date":"2015-09-21T13:58:08","date_gmt":"2015-09-21T11:58:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=133"},"modified":"2015-09-21T13:58:08","modified_gmt":"2015-09-21T11:58:08","slug":"kammermusik-in-freimann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/09\/21\/kammermusik-in-freimann\/","title":{"rendered":"Kammermusik in Freimann"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein mannigfaltiges Programm f\u00fcr Violine und Klavier war am 20. September in der Villa Mohr in M\u00fcnchen-Freimann (Situlistra\u00dfe) zu h\u00f6ren. Der Bogen wurde dabei von Isabel Steinbach gef\u00fchrt und an den Tasten agierte der aus Bombay stammende Pianist Pervez Mody, zusammen treten sie als Duo Appassionata auf. Altwiener Tanzweisen von Fritz Kreisler und eine Duobearbeitung von Edvard Griegs Peer Gynt Suite Nr. 1 durch Hans Sitt standen neben Ludwig van Beethovens siebter Violinsonate in c-moll op. 30\/2 und Franz Schuberts Rondeau brillant h-Moll op. 70 auf dem Programm.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine recht eigent\u00fcmliche und doch erstaunlich stimmige Werkreihenfolge bietet der Abend in Freimann auf, Kreislers Altwiener Tanzweisen vor Beethovens ernster &#8222;Grande Sonate&#8220; c-Moll in der ersten H\u00e4lfte und Griegs ber\u00fchmte Peer Gynt Suite Nr. 1 vor dem recht selten dargebotenen Rondo in h-Moll von Schubert nach der Pause sind durchaus interessante Kombinationen von divergierenden Stilsph\u00e4ren. Der schnelle Wechsel zwischen so unterschiedlichen Welten ist eine wahre Herausforderung f\u00fcr die Musiker, die erst kurz vor dem Konzert aus \u00d6sterreich eintreffen. Ganz ohne Anspielprobe, ohne Warm Up m\u00fcssen sie das anspruchsvolle Programm pr\u00e4sentieren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist es nicht verwunderlich, dass Liebesfreud und Liebesleid aus Kreislers Feder noch nicht den Wiener Schwung erhalten, wodurch der Tanzcharakter fast etwas stolpert. Pervez Mody besticht dessen ungeachtet durch eine au\u00dfergew\u00f6hnlich leichtf\u00fc\u00dfige Begleitung in strahlendem Staccato, das zwar an sich viel zu kurz ist, aber in der eleganten Art der Ausf\u00fchrung einen sehr eigenen Charme erh\u00e4lt. Die Violinstimme wirkt dar\u00fcber etwas statisch, ist aber auch durchgehend durchdacht und sanglich gef\u00fchrt. Der k\u00fchne Wechsel zu den d\u00fcstereren Welten von Beethovens Violinsonate Nr. 7 gelingt tats\u00e4chlich und das schlichte Thema begibt sich auf seine Reise durch den technisch \u00e4u\u00dferst delikaten Kopfsatz, in dem beide ihre zweifelsohne brillanten F\u00e4higkeiten unter Beweis stellen k\u00f6nnen. Gerade im ersten Satz muss der H\u00f6rer unweigerlich darauf sto\u00dfen, wie eingespielt diese beiden Musiker sind, jedes Thema wird \u00fcbergangslos vom jeweils anderen Spieler aufgenommen und weitergef\u00fchrt, dynamisch sind sie perfekt aufeinander abgestimmt und auch in der Phrasierung herrscht gro\u00dfe Einigkeit &#8211; was bei allzu vielen Duetts nicht wirklich anzufinden ist. Anzumerken ist hier nur, dass beide Musiker immer wieder der heute sehr beliebten Mode verfallen, gegen jede Verstellung von nat\u00fcrlichem Spannungsaufbau die Aufl\u00f6sung einer Linie ebenso wie die Taktschwerpunkt oft ungeachtet ihrer kontextuellen Bedeutung zu akzentuieren. Nach einem ziemlich unstetigen und vielerorts zu sehr nach vorne dr\u00e4ngendem (von Anfang an bereits zu eiligen) Adagio rei\u00dft das Duo Appassionata in Scherzo und Finale mit. Pervez Mody erweist sich als so geschmeidiger Begleiter, so dass sich Isabel Steinbach vollends auf dieser hervorragenden Grundlage entfalten kann, sein Spiel ist auch in den zerkl\u00fcftetsten Passagen rein und durchsichtig mit einer unersch\u00fctterlichen Lockerheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause wird das Programm durch Grieg fortgef\u00fchrt, dessen erste Suite aus der B\u00fchnenmusik zu Peer Gynt von Henrik Ibsen hier in einer Duobearbeitung von Hans Sitt erklingt. Der in Prag geborene Sitt ist heute als Komponist vollkommen in Vergessenheit geraten, abgesehen von kurzen St\u00fcckchen f\u00fcr den Geigenunterricht, eine Entdeckung unter anderem seiner Violinkonzerte oder seines Bratschenkonzerts (er war neben seiner Geigenlehrt\u00e4tigkeit in Leipzig auch als Bratschist im Brodsky-Quartett t\u00e4tig) w\u00e4re sehr w\u00fcnschenswert. Zu lesen ist der Name nur auf Arrangements, viele der international ber\u00fchmten Geigenvirtuosen greifen immer wieder auf seine Bearbeitungen zur\u00fcck (zu nennen beispielsweise Henryk Szeryng, der Nardinis e-moll-Konzert ausschlie\u00dflich in Sitts Fassung spielte). Die Version f\u00fcr Violine und Klavier ist erstaunlich gut gelungen, die Musik erh\u00e4lt eine ausgewogene Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Kr\u00e4ften, zwischen denen die Themen stimmig aufgeteilt sind. Die Morgenstimmung erklingt in der Darbietung des Duos Appassionata noch recht willk\u00fcrlich, die kleinen Ritardandi schm\u00e4lern den Eindruck der aufgehenden Sonne, wobei allerdings im sp\u00e4teren Verlauf das Tempo so stark beschleunigt, dass von einer Morgenidylle nicht mehr die Rede sein kann. Wesentlich gelungener sind daf\u00fcr vor allem die folgenden St\u00fccke \u00c5ses Tod und Anitras Tanz in all ihren verschiedenartigen Ausdrucksmitteln. Hier zeigt sich, wie stark sich die Instrumentalisten mit der skandinavischen Musik auseinandergesetzt haben &#8211; auch ihr letztes gemeinsames Album enth\u00e4lt Sonaten von Sinding, Gade und Grieg. Das Klangresultat erh\u00e4lt eine spielerische Nat\u00fcrlichkeit und sch\u00e4umt nicht \u00fcber vor falschem Pathos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Finale bildet Schuberts Rondo f\u00fcr Violine und Klavier h-Moll op. 70, das wohl risikoreichste Werk des Abends; so schnell kann die komplexe Struktur zerbrechen und die dramatische Tiefgr\u00fcndigkeit in oberfl\u00e4chliche Virtuosit\u00e4t umkippen. Immerhin gelang es dem Duo, den H\u00f6rer hineinzuziehen in das musikalische Geschehen; dennoch k\u00f6nnen auch sie nicht verhindern, dass der gro\u00dfe Zusammenhang und die potentielle Stringenz dieses viertelst\u00fcndigen Werks teils abglitt und der H\u00f6rer kurzzeitig seinen Halt in der fragilen Welt verliert. Dennoch ist das Rondo durchwegs reflektiert dargeboten und die musikalische Leistung sehr beachtlich, gerade im Vergleich mit vielen teils gro\u00dfen Virtuosen, die aus dem packenden Seelengem\u00e4lde weitaus weniger herauszuholen verm\u00f6gen als Steinbach und Mody. Als Zugabe gibt es erneut Kreisler, diesmal wesentlich schwungvoller und wienerischer als zu Beginn des Abends, und den Brautraub aus der zweiten Peer Gynt-Suite, der durch feine Klangeffekte bet\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Duo Appassionata \u00fcberzeugt den gesamten Abend durch ein \u00e4u\u00dferst fein abgestimmtes Zusammenspiel, das sich in vierzehn Jahren gemeinsamen Wirkens gefestigt hat. Dadurch schleichen sich allerdings auch routinem\u00e4\u00dfig willk\u00fcrliche Elemente mit ein, so beispielsweise genannte \u00dcberakzentuierung von Aufl\u00f6sungen und Taktschwerpunkten oder auch zerfasernde Tempi, welche immer wieder treiben oder unbedacht schwanken, was allerdings angesichts der enormen Musikalit\u00e4t im Spiel der beiden verziehen werden kann. Isabel Steinbach pr\u00e4sentiert sich als technisch ausgereifte Violinistin, die ihr Programm n\u00fcchtern und distanziert betrachtet, sich also zu keiner Zeit von zu Unachtsamkeit lockenden Schw\u00e4rmereien hinrei\u00dfen l\u00e4sst, Pervez Mody hingegen trumpft auf mit ungeahnter Klangkontrolle und -vorstellung sowie seiner entspannten Art des Klavierspiels, bei beiden ist ein feinf\u00fchliges Aufeinander-Eingehen sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, September 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein mannigfaltiges Programm f\u00fcr Violine und Klavier war am 20. September in der Villa Mohr in M\u00fcnchen-Freimann (Situlistra\u00dfe) zu h\u00f6ren. Der Bogen wurde dabei von Isabel Steinbach gef\u00fchrt und an den Tasten agierte der aus Bombay stammende Pianist Pervez Mody, zusammen treten sie als Duo Appassionata auf. 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