{"id":1337,"date":"2016-11-29T23:05:32","date_gmt":"2016-11-29T22:05:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1337"},"modified":"2016-11-29T23:05:32","modified_gmt":"2016-11-29T22:05:32","slug":"unwiderstehlicher-bach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/11\/29\/unwiderstehlicher-bach\/","title":{"rendered":"Unwiderstehlicher Bach"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0073.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1338\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1338\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0073-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"390\" height=\"338\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0073-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0073-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/0073.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der in New York geborene Pianist Murray Perahia spielt f\u00fcr die Deutsche Grammophon auf zwei CDs alle sechs Franz\u00f6sischen Suiten BWV 812-817 von Johann Sebastian Bach ein.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Englischen Suiten, alle Partiten, die Goldberg-Variationen und die Clavier-Konzerte nahm Murray Perahia bereits auf, nun folgt ein weiterer Zyklus, der aufgrund der vergleichsweise geringeren technischen Anforderungen bedauernswerterweise nicht den Stellenwert der anderen genannten Werke hat &#8211; was sich mit dieser Aufnahme wie mit keiner zuvor \u00e4ndern k\u00f6nnte! Frisch von Sony zur Deutschen Grammophon gewechselt, macht sich Perahia an die sechs Franz\u00f6sischen Suiten BWV 812-817 von Johann Sebastian Bach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Werke setzten sich deutlich ab von den Englischen Suiten, welche wahrscheinlich etwas fr\u00fcher entstanden sind: Nicht nur, dass die virtuosen Pr\u00e4ludien wegfallen und daf\u00fcr alle Suiten direkt mit der Allemande beginnen, auch sind die S\u00e4tze allgemein wesentlich filigraner, durchsichtiger und k\u00fcrzer. Die Themen sind teils leichter zu fassen und die gesamte Form ist kompakter. Die fingertechnische Ausf\u00fchrung dieser Suiten mag vielleicht keine gro\u00dfe Herausforderung darstellen, doch ganz anders die musikalische Realisierung der perlenhaften S\u00e4tze, die jeder f\u00fcr sich einen wahren Schatz von singul\u00e4rer Energie und Reinheit darstellen. An den schlichtesten Miniaturen kann man sich Tage lang den Kopf \u00fcber eine Bachs Intentionen nahe kommende Ausf\u00fchrung zerbrechen, sie erfordern den alles integrierenden Fokus auf das Wesentliche und eine absolute Klarheit des Geistes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All das bringt Murray Perahia in seiner neuen Aufnahme mit. Perahia macht keine Show aus Bach, er zielt nicht auf die beeindruckende Oberfl\u00e4che, macht kein Lehrbuch aus seiner Darstellung, er muss keinem was beweisen &#8211; er ist Musik. Selbstdarstellung und ein auf Effekt berechnetes Spiel w\u00fcrde man vergebens suchen, er stellt sich nur in den Dienst von Bach, wor\u00fcber auch die ausf\u00fchrende Instanz des &#8222;Ich&#8220; so klein wie m\u00f6glich gehalten wird. Es sind die Innigkeit und eine beinahe meditative Stille, aus der sich die einzelnen S\u00e4tze heraus entwickeln. Murray Perahia macht nicht, er l\u00e4sst geschehen, l\u00e4sst das Material aus der Keimzelle heraus organisch sich formen, beachtet alle Details und setzt sie doch zu keiner Sekunde einer \u00dcbertreibung aus. Alle Stimmen erhalten ihren rechten Platz in dem dichten Geflecht, keine geht unter und keine dominiert unangemessen. Auch die Wiederholungen tragen zu einer flexibel-organischen Form bei, denn Perahia wiederholt weder starr noch willk\u00fcrlich ver\u00e4ndernd, sondern beh\u00e4lt lebendig den energetischen Gesamtkontext im Auge und spielt &#8211; um die Sache einmal vom H\u00f6hepunkt der jeweiligen Spannungsentwicklung aus zu betrachten \u2013 im Bewusstsein um den vorangegangen Aufbau wie um den folgen werdenden Abbau. Interessant ist, wie Perahia in den Wiederholungen der Sarabanden subtil neue Verzierungen einf\u00fcgt und den T\u00e4nzen so einen noch spanischeren, bodenst\u00e4ndigeren Eindruck verleiht &#8211; wenngleich es gerade in den Moll-Suiten bisweilen etwas \u00fcberladen wirken kann. In allen S\u00e4tzen herrscht eine freudige Leichtigkeit, eine durchsichtige Klarheit und ein innig erf\u00fchlter Impuls, der die Musik aus sich selbst heraus voranschreiten l\u00e4sst. Die Tempi der lebhaften T\u00e4nze sind gerne recht rasch, doch eilen sie nicht davon und bleiben charakteristisch mitvollziehbar; Die ruhigeren Tanzs\u00e4tze erhalten eine sehr innige, beinahe meditative Aura. Einmal in dieser umfassenden Atmosph\u00e4re angekommen, mag man sich als H\u00f6rer kaum wieder davon l\u00f6sen, so verzaubert ein Satz nach dem anderen und l\u00e4sst Zeit und Raum vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der in New York geborene Pianist Murray Perahia spielt f\u00fcr die Deutsche Grammophon auf zwei CDs alle sechs Franz\u00f6sischen Suiten BWV 812-817 von Johann Sebastian Bach ein. 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