{"id":1392,"date":"2016-12-21T23:41:30","date_gmt":"2016-12-21T22:41:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1392"},"modified":"2016-12-21T23:41:39","modified_gmt":"2016-12-21T22:41:39","slug":"gelungene-zusammenstellung-gewichtiger-werke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/12\/21\/gelungene-zusammenstellung-gewichtiger-werke\/","title":{"rendered":"Gelungene Zusammenstellung gewichtiger Werke"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Colin Matthews: Violinkonzert, Cellokonzert Nr. 2, Cort\u00e8ge<br \/>\nBBC Symphony Orchestra, Royal Concertgebouw Orchestra, Riccardo Chailly, Oliver Knussen, Rumon Gamba, Anssi Kartunen (Violoncello), Leila Josefowicz (Violine)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Label: NMC Recordings (Vertrieb: note1), 2016; Art.-Nr.: NMC D227 \/ EAN: 5023363022729<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Grete0019.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1393\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1393\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Grete0019-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"363\" height=\"315\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Grete0019-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Grete0019-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Grete0019.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 363px) 100vw, 363px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Colin Matthews ist in Gro\u00dfbritannien schon seit den 1980er-Jahren eine zentrale Gestalt des Musiklebens. In Deutschland ist er vor allem durch seine \u201eFortsetzung\u201c von Gustav Holsts \u201eDie Planeten\u201c bekannt, die er musikalisch um \u201ePluto\u201c bereicherte \u2013 \u2026dessen astronomische Degradierung zum Zwergplaneten seit den 2000er-Jahren allerdings auch dazu f\u00fchrte, dass Matthews\u2018 Musik-Pluto heute wieder seltener im Zusammenhang mit Holsts ber\u00fchmter Planeten-Suite zu finden ist, als noch in den 1990ern, als fast jede damalige Neueinspielung auch Matthews\u2018 \u201ePluto\u201c als Bonustrack anbot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Gro\u00dfbritannien ist Matthews nicht nur als Komponist sehr bekannt (er studierte u.a. bei Nicholas Maw und Benjamin Britten), sondern auch als Produzent von Tonaufnahmen. Neben seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr namhafte Labels wie Deutsche Grammophon, Warner, BMG, Metronome, Elektra und einige andere hat er auch sein eigenes Label NMC Recordings gegr\u00fcndet, das vor allem britische Komponisten der j\u00fcngsten Moderne vorstellt. Dabei folgt das Label einem interessanten Gesch\u00e4ftsmodell, denn neben dem \u00fcblichen freien Verkauf \u00fcber den station\u00e4ren und den Online-Handel kann man die CDs von NMC auch preisreduziert abonnieren. Dass es sich beim Booklet stets um Digitaldruck handelt und bei der CD meist um eine in Manufacturing on Demand-Technik hergestellte Kleinstauflage verwundert nicht weiter, denn immerhin geht es hier um Musik, die oft erst wenige Jahre auf dem Buckel hat und um Komponisten, die selbst im Heimatland noch nicht viele H\u00f6rer kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nun hat sich Colin Matthews bei seinem eigenen Label einmal selbst etwas geg\u00f6nnt: Sein Violinkonzert (entstanden 2007-2009), seine h\u00e4ufig aufgef\u00fchrte Komposition \u201eCort\u00e8ge\u201c (1989) und sein zweites Cellokonzert (1994-1996) sind Thema des neuen Albums, das mit hervorragenden Interpreten aufwarten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Violinkonzert etwa wird von der Widmungstr\u00e4gerin Leila Josefowicz mit dem BBC Symphony Orchestra unter Leitung Oliver Knussens gespielt. \u201eCort\u00e8ge\u201c erklingt gar durch das Royal Concertgebouw Orkest unter Riccardo Chailly. Und das Mstislaw Rostropowitsch gewidmete Cellokonzert gibt Anssi Karttunen zusammen mit dem BBC Symphony Orchestra unter Rumon Gamba. Die allesamt in vorz\u00fcglicher Klangqualit\u00e4t aufgezeichneten Einspielungen wurden teils live, teils als Studioproduktionen eingefangen. Wie \u00fcblich bei solchen Konstellationen h\u00f6rt man Unterschiede zwischen den einzelnen Aufnahmesessions, was aber nicht weiter ins Gewicht f\u00e4llt. Insgesamt ist der klangliche Eindruck den jeweiligen Umst\u00e4nden entsprechend erfreulich gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Colin Matthews pflegt einen freitonalen Stil mit manchen grundtonbezogenen Elementen und Einfl\u00fcssen aus der Dodekaphonie. Seine Art der Komposition kann man einerseits durchaus konservativ nennen, spr\u00fcht andererseits aber auch vor unkonventionellen Ideen. Auch unge\u00fcbte H\u00f6rer der Neuen Musik finden sich mit dem Gedanken wieder: \u201eDamit kann ich etwas anfangen\u201c, und damit hat Colin Matthews sich und seiner Musik \u00fcber die Jahre ein breites Publikum erobern k\u00f6nnen. Matthews\u2018 Musik erinnert nicht selten an die seines verstorbenen Kollegen Peter Maxwell-Davies, ist aber (nach meinem Empfinden) meistens besser komponiert, vor allem auch in Anbetracht der Orchestrierung. Auch Thomas Ad\u00e8s k\u00f6nnte man als Vergleich heranziehen, doch Matthews hat im Vergleich zu Ad\u00e8s keine Minimal Music-Einfl\u00fcsse, sondern erinnert eher an den Expressionismus der 1920er-Jahre, vor allem an Paul Hindemith oder in seinen Fl\u00e4chen auch an das Werk Gy\u00f6rgy Ligetis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kurz gesagt: Das ist Musik, die man sich gut und mit Vergn\u00fcgen anh\u00f6ren kann. Matthews ist keiner der ganz Gro\u00dfen unserer Zeit, aber er ist eine wertvolle Stimme der Neuen Musik auf der britischen Insel mit eigenem Ansatz und einer Gabe, auch solche Publikumsschichten f\u00fcr sich einzunehmen, die sonst nicht viel mit der aktuellsten Musikmoderne am Hut haben. Immerhin: Das ist mehr, als man von den meisten deutschen Komponisten unserer Zeit behaupten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Violinkonzert ist ein leidenschaftliches Werk, in dem Solistin Leila Josefowicz fast durchg\u00e4ngig im Einsatz ist. Sie liefert eine Glanzleistung ab und beeindruckt durch ihre Energie und ihren sch\u00f6nen Ton, den sie niemals den gro\u00dfen technischen Herausforderungen, die das Konzert an sie stellt, opfern muss. Das BBC Symphony Orchestra ist ein guter Partner, wirkt aber hier und da leicht \u201eunterprobt\u201c, was sich insbesondere in fransigen Streichern \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Klangbolide \u201eCort\u00e8ge\u201c ist hier durch Riccardo Chaillys Dirigat zu h\u00f6ren, der damals Chefdirigent des Concertgebouw Orkest Amsterdam war. Entgegen einiger Informationen, die man im Internet findet, handelt es sich bei dieser Aufnahme aus dem Jahr 1998 nicht um die Urauff\u00fchrung, die bereits zehn Jahre fr\u00fcher durch Bernard Haitink erledigt worden war. Mit seinen wuchtigen Klangclustern und Blechbl\u00e4ser-Crescendi erinnert \u201eCort\u00e8ge\u201c an Matthews\u2018 \u201ePluto\u201c und zeigt einen Komponisten, der sich 1988 in einer Art Post-Serialismus-Phase befand. Das St\u00fcck ist in jeder Hinsicht beeindruckend und wirkt durch seine gewaltigen Klangmassen fast k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar, vor allem dann, wenn man es mit einem der Orchesterperformance entsprechenden Lautst\u00e4rkepegel h\u00f6rt. Das muss ein Erlebnis gewesen sein, damals im akustisch bekannt grandiosen Concertgebouw mit diesem Top-Orchester (h\u00f6rbar ein Qualit\u00e4tssprung zum Sinfonieorchester der BBC!).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Cellokonzert beginnt direkt mit dem Auftritt des Solisten und entfaltet gleich einen ganz hinrei\u00dfenden Charme, der mich wirklich begeistert. Die f\u00fcr Matthews typischen Fl\u00e4chen irisieren in faszinierenden, geradezu Villa-Lobos\u2018schen Klangfarben und steigern sich immer wieder zu dramatischen, packenden H\u00f6hepunkten. Die ebenfalls f\u00fcr Matthews typischen tiefen Blechbl\u00e4ser pusten bemerkenswerte Attacken in den Konzertsaal. Solist Anssi Kartunen geht in dieser Musik voll auf, obwohl dieses schwierige Konzert dem Solisten keine dankbare B\u00fchne zum vordergr\u00fcndigen Brillieren bietet. Immer wieder wird die Solostimme in den Gesamtklang integriert, aus\/in dem sie wellenartig auf- und wieder absteigt. Knifflige Doppelgriffe klingen fahl und schmucklos, sind aber h\u00f6chstwahrscheinlich enorm komplexe Aufgaben f\u00fcr den ausf\u00fchrenden Interpreten. Dieses St\u00fcck ist das am meisten beeindruckende auf dieser insgesamt sehr h\u00f6renswerten CD, und ich halte es auch f\u00fcr eines der besonders sch\u00f6nen Beispiele daf\u00fcr, wie ein modernes Cellokonzert heute klingen und aufgebaut sein kann, ohne abgeschmackte Muster zu bedienen und dabei trotzdem vertraut zu wirken.<\/p>\n<p><strong>[Grete Catus, Dezember 2016]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Colin Matthews: Violinkonzert, Cellokonzert Nr. 2, Cort\u00e8ge BBC Symphony Orchestra, Royal Concertgebouw Orchestra, Riccardo Chailly, Oliver Knussen, Rumon Gamba, Anssi Kartunen (Violoncello), Leila Josefowicz (Violine) Label: NMC Recordings (Vertrieb: note1), 2016; Art.-Nr.: NMC D227 \/ EAN: 5023363022729 Colin Matthews ist in Gro\u00dfbritannien schon seit den 1980er-Jahren eine zentrale Gestalt des Musiklebens. 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