{"id":14,"date":"2015-07-28T19:49:38","date_gmt":"2015-07-28T19:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=14"},"modified":"2015-08-08T00:18:47","modified_gmt":"2015-08-07T22:18:47","slug":"sternstunde-fur-foulds-und-maceratini","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/07\/28\/sternstunde-fur-foulds-und-maceratini\/","title":{"rendered":"Sternstunde f\u00fcr Foulds und Maceratini"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_24\" aria-describedby=\"caption-attachment-24\" style=\"width: 249px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/308035_494475290576441_2029770134_n.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-24\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/308035_494475290576441_2029770134_n-246x300.jpg\" alt=\"308035_494475290576441_2029770134_n\" width=\"249\" height=\"304\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/308035_494475290576441_2029770134_n-246x300.jpg 246w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/308035_494475290576441_2029770134_n.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 249px) 100vw, 249px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-24\" class=\"wp-caption-text\">Ottavia Maria Maceratini<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">In mehrfacher Hinsicht ein Ereignis besonderen Ranges war das Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin in der Reihe \u201aDeutschlandRadio Deb\u00fct\u2019 am 24. Februar. Unter Leitung des einstigen Concertgebouw-Schlagzeugers und Abbado-Assistenten Gustavo Gimeno, der im Herbst die Leitung des Philharmonischen Orchesters Luxemburg \u00fcbernehmen wird, spielten nicht nur zwei junge Solisten erstmals in der Philharmonie, es erklangen auch gleich drei unbekannte Werke, darunter \u2013 86 Jahre nach der Vollendung \u2013 das Klavierkonzert \u201aDynamic Triptych\u2019 von John Foulds in deutscher Erstauff\u00fchrung.<br \/>\nDen Auftakt bildete die so kurze wie turbulent richtungslos tobende Ouvert\u00fcre zur Oper \u201aThe Tempest\u2019 von Thomas Ad\u00e8s, der in diesem f\u00fcnfmin\u00fctigen St\u00fcck nun doch ziemlich entt\u00e4uschte, wenn man bedenkt, welches Potenzial er in einigen anderen Werken l\u00e4ngst bewiesen hat. \u201aViel L\u00e4rm um nichts\u2019, vielleicht noch am ehesten als \u201egut gemacht\u201c zu rechtfertigen, aber auch dazu angetan, f\u00fcr das Folgende zu desensibilieren. Zum Schluss erklang Prokofieffs geniale \u201aSymphonie classique\u2019, die auch nach einem knappen Jahrhundert kein K\u00f6rnchen Staub angesetzt hat, bei der allerdings auch zu beobachten war, dass mehr Proben auch f\u00fcr ein delikates Standardwerk kein Fehler w\u00e4ren, und dass einige \u00fcberfl\u00fcssige Showgesten eines jungen Dirigenten nichts zum besseren Verst\u00e4ndnis beitragen.<br \/>\nNach der Pause erklang jedoch zun\u00e4chst Mieczyslaw Weinbergs aus schwerm\u00fctig jiddischer Volkst\u00fcmlichkeit erwachsendes und zum Ende zyklisch dieses Beginnen wieder aufgreifendes Cellokonzert op. 43 von 1948. Weinbergs Musik scheint sich seit der durch die Bregenzer Auff\u00fchrung seiner Oper \u201aDie Passagierin\u2019 schnell angelaufenen Entdeckung tats\u00e4chlich nachhaltig in unseren Konzerts\u00e4len zu etablieren, was sicher sowohl mit der Aufarbeitung der Geschichte der Judenverfolgung als auch mit der ungeheuren Popularit\u00e4t seines Freundes Dmitrij Schostakowitsch zu tun hat, der Weinberg nach seiner Flucht von Polen in die Sowjetunion nach allen M\u00f6glichkeiten vor staatlichem Zugriff, ja letzten Endes sogar vor der Deportation nach Sibirien sch\u00fctzte. Weinbergs Musik ist in weiten Strecken eng mit jener Schostakowitschs verwandt, aber doch stets stark, vital und interessant genug, um nicht als epigonal abgetan zu werden. Allerdings verdienten auch andere Komponisten der ehemaligen Sowjetunion wie die Ukrainer Liatoschinsky und Stankovich, die Russen Tishchenko oder Slonimsky \u00e4hnliche Ehren, w\u00e4re Weinbergs Entdeckung tats\u00e4chlich mit dem Gedanken historischer Gerechtigkeit verbunden. Weinbergs Stil spricht im H\u00f6rer unmittelbar das Vertraute an, in der Faktur, in der einfachen Ausdrucksgeladenheit der Linie, die je nach Darstellung eher sentimental, karg und n\u00fcchtern oder auch wirklich weitausschwingend daherkommen kann. In seinem Cellokonzert hat Weinberg eine kleine Orchesterbesetzung mit 3 Fl\u00f6ten, 3 Klarinetten, 4 H\u00f6rnern, 2 Trompeten, Bassposaune, Pauken und Streichern gew\u00e4hlt, was Betonung der tiefen, weichen Farben und weitestgehende Durchh\u00f6rbarkeit zugunsten des Solisten zur Folge hat, aber auch in den rhythmisch markanteren, wilderen Passagen des Scherzos und auch Finales eine echt charakteristische Zuspitzung nur dann erlaubt, wenn die Trompeten im Einsatz sind. Solist Valentin Radutiu spielte mit Hingabe und Intensit\u00e4t. Wer seine grandiose Aufnahme der Cellosonaten von Enescu kennt und ihn von daher f\u00fcr den f\u00fchrenden Cellisten der jungen Generation h\u00e4lt, durfte aber auch etwas ern\u00fcchtert sein, denn so einf\u00fchlsam und innig er einerseits gestaltete, so nivellierend wirkte auf seinen Ausdruck das fortw\u00e4hrende Vibrato mit fast durchgehend zu weiter Amplitude und insbesondere in den hohen Lagen intonationstr\u00fcbenden Auswirkungen. Hier spielt ohne jeden Zweifel ein hochbegabter K\u00fcnstler, der die Musik im Blut hat und auch intellektuell und intuitiv vieles treffsicher erfasst, doch sei ihm geraten, diesen Makel umgehend zu korrigieren und kontinuierliche Bewusstheit \u00fcber das Vibrato zu entwickeln, auf dass sich keine unn\u00f6tigen mechanischen Elemente dauerhaft\u00a0 in sein Spiel einschleichen. Als Zugabe spielte er Casals\u2019 \u201aGesang der V\u00f6gel\u2019 und setzte damit die elegische Kantilene des Cellokonzerts sinnf\u00e4llig fort.<br \/>\nH\u00f6hepunkt des Konzert war vor der Pause die deutsche Premi\u00e8re des 1929 in Paris vollendeten Klavierkonzerts \u201aDynamic Triptych\u2019 von John Foulds (1880-1939) durch Ottavia Maria Maceratini. Nat\u00fcrlich ist es bei der m\u00e4chtigen Klangentfaltung der Tutti des gro\u00dfen Orchesters eine extreme Herausforderung f\u00fcr den Solisten, sich stellenweise \u00fcberhaupt noch Geh\u00f6r zu verschaffen. Doch w\u00e4re es zuvorderst Aufgabe des Dirigenten, die Blechbl\u00e4ser insoweit im Zaum zu halten, dass das Klavier sich behaupten kann. Vielleicht waren es daf\u00fcr auch zu wenige Proben, doch steht au\u00dfer Zweifel, dass Gimeno, selbst sehr angeregt, im Fortissimo eher noch zu mehr animierte. Seine Gestik ist zwar exakt, doch atmet er nicht, und auch sein Gesp\u00fcr f\u00fcr die harmonischen Wirkungen und Richtungen ist noch sehr entwicklungsbed\u00fcrftig, wodurch sich in allen St\u00fccken des Abends eine gewisse Gleichf\u00f6rmigkeit des Ausdrucks ergab. Ottavia Maria Maceratini erwies sich in den brillant bewegten Ecks\u00e4tzen des unerh\u00f6rt genialen Konzerts von Foulds, das tats\u00e4chlich auf einer H\u00f6he mit den sp\u00e4ter entstandenen Konzerten von Ravel steht, und auch mit Bart\u00f3k und Prokofieff, als meisterhaft gelassen groovende Naturbegabung von imponierender Kraft, lebendiger Pr\u00e4zision und explosiver Freude. Gleichwohl war auch ihr Spiel gerade im ersten Satz nicht v\u00f6llig frei von automatischen Betonungen. Der langsame Satz, ein zeitloses Juwel der neueren Klavierliteratur, geriet insgesamt zu fl\u00fcchtig und unruhig, um seine ganze Magie zu entfalten, hinterlie\u00df jedoch ungeachtet dessen einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindruck. Am gro\u00dfartigsten freilich war Maceratinis Spiel in der Zugabe, einem \u201aPersian Love Song\u2019 von John Foulds, den sie mit sorgf\u00e4ltigster Vollendung zusammenh\u00e4ngender Gestaltung und so innig erf\u00fchlter und raffiniert zelebrierter wie unsentimental empfundener Tongebung zu einem Moment der Ewigkeit im Hier und Jetzt werden lie\u00df. M\u00f6ge sie noch mehr vertrauen auf die Magie dessen, was ihr zur Verf\u00fcgung steht, und ohne einen Anflug von Eile oder Unsicherheit den H\u00f6rer mitnehmen, mit dem Mut zum vollendeten Nonkonformismus. Nach diesem Auftritt hoffen wir, k\u00fcnftig mehr von John Foulds zu h\u00f6ren, und erwarten h\u00f6chste Qualit\u00e4t von der jungen italienischen Pianistin, die sich ohne jegliche M\u00e4tzchen dem Dienst an der zeitlosen Sache hingeben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In mehrfacher Hinsicht ein Ereignis besonderen Ranges war das Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin in der Reihe \u201aDeutschlandRadio Deb\u00fct\u2019 am 24. Februar. Unter Leitung des einstigen Concertgebouw-Schlagzeugers und Abbado-Assistenten Gustavo Gimeno, der im Herbst die Leitung des Philharmonischen Orchesters Luxemburg \u00fcbernehmen wird, spielten nicht nur zwei junge Solisten erstmals in der Philharmonie, es erklangen auch &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/07\/28\/sternstunde-fur-foulds-und-maceratini\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Sternstunde f\u00fcr Foulds und Maceratini<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[14,15,20,26,16,21,18,27],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4904,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions\/4904"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}