{"id":1402,"date":"2016-12-25T18:11:47","date_gmt":"2016-12-25T17:11:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1402"},"modified":"2016-12-26T14:53:35","modified_gmt":"2016-12-26T13:53:35","slug":"neusprech-lexikon-der-frontberichterstatter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/12\/25\/neusprech-lexikon-der-frontberichterstatter\/","title":{"rendered":"Neusprech-Lexikon der Frontberichterstatter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">J\u00f6rn Peter Hiekel und Christian Utz (Herausgeber): Lexikon Neue Musik<br \/>\nB\u00e4renreiter; ISBN 978-3-7618-2044-5<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammen mit dem Metzler-Verlag legt der B\u00e4renreiter-Verlag in Kassel ein neues \u201aLexikon Neue Musik\u2019 vor, das uns vor allem in \u00c4sthetik- und Sprachregelung jener Kreise einf\u00fchrt, die sich nach wie vor als Avantgarde der Musikentwicklung begreifen. Die Enzyklop\u00e4die besticht mit gro\u00dfem Detailreichtum hinsichtlich des Mainstreams der Moderne, wie er sich in Mitteleuropa seit Dodekaphonie und Serialismus pr\u00e4sentiert. Was sich an der von hier aus als solche wahrgenommenen Peripherie abspielte und abspielt, wird nur sehr l\u00fcckenhaft wiedergegeben und f\u00e4llt vielfach unter den Tisch. So erstaunt es dann aber doch, dass im Indien-Artikel die bahnbrechenden Neuerungen von John Foulds unerw\u00e4hnt bleiben (wahrscheinlich hat Bhagwati seinen Namen noch nie geh\u00f6rt), und dass in der \u00dcbersicht der nordischen L\u00e4nder mit dem Isl\u00e4nder J\u00f3n Leifs einer der radikalsten Modernisten (zudem der bekannteste Komponist des Landes) keiner Erw\u00e4hnung f\u00fcr w\u00fcrdig befunden wird. Das ist peinlich und zeigt wieder einmal, wie viel von der Qualifikation der einzelnen Autoren abh\u00e4ngt, und nat\u00fcrlich auch von deren Vorlieben. Es wird an entsprechender Stelle auch ignoriert, dass beispielsweise der D\u00e4ne Per N\u00f8rg\u00e5rd ein entscheidender Vorl\u00e4ufer des Spektralismus war. Der Schwerpunkt liegt eindeutig bei den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen mitteleurop\u00e4ischer und US-amerikanischer Provenienz, mit einigerma\u00dfen hilfreicher Einbeziehung der russischen Avantgarde. Ganz unzureichend ist der Artikel \u00fcber Pop und Rock, denn dort fehlen alle entscheidenden Schrittmacher des Fortschritts wie King Crimson, Henry Cow, Univers Zero, auch Van der Graaf Generator oder Soft Machine. Klar, die Autorin kennt sich einfach nicht genug aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die umfangreichen Hauptartikel am Anfang des Buches, die dem alphabetischen Teil vorausgehen, besch\u00e4ftigen sich mit: \u201aDie Avantgarde der 1920er Jahre und ihre zentralen Diskussionen (Ulrich Mosch), \u201aEin Sonderweg? Aspekte der amerikanischen Musikgeschichte im 20. und 21. Jahrhundert (Wolfgang Rathert), \u201aAuf der Suche nach einer befreiten Wahrnehmung. Neue Musik als Klangorganisation\u2019 (Christian Utz), \u201aAngekommen im Hier und Jetzt? Aspekte des Weltbezogenen in der Neuen Musik\u2019 (J\u00f6rn Peter Hiekel), \u201a\u00c4sthetische Pragmatiken analoger und digitaler Musikgestaltung im 20. und 21. Jahrhundert\u2019 (Elena Ungeheuer), \u201aRaumkomposition und Grenz\u00fcberschreitungen zu anderen Kunstbereichen\u2019 (Christa Br\u00fcstle), \u201aZwischenkl\u00e4nge, Teilt\u00f6ne, Innenwelten: Mikrotonales und spektrales Komponieren\u2019 (Lukas Haselb\u00f6ck), \u201aGeistliche, spirituelle und religi\u00f6se Perspektiven in der Musik seit 1945\u2019 (J\u00f6rn Peter Hiekel) und \u201aVerflechtungen und Reflexionen. Transnationale Tendenzen neuer Musik seit 1945 (Christian Utz). Diese Artikel sind durchaus teils fundiert und interessant, zeigen aber auch zum Teil bereits auf, wie hier die Herausgeber ihre Idee vom Fortschritt als alleing\u00fcltig verstehen. Christian Utz insbesondere hat sich auf eine \u201aArgumentationsweise\u2019 spezialisiert, die jede Kritik allgemeiner Art an diesem Fortschritt als Polemik abtut. Das ist nat\u00fcrlich sehr besch\u00e4digend f\u00fcr jegliche fruchtbare Selbstreflexion, und tats\u00e4chlich sind wir jetzt bei einem vom Begriff der \u201aPostmoderne\u2019 abgeleiteten Begriff der \u201aPosttonalit\u00e4t\u2019 angekommen. Das ist nat\u00fcrlich reine Willk\u00fcr und besagt eigentlich gar nichts au\u00dfer der Tatsache, dass man weder im umfassenden Sinn je verstanden hat, was Tonalit\u00e4t ist, noch, was Atonalit\u00e4t ist. Unglaublich klug und kompliziert wird hier argumentiert, ohne dass ein generelles Verst\u00e4ndnis der musikalischen Grundlagen vorhanden w\u00e4re. Solche \u201aDenker\u2019 sind ebenso reaktion\u00e4r wie die konservativen Theoretiker des 19. Jahrhunderts, die in der Selbstverst\u00e4ndlichkeit der dur-moll-tonalen Welt als alleinseligmachender Grundlage befangen waren. Stattdessen herrscht heute eben die reine, auf keinem zusammenh\u00e4ngenden Erleben basierende Willk\u00fcr und Orientierungslosigkeit, die alles interessant findet, was irgendwie einen Weg aus der Tradition heraus zu weisen scheint. Qualit\u00e4t wird so einfach behauptet wie ihr Gegenteil. Jedoch ist dieses Lexikon sehr n\u00fctzlich und hilfreich f\u00fcr all jene, die mitreden wollen im aktuellen Diskurs innerhalb des geschlossenen Zirkels derjenigen, die sich als die an der Front der neuesten Musik stehend w\u00e4hnen \u2013 also die Macher, Mitwirkenden, Profiteure und Mitl\u00e4ufer der Festivals und Konzertreihen \u201aNeuer Musik\u2019, die nur eines scheuen \u201awie der Teufel das Weihwasser\u2019: erlebt und damit erlebbar zusammenh\u00e4ngendes Komponieren. Das Buch gibt wie kein anderes umfassenden Einblick in die intellektuellen \u201aFundamente\u2019 der Echokammer einer \u201aposttonalen\u2019 Welt, die sich selbstherrlich um sich selbst dreht und nur dank massiver Subventionen weiterhin existiert. Wer verstehen will, wie die denken, sollte sich anhand dieser spr\u00f6den Lekt\u00fcre damit auseinandersetzen. Die Informationsf\u00fclle ist gigantisch, auch wenn sie weitgehend ideologisch programmiert und voll blinder Flecken ist. Diesmal \u00fcbrigens kann Herr Utz, Frontberichterstatter aus dem heroischen Krieg f\u00fcr das innerlich Zusammenhangslose, in der \u00c4sthetik der 1920er Jahre Steckengebliebene und Mitherausgeber dieser epochalen \u201aNeusprech\u2019-Enzyklop\u00e4die, zurecht von Polemik sprechen \u2013 die er allerdings wie so oft nicht faktisch, sondern lediglich ideologisch kontern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[Annabelle Leskov, Dezember 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rn Peter Hiekel und Christian Utz (Herausgeber): Lexikon Neue Musik B\u00e4renreiter; ISBN 978-3-7618-2044-5 Zusammen mit dem Metzler-Verlag legt der B\u00e4renreiter-Verlag in Kassel ein neues \u201aLexikon Neue Musik\u2019 vor, das uns vor allem in \u00c4sthetik- und Sprachregelung jener Kreise einf\u00fchrt, die sich nach wie vor als Avantgarde der Musikentwicklung begreifen. 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