{"id":1416,"date":"2017-01-01T19:00:52","date_gmt":"2017-01-01T18:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1416"},"modified":"2016-12-30T22:37:14","modified_gmt":"2016-12-30T21:37:14","slug":"neue-entdeckungen-aus-norwegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/01\/01\/neue-entdeckungen-aus-norwegen\/","title":{"rendered":"Neue Entdeckungen aus Norwegen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Lawo, LWC1097; EAN: 7 090020 181097<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/0080.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1417\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1417\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/0080-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"321\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/0080-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/0080-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/0080.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 370px) 100vw, 370px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Neue Lieder aus Norwegen tragen Marianne Beate Kielland (Mezzosopran) und Nils Anders Mortensen (Klavier) auf ihrer CD &#8222;The New Song&#8220; f\u00fcr Lawo vor. Zu h\u00f6ren sind LiebesKleineLieder von Helge Iberg, &#8230;As the Last Blow Falls&#8230; von Henrik Hellstenius, Brahmanische Erz\u00e4hlungen von H\u00e5vard Lund und Gruk pour soprane et piano Op. 53B von Edvard Hagerup Bull.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Formale Grenzen scheint es in unserer Zeit in der Musik kaum noch zu geben, frei nach dem Motto: Alles ist erlaubt. Doch dessen ungeachtet existieren gerade auf dem europ\u00e4ischen Kontinent eine Vielzahl von Schulen und Traditionslinien, die erschreckend oft noch immer in der Avantgarde der 1960er-Jahre stecken geblieben und nicht \u00fcber die Zeit der hochkomplexen Diskontinuit\u00e4t hinweggekommen sind, diese auch nach knapp sechzig Jahren noch als modern verg\u00f6ttern. In den skandinavischen L\u00e4ndern ist man hiervon oft erfrischend unbeeindruckt, hier steht der Individualstil \u00fcber normativen Gesetzen, wie denn Musik heute zu sein habe (denn auch die Maxime, Musik m\u00fcsse &#8222;modern&#8220; sein, ist eine Begrenzung). Die nordischen L\u00e4nder verf\u00fcgen heute \u00fcber eine Vielzahl herausragender Individualisten, die ihre eigenen Ideale verfolgen, die sich nicht selten in jedem St\u00fcck neu erfinden und die doch auch freundschaftlich nebeneinander stehen, ohne die H\u00f6rer oder Studenten in ihr Lager zu treiben zu versuchen. Vier beeindruckende Beispiele von &#8222;neuen&#8220; Liedern bietet vorliegende CD, drei davon Kompositionsauftr\u00e4ge f\u00fcr diese Einspielung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Staunen l\u00e4sst der Text-Musik-Bezug in LiebesKleineLieder von Helge Iberg nach Texten von Erich Fried. Durch Wiederholungen schafft Iberg einen eigenst\u00e4ndigen Ausdruck, antwortet zum Teil auf unklar gelassene Aussagen im Text (wie in &#8222;Was es ist&#8220;: Es bleibt offen, was &#8222;es&#8220; nun ist, ob Unsinn, Ungl\u00fcck oder Schmerz etc. &#8211; die von Iberg eingef\u00fcgte Textwiederholung am Ende antwortet ausdr\u00fccklich: Liebe) oder schafft einen neuen Sinn (so in &#8222;Aber wieder&#8220;). Die Klavierbegleitung bewegt sich oft in sparsamen Patterns, die allerdings immer wieder durch textausdeutende Momente durchbrochen werden, ebenso die weit ausgenutzte Singstimme, welche gerne auch einmal in eine Sprechstimme \u00fcbergleitet. &#8222;&#8230;As the Last Blow Falls&#8230;&#8220; von Henrik Hellstenius nach einem Text von Theodor Storm ist eine gro\u00df angelegte Phantasie zwischen englischer und deutscher Sprache. Die zus\u00e4tzlich agierende Rezitation, die der Komponist selbst gesprochen hat, schafft eine dritte Ebene in diesem Werk. Dies ist das wohl experimentellste Werk der CD, immer unerh\u00f6rtere Klang- und Ger\u00e4uschsph\u00e4ren erreicht Kielland mit ihrer Stimme. Es ist ein st\u00e4ndiges Hin und Her zwischen den Extremen, dem auf einer subtiler wahrzunehmenden Ebene eine langsame Metamorphose \u00fcbergeordnet ist. Balladeske Liedkompositionen sind die &#8222;Brahmanischen Erz\u00e4hlungen&#8220; nach Friedrich R\u00fcckert von H\u00e5vard Lund. Die Musik folgt dem gro\u00dfartigen Text und gibt diesem Bedeutung, unterbrochen nur durch kurze melismatische Kontrastpassagen (in &#8222;Ein Bettler in Schiraz&#8220; eingeschoben, in &#8222;Der abgebrannte Bart&#8220; ganz am Ende, wo sich mir der Sinn allerdings noch nicht erschlossen hat). Edvard Hagerup Bull ist der einzige Komponist auf dieser CD, der nicht mehr lebt und dessen Musik hier nicht auf deutsch gesungen wird, sondern auf d\u00e4nisch, wie dies die Textvorlage Piet Heins vorgab. Vielleicht ist es aber gerade dieser Komponist, der die gr\u00f6\u00dfte Entdeckung dieser Einspielung ist. Obgleich er sowohl mit Edvard Grieg als auch mit Ole Bull verwandt war, hat seine Musik eigentlich nichts mit den beiden Meistern zu tun, viel eher ging es Hagerup Bull um eine enorme Verdichtung und Ver-Wesentlichung der Musik auf das N\u00f6tigste, vielleicht am ehesten vergleichbar mit der kargen Tonsprache von Anton Webern (wobei sich Hagerup Bull trotz aller harmonischen Komplexit\u00e4t nicht der Dodekaphonie oder anderen beschneidenden Regelwerken unterordnete), und nat\u00fcrlich urspr\u00fcnglich auch einmal gepr\u00e4gt von der raffinierten Bitonalit\u00e4t seines Lehrers Darius Milhaud. Die f\u00fcnf Gruk sind kleine Perlen faszinierendster Tonsprache, die sich einer Beschreibung effektiv entziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marianne Beate Kielland besticht mit einer markanten, angenehm rauen, d\u00fcster-&#8222;nordischen&#8220; Stimme mit enormer klangfarblicher Variabilit\u00e4t. Bis in die \u00e4u\u00dfersten Lagen ihrer Stimme bleibt sie klar und pr\u00e4zise intoniert, verliert auch in Extremsituationen nie die Kontrolle. Nils Anders Mortensen begleitet zur\u00fcckhaltend und lebendig, beinahe improvisatorisch spontan. Die beiden Musiker sind blendend aufeinander angestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lawo, LWC1097; EAN: 7 090020 181097 Neue Lieder aus Norwegen tragen Marianne Beate Kielland (Mezzosopran) und Nils Anders Mortensen (Klavier) auf ihrer CD &#8222;The New Song&#8220; f\u00fcr Lawo vor. 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