{"id":142,"date":"2015-09-30T22:15:22","date_gmt":"2015-09-30T20:15:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=142"},"modified":"2015-10-10T18:52:14","modified_gmt":"2015-10-10T16:52:14","slug":"die-verbotene-symphonie-erstmals-in-kritischer-edition","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/09\/30\/die-verbotene-symphonie-erstmals-in-kritischer-edition\/","title":{"rendered":"Die verbotene Symphonie erstmals in kritischer Edition"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Musikproduktion J\u00fcrgen H\u00f6flich (mph); Repertoire Explorer; Study Score 1566<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/7.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-162\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/7-217x300.jpg\" alt=\"7\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/7-217x300.jpg 217w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/7-740x1024.jpg 740w\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;<em>m\u00e5 aldrig opf\u00f8res<\/em>&#8220; prangt noch immer auf dem Deckblatt des Manuskripts der einzigen Symphonie eines der beliebtesten Komponisten der Romantik, und verhinderte deren Rezeptionsgeschichte grundlegend. Im Deutschen hei\u00dft die \u00dcbersetzung: <em>Darf niemals aufgef\u00fchrt werden<\/em>. Warum Edvard Grieg 1867 sein Werk f\u00fcr immer verbannt wissen wollte, ist bis heute ungekl\u00e4rt. Fest steht nur, dass der Plan zu diesem gro\u00dfformatigen Werk, ebenso wie der Ansporn zu der einzigen Klaviersonate e-Moll op. 7 und der ersten Violinsonate F-Dur op. 8, dem d\u00e4nischen Komponisten Niels Wilhelm Gade (1817-1890) zu verdanken ist. Nach Griegs Studium in Leipzig, zu dem ihm der \u00fcberragende norwegische Violinvirtuose und Komponist Ole Bull (1810-1880) geraten hatte, nahm er in Kopenhagen Unterricht bei dem an Mendelssohn geschulten bedeutenden Symphoniker Gade, der die unverr\u00fcckbare \u00dcberzeugung vertrat, ein wahrer Komponist m\u00fcsse Sonaten und Symphonien schreiben. So versuchte sich Edvard Grieg in beidem, doch wurde er sehr bald schon von norwegischen Kollegen davon abgebracht und spezialisierte sich von da an vor allem auf eine &#8222;Musik, die [s]eine Heimat ehrt&#8220;, wie er noch in seinem Todesjahr Ole Bull zitierte (nachzulesen in Arthur M. Abells &#8222;Gespr\u00e4che mit ber\u00fchmten Komponisten&#8220; von 1962). Miniaturen und Lieder wurden sein Schwerpunkt, Genres, in denen er hunderte gro\u00dfartige Meisterwerke schuf. Der gro\u00dfen Form fr\u00f6nte Grieg hingegen nur in wenigen Einzelf\u00e4llen, nach den Erstlingssonaten sollten noch zwei f\u00fcr Violine und eine f\u00fcr Cello folgen, ansonsten gibt es eine hinrei\u00dfende Ballade f\u00fcr Klavier und ein herausragendes Streichquartett, an dem sich Debussy sehr f\u00fcr sein eigenes Quartett in gleicher Tonart inspirierte, sowie nat\u00fcrlich sein Klavierkonzert a-Moll und dar\u00fcber hinaus lediglich vier weitere l\u00e4ngere unzertrennbar zusammengeh\u00f6rige Werke (&#8222;Im Herbst&#8220;, &#8222;Aus Holbergs Zeit&#8220;, &#8222;Bergliot&#8220; und &#8222;Altnorwegische Romanze mit Variationen&#8220;). Jedoch schon seit jeher sein gr\u00f6\u00dfter Kritiker war Grieg selbst und so mussten sich etliche Werke unz\u00e4hligen Revisionen unterziehen, die Orchesterstimmen seines Klavierkonzerts beispielsweise ver\u00e4nderte er immer wieder bis zu seinem Lebensende und auch zwei S\u00e4tze seiner Klaviersonate erhielten eine Zweitfassung. Doch die Symphonie geriet niemals unter Bearbeitung, sie wurde noch vor der ersten kompletten Auff\u00fchrung verboten, drei Jahre nach der Fertigstellung 1864. Quellen gehen davon aus, die R\u00fccknahme der c-Moll-Symphonie habe mit der Urauff\u00fchrung der Erstlingssymphonie seines Landsmanns Johan Severin Svendsen (1840-1911) zu tun, deren orchestraler und formaler Qualit\u00e4t und insbesondere auch explizit nordischer Erscheinung sich Grieg unterlegen f\u00fchlte, wenngleich sein eigenes Orchesterschaffen viel eher Schumann zuneigt. Belegt ist diese Begr\u00fcndung freilich nicht, aber es kam jedenfalls zu jenem folgenreichen Verbot auf dem Vorsatzblatt, welches die Symphonie das ganze Leben ihres Sch\u00f6pfers \u00fcber ruhen und auch nachher ein Dreivierteljahrhundert lang stumm bleiben lie\u00dfen. Nach dem Tod des Komponisten ging das Manuskript an die \u00d6ffentliche Bibliothek in Bergen, die seinem letzten Willen treu blieb. Erst dank den Kalten Krieg kam es zu einer \u00fcberraschenden Wende: Russen verschafften sich eine Fotokopie des Manuskripts, und Vitalij Katajev f\u00fchrte die Symphonie ohne Zustimmung Norwegens im Dezember 1980 erstmals vollst\u00e4ndig auf, die Sowjets machten gar eine Rundfunkeinspielung. Doch die Norweger holten sich ihr nationales Anrecht bald zur\u00fcck, indem sie selber f\u00fcr die nunmehr geradezu rasante Verbreitung der Symphonie sorgten: Bereits im M\u00e4rz 1981 wurde die erste Schallplatte produziert, und 1984 ver\u00f6ffentlichte C. F. Peters, der Stammverleger Griegs, die Partitur (Nr. 8500).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der \u00dcbertragung des Manuskripts geschahen damals unz\u00e4hlige, teils gravierende Fehler. Aus diesem Grund entschloss sich &#8222;Repertoire Explorer&#8220; (in der Musikproduktion J\u00fcrgen H\u00f6flich [mph] in M\u00fcnchen), eine kritische Ausgabe zu erstellen. Grundlage dieser ist eine Gegen\u00fcberstellung des Manuskripts und der Studienpartitur durch den bereits 2011 verstorbenen bedeutenden Griegforscher Klaus Henning Oelmann, dessen Promotionsschrift &#8222;Edvard Grieg. Versuch einer Orientierung&#8220; neben &#8222;Edvard Grieg. Mensch und K\u00fcnstler&#8220; von Finn Benestad und Dag Schjelderup-Ebbe die wohl umfassendste deutschsprachige Forschungsquelle zu dem ber\u00fchmten Norweger darstellt. Auf den Seiten 484 bis 517 von Oelmanns Arbeit sind alle Abweichungen zwischen Autograph und Peters Ausgabe, exakt mit Taktzahl und Instrument angegeben, aufgelistet. Marius Hristescu w\u00e4hlte schlie\u00dflich diejenigen davon aus, die ihm f\u00fcr eine Edition sinnvoll erschienen, da sie bei Peters sichtlich fehlerhaft sind, und nahm auch einige zus\u00e4tzliche Erg\u00e4nzungen vor, wo auch Grieg in seinem Manuskript beispielsweise eine Dynamikbezeichnung f\u00fcr ein Instrument vergessen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es steht au\u00dfer Zweifel, dass diese neue Edition wesentlich verl\u00e4sslicher ist als die Peters-Ausgabe, wie der vierseitige kritische Bericht unmittelbar bezeugt. Die Urtext-Edition besieht alle Quellen und f\u00fcgt begr\u00fcndet neue \u00c4nderungen in den Notentext ein und verbessert somit auch das Manuskript des Komponisten. Die h\u00e4ufigste Art dieser Eingriffe bezieht sich auf dynamische Angaben sowie Phrasierungsvorschriften, doch sind sogar auch ein paar falsche Noten korrigiert worden. Von einer g\u00e4nzlich fehlerfreien Neuausgabe l\u00e4sst sich trotz aller Fehlerbehebungen dann allerdings doch nicht sprechen, alleine in den ersten 100 Takten finden sich zwei marginale Druckfehler der Peters-Ausgabe, die Marius Hristescu \u00fcbernommen hat, obgleich sie von Oelmann als fehlerhaft erfasst ausgewiesen sind (Takt 59: Piano der Klarinette fehlt, w\u00e4hrend es in der parallel verlaufenden Fl\u00f6te vorhanden ist \/ Takt 94: Crescendo des zweiten Fagotts wurde vergessen, da das Crescendo des ersten Fagotts missverst\u00e4ndlich gesetzt ist). Dessen ungeachtet ist die neue Edition wesentlich korrekter als die erste und bisher einzige Edition. Auch das Notenbild ist deutlich angenehmer zu lesen, durch den Abdruck aller Notenzeilen braucht der Leser nicht andauernd zu suchen, welche Stimmen nun gerade aktiv sind, au\u00dferdem sind die Systeme deutlich gr\u00f6\u00dfer. Das Vorwort von Wolfgang Eggerking ist \u00e4u\u00dferst aufschlussreich und informativ geschrieben, zudem angenehm und flie\u00dfend zu lesen. Die einleitenden Worte des Peters-Erstdrucks gaben zwar ebenfalls einige wissenswerte Fakten \u00fcber die Symphonie preis, jedoch bei weitaus schm\u00e4lerer Quellenlage und somit unter Einschluss von teils unpr\u00e4zisen oder gar falschen Angaben wie beispielsweise dem Zeitpunkt der ersten Auff\u00fchrung (angeblich 1981 in Norwegen und Russland). So sollte nicht nur einem jeden Freund der Musik von Edvard Grieg auf jeden Fall daran gelegen sein, die Ausgabe des &#8222;Repertoire Explorer&#8220; in seine Sammlung aufzunehmen. Vor allem sollten die Symphonieorchester Kenntnis davon nehmen und ihre Archive mit der Neuausgabe \u201eaufr\u00fcsten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, September 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musikproduktion J\u00fcrgen H\u00f6flich (mph); Repertoire Explorer; Study Score 1566 &#8222;m\u00e5 aldrig opf\u00f8res&#8220; prangt noch immer auf dem Deckblatt des Manuskripts der einzigen Symphonie eines der beliebtesten Komponisten der Romantik, und verhinderte deren Rezeptionsgeschichte grundlegend. Im Deutschen hei\u00dft die \u00dcbersetzung: Darf niemals aufgef\u00fchrt werden. 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