{"id":1420,"date":"2017-01-03T23:19:55","date_gmt":"2017-01-03T22:19:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1420"},"modified":"2017-01-06T21:06:43","modified_gmt":"2017-01-06T20:06:43","slug":"ein-grossartiger-portraetfilm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/01\/03\/ein-grossartiger-portraetfilm\/","title":{"rendered":"Ein gro\u00dfartiger Portr\u00e4tfilm"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im M\u00fcnchner Monopol-Kino l\u00e4uft derzeit Daniel Kutschinskis wunderbarer Portr\u00e4tfilm \u201a4\u2019 \u00fcber das \u201aQuatuor Eb\u00e8ne\u2019, eine der gro\u00dfartigsten Kammermusikformationen unserer Zeit. Wir haben die gut besuchte 14 Uhr-Vorstellung am Neujahrstag besucht, zu der \u00fcberraschend auch der Regisseur erschienen war.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1425\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1425 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4-300x150.jpg\" alt=\"4\" width=\"514\" height=\"257\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4-300x150.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4-768x384.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4-1024x512.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.jpg 1488w\" sizes=\"(max-width: 514px) 100vw, 514px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Portr\u00e4tfilm \u00fcber ein Streichquartett, zumal \u00fcber ein junges, ist keine einfache Angelegenheit. Es ist etwas ganz Anderes, sich auf eine einzelne Musikerpers\u00f6nlichkeit zu fokussieren, oder auch, effektreich ein gro\u00dfes Orchester vorzustellen. Aber vier Musiker, die nicht gerade das spielen, was der oberfl\u00e4chliche H\u00f6rer f\u00fcr attraktive klassische Musik h\u00e4lt, m\u00f6glichst gleichberechtigt in den Mittelpunkt zu r\u00fccken und dabei keine trockene oder auch allzu fachlich spezialisierte Arbeit abzuliefern, ist doch eine echte Herausforderung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der in M\u00fcnchen lebende Regisseur Daniel Kutschinski ist einen ganz anderen Weg gegangen. Die Voraussetzung, \u00fcberhaupt mit dem Drehen zu beginnen, war gewachsene Freundschaft und innige Vertrautheit mit den Musikern. In diesem Film wird nicht erkl\u00e4rt, nichts kommentiert, nicht interpretiert. Es geschieht, was eben sowieso geschieht, und das Leben schreibt seine eigenen Geschichten. Das Resultat ist zun\u00e4chst nat\u00fcrlich ein gigantischer Materialberg, doch in schon unglaublicher Weise ist es Kutschinski und Andrea Sch\u00f6nherr gelungen, daraus einen stringent fesselnden \u201aSpielfilm\u2019 zu machen, der in intuitiver Spannungsentwicklung ohne das Bed\u00fcrfnis nach logischem \u00dcber- oder Unterbau sich selbst erkl\u00e4rt f\u00fcr all diejenigen, denen das Leben, die Realit\u00e4t an sich Erkl\u00e4rung genug ist, wenn sie genau beobachtet und intelligent als Netz von lebendigen Bez\u00fcgen erfahren wird. Denn das tut dieser Film: Er ist ein Muster an ph\u00e4nomenologisch ge\u00f6ffneter, wahrnehmender, wacher, mitf\u00fchlender, den Beziehungsreichtum auslotender Haltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.2.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1423\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1423 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.2-300x169.jpg\" alt=\"4.2\" width=\"424\" height=\"239\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.2-300x169.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.2-768x432.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.2-1024x576.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.2.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 424px) 100vw, 424px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kameraf\u00fchrung von Arnd Buss-von Kuk ist schlicht grandios und w\u00fcrde jedem ambitionierten Spielfilm zur Ehre gereichen, zumal die Kunst der Nahaufnahme so wendungsreich mit Leben erf\u00fcllt ist, als w\u00e4re der Betrachter einfach mittendrin \u2013 und hier geschieht immer etwas, was uns fesselt. Auch der Ton, den Marc Parisotto verantwortet, gen\u00fcgt allerh\u00f6chsten Anspr\u00fcchen, und das hei\u00dft nicht nur bei den Musikbeispielen \u2013 die erstaunlich wenig Gesamtanteil aufweisen \u2013 einiges, sondern ganz besonders in den Backstage- und Kneipenszenen, die niemals vorher eingerichtet wurden, also jedesmal ihr ganzes chaotisches Potential entfalten durften. Die Regie besticht durch eine maximal unpr\u00e4tenti\u00f6se und \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise Hand. Wo Absicht ist, merkt man sie nicht, und wo keine war, k\u00f6nnte sie ebenso dabei gewesen sein. Es ist, als ob der Film von selbst geschieht, und nichts k\u00f6nnte den Zuschauer authentischer einf\u00fchren in die Konzertwelt der klassischen Musik, die jeden Abend aufs Neue ein Sprung ins kalte Wasser ist, wenn man nicht in den Sicherheiten der Routine verkommen will. Und das tun die vier jungen M\u00e4nner des franz\u00f6sischen Quatuor Eb\u00e8ne nicht: Sie hinterfragen in einem fort, sich und die anderen, alle Gewissheiten, und man hat den Eindruck, dass kein Steinchen dabei ist, das nicht einmal oder mehrmals umgedreht worden w\u00e4re.\u00a0 Herrlich k\u00f6nnen sich alle vier Charaktere entfalten, und es entsteht eine ungeheure N\u00e4he, wie ich sie noch in keinem Dokumentarfilm \u2013 und sowieso in keinem Musikfilm \u2013 gesehen habe: eine N\u00e4he, die untr\u00fcglicher Beweis nicht nur des engen Bands zwischen den Musikern, sondern auch mit dem Regisseur und seinem Team ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wunderbar ist auch, dass das Quartett keinerlei Hemmungen hat, seinen Mentor Eberhard Feltz, den gro\u00dfen Berliner Quartett-Ausbilder, in Erscheinung treten zu lassen. Hierbei musste, der Gesamtdramaturgie und \u2013l\u00e4nge (94 Minuten) geschuldet, weitgehend auf die Erfahrbarmachung des Methodischen verzichtet werden (\u201edas w\u00e4re\u201c, so Kutschinski im anschlie\u00dfenden Publikumsgespr\u00e4ch, \u201eein anderer Film geworden\u201c), aber eindr\u00fccklich genug bleibt es allemal, um mehr erfahren zu wollen \u00fcber solche Zusammenarbeit und \u00fcberhaupt dar\u00fcber, was so hinter den Kulissen geschieht, bevor wir die K\u00fcnstler in Konzerten und Aufnahmen h\u00f6ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1424\" aria-describedby=\"caption-attachment-1424\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.3.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1424\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1424 size-medium\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.3-225x300.jpg\" alt=\"4.3\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.3-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/4.3-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1424\" class=\"wp-caption-text\">Regisseur Daniel Kutschinski\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a9 Kornelia Wagner, 2016<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e4her kann man fremden Menschen im Kino nicht kommen, ohne dass diese je in geschmackloser Weise blo\u00dfgestellt w\u00fcrden, dabei kommt nichts zu kurz: Intimit\u00e4t, auch Obsz\u00f6nit\u00e4t, jede Menge Humor, Theatralik des t\u00e4glichen Lebens, die ganze Tiefe im Auge des zu Betrachtenden tranferiert sich ins Auge des Betrachters, der eben nicht wie ein Voyeur behandelt wird und entsprechend dazu auch weder Veranlassung noch Gelegenheit bekommt. Er kann zufiefst ber\u00fchrt werden, ohne wirklich sagen zu k\u00f6nnen warum, und es braucht keine Effekthascherei oder Sentimentalit\u00e4t, um das echte Gef\u00fchl zu haben, dabei zu sein, wie Musik entstehen kann, was zwischen Menschen entsteht auf dem Weg dorthin, wie \u201aHochkultur\u2019 nichts anderes ist als der Ausdruck des Innersten im Moment. Schubert oder Bart\u00f3k, das Quatuor Eb\u00e8ne und Meister Feltz, Daniel Kutschinski und sein Team, in diese Lichterkette reiht sich der Besucher ein und wird empfangen, teilzuhaben an etwas durch und durch Echtem, das keinen Augenblick bedeutender sein m\u00f6chte als es ist: die Magie des Augenblicks, der Korrelation der gegenw\u00e4rtigen Momente, in dieser Hinsicht kann die Musik Symbol des Lebens sein, und umgekehrt. Alles h\u00e4ngt von der Haltung ab, wenn erst einmal die Voraussetzungen geschaffen sind. Es ist eine einzige Liebeserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich pers\u00f6nlich finde es schockierend, dass dieser gro\u00dfartige Film, der wie kein anderer pr\u00e4destiniert ist, auch junge Menschen nat\u00fcrlich in die Welt der klassischen Musik einzuf\u00fchren, bisher von keinem europ\u00e4ischen Fernsehsender gezeigt wurde, ja sogar \u2013 unter dem Verweis, dies sei leider \u201aHochkultur\u2019 \u2013 auch jetzt noch nirgends zur Sendung in Planung ist. Er hat sofort bei der ersten Vorstellung in Los Angeles den ersten Preis des dortigen Dokumentarfilmfestivals gewonnen, und eigentlich h\u00e4tte dies der Beginn einer anhaltenden Erfolgsstory sein m\u00fcssen. Was soll denn unser \u201aBildungsauftrag\u2019 \u00fcberhaupt noch wert sein, wenn so ein gro\u00dfartiges Produkt darin keine Chance hat? Wof\u00fcr zahlen wir dann alle diese Steuer an die \u00d6ffentlich-Rechtlichen, wenn wir alle deren verantwortlichen Programmmachern so grunds\u00e4tzlich gleichg\u00fcltig, oder diese durchgehend so inkompetent oder ignorant sind? \u201a4\u2019 m\u00fcsste in den Schulunterricht aller Bundesl\u00e4nder aufgenommen werden, als nationales Kulturgut des 21. Jahrhunderts \u2013 aber eine solche Kategorie muss erst noch begr\u00fcndet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Januar 2017]<\/strong><\/p>\n<p>Weitere Termine:<br \/>\nM\u00fcnchen, Monopol-Kino: 4. 1. (17.00), 6. 1. (14.40), 7. 1. (13.10), 8. 1. (14.40), 14. &amp; 15. 1. (je 12.10).<br \/>\nBad Endorf, Marias Kino: 5. 1. (20.00), 6. &amp; 8. 1. (je 11.00)<br \/>\nRegensburg, Filmgalerie im Leeren Beutel: 8., 15. &amp; 22. 1. (je 11.00 Matin\u00e9e)<br \/>\nT\u00fcbingen, Arsenal: 15. 1. (11.30)<br \/>\nBonn, REX: 15. 1. (11.00), 18. 1. (17.00)<br \/>\nK\u00f6ln, ODEON: 15. 1. (13.30), 18. 1. (17.00)<br \/>\nHamburg, Abaton: 21. &amp; 28. 1. (je 13.00), 5. 2. (11.00)<br \/>\nLeipzig, Astoria: 22. 1. (13.00)<br \/>\nSalzburg, Das KINO: 25. &amp; 26. 1. (je 20.00), 27. &amp; 28. 1. (je 16.00), 29. 1. (12.00), 5. 2. (10.00)<br \/>\nLuzern, Stattkino: 5., 12., 19. &amp; 26. 2. (je 11.00 Matin\u00e9e)<br \/>\nBamberg, Lichtspiel: 19. 2. (12.00)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M\u00fcnchner Monopol-Kino l\u00e4uft derzeit Daniel Kutschinskis wunderbarer Portr\u00e4tfilm \u201a4\u2019 \u00fcber das \u201aQuatuor Eb\u00e8ne\u2019, eine der gro\u00dfartigsten Kammermusikformationen unserer Zeit. Wir haben die gut besuchte 14 Uhr-Vorstellung am Neujahrstag besucht, zu der \u00fcberraschend auch der Regisseur erschienen war. Ein Portr\u00e4tfilm \u00fcber ein Streichquartett, zumal \u00fcber ein junges, ist keine einfache Angelegenheit. 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