{"id":1475,"date":"2017-01-26T22:58:02","date_gmt":"2017-01-26T21:58:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1475"},"modified":"2017-01-26T22:58:26","modified_gmt":"2017-01-26T21:58:26","slug":"karl-richter-die-legende-lebt-weiter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/01\/26\/karl-richter-die-legende-lebt-weiter\/","title":{"rendered":"Karl Richter \u2013 die Legende lebt weiter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Profil Edition G\u00fcnter Haenssler 31 CDs PH 16010; EAN: 881488160109<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Lucien0007.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1476\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1476\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Lucien0007-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"378\" height=\"328\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Lucien0007-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Lucien0007-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Lucien0007.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 378px) 100vw, 378px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Karl Richter spielt und dirigiert<br \/>\nSch\u00fctz: Musikalische Exequien; A. Scarlatti: Su le sponde del Tebro (Stader); J. S. Bach: Brandenburgische Konzerte Nr. 1-6, Orchestersuiten Nr. 1-4, Musikalisches Opfer, 4 Cembalokonzerte, Orgelwerke BWV 565, 639, 582, 645, 542, 650, 606, 538 und 548, Sonaten f\u00fcr Fl\u00f6te und Cembalo BWV 1030 und 1031, Goldberg-Variationen, Partiten Nr. 1-6 f\u00fcr Cembalo, Magnificat, Matth\u00e4us-Passion, Messe h-moll, Weihnachts-Oratorium, Kantaten BWV 78, 67, 108, 127, 79, 4, 45, 51, 8, 55 und 147; G. F. H\u00e4ndel: 12 Orgelkonzerte opp. 4 &amp; 7, 5. Cembalo-Suite, Chaconne G-Dur f\u00fcr Cembalo, Arien aus Xerxes, Giulio Cesare und Samson (Haefliger), Arien aus Messias und Josua (Stader); C. P. E. Bach: Sonate g-moll f\u00fcr Fl\u00f6te und Cembalo; Gluck: Reigen der seligen Geister aus Orfeo ed Euridice; Haydn: Symphonien Nr. 94 und 101, Fl\u00f6tenkonzertD-Dur, Arien aus \u201aDie Sch\u00f6pfung\u2019 und \u201aDie Jahreszeiten\u2019 (Stader); Mozart: Requiem, Fl\u00f6tenkonzerte KV 313 &amp; 314, Andante f\u00fcr Fl\u00f6te und Orchester KV 315, Konzert f\u00fcr Fl\u00f6te und Harfe KV 299; Mendelssohn: \u201aH\u00f6re, Israel\u2019 aus \u201aElias\u2019 (Stader)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Plauener Karl Richter (1926-81), in Leipzig Sch\u00fcler von Karl Straube und G\u00fcnther Ramin und damit Erbe der gro\u00dfen deutschen Bach- und Orgeltradition, wurde bald nach seinem Amtsantritt an der M\u00fcnchner Markus-Kirche zum verg\u00f6tterten Bach-Exegeten in der bayerischen Landeshauptstadt. Sein Tod nach einem Herzanfall hinterlie\u00df eine trauernde Gemeinde, die lange brauchen sollte, um wieder in andere Bach-Gralsh\u00fcter einigerma\u00dfen vertrauen zu k\u00f6nnen. Bis heute konnte sein Verlust in M\u00fcnchen nicht ersetzt werden. Richter was bekannt als kr\u00e4ftig dem Alkohol zusprechender Mann, der seine Gesundheit nicht schonte. Als Musiker sch\u00f6pfte er stets aus dem Vollen, was ihm posthum den Ruf eintrug, Bach \u201ehoffnungslos romantisiert\u201c zu haben. Diese \u00fcble Nachrede kann nach dem H\u00f6ren der vorliegenden Anthologie nicht best\u00e4tigt werden. Vielmehr wird er hier als nat\u00fcrlicher, leidenschaftlicher Musikant erlebbar, dem sp\u00e4tere \u201aBachisten\u2019 des s\u00fcddeutschen Raums wie Helmuth Rilling nicht ann\u00e4hernd das Wasser reichen konnten. Richter ging vollkommen in den Partituren auf, auch wenn es \u00fcbertrieben w\u00e4re, ihn als Meister der Verfeinerung der Phrasierung und Transparenz zu bezeichnen. Nein, er war vor allem ein Emphatiker, mit einer Neigung zum Pathetischen, das er mit einer sachlich musikantisch geschulten Ader im Zaum hielt. Als Instrumentalist erscheint er mir insbesondere an der Orgel bedeutend, sowohl in den Bach\u2019schen Solowerken (man h\u00f6re die c-moll-Passacaglia, die mit gravit\u00e4tischem Momentum hypnotisiert) als in den Orgelkonzerten H\u00e4ndels, wo wir ihm die vielleicht bis heute gl\u00e4nzendste, w\u00fcrdevollste Gesamteinspielung verdanken. Da konnte er sich anscheinend noch bedingungsloser in die Musik versenken als wenn er am Pult stand. Die Brandenburgischen Konzerte und Orchester-Suiten Bachs sind durchwachsener in der Qualit\u00e4t und manchmal etwas schwerf\u00e4llig, aber stets blutvoll und glutvoll. In den Cembalokonzerten Bachs muss ich gestehen, dass es einige wunderbare Aufnahmen mit modernem Klavier gibt (vor allem Murray Perahia), die diese rein klanglich authentischere Ausf\u00fchrungsweise nun doch sehr monochrom und gleichf\u00f6rmig erscheinen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eine ganz besondere Freude ist es (und ich weise den Vorwurf prophylaktisch ab, dass es sich hier um meinen Landsmann handelt\u2026), den gro\u00dfen Fl\u00f6tisten Aur\u00e8le Nicolet wieder zu h\u00f6ren, mit seiner fast etwas nerv\u00f6sen, jedenfalls alles andere als glatten Tongebung und von Leben durchpulsten Phrasierung und Artikulation: in den Fl\u00f6tenkonzerten und dem Doppelkonzert mit Harfe von Mozart, in Haydns D-Dur-Konzert und Glucks idylischem \u201aReigen der seligen Geister\u2019, im Duo mit Richter in Sonaten von Bach Vater und Sohn, im Musikalischen Opfer \u2013 da lebt ein feinnerviger Geist wieder auf, wie ihn dieses doch so viel gespielte Instrument nicht wieder erleben durfte. Zeitlos bezaubernd!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Richter ist hier als Dirigent ein besonnener, diskreter, aber auch durchaus kraftvoller, weniger jedoch subtiler Begleiter. Auch seine Haydn-Symphonien sind absolut in Ordnung, echt und mit W\u00e4rme, ohne Extravaganzen, aber auch etwas f\u00fcllig und schwer. Jedoch kennen wir aus jener Zeit viel schwerf\u00e4lligere und innerlich unbeteiligtere Darbietungen, und \u201eromantischere\u201c sowieso. Eine ganz besondere Freude ist es, die wunderbare oratorische Sopranistin Maria Stader zu h\u00f6ren, die damals die gro\u00dfe Favoritin vieler Dirigenten war \u2013 sowohl mit geistlichen Arien von Alessando Scarlatti, H\u00e4ndel, Haydn und Mendelssohn als auch in Mozarts Requiem und der h-moll-Messe und Kantaten Bachs. Eine pure, sternenklare Stimme, unpr\u00e4tenti\u00f6s und gradlinig sch\u00f6n. Viele weitere \u00fcbliche Verd\u00e4chtige jener Epoche tauchen auf: die S\u00e4nger Ernst Haefliger, Irmgard Seefried, Hertha T\u00f6pper, Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Pears, Gerd Lutze, Antonia Fahberg, Kieth Engen, Max Proebstl usw., die Geiger Otto B\u00fcchner, Friedrich W\u00fchrer und Fritz Sonnleitner, der Fl\u00f6tist Paul Meisen, der Obosit Edgar Shann, die Trompeter Adolf Scherbaum und Georg Donderer, die Harfenistin Rose Stein und die Organistin Hedwig Bilgram, und viele weitere. Auch der Heinrich-Sch\u00fctz-Kreis, den Richter ab 1951 leitete, ist zu h\u00f6ren mit Sch\u00fctz\u2019 deutscher Totenmesse \u201aMusikalische Exequien\u2019, mit welcher Sergiu Celibidache viereinhalb Jahre nach Karl Richters Tod die ungeliebte M\u00fcnchner Philharmonie am Gasteig h\u00f6chst unorthodox einweihen sollte . damit nun kann man Richters Sch\u00fctz gar nicht vergleichen, gegen\u00fcber solcher Transzendenz bleibt es so hausbacken, wie es auch sonst \u00fcblich ist. Bleiben die gro\u00dfen Bach-Werke: Messe h-moll, Matth\u00e4us-Passion, Weihnachts-Oratorium \u2013 und hier kann jeder eintauchen in die Welt, die vor einem halben Jahrhundert Gegenwart und f\u00fcr viele Konzertg\u00e4nger das H\u00f6chste war: eine erhebende, erhabene Angelegenheit, nicht allzu differenziert, aber leidenschaftlich und zugleich mit einer gewissen N\u00fcchternheit vorgetragen, immer intensiv und aus dem Vollen gesch\u00f6pft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die einzige betr\u00fcbliche Sache ist das Booklet der vorliegenden 31-CD-Box. Nicht nur, dass es spartanischer eigentlich nicht geht und ich mich frage, ob man wirklich so schw\u00e4bisch sparen musste \u2013 vor allem entt\u00e4uscht die Lieblosigkeit der Redaktion, die so viele grobe Fehler und L\u00fccken entstehen lie\u00df. So ist die Solistin in Mozarts Doppelkonzert nicht erw\u00e4hnt (Rose Stein an der Harfe), und es fehlen die Solistennamen in den Brandenburgischen Konzerten (u. a. Meisen, Scherbaum, W\u00fchrer und Richter selbst) und sogar in der h-moll-Messe (Stader, T\u00f6pper, Fischer-Dieskau und Engen). Auch sind die Aufnahmen nicht datiert, dass man \u2013 w\u00fcsste man es nicht besser \u2013 fast glauben k\u00f6nnte, es handele sich um eine Raubpressung. Immerhin, der kundige Text \u00fcber Richter (der einzige Text im Beiheft) von Lothar Brandt bessert den Gesamteindruck dann doch noch etwas auf. Mehr Respekt vor der Lebensleistung eines solchen Mannes h\u00e4tte den Produzenten wohl angestanden. Der H\u00f6rer kann sich jedoch auch so erlaben, sollte aber meine Rezension lesen, um zu wissen, wer da singt und spielt, wo nichts vermerkt ist\u2026 Die Legende Karl Richter lebt all dessen ungeachtet weiter.<\/p>\n<p><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, Januar 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Profil Edition G\u00fcnter Haenssler 31 CDs PH 16010; EAN: 881488160109 Karl Richter spielt und dirigiert Sch\u00fctz: Musikalische Exequien; A. Scarlatti: Su le sponde del Tebro (Stader); J. S. 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