{"id":150,"date":"2015-10-05T22:02:19","date_gmt":"2015-10-05T20:02:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=150"},"modified":"2015-10-05T22:02:19","modified_gmt":"2015-10-05T20:02:19","slug":"david-und-goliath-preludes-und-sonate","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/05\/david-und-goliath-preludes-und-sonate\/","title":{"rendered":"David und Goliath: Pr\u00e9ludes und Sonate"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Challenge Classics CC72684; ISBN: 608917268423<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/4.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-151\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/4-300x297.jpg\" alt=\"4\" width=\"300\" height=\"297\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/4-300x297.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/4-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/4.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der aus Philadelphia stammende Peter Orth ist zu h\u00f6ren mit russischer Klaviermusik um die Wende zum 20. Jahrhundert. Kurze Miniaturen aus der Feder des jungen Alexander Scriabin, seine 24 Pr\u00e9ludes op. 11, stehen der gro\u00dfformatig-dreis\u00e4tzigen ersten Sonate op. 28 des ein Jahr sp\u00e4ter geborenen, gereiften und auf dem Weltparkett etablierten Sergei Rachmaninov gegen\u00fcber.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Herausforderungen, wie sie kontr\u00e4rer kaum sein k\u00f6nnen, bietet das Album des mittlerweile in Deutschland lebenden Pianisten Peter Orth. Das eine Werk, ein 24-teiliger Pr\u00e9ludes-Zyklus durch alle Tonarten, feingeschliffene und detaillierte Kristalle mit einer deutlichen Anlehnung an Chopins Pr\u00e9ludes op. 28, setzt sich vollst\u00e4ndig ab von dem knapp 20 Jahre sp\u00e4ter entstandenen anderen St\u00fcck, einer \u00fcber 40 Minuten langen Sonate h\u00f6chster Virtuosit\u00e4t, die eher noch im Zeichen Tschaikowskis steht. Technisch bieten beide Komponisten ein gewaltiges Spektrum an H\u00fcrden auf, doch von der Art der musikalischen Ausgestaltung ist es etwas vollkommen anderes, eine kaum eine Minute lange Miniatur detailgetreu zu formen und eine ganze Welt in ihr entstehen zu lassen, als einen viertelst\u00fcndigen Mammutsatz in all seiner Zersplitterung und Gegens\u00e4tzlichkeit zusammenzuhalten. Hier wird beides verlangt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den ersten Programmpunkt bilden Alexander Scriabins 24 Pr\u00e9ludes op. 11, die in einem achtj\u00e4hrigen Kompositionszeitraum zu seinem umfangreichsten Pr\u00e9ludes-Zyklus avancierten. Der junge Scriabin, sp\u00e4ter als gro\u00dfer Neuerer hervorgetreten (vor allem durch seine Quartharmonik, die sich unter anderem im ber\u00fchmt gewordenen Prometheusakkord \u00e4u\u00dfert), ist hier vor allem noch von Chopin beeinflusst und ahmt dessen Gattungen nach, so, wie er auch seinen Stil aufgreift und fortf\u00fchrt. Doch ist Chopin bei weitem nicht die einzige sch\u00f6pferische Kraft hinter dem Opus 11, wie viele so gerne behaupten m\u00f6gen: Scriabin zeigt hier schon eine enorm moderne Seite seiner Musik auf, die sich absetzt von allen bisherigen Einfl\u00fcssen. Wie subtil schafft es das zweite der Pr\u00e9ludes, die kleine Septime durch stetige Verwendung ohne Aufl\u00f6sung in die Oktave (sondern mit Weiterf\u00fchrung in die Sexte) als Konsonanz zu etablieren; welch d\u00e4monische Kr\u00e4fte herrschen in der sechsten Miniatur, die uns in einem Atemzug packt und durch all die schmetternden Oktaven rei\u00dft, nur um uns verst\u00f6rt in voller Akkordik zur\u00fcckzulassen; und wie neuartig ist der Gebrauch des linken Pedals in der geheimnisvoll-vernebelten Nummer 16, das dezidiert als eigene Klangfarbe vorgegeben wird und wohl erstmalig in der Musikgeschichte f\u00fcr ein Fortissimo hinzugenommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Folgepaket gibt es die nach wie vor im Schatten der zweiten stehende erste Sonate von Sergei Rachmaninov, dessen Schaffen im Gegensatz zu Scriabin sein Leben lang der Romantik verpflichtet war. Dieses doch recht langatmige Werk begann der Komponist bei einem Aufenthalt in Dresden, inspiriert vor allem von Goethes Faust, was fast eine Art der programmatischen Anlehnung f\u00fcr die Sonate bietet. Davon ist allerdings im Notentext recht wenig zu erkennen, es sei denn, man will die ostinaten Begleittriolen des zweiten Satzes mit dem ebenfalls in d-Moll stehenden &#8222;Gretchen am Spinnrade&#8220; op. 2 von Franz Schubert vergleichen. Insgesamt ist die Sonate ziemlich zerspalten in viele kleine Einzelabschnitte, die auch vom Tempo immer wieder auseinanderdriften, und einen sinnvollen Zusammenhalt entstehen zu lassen kompliziert machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Makellos angenehm ist die Tonqualit\u00e4t der Einspielung, die fein ausgewogen alle Details des Spiels zum H\u00f6rer hin\u00fcbertr\u00e4gt. Das ausschlie\u00dflich englischsprachige Booklet ist mit Witz und Hintergrundwissen von Jens F. Laurson verfasst, wobei leider auch er \u00fcbersieht, dass Scriabins Fr\u00fchwerk neben Chopins Einfluss auch etwas Eigenes und Neues darstellt. Im Spiel von Peter Orth gibt es immer wieder einige Angewohnheiten, die irritierend wirken. Vor allem sei hier genannt der asynchrone Anschlag beider H\u00e4nde, teils an Stellen, wo sie so offensichtlich zusammen die Mechanik bet\u00e4tigen m\u00fcssen &#8211; sogar in den Schlussakkorden der Sonate ist die linke Hand der rechten einfach voraus. Bei Scriabin sollten zudem die unwillk\u00fcrlichen Temposchwankungen hervorgehoben werden, durch die der H\u00f6rer immer wieder aus der eigentlich unermesslichen Spannung dieser Miniaturen gerissen wird &#8211; gerade in dem diabolischen sechsten Pr\u00e9lude wirkt pl\u00f6tzliche Zur\u00fcckhaltung sehr dem gehetzten Charakter entgegen. Insgesamt ist jedoch eher die Tendenz zu beobachten, dass die langsamen Tempi deutlich zu schnell genommen werden, wodurch gerade bei Scriabin viele wichtigen Details nicht mehr ans Licht treten k\u00f6nnen und sich nicht alle Stimmen voll zu entfalten verm\u00f6gen. So \u00fcberzeugen nicht alle der Pr\u00e9ludes wirklich durch die eigentliche Klarheit und Durchsichtigkeit, die ihnen trotz aller polyphonen Wendungen und konfliktiven Rhythmik innewohnt. Dennoch gibt es einige Nummern, die bei Orth durch exakt \u00fcberdachten Gestus bestechen, allen voran die Nummer 16, die mit unruhigem Geist und logischer Steigerung auftrumpft. Auch die Miniaturen 11-14, 17 und 21 wurden sehr genau erfasst, und insgesamt ist die zweite H\u00e4lfte ausgewogener und konzentrierter als die erste. \u00c4u\u00dferst positiv f\u00e4llt auf, dass Peter Orth vielen pianistischen Klischees widerspricht, was die sangliche Phrasierung der Melodie betrifft &#8211; der Pianist hat ein gutes, nat\u00fcrliches Gesp\u00fcr f\u00fcr energetische Verl\u00e4ufe und akzentuiert nicht wie so viele anderen ausgerechnet die Aufl\u00f6sungen oder mechanisch die schweren Taktzeiten, sondern die spannungsintensiven Momente innerhalb der Linien. Deutlich reflektierter als Scriabin gelingt ihm die hochvirtuose Sonate op. 28 von Rachmaninov in d-Moll. Die grundverschiedenen Charaktere der einzelnen Abschnitte vermag Peter Orth erstaunlich gut zusammenzuhalten, ohne die gro\u00dfe Form \u00fcberm\u00e4\u00dfig br\u00f6ckeln zu lassen &#8211; soweit es das Werk \u00fcberhaupt zul\u00e4sst, nicht in all den vielen Episoden und Verwinklungen verloren zu gehen. Zwar kann man mancherorts durchaus auf den Gedanken kommen, der mechanisch-technische Effekt \u00fcberwiege das eigentlich musikalische Geschehen, doch wird das immer wieder schnell widerlegt durch ausgefeilte Melodieelemente in all dem virtuosen Gew\u00fchl, durch die einen doch ein wenig danach verlangt, die so selten zu h\u00f6rende Sonate neben der zweiten \u00f6fter einmal vernehmen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, September 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Challenge Classics CC72684; ISBN: 608917268423 Der aus Philadelphia stammende Peter Orth ist zu h\u00f6ren mit russischer Klaviermusik um die Wende zum 20. Jahrhundert. 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