{"id":1516,"date":"2017-02-12T21:26:15","date_gmt":"2017-02-12T20:26:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1516"},"modified":"2017-02-18T04:05:38","modified_gmt":"2017-02-18T03:05:38","slug":"ein-kompendium-neuer-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/02\/12\/ein-kompendium-neuer-musik\/","title":{"rendered":"Ein Kompendium Neuer Musik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Darmstadt Aural Documents: Box 3, Ensembles (7 CD)<br \/>\n\u00a9 2016 NEOS Music GmbH,\u00a0 1952-2010 Hessischer Rundfunk, Internationales Musikinstitut Darmstadt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">NEOS 11230, EAN 4 260063 112300<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Koch0005.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1517\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1517\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Koch0005-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"403\" height=\"349\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Koch0005-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Koch0005-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Koch0005.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 403px) 100vw, 403px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Komponisten: Mark Barden (*1980), Richard Barrett (*1959), G\u00fcnther Becker (1924-2007), Pierluigi Billone (*1960), Herbert Br\u00fcn (1918-2000), John Cage (1912-1992), Juli\u00e1n Carillo (1875-1965), Jean-Claude Eloy (*1938), Robert Erickson (1917-1997), Julio Estrada (*1943), Franco Evangelisti (1926-1980), Johannes Fritsch (1941-2010), Marta Gentilucci (*1973), Erhard Grosskopf (*1934), Wieland Hoban (*1978), Robin Hoffmann (*1970), Maki Ishii (1936-2003), Charles Ives (1874-1954), Hanns Jelinek (1901-1969), Ben Johnston (*1926), Hans-Klaus Jungheinrich (*1938), Arghyris Kounadis (1924-2011), Thomas Lauck (*1943), Hans Ulrich Lehmann (1937-2013), Geno\u00ebl von Lilienstern (*1979), Liza Lim (*1966), Walter Marchetti (1931-2015), Eduardo Moguillansky (*1977), Enno Poppe (*1969), Henri Pousseur (1929-2009), Stefan Prins (*1979), Horatiu Radulescu (1943-2008), Michael Reudenbach (*1956), Rolf Riehm (*1937), Frederic Rzewski (*1938), Tadeusz Wielecki (*1954), Iannis Xenakis (1992-2001)<br \/>\nDarbietende K\u00fcnstler: V\u00e9gh Quartett, LaSalle Quartett, Parrenin Quartett, Kronos Quartett, Arditti Quartett (Roger Heaton, Bassklarinette; Fernando Grillo, Kontrabass), Kairos Quartett, Internationales Kranichsteiner Kammerensemble (Bruno Maderna, Leitung; Pierre Boulez, Leitung; Akemi Karaki, Sopran), The Gregg Smith Singers (Gregg Smith, Leitung), Ensemble Incontri musicali (Bruno Maderna, Leitung), Contemporary Chamber Players, Schola Cantorum Stuttgart (Nicole Rzewski, Sprecherin; Frederic Rzewski, Klavier; Bernhard Kontarsky, Leitung), Ensemble K\u00f6ln (Robert HP Platz, Leitung), Freiburger Schlagzeugensemble (Bernhard Wulff, Leitung), Orchester zum 13. Ton N\u00fcrnberg (Martine Joste, Klavier; Ulf Klausnitzer, Leitung), Teilnehmer der Darmst\u00e4dter Sommerkurse 1998 (Julio Estrada und Isao Nakamura, Leitung), Teilnehmer der Darmst\u00e4dter Sommerkurse 2006 (Wieland Hoban, Percussion; Lucas Vis, Leitung), Teilnehmer der Darmst\u00e4dter Sommerkurse 2008 ( Christian Dierstein, Leitung), Ensemble Courage (Tadeusz Wielecki, Kontrabass; Titus Engel, Leitung), Ensemble Recherche (Christoph Grund, Klavier; Christian Dierstein, gro\u00dfe Trommel), Fathom String Trio, Ensemble ascolta, Nadar Ensemble (Daan Janssens, Leitung), Klangforum Wien (Emilio Pom\u00e1rico, Leitung)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich erinnere mich noch gut, als ich 1968 die schwere 6-LP-Box der Deutschen Grammophon Gesellschaft mit der schlichten Diagonal-Aufschrift avantgarde, vorne schwarz auf wei\u00df, hinten wei\u00df auf schwarz,\u00a0 in H\u00e4nden hielt. Der eigenartige (und unerkl\u00e4rliche) L\u00f6wenzahngeruch des Neuen und der Anblick der leuchtend monochromen LP-H\u00fcllen verband sich mit der Erwartung von Abenteuern, von den 12 versammelten Komponisten kannte ich gerade mal Kagel, Ligeti und Stockhausen dem Namen nach. In den 3 nachfolgenden Jahren kamen dann Vol. 2,3 und 4 heraus. Ja, das waren goldene Zeiten, in denen ein Rainer Werner Fassbinder noch 14-teilige Filme f\u00fcrs \u00f6ffentlich rechtliche Fernsehen produzieren durfte \u2026 Wenn DGG heute seine Archive \u00f6ffnet f\u00fcr die x-te Zusammenstellung historischer Aufnahmen mit Boxen zu 30, 50 oder 100 CDs, so setzt sie nur noch auf gro\u00dfe Namen wie Karajan, Beethoven oder Mozart, scheut aber bei ihren Sch\u00e4tzen an neuerer Musik jedes Risiko. Einiges findet man noch verstreut in der Serie 20th Century Classics, und das war\u2019s dann. Auf eine Remaster-Ausgabe dieser 4 avantgarde-Boxen, inzwischen Kult und im Internet f\u00fcr dreistellige Euro-Preise gehandelt, wartet man vergebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Da kommt Trost vom tapferen kleinen M\u00fcnchner Label NEOS. In der Reihe \u201eDarmstadt Aural Documents\u201c gibt es bereits Box 1, \u201eComposers Conducting Their Own Works\u201c, mit 6 CDs, Box 2 ist eine John Cage gewidmete Einzel-CD, und Box 4 mit 6 CDs ist ganz der neueren Klaviermusik vorbehalten. Die hier vorliegende Box 3 besteht aus 7 CDs und befasst sich ausschlie\u00dflich mit Ensemble-Musik, in der zeitgen\u00f6ssischen Musik vielleicht ohnehin die interessanteste Sparte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn Ihnen der Name Darmstadt in musikalischem Zusammenhang nichts sagt, dann sind Sie auf jeden Fall ein Neuling im Fach \u201eZeitgen\u00f6ssische Musik\u201c. Die Internationalen Ferienkurse f\u00fcr Neue Musik in Darmstadt, 1946 von Wolfgang Steinecke, dem damaligen Kulturdezernenten der Stadt mithilfe der amerikanischen Milit\u00e4rregierung ins Leben gerufen, entwickelte sich schnell zu einem der wichtigsten Foren f\u00fcr junge Komponisten, Musiktheoretiker und Interpreten. Nach den Anf\u00e4ngen mit den ber\u00fchmten \u201eSeriellen\u201c wie Boulez, Stockhausen und Nono kamen dann Kagel, Lachenmann, Rihm und viele andere gro\u00dfe Namen, die Darmstadt ber\u00fchmt gemacht haben (oder die durch Darmstadt ber\u00fchmt wurden wie z. B. Giacinto Scelsi). Und immer schon wurde flei\u00dfig polemisiert, sogar von Alex Ross in seinem Buch \u201eThe Rest is Noice\u201c, in dem er sonst \u00fcberaus unterhaltsam und erfolgreich auf die Musik des 20. Jahrhunderts neugierig macht. Alle waren sie dort, auch Cage und Feldman (sehr empfehlenswert seine \u201eDarmstadt Lectures\u201c). Und eines hat Darmstadt mit Rom und der Katholischen Kirche gemeinsam: Nirgends wird so viel gel\u00e4stert bei gleichzeitig h\u00f6chster Konzentration von Autorit\u00e4t, oft totgesagt und doch quicklebendig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und nun liegt also sowohl f\u00fcr Kenner, als auch f\u00fcr Einsteiger hier ein Kompendium an spannender Musik vor, ein wahres Schatzk\u00e4stlein, noch dazu sehr h\u00fcbsch und geschmackvoll wie alle Boxen der NEOS-Reihe als ansprechendes Digipack.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eWer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus\u201c. Da soll sich Goethes Schauspieldirektor (Faust I) mal nicht so sicher sein! Man staunt zwar, wie viel Sch\u00f6nes die zeitgen\u00f6ssische Musik bereith\u00e4lt (z.B. Johannes Fritsch oder Horatiu Radulescu), aber nat\u00fcrlich gibt es auch ausgesprochen Sperriges und H\u00e4ssliches, und wer nicht zugeben will, dass manches dieser St\u00fccke \u201eexperimenteller Musik\u201c nur nervt, der m\u00f6chte sich vielleicht geschmacklich nur vom gemeinen Volk (\u201edes ist koa Mussig\u201c) absetzen. Aber eines best\u00e4tigt sich \u00fcberhaupt nicht (und hat auch nie gestimmt): dass diese Musik akademisch konstruiert und trocken daherkommt. Man sieht auch, dass die als \u201eseriell\u201c bezeichneten K\u00fcnstler sich meist selbst nicht an ihre Komponier-Regeln gehalten haben. Und: Es wird nie langweilig. Herrlich zum Beispiel Ben Johnstons \u201eKnocking Piece\u201c aus der Darmst\u00e4dter Stadthalle mit den Pfiffen und Rufen (\u201eBuhh! Aufh\u00f6ren \u2026\u201c) am Ende!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es werden in 8 Stunden 37 Werke geboten, die meisten von etwa 20 Minuten Dauer, die \u00e4lteste Auff\u00fchrung von 1952, die j\u00fcngste von 2010, und viele dieser Mitschnitte des Hessischen Rundfunks sind jetzt schon von historischen Rang (z.B. der oben erw\u00e4hnte Ben Johnston, oder auch Evangelisti, Xenakis, Cage, Jungheinrich \u2026). Es gibt ja oft relativ wertlose Zusammenstellungen von Minih\u00e4ppchen, welche die Neugier der Anf\u00e4nger wecken sollen, sie dabei aber nur nerv\u00f6s machen. Davon kann hier keine Rede sein: Es werden nur ganze Werke pr\u00e4sentiert, und es haben fast alle das Pr\u00e4dikat \u201eWorld premi\u00e8re\u201c, manchmal auch \u201eEuropean premi\u00e8re\u201c oder zumindest \u201eGerman premi\u00e8re\u201c. Nur zwei der hier vertretenen Komponisten (Ives und Carillo) sind nicht im 20. Jahrhundert geboren, und auch der Nachwuchs (z. B. Mark Barden, Jahrgang 1980) ist gut repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Schwerpunkt finden wir die klassische Formation Streichquartett. So beginnt CD 1 mit Hanns Jelineks Streichquartett Nr. 2, dargestellt 1962 vom legend\u00e4ren V\u00e9gh Quartet, eine wahre Trouvaille. Auch das LaSalle Quartet fehlt nicht. Dann kommt das Kronos Quartet, ein immer abwechslungsreicher, f\u00fcr \u00dcberraschungen guter, fast schon \u201epopul\u00e4rer\u201c T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik seit den 80er Jahren, hier mit der Weltpremiere der Thirty Pieces for String Quartet von John Cage. Das Werk wurde damals eigens f\u00fcr das Kronos Quartet komponiert, und die Aufnahme ist eine absolute Rarit\u00e4t, gab es doch bisher nur eine Einspielung vom Arditti Quartet, die dazu noch vergriffen ist. \u00dcbrigens gibt es ein sehr interessantes Videoclip, <a href=\"http:\/\/exhibitions.nypl.org\/johncage\/node\/263\"><u>http:\/\/exhibitions.nypl.org\/johncage\/node\/263<\/u><\/a>, auf dem David Harrington, der Primarius von Kronos, der Geigerin Emily Ondracek-Peterson die von ihm empfohlenen Spielweisen f\u00fcr diese St\u00fccke erl\u00e4utert. CD 2 wird ganz vom\u00a0 Arditti Quartet (mit dem vorz\u00fcglichen Cellisten Rohan de Saram) bestritten. CD 3 ist exklusiv dem Internationalen Kranichsteiner Kammerensemble gewidmet, dies allein ist schon die Anschaffung dieser Box wert. Auch viel Schlagzeug ist geboten, so z.B. Liza Lims \u201eCity of Falling Angels\u201c f\u00fcr 12 Perkussionisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zahlreiche weitere h\u00f6chst originelle Produktionen warten darauf, entdeckt zu werden. Das, was damals vor fast 50 Jahren f\u00fcr mich die sch\u00f6ne DGG-Cassette war, das k\u00f6nnte heute gut diese NEOS-Box f\u00fcr manchen werden: ein idealer Einstieg in die Moderne Musik.<\/p>\n<p><strong>[Hans von Koch, Februar 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Darmstadt Aural Documents: Box 3, Ensembles (7 CD) \u00a9 2016 NEOS Music GmbH,\u00a0 1952-2010 Hessischer Rundfunk, Internationales Musikinstitut Darmstadt NEOS 11230, EAN 4 260063 112300 Komponisten: Mark Barden (*1980), Richard Barrett (*1959), G\u00fcnther Becker (1924-2007), Pierluigi Billone (*1960), Herbert Br\u00fcn (1918-2000), John Cage (1912-1992), Juli\u00e1n Carillo (1875-1965), Jean-Claude Eloy (*1938), Robert Erickson (1917-1997), Julio Estrada &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/02\/12\/ein-kompendium-neuer-musik\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Kompendium Neuer Musik<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[1775,1769,1751,1749,1782,1786,1774,1747,1792,1795,1779,1799,1757,1738,1339,1194,1797,1793,1778,1783,777,1743,1796,1771,1177,1763,1785,1754,1777,1734,1748,1753,1750,1758,1736,1760,1207,1773,1790,1741,166,1737,1740,1772,1800,1768,1766,1755,1791,1746,1168,1742,1238,1761,1798,943,1781,1787,1767,1735,1171,1733,1739,1784,1745,1770,1762,1780,1759,1764,1789,1776,1752,1794,1788,1765,1756,1744],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1516"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1516"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1516\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1527,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1516\/revisions\/1527"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}