{"id":1529,"date":"2017-02-18T17:15:54","date_gmt":"2017-02-18T16:15:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1529"},"modified":"2017-02-18T17:16:19","modified_gmt":"2017-02-18T16:16:19","slug":"die-musik-als-universelle-schule-fuer-den-menschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/02\/18\/die-musik-als-universelle-schule-fuer-den-menschen\/","title":{"rendered":"Die Musik als universelle Schule f\u00fcr den Menschen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Hans Erik Deckert: Mensch und Musik<br \/>\nNovalis Verlag, 2016; ISBN: 9783941664487<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1530\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1530\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-239x300.jpg\" alt=\"0087\" width=\"239\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-239x300.jpg 239w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-768x962.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-817x1024.jpg 817w\" sizes=\"(max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Erik Deckert ist mir schon lange ein Begriff, und ich habe viele hervorragende, oftmals auch prominente Musiker, vor allem aus Skandinavien, getroffen, die ihm als Sch\u00fcler, Studenten und Kollegen begegnet sind. Wir sa\u00dfen in den gleichen Kursen bei Sergiu Celibidache in Mainz, und er hatte schon damals immer ein offenes Ohr f\u00fcr uns junge, naive Anf\u00e4nger. Deckert wurde 1927 in Hamburg als Sohn eines deutschen Vaters und einer d\u00e4nischen Mutter geboren. Am 15. Januar diesen Jahres zelebrierte er seinen 90. Geburtstag mit der Leitung und Einstudierung von Thomas Tallis\u2019 40stimmiger Motette ,Spem in alium\u2019 mit 40 Cellisten bei einem Festkonzert in der Martinskirche M\u00fcllheim in der N\u00e4he von Freiburg im Breisgau. Er ist also ungebrochen aktiv und lebt seine Passion und Botschaft: die Kammermusik, deren Prinzipien er als einer der gefragtesten, legend\u00e4ren Mentoren unserer Zeit jungen Musikern aus allen L\u00e4ndern nahebringt im Rahmen seiner \u201aCello-Akademie\u2019. 1939-44 war er Sch\u00fcler des Komponisten und Chordirigenten Kurt Thomas am Musischen Gymnasium in Frankfurt am Main und setzte seine Ausbildung 1948-52 in den F\u00e4chern Cello, Dirigieren und Musiktheorie an der Kopenhagener Musikakademie fort. Er hat Meisterkurse von Pablo Casals und \u2013 wie erw\u00e4hnt \u2013 sp\u00e4ter bei Sergiu Celibidache besucht und pflegte intensiven Austausch mit vielen gro\u00dfen Musikern des 20. Jahrhunderts, die l\u00e4ngst in die ewigen Klanggr\u00fcnde eingegangen sind. Viele Jahrzehnte wirkte er als Solist, Dirigent und Kammermusiker und sammelte jene Erfahrungen, von denen seither seine Studenten profitieren, die er nicht nur in Europa, sondern auch in \u00c4gypten, S\u00fcdafrika, Japan, Lateinamerika und den USA unterrichtet. Geistig steht er der Anthroposophie Rudolf Steiners nahe, was nat\u00fcrlich auch die Affinit\u00e4t zu Goethe und fern\u00f6stlicher Spiritualit\u00e4t einschlie\u00dft, also eine zutiefst humanistische Musizierhaltung, wie sie eben auch bei solchen Meistern wie Wilhelm Furtw\u00e4ngler, Bruno Walter, Leo Weiner, Zolt\u00e1n Kod\u00e1ly, Paul Hindemith, Celibidache, Casals, Edwin Fischer, Adolf Busch, Heinrich Neuhaus, Josef Vl\u00e1ch, Isaac Stern, S\u00e1ndor V\u00e9gh, Jean Louis Florentz oder Anders Eliasson in unterschiedlichster Auspr\u00e4gung zu finden war, und wie sie heute von Musikern wie dem 80j\u00e4hrigen Berliner Streichquartett-Mentor Eberhard Feltz oder dem in Salzburg wirkenden Geiger und Dirigenten Lavard Skou Larsen verk\u00f6rpert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mithin naheliegend, wenn Deckerts so schnell vergriffenes und soeben in zweiter Auflage erschienenes Buch \u201aMensch und Musik\u2019 hei\u00dft und dort viele Zitate eines Gro\u00dfteils der vorgenannten Legenden ihren Niederschlag finden. Das Buch ist eine Sammlung von Vortr\u00e4gen und Aufs\u00e4tzen Deckerts aus den Jahren 1981-2015. Deckert hat dabei stets nicht nur eine musikalische und soziologische, sondern eben auch eine ethische, ja moralische Botschaft zu vermitteln. Der verantwortungsbewusste Musiker hat gute Chancen, sich auch als verantwortungsbewusster Mensch zu bew\u00e4hren \u2013 was ja keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist. Dabei ist Deckert stets zugleich Praktiker und Idealist. In einem der zentralen Essays \u2013 \u201aGeben und Nehmen. Kammermusik als Schule der musikalischen Zusammenarbeit\u2019 benennt er als die \u201edrei Grundgesetze der Kammermusik\u201c: das \u201ePrinzip der rhythmischen Verzahnung\u201c, das \u201ePrinzip der Motiv-\u00dcbernahme\u201c, und \u201edas des aktiven, aus ganzer Seele teilnehmenden Begleitens\u201c. Man k\u00f6nnte auch sagen: das Miteinander, das Ineinander, und das F\u00fcreinander \u2013 es geht hier also immer um den Gleichklang von Musikalit\u00e4t und Menschlichkeit, was sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, ob explizit benannt oder im Hintergrund anwesend. Kapitel wie \u201aDas musikalische Ph\u00e4nomen\u2019 oder \u201aMusikalisches Bewusstsein\u2019 f\u00fchren auf eine zeitlosen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten verpflichtete Weise in die Voraussetzungen bewussten, verantwortlichen Musizierens ein. Am Beispiel Beethovens wird aufgezeigt, wie \u00e4u\u00dferste Einfachheit der Melodiebildung zugleich Ausdruck h\u00f6chster, reinster, leuchtender Gr\u00f6\u00dfe der menschlichen Innenwelt ist \u2013 nicht das Material ist wirklich entscheidend, sondern der ausgerichtete Geist, der es empf\u00e4ngt und formt, eine Botschaft also, die diametral jener das Materialistische und das Emotionale trennenden Musikauffassung entgegentritt, wie sie seit dem Siegeszug der Atonalit\u00e4t im intellektuellen Diskurs so pr\u00e4gend f\u00fcr die Moderne und im Gefolge dessen \u00fcberhaupt f\u00fcr die Musikausbildung geworden ist. Entschieden stellt sich Deckert der Popmusik und \u00fcberhaupt jeder Form verst\u00e4rkten und k\u00fcnstlich erzeugten Klangs entgegen, denn hier spiegelt sich der Triumph der unmenschlichen Kr\u00e4fte wider, das mechanische Robotertum, das\u00a0 im narzisstischen Perfektionismus und der unerbittlichen Wettbewerbsmentalit\u00e4t unserer Zeit seinen entmenschlichten Niederschlag findet. Dazu ist freilich einzuwenden, dass der Jazz, die avancierte Rockmusik und andere daraus in der \u00dcbernahme weiterer Einfl\u00fcsse wie Folklore, indigener Kunstmusik oder auch klassischer Musik hervorgegangene Str\u00f6mungen und Fusionen h\u00f6chst kreative Musiker hervorgebracht haben (ich denke z. B. an Erscheinungen wie King Crimson, Astor Piazzolla, Peter Michael Hamel, Oregon usw.). Trotzdem, es stimmt, es bleibt absolut wesentlich, dass wir Erfahrungen mit dem Klang in seiner reinen, nat\u00fcrlichen, urspr\u00fcnglichen Form machen, und daraus hervorgehend mit der Korrelation der Klangph\u00e4nomene zu h\u00f6herer Einheit der Gestalt, was Voraussetzung ist, um die Identifikation mit der gegenst\u00e4ndlichen Welt, die Abh\u00e4ngigkeit von den Dingen, die wir letztlich nicht mitnehmen k\u00f6nnen, transzendieren zu k\u00f6nnen. Deckerts Kritik am Zustand der musikalischen Welt muss intelligent gelesen werden, und dass wir uns in einer Epoche der Dekadenz befinden, k\u00f6nnen wir erkennen, wenn wir uns intensiv und unabh\u00e4ngig kritisch mit jenen Str\u00f6mungen auseinandersetzen, die heute insbesondere in Mitteleuropa das feuilletonistisch verb\u00fcrgte Siegel \u201aNeue Musik\u2019 tragen, das in den meisten F\u00e4llen mit erlebtem, also erlebbarem Zusammenhang nichts zu tun hat und uns vor allem in eine Welt der sinnlichen Effekte und spekulativen Methoden katapultiert, die uns so leicht von unserem inneren Erleben abschneiden k\u00f6nnen, indem sie uns eine aufregende Illusion der elaborierten K\u00fcnstlichkeit offerieren. Nat\u00fcrlich gibt es auch heute gro\u00dfe Komponisten, doch die m\u00fcssen wir suchen, und wir werden sie weder in der etablierten \u201aAvantgarde\u2019 finden noch in ihren popul\u00e4ren Antipoden, der Unterhaltungsmusik vom billigen Schlager \u00fcber die sentimentalisierende Hollywoodsauce bis hin zur mechanistischen Minimal Music. Gro\u00dfe Musik heute muss nichts ausschlie\u00dfen, \u00fcberhaupt ist sie nicht eine Frage der Mittel an und f\u00fcr sich (man denke an die Melodik Beethovens!), und wer kennt schon einen so genialen Komponisten wie den Norweger Ketil Hvoslef, oder den vor wenigen Jahren verstorbenen Franzosen Jean-Louis Florentz, um stellvertretend nur zwei Namen zu nennen, deren Musik hinsichtlich des Materials und der sich daraus entfaltenden Dynamik verschiedener nicht sein k\u00f6nnte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deckert betrachtet eingehend die musikalischen Grundph\u00e4nomene Rhythmus, Medodie und Harmonie (die Anders Eliasson, ein anderer ganz gro\u00dfer Meister unserer Epoche, als das H2O der Musik bezeichnete, denn \u201eMusik muss flie\u00dfen, und wenn man sie anschieben muss, ist es keine Musik\u201c) und gibt dem Kammermusiker, sei er nun Anf\u00e4nger, Amateur, Lehrer oder hochqualifizierter Virtuose, auf Schritt und Tritt wertvolle Hinweise. Und immer geht es dabei um das Menschliche, denn Musik wird von Menschen entdeckt, empfangen, gestaltet, um Menschen an einem zutiefst menschlichen Erleben teilnehmen zu lassen.\u00a0 Insofern ist Musik, um den gro\u00dfen d\u00e4nischen Komponisten unserer Zeit Per N\u00f8rg\u00e5rd zu zitieren, ein \u201eunendlicher Empfang\u201c. In \u201aDie notwendige Durchdringung des Individuellen mit dem Sozialen\u2019 konstatiert Deckert:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eImmer wieder passiert es, dass jemand lange Zeit etwas g\u00e4nzlich allein \u00fcbt. Anstatt fr\u00fchzeitig, wenn auch noch so skizzenhaft, sich um die f\u00fcr ihn zust\u00e4ndige musikalische Umgebung zu k\u00fcmmern. Gerade dieser Sachverhalt zeigt an, dass etwas nicht in Ordnung ist. Dieser zweite Pol muss st\u00e4ndig wachsen. Die Hinwendung zum sozialen Element der Musik muss sich intensivieren, muss nach und nach bewusster werden. Geschieht dies nicht, dann kann es zum Verh\u00e4ngnis werden. Und leider ist es eben vielerorts so, dass dies nur unzureichend geschieht, unter Umst\u00e4nden sogar \u00fcberhaupt nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in einem Abschnitt \u00fcber \u201aMusikalische Transzendenz schreibt er mit hymnisch ern\u00fcchternder Emphase:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGerade am Ph\u00e4nomen Kontrapunkt sehen wir die geradezu erschreckende Unterern\u00e4hrung unserer musikalischen Vorstellungswelt. Dieses Fach wird oft zur mathematischen Folter anstatt zur Entwicklung musikalischer Formkr\u00e4fte. Es gleicht einem ausgetrockneten Flussbett, wo fr\u00fcher einmal ein lebensspendender Strom war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So haben wir die M\u00f6glichkeit, die musikalischen Elemente als Kraftzentren, als geistige Realit\u00e4ten zu empfinden, denen wir mit immer gr\u00f6\u00dferer Ehrfurcht und Hingabe gegen\u00fcbertreten. Wir sind hier im Bereich des Allerheiligsten in der Musik. Meines Erachtens sollte hier jede musikalische Arbeit ihr Zentrum haben, hier sollte das eigentliche Hauptfach f\u00fcr jeden Musiker sein, f\u00fcr jede Musikausbildungsst\u00e4tte, f\u00fcr jegliche Form des Musikunterrichtes: Es ist die Musikph\u00e4nomenologie!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Erik Deckerts musikalisch-menschliches Credo, getragen von reicher Erfahrung, unterscheidungsf\u00e4higem Sachverstand, klarer Vorstellung und unbestechlichem Ethos, ist es wert, von jedem Musiker gelesen und in die aktive Arbeit einbezogen zu werden. Zuallererst von den P\u00e4dagogen, aber auch von Musikliebhabern und von begeisterten ebenso wie von frustrierten Berufsmusikern, die ihr urspr\u00fcngliches Ideal nicht aus den Augen verloren haben und einen verantwortungsbewussten, fruchtbaren und intelligenten Ansatz suchen, um sich zu orientieren in der von innerer Lebendigkeit getragenen Welt eigentlichen Musizierens jenseits der im besten Falle brillanten Oberfl\u00e4chlichkeit des normalen \u201aSurvival of the Fittest\u2019-Musikbusiness. Denn, so Deckert:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas aber ist dieses Werdende? Es ist der musikalische Konsens in einer Gemeinschaft von Musizierenden, bewirkt durch die gemeinsame Aneignung objektiver musikalischer Gesetze. Dieser Konsens wird sich unmittelbar auf den aktiv miterlebenden Zuh\u00f6rer \u00fcbertragen. Eine subjektive Interpretation hat hier zur\u00fcckzutreten gegen\u00fcber der \u00fcbergeordneten Erkenntnis musikalischer Zusammenh\u00e4nge. Ein Lehrer oder ein Dirigent kann zwar musikalische Gemeinschaften suggerieren, doch der Konsens, der durch das musikalische Erleben entstehen kann, beruht allein auf der Freiheit des Einzelnen in der Wahrnehmung der eindeutigen musikalischen Ph\u00e4nomene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen nicht sagen, was Musik ist. Aber wir k\u00f6nnen erleben, wenn Musik entsteht. Wir k\u00f6nnen erleben, wenn T\u00f6ne korreliert werden und ein ewiges \u201aJetzt\u2019 die Zeitdimension aufhebt. In der Kammermusik k\u00f6nnen die Mitwirkenden gemeinsam korrelieren, aber ohne sich selbst zu verlieren. Hier liegt das Mysterium der Musik, das jedem Menschen zug\u00e4nglich ist, wenn er sich daf\u00fcr \u00f6ffnet. Hier liegt die Chance, die Musik als eine universelle Schule f\u00fcr den Menschen zu empfinden.\u201c<\/p>\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Januar 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Erik Deckert: Mensch und Musik Novalis Verlag, 2016; ISBN: 9783941664487 Hans Erik Deckert ist mir schon lange ein Begriff, und ich habe viele hervorragende, oftmals auch prominente Musiker, vor allem aus Skandinavien, getroffen, die ihm als Sch\u00fcler, Studenten und Kollegen begegnet sind. 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