{"id":1534,"date":"2017-02-19T16:01:48","date_gmt":"2017-02-19T15:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1534"},"modified":"2017-02-19T16:01:48","modified_gmt":"2017-02-19T15:01:48","slug":"die-musik-in-gefahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/02\/19\/die-musik-in-gefahr\/","title":{"rendered":"Die Musik in Gefahr?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Novalis; ISBN: 978-3-941664-48-7<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1530\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1530\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-239x300.jpg\" alt=\"0087\" width=\"239\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-239x300.jpg 239w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-768x962.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/0087-817x1024.jpg 817w\" sizes=\"(max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mensch und Musik hei\u00dft Hans Erik Deckerts Anthologie von Aufs\u00e4tzen aus den Jahren 1981 bis 2015. Der Cellist, Dirigent und Musiktheoretiker geht auf die Wirkung der Musik im Menschen, auf ihre Heiligkeit, auf die Folgen der aktuellen Musiknutzung, auf die Kammermusik und auf weitere Ph\u00e4nomene ein.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist die h\u00f6rbare Kunst in ernsthafter Gefahr? Immer wieder tritt diese Frage, die Mahnung in den Aufs\u00e4tzen von Hans Erik Deckert hervor. Es ist bei weitem nicht die einzige Frage, die diese umfassende wie weitreichende Anthologie umfasst, aber doch ist es die aktuellste &#8211; die, die einen jeden heute betrifft. Die Begr\u00fcndung dieser Bef\u00fcrchtung: mehr als frappierend und definitiv denkw\u00fcrdig. Die Grundannahme, von der Deckert ausgeht, ist, dass es eine objektive Existenz der Musik gibt und dass sie in uns allen als eine Art Heiligtum pr\u00e4disponiert ist. Deckert geht dabei auf die Sph\u00e4renharmonie Pythagoras&#8216; zur\u00fcck, welche die Musik in Musica Mundana (Musik der Welt), Musica Humana (Musik im Menscheninneren) und Musica Instrumentalis (Stimme und Musikinstrument) unterteilt. Somit sind wir st\u00e4ndig umgeben von diesem kostbaren Gut, zudem ist es in uns selbst verankert &#8211; und erst in dritter Instanz k\u00f6nnen wir sie bewusst erzeugen. Doch wie hat sich die Musik durch die M\u00f6glichkeit der Tonaufnahme gewandelt, wie wird sie nun dargestellt und was macht sie mit uns? Wir werden belastet von einer Dauerbeschallung, ob in Film und Werbung, im Kaufhaus oder auf der Stra\u00dfe, in manchen St\u00e4dten wie M\u00fcnchen gar in den U-Bahn-Stationen. Musik ist jederzeit wieder-abrufbar, die Einmaligkeit der Auff\u00fchrung wird durch Reproduktion mit endloser Laufzeit ersetzt. Die Folgen f\u00fcr die Musiker unterminieren fr\u00fchere Praxis und f\u00fchren von der Gestaltung des unwiederbringbaren Moments hin zu einer Fixierung auf technische Brillanz und Makellosigkeit, die f\u00fcr eine \u201averewigte\u2019 Aufnahme angeblich n\u00f6tig sei. So wird auch im Konzertsaal versucht, an die Perfektion einer geschnittenen Aufnahme heranzukommen. Die Seele der Musik wird preisgegeben f\u00fcr einen sch\u00f6nen K\u00f6rper. Nicht geringer, vielleicht sogar noch gravierender, sind die Konsequenzen f\u00fcr den H\u00f6rer. Er lernt das &#8222;Wegh\u00f6ren&#8220;, gew\u00f6hnt sich an die stumpfe Hintergrundberieselung und nimmt diese irgendwann \u00fcberhaupt nicht mehr wahr &#8211; entsprechend verlernt er das &#8222;Hinh\u00f6ren&#8220;, die Konzentration auf den erlebbaren Zusammenhang der Musik. Daraus resultiert, wie Deckert sagt, eine rein triebgebundene Musik, welche auf Zust\u00e4nden statt auf entwickelnder Form basiert, die Musik zur Droge, zum vereinzelten Gef\u00fchl oder zum &#8217;sch\u00f6nen Ger\u00e4usch&#8216; abwertet. Auch wenn ich an dieser Stelle nachdr\u00fccklich eine generelle Verteufelung der so genannten &#8218;Unterhaltungs-Musik&#8216; fragw\u00fcrdig finde und die Ablehnung f\u00fcr \u00fcbertrieben halte, sollte sich der H\u00f6rer doch bewusst des musikalischen Gehalts und wahrhafter k\u00fcnstlerischer Leistungen bewusst werden, sollte sich nicht von Oberfl\u00e4chlichkeiten und schon gar nicht von Gewohnheiten blenden lassen, sondern lieber auf tieferen Ebenen suchen, um auch bei leichter Muse nicht vom wachen Zugang in einen benebelten Zustand abzugleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wie nun kommt man heraus aus diesem Teufelskreis der musikalischen Abstumpfung, die uns dieses Heiligtums zu berauben droht? Vollst\u00e4ndig, so die ern\u00fcchternde Antwort, vermutlich gar nicht, denn zu stark werden wir bereits von au\u00dfen mit Hintergrund- und Zustandsmusik beschallt, um nicht die nat\u00fcrlichen Abwehrreflexe im Sinne von bewusstem wie unbewusstem Wegh\u00f6ren auszubilden. Verbessern k\u00f6nnen wir den Zustand zum einen nat\u00fcrlich durch ver\u00e4nderte Gepflogenheiten des Musikh\u00f6rens, indem wir das &#8222;H\u00f6ren&#8220; zum Zentrum und nicht zum Hindergrund oder zum Teilaspekt eines Multitasking machen, vor allem aber wieder Konzerte h\u00f6ren anstelle von Aufnahmen. Denn nur live verspr\u00fcht die Musik unverf\u00e4lscht (ohne k\u00fcnstliche Membran etc.) ihre volle Lebendigkeit und die unwiederbringliche Einmaligkeit des Moments, das echte Erlebnis. Zum anderen ist es selbstverst\u00e4ndlich das bewusste Musizieren selbst: Deckert nennt vor allem die Kammermusik als quasi heiligen Gral der Musik. Nur hier kann die &#8222;notwendige Durchdringung des Individuellen mit dem Sozialen&#8220; stattfinden, kann der Mensch sich als gleichwertiger Teil eines Ganzen mit tragender Aufgabe finden. Aktives H\u00f6ren ist in der Kammermusik unentbehrlich, um sich einf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. \u00dcber die Wege, wie nun eine musikalische Gemeinschaft gebildet und ausgebildet werden kann wie auch \u00fcber das, was unbedingt beim Musizieren zu vermeiden ist, schreibt Deckert ausf\u00fchrlich. Vor allem dem Thema &#8222;Zu hoch, zu schnell, zu laut&#8220; schenkt er notwendigerweise ein ganzes Kapitel, in welchem auf die verheerenden Auswirkungen unserer heutigen Musizierpraxis eingegangen wird: Auf den zu hohen Kammerton, der besonders den S\u00e4nger \u00dcberlastung der Stimmb\u00e4nder beschert; auf zu schnelle Tempi, die all die herrlichen Details unh\u00f6rbar machen; sowie auf zu heftige Lautst\u00e4rke, die die Ohren der Musiker (wie auch des Publikums) belasten und sch\u00e4digen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich handelt es sich bei &#8222;Mensch und Musik&#8220; nicht um ein Buch, welches ausschlie\u00dflich auf Probleme eingeht und unsere heutige Praxis kritisiert &#8211; das Hauptanliegen ist viel eher, uns die besonderen Kr\u00e4fte der erlebten Musik &#8211; gespielt wie geh\u00f6rt &#8211; nahezubringen, uns die &#8222;Heiligkeit&#8220; der Musik zu vermitteln und uns dazu anzuregen, Musik wieder bewusst wahrzunehmen und sie als Teil von uns in uns aufzunehmen. Dies alles mit einer nun beinahe neunzigj\u00e4hrigen Lebenserfahrung, die so viele Ver\u00e4nderungen der Musikwahrnehmung und -ausf\u00fchrung aktiv mitbekommen hat, ergibt ein umfassendes Bild \u00fcber das Wesen der Musik. Es l\u00e4sst den Leser so einiges kritisch \u00fcberdenken und kann helfen, die Liebe zur Musik noch weiter zu entfachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Novalis; ISBN: 978-3-941664-48-7 Mensch und Musik hei\u00dft Hans Erik Deckerts Anthologie von Aufs\u00e4tzen aus den Jahren 1981 bis 2015. Der Cellist, Dirigent und Musiktheoretiker geht auf die Wirkung der Musik im Menschen, auf ihre Heiligkeit, auf die Folgen der aktuellen Musiknutzung, auf die Kammermusik und auf weitere Ph\u00e4nomene ein. Ist die h\u00f6rbare Kunst in ernsthafter &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/02\/19\/die-musik-in-gefahr\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die Musik in Gefahr?<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[45],"tags":[1805,1811],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1534"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1534"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1534\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5014,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1534\/revisions\/5014"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}