{"id":1550,"date":"2017-02-27T21:42:16","date_gmt":"2017-02-27T20:42:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1550"},"modified":"2017-02-27T21:42:16","modified_gmt":"2017-02-27T20:42:16","slug":"fern-ab-der-trennung-von-musikern-und-publikum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/02\/27\/fern-ab-der-trennung-von-musikern-und-publikum\/","title":{"rendered":"Fern ab der Trennung von Musikern und Publikum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im Freien Musikzentrum M\u00fcnchen spielen Violeta Barrena und Ottavia Maria Maceratini am 19. Februar Werke von Schubert, Ravel, Chopin, Weinberg und Monti sowie Zugaben von Piazzolla und Chuquisengo.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Freie Musikzentrum M\u00fcnchen ist einem kleinen H\u00f6rerkreis schon lange als Wohnzimmer f\u00fcr erstklassige Klassikkonzerte bekannt, und gerade auch der heutige Abend sollte keine Ausnahme bilden. Schon des \u00d6fteren spielte die italienische Pianistin Ottavia Maria Maceratini in diesem kleinen Saal, in dem auch heute wieder alle Zuh\u00f6rer konzentriert und beinahe ins Geschehen involviert wirken; und f\u00fcr die in England lebende katalanisch-schweizerische Violinistin Violeta Barrena ist dies heute ihre Premiere im FMZ. Vor allem aber ist es die gemeinsame Premiere der beiden exzellenten Musikerinnen als Duo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Programm beginnt mit Schuberts a-Moll-Sonatine D. 385, ein hinrei\u00dfendes Werk, erf\u00fcllt von harmonischen Finessen und subtiler Gestaltung. Das Werk ist bekannt als beschauliches St\u00fcck Hausmusik, das nicht allzu tiefgreifend scheint. Aber weit gefehlt bei der heutigen Darbietung, unter den Fingern von Barrena und Maceratini entfaltet die viers\u00e4tzige Sonatine ihr gewaltiges symphonisches Potential in aller Farbenpracht. Brausend begehrt der Kopfsatz auf, nach welchem im Andante tiefe Abgr\u00fcnde aufgerissen werden; In t\u00e4nzerischer Beschwingtheit &#8211; nicht ohne Doppelb\u00f6digkeit &#8211; gibt sich das Scherzo-hafte Menuetto und auf eine zwiesp\u00e4ltige Weise vers\u00f6hnend schlie\u00dft das Allegro-Finale. Es folgt die eins\u00e4tzige postume Violinsonate Ravels, ein Werk aus Studienzeiten, das der Komponist anscheinend nicht f\u00fcr bedeutend genug f\u00fcr eine Ver\u00f6ffentlichung ansah: Ein grobes Fehlurteil. In diesem Fr\u00fchwerk ist schon der unverkennbare Personalstil Ravels manifestiert, ein zwischen Traum und Realit\u00e4t changierender Fluss innigster Leidenschaft. In allen Farben schillert das St\u00fcck wie auch die Darbietung der beiden jungen Musikerinnen, die sich voll auf diese eigenartige Gef\u00fchlwelt einlassen. Ungeh\u00f6rt griffig erklingt die Sonate, beide lassen sich nicht einfach treiben, sondern holen bewusst zentrale Elemente hervor und legen so die Struktur inmitten dieses feingliedrigen Geflechts frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Solistin darf Ottavia Maria Maceratini nach der Pause mit Chopins Polonaise Fantasie op. 61 gl\u00e4nzen, einem kolossalen Sp\u00e4twerk in erstaunlicher Konzentration. Bereits die ersten Noten k\u00f6nnen bei Maceratini verzaubern, so himmlisch transzendental erheben sich die er\u00f6ffnenden Linien. Die Pianistin legt ihre vollste Energie und emotionale Bandbreite in die einzelnen Passagen, erreicht k\u00fchne H\u00f6hepunkte, l\u00e4sst sich als Ausgleich in tr\u00e4umerische Gefilde fallen. Anders als bei den restlichen Werken des Abends ist kein gro\u00dfer Bogen von der ersten bis zur letzten Note zu versp\u00fcren, viel eher verlagert sich Maceratini auf interne H\u00f6hepunkte und die Auskostung eines jeden Aufbaus. Expressive T\u00f6ne, nun wieder von beiden Musikerinnen, sind in der Sonatine von Mieczys\u0142aw Weinberg zu h\u00f6ren, die mit einem j\u00fcdisch-\u00f6stlichen Flair und einer gewissen Robustheit versehen ist. Wie auch Schubert ist dies eigentlich keine \u00fcbliche Sonatine, sondern enth\u00e4lt die gesamte Innenwelt eines gro\u00dfen Konzertwerks und ebenso erklingt sie auch. Das Finale bildet der unverw\u00fcstliche Cs\u00e1rd\u00e1s von Vittorio Monti, bei welchem sich die Violinistin voll austoben darf und in spielerischer Freude \u00fcber die Saiten huscht, dabei allerdings auch nicht die zarte Ausgestaltung der einzelnen Linien vernachl\u00e4ssigt. Als Zugabe gibt es noch zwei Werke aus Lateinamerika, Piazzollas Oblivion, der selten so introvertiert-mitrei\u00dfend erklingt, und Juan Jos\u00e9 Chuquisengos Arrangement von Mariano Mores\u2019 popul\u00e4rer Milonga \u201aTaquito militar\u2019 f\u00fcr Violine und Klavier, ein so belebter wie unentrinnbar mitrei\u00dfender Tanz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den ganzen Abend herrscht eine ganz besondere Energie, die jeden Zuh\u00f6rer im Raum gefangen nimmt und innerlich involviert. Kaum zu glauben, dass die beiden Musikerinnen heute das erste Mal gemeinsam aufgetreten sind, solch eine intensiv innige Bindung ist zwischen ihnen zu sp\u00fcren und bis ins kleinste Atmen ist alles wunderbar aufeinander abgestimmt. Es ist eine Nat\u00fcrlichkeit der B\u00fchnenpr\u00e4senz, fernab der allgegenw\u00e4rtigen Trennung von Musikern und Publikum, die alles so intim werden l\u00e4sst und die Musik noch unmittelbarer zur Entfaltung bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Freien Musikzentrum M\u00fcnchen spielen Violeta Barrena und Ottavia Maria Maceratini am 19. Februar Werke von Schubert, Ravel, Chopin, Weinberg und Monti sowie Zugaben von Piazzolla und Chuquisengo. Das Freie Musikzentrum M\u00fcnchen ist einem kleinen H\u00f6rerkreis schon lange als Wohnzimmer f\u00fcr erstklassige Klassikkonzerte bekannt, und gerade auch der heutige Abend sollte keine Ausnahme bilden. 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