{"id":1561,"date":"2017-03-08T19:09:38","date_gmt":"2017-03-08T18:09:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1561"},"modified":"2017-03-08T19:09:38","modified_gmt":"2017-03-08T18:09:38","slug":"verborgenes-in-ungeahntem-glanz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/03\/08\/verborgenes-in-ungeahntem-glanz\/","title":{"rendered":"Verborgenes in ungeahntem Glanz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am 5. M\u00e4rz 2017 dirigiert Christoph Schl\u00fcren im Zeughaus Neuss die Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein mit den Aquarelles op. 43 von John Foulds, eine von ihm und Lucian Beschiu erstellte Streicherfassung von Anders Eliassons Klavierst\u00fcck Carosello (Disegno no. 3) und Paul B\u00fcttners Streichersymphonie nach dem Streichquartett g-Moll. Zudem ist Beethovens drittes Klavierkonzert mit der Pianistin Beth Levin, die ihr Deutschland-Debut als Orchestersolistin gibt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind Namen, die nicht allt\u00e4glich auf den Programmen zu finden sind: John Foulds, Anders Eliasson und Paul B\u00fcttner. Gleich drei vergessene oder nie wirklich etablierte Komponisten aus unterschiedlichsten Traditionen und Epochen eint das heutige Programm im Zeughaus Neuss, zusammen mit dem deutschen Orchester-Debut der amerikanischen Pianistin Beth Levin, deren CDs allesamt selten erreichte Qualit\u00e4t repr\u00e4sentieren, gleich vier Gr\u00fcnde f\u00fcr diese weite Reise von M\u00fcnchen aus. Es haben sich die richtigen Musiker gefunden f\u00fcr diesen Abend mit der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, welche unter ihrem Chefdirigenten Lavard Skou Larsen bereits unz\u00e4hlige missachtete Komponisten auf die gro\u00dfe B\u00fchne gebracht haben (diese Saison unter anderem Bernard Stevens, Szymon Laks, Florent Schmitt, Nicolas Flagello und Peter Seabourne), und Christoph Schl\u00fcren, dessen zielgerichteter Einsatz f\u00fcr Randrepertoire eine beachtliche Zahl substanzieller Komponisten dem endg\u00fcltigen Vergessen entrei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur, dass diese Gegenstr\u00f6mung zu unserer heutigen Verengung des Konzertrepertoires auf immer weniger Standardwerke zu w\u00fcrdigen und zu unterst\u00fctzen ist, nein auch die dahinter steckende musikalische Erschlie\u00dfung und die Qualit\u00e4t des Konzertvortrags sind \u00fcberragend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte und erfolgreichste der bisherigen Entdeckungen Christoph Schl\u00fcrens ist John Herbert Foulds, der um die Wende zum 20. Jahrhundert als Individualist wirkte und verschiedenste Einfl\u00fcsse mit englischer Volksmusik und indischem Raga kombinierte. Eine Vielzahl an Auff\u00fchrungen und Einspielungen von Foulds\u2019 Musik sind Schl\u00fcren zu verdanken, ebenso die von Lucian Beschiu \u00fcbernommene Urtextedition in einer bei der Musikproduktion H\u00f6flich M\u00fcnchen erschienene Edition von Foulds\u2019 Werken. Das Programm beginnt mit seinen Aquarelles (Music-Pictures Group II) op. 32, die eigentlich f\u00fcr Streichquartett gesetzt sind. Sunny &amp; Amiable (not frivolous) ist das erste der St\u00fccke, &#8222;In Provence. Refrain Rococo&#8220; \u00fcberschrieben, ein aufgeweckt-heiterer Satz mit herrlicher Melodief\u00fchrung und ausgewogenem Verh\u00e4ltnis an Gegenstimmen. &#8222;The Waters of Babylon&#8220; von 1905 ist das Herzst\u00fcck der Aquarelles, ein getragener Satz von unvorstellbarer Sch\u00f6nheit, gerade wenn die Wasserspiegelungen durch reflektierende Au\u00dfenstimmen so bildhaft dargestellt werden, zwischen welchen die Mittelstimmen &#8222;not too clearly articulated&#8220; rhythmisch entgegenwirken. In diesem Satz erscheinen auch Viertelt\u00f6ne von unfehlbarer Wirkung, als w\u00fcrde der Boden wegfallen. Das Finale &#8222;Arden Glade. English Tune with Burden&#8220; existiert auch in Klavierfassung, ein heiter springendes St\u00fcck, welches Schl\u00fcren sp\u00e4ter noch einmal als Zugabe dirigierte. Klare Tempovorstellungen und Bewusstsein \u00fcber jede einzelne Stimme und deren Zusammenwirken pr\u00e4gen Dirigat und Spiel. Die Musiker haben Freude an der Musik und das ist unverkennbar, sie k\u00f6nnen selbst mit dieser nicht bekannten Musik sogleich mitrei\u00dfen und \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit leidenschaftlicher Inbrunst begegnet Beth Levin dem dritten Klavierkonzert Ludwig van Beethovens. Sie legt alles in ihren Part, k\u00f6rperlich, intellektuell und emotional ist sie voll beteiligt. Das klangliche Resultat ist \u00fcberw\u00e4ltigend, selten wirkte Beethoven so unmittelbar, energiegeladen und leidenschaftlich wie am heutigen Tag. Im ersten Satz ist endlich auch einmal die linke Hand ein lebendiger und vollwertiger Widerpart, der zweite Satz ist von unerh\u00f6rter Getragenheit und klanglicher Auskostung, und das Finale sprudelt so siegreich und enthusiastisch, dass es gar nicht unber\u00fchrt lassen kann. Das Orchester hat die schwierige Aufgabe hierbei, in der kleinen Streicherbesetzung (die Streicherfassung ist von Vinzenz Lachner) dem gro\u00dfen Steinway standzuhalten und zudem die schwierige Raumakustik auszugleichen &#8211; was mit Bravour und einigen dynamischen (f\u00fcr den H\u00f6rer Gewinn bringenden) Tricks gelingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ein Musiker, der sich allen Schubladen und Einordnungen entzog, kann Anders Eliasson bezeichnet werden. Er schuf ein eigenes tonales System, wirkte nach einzigartigen Regeln und h\u00f6rte auf die T\u00f6ne selbst, denen er beim Komponieren folgte, sich als Pers\u00f6nlichkeit nach M\u00f6glichkeit heraushielt. So entstanden freie und doch stringente Formen im st\u00e4ndigen Fluss &#8211; wie er sagte: Musik sei wie H2O, flie\u00dfend, das habe er \u201ebei Bach&#8220; gelernt. Ein st\u00e4ndiges Voranschreiten und Weiterentwickeln ist auch das Grundprinzip des Disegno no. 3 mit dem Titel Carosello, von Christoph Schl\u00fcren und Lucian Beschiu aus der Klavierfassung f\u00fcr Streicher gesetzt. Das Publikum ist f\u00fcr solch eigenwillige Musik erstaunlich aufmerksam und gespannt, nur wenige werden unruhig und eine Person verl\u00e4sst f\u00fcr die letzten drei Minuten des Werks gar den Raum, eine unn\u00f6tig st\u00f6rende Geste der Missachtung. Diesen Wenigen sei nachdr\u00fccklich geraten, wirklich aktiv zuzuh\u00f6ren und die weichgezeichneten H\u00f6rgewohnheiten zu \u00fcberdenken, denn nur so l\u00e4sst sich Neues, Ungew\u00f6hnliches entdecken. Eben solches wie Eliasson, dessen Harmoniefolgen von so \u00fcberirdischer Durchschlagskraft sind, dessen Melodien eine ewige Metamorphose durchleben \u2013 dessen Musik einen Moment der Unaufmerksamkeit nicht vertr\u00e4gt, und die so tief- und abgr\u00fcndig ist, dass sie ihre Wirkung bei gutem Zuh\u00f6ren eigentlich \u00fcberhaupt nicht verfehlen kann. Die Streicherfassung des komplexen Carosello wird kongenial aus der Taufe gehoben, die Einzelstimmen sind total aufeinander abgestimmt und der Fluss ist so nat\u00fcrlich und organisch, als w\u00e4re es eine Improvisation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck ins fr\u00fche 20. Jahrhundert f\u00fchrt Paul B\u00fcttner, der wichtigste Sch\u00fcler von Felix Draeseke, noch mehr als sein Lehrer aus den Konzertprogrammen verschwunden. Die zu h\u00f6rende Streicher-Symphonie (nach dem Streichquartett g-Moll) entstammt der Hochzeit des Komponisten, wenige Jahre zuvor entdeckte Arthur Nikisch &#8211; damals einer der angesehensten Dirigenten \u00fcberhaupt &#8211; seine dritte Symphonie und B\u00fcttner &#8222;boomte&#8220;. Es entstand neben anderem die vierte Symphonie, die erste Violinsonate und eben besagtes Streichquartett von 1916, allesamt substanzielle Werke in profiliertestem Stil. Der Ruhm hielt nur kurz, sp\u00e4testens durch die aufsteigenden Nationalsozialisten wurde er aufgrund seiner j\u00fcdischen Ehefrau Eva aus den S\u00e4len verbannt. Das Streichquartett zeugt von einem ganz eigenen und unverkennbaren Stil, der sich in die Tradition von Beethoven, Schubert, Bruckner, Brahms, Draeseke, aber auch Strauss und vielleicht etwas Wagner und Mahler eingliedert. Spannend ist seine formale Anlage aus drei Hauptst\u00fccken, die durch zwei Zwischenspiele (im \u00fcbrigen nicht weniger gekonnt oder inspiriert) getrennt werden. Ein \u00e4hnliches Prinzip nutzte B\u00fcttner sp\u00e4ter f\u00fcr die in seinen letzten Jahren im Versteck komponierte zweiten Violinsonate, zwischen deren vier Haupts\u00e4tzen sich zwei &#8222;Auseinandersetzungen&#8220; einf\u00fcgen. Nun darf das Orchester mehr noch als bei bei Beethoven unter Beweis stellen, auch symphonische Ausma\u00dfe formal zu \u00fcberblicken und als Einheit darzustellen, was unter Christoph Schl\u00fcren m\u00fchelos gelingt. Die Korrelation der Phrasierung und der Dynamik ist einheitlich und schwei\u00dft zusammen, was zusammen geh\u00f6rt. Die Energie wird nicht fr\u00fchzeitig \u00fcberstrapaziert und bleibt auch nicht zu lange unten, sie folgt dem musikalischen Strom und passt sich diesem an. Von Willk\u00fcr ist keine Spur und ebenso wenig von Verstaubtheit oder Trockenheit, die Musik wird aktualisiert und geschieht unmittelbar vor unseren Augen, als w\u00fcrde sie erst gerade entstehen. Unter den flie\u00dfend weichen Bewegungen Christoph Schl\u00fcrens, die aus der K\u00f6rpermitte entspringen und sich in die Arme wie in Antennen fortsetzen, formt sich ein Klang von inniger Ruhe, Bewusstsein und Lebendigkeit &#8211; eine Liebeserkl\u00e4rung an die Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. M\u00e4rz 2017 dirigiert Christoph Schl\u00fcren im Zeughaus Neuss die Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein mit den Aquarelles op. 43 von John Foulds, eine von ihm und Lucian Beschiu erstellte Streicherfassung von Anders Eliassons Klavierst\u00fcck Carosello (Disegno no. 3) und Paul B\u00fcttners Streichersymphonie nach dem Streichquartett g-Moll. 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