{"id":157,"date":"2015-10-10T18:48:04","date_gmt":"2015-10-10T16:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=157"},"modified":"2015-10-10T18:48:04","modified_gmt":"2015-10-10T16:48:04","slug":"ein-heimspiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/10\/ein-heimspiel\/","title":{"rendered":"Ein Heimspiel"},"content":{"rendered":"<p>EuroArts; Unitel Classica; DVD 2072758; ISBN: 8 80242 72758 9<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/6.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-158\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/6-220x300.jpg\" alt=\"6\" width=\"220\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/6-220x300.jpg 220w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/6-750x1024.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im Prager Smetanasaal des Gemeindehauses dirigiert Ji\u0159\u00ed B\u011blohl\u00e1vek die Tschechische Philharmonie im Rahmen des traditionsreichen Prager Fr\u00fchlings mit dem wohl bekanntesten Werk des Namenpatrons Bed\u0159ich Smetana: M\u00e1 Vlast, Mein Vaterland. Aufgenommen wurde das Er\u00f6ffnungskonzerts des Festivals von 2014 unter der Leitung des Videodirektors Tom\u00e1\u0161 \u0160imerda.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tschechische Musikszene wird hierzulande nach wie vor recht marginal wahrgenommen, lediglich die Namen <em>Bed\u0159ich <\/em>Smetana, Antonin Dvo\u0159ak, Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek und vielleicht noch Josef Suk und Bohuslav Martin\u016f, Ervin Schulhoff sowie ganz am Rande Zden\u011bk Fibich sind international ein Begriff. W\u00e4hrend Dvo\u0159ak immerhin mit seinen sp\u00e4ten Symphonien sieben bis neun und dem Cellokonzert omnipr\u00e4sent ist und von Jan\u00e1\u010dek gelegentlich einmal eine Oper oder ein Kammermusikwerk aufgef\u00fchrt wird, haben es die anderen Komponisten nach wie vor recht schwer, sich au\u00dferhalb B\u00f6hmens durchzusetzen. Smetana konnte nur zwei Orchesterwerke beitragen, die heute immer und immer wieder von s\u00e4mtlichen Orchestern dieser Welt pr\u00e4sentiert werden und zu Dauerrennern avancierten: Vltava, zu deutsch die Moldau, sowie die Ouvert\u00fcre zur Oper \u201aDie verkaufte Braut\u2019. Vernachl\u00e4ssigt hingegen sind die f\u00fcnf anderen St\u00fccke des circa 75-min\u00fctigen Zyklus \u201aMa Vl\u00e1st\u2019, dessen zweite Nummer die Moldau ist, und die einen nicht minder wertvollen Beitrag zur tscheschischen Nationalromantik bilden als diese: Die epochale Burg Vy\u0161ehrad, die m\u00e4nnerhassende Rebellin \u0160\u00e1rka, das Naturschauspiel \u201aAus B\u00f6hmens Hain und Flur\u2019 (Z \u010desk\u00fdch luh\u016f a h\u00e1j\u016f) sowie das Hussitenlager T\u00e1bor und der Hussiten letzter R\u00fcckzugsort Blan\u00edk sind die Besungenen, die so zentral sind f\u00fcr Smetanas t\u00f6nende Verherrlichung seines Vaterlandes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist offenkundig, dass Ji\u0159\u00ed B\u011blohl\u00e1vek und die Tschechische Philharmonie hier ein absolutes Heimspiel haben, jedes St\u00fcck ist bis ins Kleinste genauestens bekannt und s\u00e4mtliche Charaktere sind minuti\u00f6s idiomatisch erfasst. Von der zartesten Kantilene bis zum \u00fcberw\u00e4ltigendsten Brausen, vom Naturlaut bis zum geschwinden Bauerntanz kann der Dirigent dem Orchester jede Nuance in Vollendung entlocken. Zu nennen ist hier beispielsweise der tr\u00fcbe Klarinettengesang vor dem finalen Aufruhr in \u0160\u00e1rka, bei welchem durch die tremolierenden Streicher eine derartig gewaltige Spannung aufgebaut wird, dass sich der H\u00f6rer kaum auf dem Stuhl halten kann. Der Orchesterklang ist dabei durchgehend sehr durchsichtig und klar, auch in polyphonen Passagen wie den die belebte Natur darstellenden Fugati und Fugenbruchst\u00fccken aus Z \u010desk\u00fdch luh\u016f a h\u00e1j\u016f bleibt jede Stimme deutlich und eigenst\u00e4ndig. Das verleiht dem Musikerapparat etwas sehr Plastisches und Bewegliches, der Klang scheint alles andere als zweidimensional zu sein. B\u011blohl\u00e1vek verzichtet trotz der Transparenz weder auf einen vollen Klang noch auf herbe Timbres, die auch das eine oder andere Mal d\u00e4monischer her\u00fcberklingen k\u00f6nnen. Der Klang wird freilich auch beeinflusst durch die interessante Aufstellung des Orchesters mit dem Schlagwerk von der Publikumsseite aus rechts vor den Posaunen und etwas seitlich der Trompeten sowie den sechs (!) Harfen hinten links neben den acht Kontrab\u00e4ssen, die hinter den Posaunen die letzte Reihe bilden. Somit erhalten die tiefen Instrumente von unten eine solide Klangbasis durch die B\u00e4sse, und den hohen Streicher wird der R\u00fccken gest\u00e4rkt durch die positionsbedingt gut h\u00f6rbaren Harfen. Das Schlagwerk f\u00e4llt von rechts \u00fcberfallm\u00e4\u00dfig ein. Durch das visuelle Medium l\u00e4sst sich bei dieser Aufnahme zudem etwas \u00fcber das Dirigierverhalten von Ji\u0159\u00ed B\u011blohl\u00e1vek sagen, was bei rein akustischer Dokumentation im Verborgenen bleiben w\u00fcrde. Die Bewegungen des Orchesterleiters sind gr\u00f6\u00dftenteils auf Brust- und Kopfh\u00f6he, er vermeidet unn\u00f6tig ausladende Gesten. F\u00fcr die Musiker ist seine F\u00fchrung sehr verst\u00e4ndlich und offen, sie l\u00e4dt zur aktiv kontrollierten Klanggestaltung ein und strukturiert die volle B\u00fchne spielerisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die DVD zeigt eine unglaubliche Vielfalt an Kameraperspektiven; Gesamt- und Teilaufnahmen der Musiker und des Dirigenten wechseln mit Kamerafl\u00fcgen \u00fcber die Halle oder Ansichten von hinten oder gar von oben. Sogar die Triangel hat eine eigene Einstellung, wobei diese nicht so grell herausscheppert und das Klangbild dominiert wie in der mittlerweile wohl bekanntesten Aufnahme des ganzen Zyklus von Rafael Kubelik und den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1959, wo dieses kleine Instrument durch die ungewohnte Pr\u00e4senz eine au\u00dfergew\u00f6hnliche und angenehme Klangfarbe beisteuern kann. Interessanterweise st\u00f6ren trotz so vieler Einstellungen zu keiner Zeit andere Kameras, die normalerweise in Filmproduktionen irgendwo klobig herumstehen oder durch den Raum geschoben werden. Meist sieht man nur bei ganz genauem Hinschauen die Videoaufnahmeger\u00e4te. Ruhig stehen die Kameras hier \u00fcblicherweise nicht, durch leichte Fahrten bleibt das Bild stetig im Fluss. Erstaunlich oft sind die Kamerafahrten und Schnitte sogar der Musik angepasst, an dramatischen H\u00f6hepunkten bewegen sich vielerorts die Kameras schneller und es werden au\u00dfergew\u00f6hnlichere Positionen wie diejenige senkrecht von oben gew\u00e4hlt, au\u00dferdem gibt es dann mehr Schnitte. Auch die Audiowiedergabe ist auf einem durchwegs hohen Niveau und kann glaubhaft die F\u00fclle an einzeln ausgearbeiteten Stimmen vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der \u00e4u\u00dfere Eindruck der DVD ist sehr ansprechend mit dem stimmungsvollen Bild einer vernebelten Mooslandschaft und schlicht gehaltener Aufschrift. Das Booklet gibt auf Franz\u00f6sisch, Deutsch und Englisch (nicht jedoch auf Tschechisch!) ausf\u00fchrlich Auskunft \u00fcber Smetana, seinen Zyklus und die einzelnen St\u00fccke, wodurch der Leser alles erf\u00e4hrt, um sich ein Bild zu machen \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der doch sehr programmgesteuerten Musik von M\u00e1 Vlast. \u00dcber das Orchester l\u00e4sst sich das Booklet allerdings nur auf Englisch aus, Informationen \u00fcber den gro\u00dfartigen Dirigenten fehlen vollst\u00e4ndig, was mehr als bedauerlich ist. Nichts desto Trotz liegt hier wohl eine der besten Musikfilmproduktionen dieses Jahres vor, die sowohl k\u00fcnstlerisch als auch akustisch und optisch wahrhaft hochkar\u00e4tig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2015]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EuroArts; Unitel Classica; DVD 2072758; ISBN: 8 80242 72758 9 Im Prager Smetanasaal des Gemeindehauses dirigiert Ji\u0159\u00ed B\u011blohl\u00e1vek die Tschechische Philharmonie im Rahmen des traditionsreichen Prager Fr\u00fchlings mit dem wohl bekanntesten Werk des Namenpatrons Bed\u0159ich Smetana: M\u00e1 Vlast, Mein Vaterland. 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