{"id":1571,"date":"2017-03-15T18:15:47","date_gmt":"2017-03-15T17:15:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1571"},"modified":"2019-05-07T21:31:02","modified_gmt":"2019-05-07T19:31:02","slug":"virtuoses-nordisches-understatement-beim-mko","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/03\/15\/virtuoses-nordisches-understatement-beim-mko\/","title":{"rendered":"Virtuoses, nordisches Understatement beim MKO"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Im Rahmen eines Nachtkonzerts fand am 11.03.2017 in der Pinakothek der Moderne mit dem M\u00fcnchener Kammerorchester unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Clemens Schuldt ein ganz der anwesenden finnischen Komponistin Kaija Saariaho gewidmetes Konzert statt. Als Hauptsolisten hatte man den Violinisten John Storg\u00e5rds eingeladen, der einmal mehr vollends zu \u00fcberzeugen wusste.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das 41. vom MKO veranstaltete Komponistenportr\u00e4t ist erst zum zweiten Male einer weiblichen Protagonistin gewidmet. Zumindest in Europa darf man die Finnin Kaija Saariaho (*1952) zu den bedeutendsten Vertreterinnen ihres Berufsstandes z\u00e4hlen. Wichtige Grundlagen f\u00fcr die Herausbildung eines eigenen Stils waren die Ber\u00fchrung mit Vertretern einer streng seriellen Schreibweise (Brian Ferneyhough) wie die intensive Auseinandersetzung mit den Ideen der franz\u00f6sischen Spektralisten (G\u00e9rard Grisey usw.). So verwundert es nicht, dass Frau Saariaho Ende der 1980er Jahre mehrere St\u00fccke herausbrachte, die traditionelle Instrumentalensembles mit Elektronik verbanden. Dazu geh\u00f6rt <em>Nymph\u00e9a <\/em>(1987, f\u00fcr Streichquartett &amp; Live-Elektronik). Mittlerweile bevorzugt es die Komponistin allerdings, Klangerfahrungen aus dem Umgang mit elektronischer Musik in direkten Instrumentalklang umzusetzen. Gerade beim Streichorchester verf\u00fcgt Saariaho, alle nur erdenklichen Spieltechniken ausnutzend, \u00fcber ein vielf\u00e4ltiges Spektrum auch \u201aungewohnter\u2018 Kl\u00e4nge, mit dem sie virtuos umgeht. Der erste Programmpunkt des Abends, <em>Nymph\u00e9a reflections <\/em>(2001), ist dann auch quasi eine Rekomposition besagten Quartetts f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Streicherensemble, das dann aber keiner Elektronik mehr bedarf. Geblieben ist die Einbeziehung von Sprache \u2013 durch die Spieler selbst, die im letzten Satz fl\u00fcsternd aus einem Gedicht von Arseni Tarkowski rezitieren. Ich bin sofort beeindruckt von Clemens Schuldts pr\u00e4ziser Zeichengebung und der offensichtlichen F\u00e4higkeit, seine Musiker \u2013 alle quasi auf der Stuhlkante sitzend \u2013 zu h\u00f6chster Anspannung und gegenseitigem Zuh\u00f6ren zu bringen. Das \u201aAufeinander-H\u00f6ren\u2018 ist sowieso neben der gebotenen technischen Souver\u00e4nit\u00e4t \u2013 allein die Vielzahl an verschiedensten Flageoletts ist unglaublich \u2013 die absolute Voraussetzung f\u00fcr eine ad\u00e4quate Umsetzung von Saariahos Klangwelt. Das MKO ist v\u00f6llig bei der Sache, reagiert aufeinander wie ein einziger Organismus und scheint wirklich Freude am gemeinsamen Spiel zu haben. Dies \u00fcbertr\u00e4gt sich auch auf das gut besuchte Auditorium \u2013 trotz einiger Belanglosigkeiten, die die sechs k\u00fcrzeren S\u00e4tze leider auch enthalten. Und mit der Akustik in der Pinakothek kommen die Streicher an diesem Abend deutlich besser zurecht als bei so manchem Konzert unter Alexander Liebreich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es folgen zwei Kammermusikwerke, die nat\u00fcrlich ohne Dirigenten vorgetragen werden. <em>New Gates<\/em> ist die Transkription eines Abschnitts aus dem Ballett <em>Maa <\/em>f\u00fcr Fl\u00f6te, Viola und Harfe (1996) \u2013 schon die Besetzung weckt Assoziationen zu Debussy. Das Trio (Ivanna Ternay, Kevin Hawthorne u. Marlis Neumann) spielt mit Hingabe \u2013 ein angenehmer musikalischer Diskurs mit einigen intelligent gesetzten klanglichen Finessen, aber ohne jegliche Zielstrebigkeit oder gar Teleologie (auch das Ballett hat keinen \u201aPlot\u2018). H\u00e4ufig bei Kaija Saariaho wirkt dies wie ein Blick auf eine sich h\u00f6chst differenziert verformende, plastische, aber opake Oberfl\u00e4che, transformierte R\u00e4umlichkeit, ohne auch nur eine Idee davon zu erhaschen, was sich darunter noch verbergen mag. Das soll jetzt allerdings nicht als h\u00f6fliche Umschreibung des Vorwurfs von \u201aOberfl\u00e4chlichkeit\u2018 missverstanden werden \u2013 es geh\u00f6rt durchaus zu einem gewissen Understatement Saariahos, wie es auch bei anderen nordischen Komponisten auszumachen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eher als <em>Amuse-gueule<\/em> zum eigentlichen Hauptwerk des Abends zu verstehen dann die <em>Sept papillons <\/em>(2000) f\u00fcr Violoncello solo, die die vier Cellisten des MKO \u2013 r\u00e4umlich in die verschiedenen Himmelsrichtungen um die Rotunde verteilt \u2013 unter sich aufgeteilt haben. Schwierigste, st\u00e4ndig zweistimmige Klangstudien, die die Solisten faszinierend meistern. Im sehr aufschlussreichen und angenehm gef\u00fchrten Einf\u00fchrungsgespr\u00e4ch mit Clemens Schuldt berichtete Kaija Saariaho, dass sie diese St\u00fccke jeweils nachts komponiert hat, um vom t\u00e4glichen \u2013 f\u00fcr sie ungewohnten \u2013 Probenstress der Salzburger Urauff\u00fchrung ihrer ersten Oper <em>L\u2019amour de loin<\/em> herunter zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den Abschluss bildet dann das Violinkonzert <em>Graal th\u00e9\u00e2tre<\/em>, 1994 f\u00fcr Gidon Kremer und gro\u00dfes Orchester geschrieben, hier in der alternativen Fassung (1997) f\u00fcr Kammerorchester \u2013 immer noch mit komplettem, einfachen Bl\u00e4sersatz, Schlagwerk, Klavier und Harfe. Als Solist hat man <em>John Storg\u00e5rds<\/em> gewinnen k\u00f6nnen. Ich war sehr gespannt, diesen mittlerweile als Dirigent international bekannten Musiker, der ja auch schon sehr erfolgreich das MKO leitete, auf der Violine zu h\u00f6ren. Bereits f\u00fcr die Erstfassung hatte er der Komponistin bei der Entwicklung des Soloparts mit Rat und Tat zur Seite gestanden, dann die zweite Version uraufgef\u00fchrt und das Werk inzwischen \u2013 das verriet er nicht ohne Stolz \u2013 mehr als drei\u00dfig Mal gespielt. Dass Storg\u00e5rds mit dieser Musik mittlerweile symbiotisch verwachsen zu sein scheint, alles konzentriert \u201aeinfach da\u2018 ist, zeigt sich von der ersten Sekunde an \u2013 bei v\u00f6lliger \u00e4u\u00dferlicher Gelassenheit. Eine durch und durch verinnerlichte Klangvorstellung, der die H\u00e4nde bei immensen technischen Anforderungen geradezu m\u00fchelos folgen, und die sich dar\u00fcber hinaus auch noch sensibelst in den augenblicklichen Gesamtklang des Ensembles zu integrieren vermag \u2013 das ist Weltklasse! Clemens Schuldt kann sich mit diesem Solisten wie in Abrahams Scho\u00df f\u00fchlen, aber die n\u00f6tige Aufmerksamkeit und Pr\u00e4zision ist dann auf den Punkt da, ebenso der \u00dcberblick f\u00fcr die Gesamtdisposition der beiden umf\u00e4nglichen S\u00e4tze \u2013 zumindest der zweite ist auch konfliktgeladen. So vorgetragen gelingen Momente von Intimit\u00e4t, aber auch solche energischsten Zugriffs, die einfach \u00fcberzeugen; eine Auff\u00fchrung, wie man sie sich authentischer kaum vorstellen kann. Als Zugabe bedankt sich Storg\u00e5rds noch mit einem <em>Nocturne,<\/em> selbstverst\u00e4ndlich von Kaija Saariaho, die trotz Zeitdrucks \u2013 sie schreibt gerade an ihrer vierten Oper \u2013 wohl gerne nach M\u00fcnchen gekommen ist. Verdient gro\u00dfer Applaus f\u00fcr diese \u201aNachtmusik\u2018 geht an alle Beteiligten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen eines Nachtkonzerts fand am 11.03.2017 in der Pinakothek der Moderne mit dem M\u00fcnchener Kammerorchester unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Clemens Schuldt ein ganz der anwesenden finnischen Komponistin Kaija Saariaho gewidmetes Konzert statt. Als Hauptsolisten hatte man den Violinisten John Storg\u00e5rds eingeladen, der einmal mehr vollends zu \u00fcberzeugen wusste. 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