{"id":1575,"date":"2017-03-16T23:35:12","date_gmt":"2017-03-16T22:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1575"},"modified":"2017-08-12T22:56:04","modified_gmt":"2017-08-12T20:56:04","slug":"postmoderne-amerikanische-klarinettenquintette","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/03\/16\/postmoderne-amerikanische-klarinettenquintette\/","title":{"rendered":"Postmoderne (?) amerikanische Klarinettenquintette"},"content":{"rendered":"<p>Naxos, LC 05537; EAN: 0636943979624<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin0004.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1576\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1576\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin0004-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"432\" height=\"374\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin0004-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin0004-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin0004.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In der verdienstvollen Reihe \u201aAmerican Classics\u2018 ver\u00f6ffentlichte Naxos k\u00fcrzlich diese CD mit zwei \u00e4u\u00dferst unterschiedlichen Klarinettenquintetten von Bernard Herrmann und David Del Tredici, interpretiert vom renommierten Fine Arts Quartet und dem franz\u00f6sischen Klarinettisten Michel Lethiec. Del Tredicis \u201eMagyar Madness\u201c wird dabei nicht ganz korrekt als Ersteinspielung beworben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass der legend\u00e4re Filmkomponist (<em>Vertigo, Psycho, Fahrenheit 451, Taxi Driver\u2026<\/em>) Bernard Herrmann (1911-1975) auch einige Werke \u201aklassischen\u2018 Formats f\u00fcr den Konzertsaal sowie eine Oper <em>(\u201aWuthering Heights\u2018<\/em>) komponiert hat, d\u00fcrfte den wenigsten bekannt sein, da diese nur sehr selten zu h\u00f6ren sind. So erlebte der Komponist, trotz einer selbst finanzierten und dirigierten Schallplatteneinspielung (1966), die stark gek\u00fcrzte Urauff\u00fchrung seiner bereits 1951 fertig gestellten Oper 1982 in Portland nicht mehr. Einige gute Ideen daraus hat Herrmann \u00fcbrigens auch in Filmmusiken verbraten (vor allem in <em>Vertigo<\/em>). Ihn als Vorreiter der amerikanischen <em>Neo-Romantik <\/em>bzw. musikalischen Postmoderne zu titulieren, wie der Primarius des <em>Fine Arts Quartet<\/em> auf dem CD-Tray, halte ich allerdings f\u00fcr verfehlt. Herrmann verf\u00fcgte f\u00fcr seine Filmmusiken zweifellos \u00fcber alle n\u00f6tigen, modernen technischen Mittel, insbesondere der Instrumentation. Zu avantgardistischen Momenten (Streichergekreische in der ber\u00fchmten Duschszene aus <em>Psycho<\/em>) hat man ihn aber immer erst \u00fcberreden m\u00fcssen. In seinem Herzen war Herrmann stets ein eklektizistischer Romantiker geblieben. Sein Klarinettenquintett <em>Souvenirs de voyage <\/em>entstand 1967 als letztes seiner Konzertwerke. Die drei S\u00e4tze sind sukzessiv von Dichtungen A. E. Housemans (<em>On Wenlock Edge<\/em>), J. M. Synges (<em>Riders to the Sea<\/em>) \u2013 beides von Vaughan Williams vertont \u2013 sowie Aquarellen William Turners inspiriert. Die D\u00fcsternis und Melancholie aus <em>Vertigo<\/em> weicht im Quintett einer gewissen Abgekl\u00e4rtheit, alles jedoch nostalgisch bis an die Grenze des Zumutbaren; man h\u00f6re nur den \u201awienerischen\u2018 Beginn des Finales in Terzen. Dennoch begegnet man handwerklich guter, wirklich ber\u00fchrender Musik. Emotional wird sich der H\u00f6rer, vor allem aufgrund der \u00fcber weite Strecken einfach gehaltenen Harmonik, spontan zurechtfinden. Rhythmisch ist das feine Gewebe zwischen Klarinette und Streichquartett dagegen durchaus elaboriert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">David Del Tredici (* 1937) ist ganz klar einer der Hauptvertreter des <em>neo-romanticism<\/em> und h\u00e4lt eisern an der Tonalit\u00e4t fest. Als Grund f\u00fcr die ungew\u00f6hnliche Form des hier 44-min\u00fctigen Klarinettenquintetts (2006) \u2013 der 3. Satz: <em>Magyar Madness \u201aGrand Rondo \u00e0 la Hongrois\u2018 <\/em>ist deutlich l\u00e4nger als die beiden vorherigen zusammen \u2013 nennt der Komponist seine Begegnung mit Beethovens Streichquartett op. 130 in der Urfassung (mit der <em>Gro\u00dfen Fuge<\/em> als Finale). Dieser 3. Satz nimmt wiederum Schuberts vierh\u00e4ndiges <em>Divertissement \u00e0 la Hongroise<\/em> D. 818 zum Vorbild \u2013 vor allem dessen Illusion fortw\u00e4hrender Beschleunigung. Das St\u00fcck arbeitet so geschickt mit musikalischen Assoziationen, ohne zu zitieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Herrmanns Quintett wird souver\u00e4n dargeboten \u2013 der Klarinettist <em>Michel Lethiec<\/em> l\u00e4sst sich mit seiner differenzierten Tongebung ganz auf die etwas sentimentale Vortragsweise des <em>Fine Arts Quartet<\/em> ein; seine nicht wirklich perfekte Intonation irritiert hier denn auch kaum. Aber was macht er bei <em>Magyar Madness,<\/em> ein Auftragswerk f\u00fcr das <em>Orion String Quartet <\/em>und den Klarinettisten des Ensembles <em>Klezmer Madness<\/em>, David Krakauer, der sich etwas in dieser Richtung w\u00fcnschte? Del Tredici \u2013 ohne jede <em>Klezmer<\/em>-Erfahrung \u2013 konnte nur \u201aetwas Ungarisches\u2018 anbieten; daher der Titel. Tats\u00e4chlich gibt es etliche stark melismatische Stellen in der Klarinettenstimme, oft auch von unten bzw. oben sich einschleifende T\u00f6ne. Wie dies allerdings Herr Lethiec spielt, zieht einem glatt die Schuhe aus! Er detoniert quasi durchgehend um einen Sechstel- bis Viertelton \u2013 seine Partie wird dadurch so vollst\u00e4ndig aus dem Gesamtklang desintegriert, dass der H\u00f6rer kaum noch Zusammenh\u00e4nge zum Geschehen im Streichquartett ausmachen wird. Zun\u00e4chst vermutete ich ernsthaft eine konsequente, dem Komponisten folgende Absicht \u2013 ohne dass diese \u201aBrechung\u2018 allerdings Sinn machte. Ein Blick in die Partitur verr\u00e4t jedoch, dass Del Tredici an keiner Stelle intonatorische Freiheiten gew\u00e4hrt oder gar irgendeine viertelt\u00f6nige \u201aSkordatur\u2018 vorschreibt. Hat sich Lethiec hier eine v\u00f6llig verquere Lesart in Richtung Klezmer zu eigen gemacht oder einfach nur einen sauschlechten Tag \u2013 beide Einspielungen sind Live-Mitschnitte \u2013 erwischt? F\u00fcr mich ist das Werk so jedenfalls nicht auszuhalten und klingt nur nervig. Kl\u00e4rung k\u00f6nnte eventuell die \u2013 bereits Monate vor der Naxos-CD erschienene \u2013 Aufnahme mit den Urauff\u00fchrungsinterpreten bringen (auf dem Label eOne: EOM 7786), die mir leider nicht zur Verf\u00fcgung stand. So kann ich die vorliegende, repertoirem\u00e4\u00dfig interessante CD, kaum empfehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, LC 05537; EAN: 0636943979624 &nbsp; In der verdienstvollen Reihe \u201aAmerican Classics\u2018 ver\u00f6ffentlichte Naxos k\u00fcrzlich diese CD mit zwei \u00e4u\u00dferst unterschiedlichen Klarinettenquintetten von Bernard Herrmann und David Del Tredici, interpretiert vom renommierten Fine Arts Quartet und dem franz\u00f6sischen Klarinettisten Michel Lethiec. Del Tredicis \u201eMagyar Madness\u201c wird dabei nicht ganz korrekt als Ersteinspielung beworben. 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