{"id":1595,"date":"2017-03-30T23:15:09","date_gmt":"2017-03-30T21:15:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1595"},"modified":"2017-03-30T23:15:09","modified_gmt":"2017-03-30T21:15:09","slug":"abgruendig-tiefgruendig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/03\/30\/abgruendig-tiefgruendig\/","title":{"rendered":"Abgr\u00fcndig, tiefgr\u00fcndig"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Coviello Classics, COV 91701; EAN: 4 039956 917014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/0092.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1596\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1596\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/0092-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"293\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/0092-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/0092-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/0092.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine im Jahr 2000 gemachte Liveaufnahme von Lavard Skou Larsen und den Salzburg Chamber Soloists ist nun bei Coviello Classics wiederver\u00f6ffentlicht worden: Darauf sind Schuberts vierzehntes Streichquartett D810 in d-Moll mit dem Beinamen &#8222;Der Tod und das M\u00e4dche&#8220; in einem Arrangement f\u00fcr Streichorchester des Orchesterleiters und Schostakowitschs Kammersymphonie op. 110a, die Bearbeitung des 8. Quartetts durch Rudolf Barschai, zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei abgrundtief sch\u00fcrfende Streichquartette begeistern in der neuesten Wiederver\u00f6ffentlichung der Salzburg Chamber Soloists unter Lavard Skou Larsen, sie beide behandeln den Tod auf ihre ganz eigene Weise. Schuberts ber\u00fchmtes Quartett tr\u00e4gt seinen Beinamen aufgrund von Zitaten aus seinem gleichnamigen Lied im zweiten Satz, dem knapp f\u00fcnfzehnmin\u00fctigen Herzst\u00fcck des gro\u00df angelegten Quartetts. Schostakowitsch bezog sich auf einen Film \u00fcber das zerst\u00f6rte Dresden 1945, worauf er in nur drei Tagen eine Trauermusik in Quartettform komponierte, welcher er seine Initialen D-Es-C-H zugrunde legte. Das Quartett besteht aus f\u00fcnf S\u00e4tzen, ist jedoch eigentlich ein einziges zusammengeh\u00f6riges Gebilde. Ungeachtet aller stilistischen Unterschiede verbindet die Quartette ihr feines Gesp\u00fcr f\u00fcr harmonische Finessen, eine tiefgr\u00fcndige Komplexit\u00e4t und nachtschwarze Todesn\u00e4he.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst vor wenigen Tagen h\u00f6rte ich das Orchester in Kempten mit Schostakowitschs Kammersymphonie, siebzehn Jahre nach vorliegender Aufnahme. In dieser Zeit hat sich der Zugang stark gewandelt, andere Aspekte r\u00fcckten ans Licht und andere Schwerpunkte wurden gesetzt. Dies soll nicht bedeuten, dass die damalige Auff\u00fchrung schlechter oder unvollst\u00e4ndiger w\u00e4re als die heutige \u2013 es zeigt sich lediglich, dass sich Lavard Skou Larsen selbst nach einer wahrhaft gelungenen Aufnahme nicht zur\u00fcckgelehnt hat, sondern st\u00e4ndig weiter an seinem Repertoire forscht und immer Neues hervorholt. Die Musik ist nie starres Endprodukt, sondern flexibel sich st\u00e4ndig aktualisierendes Eigenleben. Die Salzburg Chamber Soloists bestechen mit volumin\u00f6sem Sound in technischer Vollendung und klanglich feinster Nuancierung. Nie driftet der sich st\u00e4ndig metamorphosierende Fluss ins Vertr\u00e4umte ab, nie wird haltlos nach vorne gest\u00fcrmt, alles hat einen unentrinnbaren Sog, der den H\u00f6rer erbarmungslos durch die f\u00fcnf bezwingend zusammengeschwei\u00dften S\u00e4tze schleift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der schwierigsten Aufgaben hinsichtlich zusammenh\u00e4ngender musikalische Gestaltung ist seit jeher die Musik Schuberts, dessen harmonisch bis ins letzte Details ausgearbeitete S\u00e4tze eine subtile und nur den wenigsten Musikern sich wahrhaft er\u00f6ffnende Komplexit\u00e4t entfalten, \u00fcber deren Abgr\u00fcnde und Feinheiten fast immer viel zu belanglos hinweggespielt wird \u2013 und damit am Kern der Musik vorbei. Dass Schubert ad\u00e4quat dargeboten stets aufs Neue unwiderstehlich verbl\u00fcfft, war mir durchaus bewusst, aber dass seine Musik eine solch elementare Wucht und unmittelbare Durchschlagskraft aufweist wie in dieser Aufnahme, hat mich nun doch zutiefst erstaunt. Die gro\u00dfformatigen S\u00e4tze sind aus einem Guss ohne jegliches energetische Einknicken erfasst, dabei werden auch versteckteste Nuancen blendend herausgefeilt und mit entfesselter Liebe in das Gesamtbild integriert. Gerade im zweiten Satz, in den meisten Auff\u00fchrungen langatmiger Melancholie erliegend, entstehen magisch transzendente Augenblicke, die allerdings nicht isoliert, sondern in alles umfassendem Zusammenhang erstrahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei tragische Komponistenfiguren sind hier in selten bis nie dagewesener Qualit\u00e4t zu h\u00f6ren. Musikalisch so fein erarbeitete Werke sind eine absolute Rarit\u00e4t, und das mit solch einem sensiblen Gesp\u00fcr f\u00fcr den alles durchdringenden Strom der T\u00f6ne &#8211; eine Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jeden Menschen, der die Subtilit\u00e4t seiner Wahrnehmung erweitern m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2017]<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Coviello Classics, COV 91701; EAN: 4 039956 917014 Eine im Jahr 2000 gemachte Liveaufnahme von Lavard Skou Larsen und den Salzburg Chamber Soloists ist nun bei Coviello Classics wiederver\u00f6ffentlicht worden: Darauf sind Schuberts vierzehntes Streichquartett D810 in d-Moll mit dem Beinamen &#8222;Der Tod und das M\u00e4dche&#8220; in einem Arrangement f\u00fcr Streichorchester des Orchesterleiters und Schostakowitschs &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/03\/30\/abgruendig-tiefgruendig\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Abgr\u00fcndig, tiefgr\u00fcndig<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[417,29,87,418,419],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1595"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1595"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1595\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5023,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1595\/revisions\/5023"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1595"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1595"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1595"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}