{"id":1602,"date":"2017-04-02T22:53:47","date_gmt":"2017-04-02T20:53:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1602"},"modified":"2023-05-23T23:29:54","modified_gmt":"2023-05-23T21:29:54","slug":"neue-musik-zwischen-esoterik-und-transzendenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/02\/neue-musik-zwischen-esoterik-und-transzendenz\/","title":{"rendered":"Neue Musik zwischen Esoterik und Transzendenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Im zweiten \u201ar\u00e4sonanz\u2018 Stifterkonzert waren am Samstag, dem 1. April 2017 diesmal das Mahler Chamber Orchestra und der MusicAeterna Choir aus Perm unter der Leitung des charismatischen Dirigenten Teodor Currentzis im Prinzregententheater zu Gast. Neben Luciano Berios \u201eCoro\u201c \u2013 einem der anspruchsvollsten Werke der gesamten Chorliteratur \u2013 war noch Ligeti und Vivier zu h\u00f6ren. Die hochgesteckten Erwartungen an Currentzis haben sich erf\u00fcllt, denn der Abend wurde zu einer musikalischen Sternstunde.<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1606\" aria-describedby=\"caption-attachment-1606\" style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0005.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1606\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1606\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0005-300x200.jpg\" alt=\"\u00a9 Stefanie Loos\" width=\"492\" height=\"328\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0005-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0005-768x513.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0005-1024x684.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 492px) 100vw, 492px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1606\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stefanie Loos<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Initiative der Ernst von Siemens Musikstiftung ist es in erster Linie zu verdanken, dass man jetzt bei den gr\u00f6\u00dferen \u201amusica viva\u2018 Wochenenden neben Chor &amp; Symphonieorchester des BR (die zuvor eine gro\u00dfe Rihm-Urauff\u00fchrung stemmten) auch musikalische Hochkar\u00e4ter in Sachen Neuer Musik von au\u00dferhalb M\u00fcnchens erleben darf. So war bereits das letztj\u00e4hrige Stifterkonzert mit dem mittlerweile leider unverzeihlich totfusionierten <em>SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg<\/em> unter George Benjamin ein voller Erfolg. F\u00fcr dieses Jahr hatte man sich u.a. ein Hauptwerk der 1970er-Jahre, Luciano Berios <em>Coro<\/em> f\u00fcr 40 Stimmen und Instrumente, vorgenommen. Dazu waren neben dem <em>Mahler Chamber Orchestra<\/em> \u2013 ein Leuchtturm europ\u00e4ischer Integration \u2013 der <em>MusicAeterna Choir <\/em>aus Perm unter seinem Gr\u00fcnder Teodor Currentzis eingeladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Um keinen anderen j\u00fcngeren Dirigenten \u2013 er ist allerdings auch schon immerhin 45! \u2013 gibt es momentan einen derartigen \u201aHype\u2018 wie den griechisch-st\u00e4mmigen Teodor Currentzis, der seine wesentliche Ausbildung in Russland erhielt und dort die ersten Sprossen seiner Karriereleiter erklomm. Das mag vor allem an der sehr speziellen Art liegen, mit der er gerade mit \u201aseinem\u2018 <em>MusicAeterna Choir <\/em>samt dazugeh\u00f6rigen Orchester arbeitet, bei dem der Glaube an ewige Wahrheiten Voraussetzung zu sein scheint. Wie gerne h\u00e4tte ich bei den Proben mit dem <em>Mahler Chamber Orchestra<\/em> M\u00e4uschen gespielt \u2013 denn diese Musiker lassen sich wohl nicht so leicht einfangen. Bekannt ist, dass Currentzis sogenanntes Standardrepertoire gerne v\u00f6llig gegen den Strich b\u00fcrstet, um Sedimente tradierter Auff\u00fchrungs- und H\u00f6rgewohnheiten abzutragen und das Ohr auf die \u201awirklichen\u2018 Inhalte zu konzentrieren, wobei ihm \u00e4hnlich veranlagte Solisten wie z.B. Patricia Kopatchinskaja willkommene Partner(innen) sind. Jedenfalls interessiert sich der Dirigent f\u00fcr Repertoire vom Fr\u00fchbarock bis zur aktuellen, zeitgen\u00f6ssischen Musik, wurde von der <em>Opernwelt <\/em>2016 zum \u201aDirigenten des Jahres\u2018 gek\u00fcrt, und und und\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie bew\u00e4ltigt nun ein solcher Tausendsassa derart komplexe Partituren wie <em>Coro <\/em>oder Ligetis <em>Lux aeterna? <\/em>Schon sein Auftreten l\u00e4sst jede Deutung \u2013 von ma\u00dfloser Eitelkeit, die aus Scham in bewusster Bescheidenheit verpackt wird bis zum genauen Gegenteil \u2013 zu. Enorm gro\u00df gewachsene Dirigenten haben zudem nicht selten Probleme rein schlagtechnischer Natur: Wie ein energetisches Zentrum finden mit so langen Armen? Nun, Currentzis steht vor seinem Ensemble in fast st\u00e4ndig leicht nach vorn gerichteter Haltung \u2013 fast wie ein Raubtierdompteur \u2013 und fuchtelt oft in riesigen Bewegungen mit den Armen herum; fast h\u00e4tte er ein seitlich positioniertes Mikro umgerissen. Bei \u201aklassischem\u2018 Repertoire sieht das dann arg nach Zappelphilipp aus \u2013 wie erreicht man da Pr\u00e4zision? Tats\u00e4chlich h\u00e4lt sich sein Gezappel an diesem Abend doch in Grenzen \u2013 und die Pr\u00e4zision vermittelt sich bei Currentzis direkt \u00fcber die H\u00e4nde bzw. Finger: Sicher deshalb verwendet er auch keinen Taktstock. So gelingen bis auf Kleinigkeiten bei <em>Vivier<\/em> auch diffizile Eins\u00e4tze. Schwierigkeiten machen lediglich schnelle Decrescendi \u2013 dazu m\u00fcssten die beiden Arme noch unabh\u00e4ngiger agieren. Letztlich ist dies jedoch komplett nebens\u00e4chlich: Was Currentzis auszeichnet, ist eine extrem verinnerlichte, genaue Klangvorstellung und eben Charisma. Er atmet mit seinem Chor \u2013 alle 40 S\u00e4nger haben in <em>Coro<\/em> auch solistische Aufgaben \u2013 und dem Orchester, als ob er ihnen das Leben direkt einhauchen m\u00fcsste. Der Klang str\u00f6mt unterbrechungslos und kontrolliert in einem einzigen Einverst\u00e4ndnis \u2013 beeindruckend!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass das urspr\u00fcnglich angek\u00fcndigte A-Cappella-St\u00fcck von Xenakis (<em>Nuits<\/em>) \u201eaus organisatorischen Gr\u00fcnden\u201c (?) durch eine kurze Bl\u00e4serintrada \u2013 Berios <em>Call <\/em>(St. Louis Fanfare) \u2013 sowie Gy\u00f6rgy Ligetis bekanntes <em>Lux aeterna <\/em>ersetzt wurde, erweist sich programmatisch sogar als Gl\u00fccksgriff. Keine gute Idee ist allerdings, dass Currentzis die drei St\u00fccke vor der Pause eigentlich \u00fcbergangslos aneinandersetzen wollte. Spielen die f\u00fcnf Blechbl\u00e4ser <em>Call <\/em>ganz vortrefflich ohne Dirigenten, sitzt dieser ein paar Meter entfernt mit Blick zum Publikum \u00fcber den Noten. Soll das signalisieren: Aber ich hab\u2019s einstudiert? Es gibt also eh\u2018 eine Unterbrechung, bis Currentzis sich zu seinem Chor wenden und mit <em>Lux aeterna<\/em> beginnen kann. Absichtsvoll oder ungl\u00fccklich: Der Chor \u2013 in der Partitur 16-stimmig \u2013 mit etwa 25 S\u00e4ngern ist ganz hinten auf dem Podium platziert und bietet so das gesamte St\u00fcck in einem mystischen, aber eben auch v\u00f6llig konturlosen Pianissimo dar. Nun war es ja gerade nicht Ligetis Absicht, die genauestens ausgearbeitete Mikropolyphonie als solche durchsichtig h\u00f6rbar zu machen, sondern eher einen Zustand (der <em>Ewigkeit<\/em>) mittels einer changierenden Klangfl\u00e4che im Raum zu evozieren \u2013 transzendente Aufhebung des Zeitlichen. Currentzis\u2018 Interpretation scheint sich aber rein auf feinste Dynamik zu konzentrieren \u2013 kleine Farbverschiebungen durch das Hinzutreten oder Wegfallen einzelner Stimmen. Das ist dann eher esoterische Reduktion, vielleicht aus einer orthodoxen Tradition heraus, und klingt mehr nach P\u00e4rt als nach Ligeti. Ich h\u00e4tte das gerne etwas direkter mehr aus der N\u00e4he geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der erste Schlagzeugeinsatz von Viviers <em>Lonely Child<\/em> folgt unmittelbar; leider geht dann der ganz intime Beginn des St\u00fcckes durch die in M\u00fcnchen immer unvermeidlichen Hustorgien ziemlich zu Bruch, die man lieber h\u00e4tte abwarten sollen. Die hochindividuelle Qualit\u00e4t des frankokanadischen Komponisten genauer zu schildern, ist hier nicht der Raum. Das vorliegende Werk ber\u00fchrt jedenfalls weniger durch den Text als durch Klangmischung und die nach und nach spektrale Auff\u00e4cherung von melodischen Gestalten \u2013 Melancholie in spr\u00f6der Sch\u00f6nheit. Mag den Puristen vielleicht die dezente Unterst\u00fctzung der Sopranistin durch Mikroport st\u00f6ren: Aber so gelingt es, den Gesang \u00fcber weite Strecken v\u00f6llig vibratolos zu halten und eine wirklich perfekte Mischung mit dem Kammerorchester zu erreichen \u2013 erkl\u00e4rtes Ziel des Komponisten. Sophia Burgos und das <em>Mahler Chamber Orchestra<\/em> zeigen sich dieser sensiblen Musik v\u00f6llig gewachsen, nicht nur technisch. Da stimmt jede Nuance und Currentzis stellt einen Gesamtzusammenhang dar, der in sich schl\u00fcssig ist: tiefe seelische Einblicke ohne jeden Exhibitionismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause dann Berios <em>Coro <\/em>\u2013 f\u00fcr mich immer schon, verglichen mit der ber\u00fchmteren <em>Sinfonia<\/em>, das beeindruckendere Werk. Ist letztere irgendwo eine, wenn auch augenzwinkernde, intellektuelle Spielerei, erweist sich <em>Coro<\/em> als Bekenntniswerk von existenzieller Bedeutung. Spiegeln die oft zun\u00e4chst solistisch vorgetragenen, kunstvoll \u00fcberh\u00f6hten Volksmusikmaterialien den zutiefst menschlichen Drang nach Freiheit und der Erf\u00fcllung elementarer Bed\u00fcrfnisse wider, so brechen mit dem Neruda-Gedicht (<em>Venid a ver\u2026<\/em>) Gewalten herein, denen das Individuum anscheinend kaum etwas entgegensetzen kann. Das ist brillant komponiert, hochpolitisch, und entfesselt eine Klanglichkeit, die unmittelbar k\u00f6rperlich wirkt. Wie die 40 S\u00e4nger beinahe selig auf ihren Dirigenten schauen, der immer bei ihnen ist, und die einzelnen musikalischen Charaktere sicher treffen, wenn auch nicht alles sprachlich verst\u00e4ndlich artikuliert, ist ein Erlebnis. Auch das Orchester tr\u00e4gt dazu bei: Jedem Choristen ist, exakt der von Berio geforderten Sitzordnung entsprechend, unmittelbar ein Instrument zugeordnet. Un\u00fcbersehbar kommt schon auf dieser Ebene echte Kommunikation zustande. Currentzis leitet dies souver\u00e4n und mit schier unglaublicher Intensit\u00e4t; die Dynamik ist pr\u00e4zise austariert und jedes Detail der Riesenpartitur h\u00f6rbar. Auch hier wieder: Die Teleologie der Gesamtanlage wird von Beginn an \u00fcberblickt und herausgearbeitet. Nach einer Stunde Anspannung, der sich auch das Publikum gerne hingegeben hat, gibt es begeisterten Applaus, zum Teil Standing Ovations. Dass, als der Chor noch eine Zugabe andeutet, jetzt eigentlich nur <em>Bach<\/em> kommen kann, erweist sich als tr\u00fcgerisch. Vielmehr erklingt eine Bearbeitung des Bachchorals <em>Komm, s\u00fc\u00dfer Tod <\/em>von Knut Nystedt (1915-\u20092014): <em>Immortal Bach<\/em>. Das ist eine echte Sternstunde f\u00fcr die \u2013 nicht mehr ganz \u2013 Neue Musik. Kein Grund jedoch, Currentzis gleich zu deren neuem Propheten auszurufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch diesmal gibt es eine Rundfunk\u00fcbertragung: Freitag, 21. April 2017, um 20.03 Uhr auf BR-Klassik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, April 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im zweiten \u201ar\u00e4sonanz\u2018 Stifterkonzert waren am Samstag, dem 1. April 2017 diesmal das Mahler Chamber Orchestra und der MusicAeterna Choir aus Perm unter der Leitung des charismatischen Dirigenten Teodor Currentzis im Prinzregententheater zu Gast. 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