{"id":1618,"date":"2017-04-05T13:17:20","date_gmt":"2017-04-05T11:17:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1618"},"modified":"2017-04-06T14:59:06","modified_gmt":"2017-04-06T12:59:06","slug":"die-gegenwart-der-symphonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/05\/die-gegenwart-der-symphonie\/","title":{"rendered":"Die Gegenwart der Symphonie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Vierte Symphonie von Michael F. P. Huber erlebt am 26. M\u00e4rz 2017 ihre Urauff\u00fchrung im Rahmen eines Abonnementkonzerts des Akademieorchesters St. Blasius unter Karlheinz Siessl im &#8222;Vier und Einzig&#8220;, Hallerstra\u00dfe 41 in Innsbruck. Maria Ladurner singt dabei die Solo-Vocalise im Finale. In der zweiten H\u00e4lfte gibt es das recht selten zu h\u00f6rende Klavierkonzert op. 33 von Antonin Dvo\u0159\u00e1k mit Michael Sch\u00f6ch am Klavier, der erst letztes Jahr das Klavierkonzert Hubers aus der Taufe hob.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrfach verschlug es mich bereits nach Innsbruck f\u00fcr Auff\u00fchrungen der Werke von Michael F. P. Huber \u2013 so erlebte ich letztes Jahr die Premiere des Klavierkonzerts und diejenige der Kammersymphonie. Entsprechend konnte ich es mir nat\u00fcrlich nicht nehmen lassen, nun auch zur Urauff\u00fchrung der gro\u00dfen Vierten Symphonie nach \u00d6sterreich zu reisen &#8211; und einmal mehr wurde ich nicht entt\u00e4uscht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Symphonie Nr. 4 op. 64 ist ein gewaltiges Werk von etwa f\u00fcnfzig Minuten L\u00e4nge und ihre Entstehung wurde durch das Hilde-Zach-Kompositionsstipendium 2016 erm\u00f6glicht. Der Orchesterbesetzung wird sinnstiftendes Schlagwerk inklusive R\u00f6hrenglocken und Peitsche hinzugef\u00fcgt, im Finale ist zudem eine Sopran-Vocalise zu h\u00f6ren. Mit einem gewaltigen Aufschrei beginnt das <em>Lento lugubre<\/em> des Kopfsatzes, des dichtesten und komplexesten Satzes der Symphonie. D\u00fcstere Bl\u00e4serchor\u00e4le und donnerndes Aufbegehren erzielen eine pechschwarze Wirkung, entfachen sogleich ihren Bann. Immer wieder geschieht etwas Unvorhergesehenes, und doch beh\u00e4lt dieser Mammutsatz seine Kontur und alles f\u00fcgt sich zu einer zusammengeh\u00f6rigen Einheit. <em>Giocombra<\/em> ist der Mittelsatz betitelt: Ein Spiel, aber was f\u00fcr eines! Von den ersten Takten beginnend hebt eine Tarantella an, in rasendem Tempo und wildem Gestus. Immer verr\u00fcckter wird dieser H\u00f6llenritt, bis sogar der Rhythmus zu einem 3\/8+3\/8+2\/8 bricht und somit &#8222;verstolpert&#8220;. Einige aus der Avantgarde bekannte Ger\u00e4uscheffekte sind gerade in den Bl\u00e4serstimmen zu h\u00f6ren, allerdings eben nicht um des blo\u00dfen Ger\u00e4usches Willen, sondern indem es sich versch\u00e4rfend einf\u00fcgt und Sinn ergibt. Das Finale ist eine &#8222;Lunaria&#8220; mit Variationen, eine hinrei\u00dfende Nocturne. Es ist tats\u00e4chlich eine Nocturne, und das in einem unverkennbaren Gestus. Wem sonst gelingt es, auf eine moderne, eigenst\u00e4ndige und erneuernde Weise Formen wie eine Tarantella oder gar eine Nocturne, die ja haupts\u00e4chlich mit dem 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert assoziiert sind, zu schreiben, die tats\u00e4chlich heute noch funktionieren? Zwei Mal strebt die Nocturne in die Wildheit, f\u00e4llt jedoch ebenso schnell wieder in die &#8222;komplexe Beschaulichkeit&#8220; zur\u00fcck und wird jedes Mal noch bet\u00f6render in ihrer Wirkung. Gegen Ende kommt noch der Sopran hinzu, glasklar und unschuldig z\u00e4rtlich aus der Kehle der jungen S\u00e4ngerin Maria Ladurner, einem wahren Talent mit flexibler und farbenreicher Stimmgebung. Sogleich wird das Sopran-Motiv von den anderen Instrumenten aufgegriffen und im Schlagwerk gar ad absurdum gef\u00fchrt. Pl\u00f6tzlich f\u00e4llt auf, dass das zarte Motiv schon bekannt ist, im ersten Satz erklang es und auch in der Giocombra war es zu h\u00f6ren &#8211; und die ganze Symphonie wird von hinten her zusammengeschwei\u00dft. Wie viele Zusammenh\u00e4nge noch existieren, l\u00e4sst ein erstes H\u00f6ren nicht ergr\u00fcnden; doch alleine der Detailreichtum und die Stringenz, die unmittelbar ins Bewusstsein fallen, reichen aus, um von einer ganz gro\u00dfen Symphonie des 21. Jahrhunderts zu sprechen, die zum Substanziellsten der aktuellen deutschsprachigen Musikszene geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause spielt Michael Sch\u00f6ch das Klavierkonzert Antinon Dvo\u0159\u00e1ks, ein ausschweifendes und hochvirtuoses Werk in g-Moll mit entz\u00fcckendem Mittelsatz in D-Dur, das den anderen beiden Solokonzerten des Komponisten nicht nachsteht. Das Spiel Sch\u00f6chs l\u00e4sst sich am ehesten durch das Wort &#8222;filigran&#8220; beschreiben, der 1985 geborene Innsbrucker musiziert in gr\u00f6\u00dfter Feingliedrigkeit mit einem Hauch fragiler Zartheit. In den schnellen Passagen perlen seine Finger geschmeidig, im ruhigeren Tempo hebt das Klavier zu singen an, voll Innerlichkeit und feinf\u00fchliger Aussagekraft. Wenn Sch\u00f6ch diese Ruhe und Tragf\u00e4higkeit des Klangs auch noch in die halsbrecherischen Stellen integrieren k\u00f6nnte, bliebe absolut nichts mehr an seinem ganz im Dienste der musikalischen Pr\u00e4senz stehenden Spiel zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Als Zugabe gibt er Schumanns &#8222;Warum?&#8220; aus den Fantasiest\u00fccken op. 12, das durch meditative Kraft bezaubert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zuletzt das Orchester leistet Gro\u00dfes unter den f\u00fchrenden H\u00e4nden seines Chefdirigenten Karlheinz Siessl. Technische wie expressive Potenz charakterisiert die Musiker, die trotz schwieriger Akustik alles nur m\u00f6gliche aus den Partituren herausholen. Hubers Symphonie erstrahlt in mehrdimensionaler Vielschichtigkeit und Deutlichkeit, das Klavier in Dvo\u0159\u00e1ks Konzert erh\u00e4lt einen gleichberechtigten Widerpart, der es aber auch nicht unterjocht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute erlebten die Zuh\u00f6rer im voll besetzten VierundEinzig Innsbruck die Gegenwart der Symphonie, einer oft vorschnell verloren geglaubten Gattung, der offenkundig noch eine gro\u00dfe Zukunft geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vierte Symphonie von Michael F. P. Huber erlebt am 26. M\u00e4rz 2017 ihre Urauff\u00fchrung im Rahmen eines Abonnementkonzerts des Akademieorchesters St. Blasius unter Karlheinz Siessl im &#8222;Vier und Einzig&#8220;, Hallerstra\u00dfe 41 in Innsbruck. Maria Ladurner singt dabei die Solo-Vocalise im Finale. 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