{"id":1628,"date":"2017-04-09T23:36:38","date_gmt":"2017-04-09T21:36:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1628"},"modified":"2017-04-17T18:19:04","modified_gmt":"2017-04-17T16:19:04","slug":"saint-saens-klavierkonzerte-als-serioese-gattungsbeitraege","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/09\/saint-saens-klavierkonzerte-als-serioese-gattungsbeitraege\/","title":{"rendered":"Saint-Sa\u00ebns\u2018 Klavierkonzerte als seri\u00f6se Gattungsbeitr\u00e4ge"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Naxos, LC 05537; EAN: 0747313347674<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0007.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1629\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1629\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0007-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"378\" height=\"328\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0007-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0007-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0007.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 378px) 100vw, 378px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Mit den ersten beiden Klavierkonzerten und dem \u201aAllegro appassionato\u2018 op.70 beginnt Naxos anscheinend eine neue Gesamtaufnahme der Werke f\u00fcr Klavier &amp; Orchester von Camille Saint-Sa\u00ebns (1835-1921), die aufhorchen l\u00e4sst. Es spielen Romain Descharmes und das Symphonieorchester Malm\u00f6 unter dem ehemaligen Bonner GMD Marc Soustrot.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Camille Saint-Sa\u00ebns\u2018<\/em> f\u00fcnf Klavierkonzerte genie\u00dfen heute einen eher zweifelhaften Ruf. Zwar wird sein beim Publikum wie den Pianisten beliebtestes zweites Konzert in g-Moll op.22 immer noch h\u00e4ufig aufgef\u00fchrt; aber au\u00dferhalb Frankreichs geh\u00f6rt es kaum mehr zum essenziellen Solokonzert-Kanon des 19. Jahrhunderts, im Gegensatz zum Cellokonzert a-Moll. Das war vor 30 Jahren noch anders. Warum? Es gibt zwar nicht viele Zeitgenossen unseres franz\u00f6sischen Wunderkinds, die einerseits dem Solisten durchgehend ein H\u00f6chstma\u00df an Fingerfertigkeit und Pr\u00e4zision \u2013 etwa im schnellen, beidh\u00e4ndigen Skalenspiel \u2013 abfordern, ihn andererseits aber schon sehr stark in den Orchestergesamtklang integrieren und somit dem Eindruck reinen Virtuosentums bewusst entgegenwirken. Von den intrikaten Schwierigkeiten eines Rachmaninoff ist das aber noch so weit entfernt, dass ein junger Pianist mit diesen Werken kaum mehr re\u00fcssieren kann. Das tiefgr\u00fcndige, vierte Konzert f\u00fchrt mittlerweile im Konzertsaal ein Schattendasein, das f\u00fcnfte \u201a\u00e4gyptische\u2018 kommt nur aufgrund seiner h\u00fcbschen Exotismen gelegentlich zu seinem Recht; die Konzerte Nr. 1 &amp; 3 dagegen sind so gut wie nie zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es gibt allerdings etliche Gesamtaufnahmen \u2013 teilweise unter Ber\u00fccksichtigung der f\u00fcnf kleineren Konzertst\u00fccke f\u00fcr Klavier &amp; Orchester. Und hier zeigt sich schnell das Dilemma, in das diese Musik allzu leicht ger\u00e4t, wenn nicht mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt und Empathie an sie herangegangen wird. Ein Negativbeispiel etwa die Einspielung von <em>Stephen Hough<\/em> (Hyperion 2000): Hohle Virtuosit\u00e4t, \u00fcberhastete Tempi \u2013 will Hough damit ins Guinness-Buch der Rekorde? \u2013 und ein lustlos agierendes Orchester. Meine Referenz-Aufnahme \u2013 auch schon fast 30 Jahre alt \u2013 ist bisher die von <em>Jean-Philippe Collard<\/em> unter <em>Andr\u00e9 Previn<\/em> (EMI 1988), bei der Virtuosit\u00e4t, Prunk und Pathos mit Durchsichtigkeit, franz\u00f6sischer Leichtigkeit und strengem Formbewusstsein im richtigen Ma\u00dfe korrelieren. Naxos f\u00fchrte bislang im Katalog nur eine \u00e4ltere Aufnahme der Konzerte Nr. 2 &amp; 4 mit <em>Idil Biret<\/em>. Nun scheint mit der vorliegenden Einspielung eine neue Gesamtaufnahme von Rang in Angriff genommen worden zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn man Schw\u00e4chen des 1. Konzerts von 1858 aufzeigt \u2013 ziemlich viel pianistischer Leerlauf an Passagenwerk, zu wenig melodisch \u00fcberzeugende Einfalle, besonders im etwas einf\u00e4ltigen Finale \u2013 sollte man dabei nicht vergessen, dass dieses Konzert seit 60 Jahren den ersten Gattungsbeitrag eines bedeutenderen, franz\u00f6sischen Komponisten darstellte. Andererseits ist die bereits erw\u00e4hnte \u201aEinbettung\u2018 ins Orchester damals eher als modern anzusehen und f\u00fchrt in letzter Konsequenz etwa zu Busoni. Saint-Sa\u00ebns bem\u00fcht sich um zyklische Einheit, wenn er ganz am Schluss des Finalsatzes nochmals den Hornruf des Beginns und das Hauptthema bringt. Der zweite Satz hat bereits unzweifelhaft Substanz und wirkt konzentriert. Wie auf keiner anderen Aufnahme nimmt <em>Marc Soustrot<\/em> mit dem <em>Malm\u00f6 Symphony Orchestra<\/em> jedes Detail dieses Werkes ernst. Stimmige Tempi, klare formale Gliederung und ein H\u00f6chstma\u00df an klanglicher Differenzierung, die von einer ebenso fabelhaften Aufnahmetechnik unterst\u00fctzt werden, stellen die \u00e4lteren Einspielungen dieses\u00a0verschm\u00e4hten Konzertes geradezu blo\u00df. Der mit Hingabe und musikalischer \u00dcberzeugung pr\u00e4sente <em>Romain Descharmes<\/em> beherrscht die ganze Palette makellosen Anschlags \u2013 vom sch\u00f6nen, kantablen Legato bis zum immer noch glasklaren Quasi-Non-Legato in schnellstem Tempo. Ist das wirklich schlechter als manches Ged\u00f6ns von Max Bruch (inklusive der\u00a0Violinkonzerte) oder Tschaikowsky in seinem 2.\u00a0Klavierkonzert\u00a0op. 44 noch Jahre sp\u00e4ter?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das bekannte g-Moll Konzert, das zahlreiche stilistische Anspielungen z.B. auf Bach enth\u00e4lt, ger\u00e4t ebenso vorbildlich. Im zweiten Satz (ein walzerartiges Scherzo) wird gerade durch ein eher moderates Tempo der irrwitzige Klaviersatz umso deutlicher: Alles gewinnt hier Bedeutung \u00fcber oberfl\u00e4chliches Blendwerk hinaus und l\u00e4sst dieses Werk in einem ganz anderen Licht erscheinen, als man es gemeinhin gewohnt ist. Das wirkt fast wie eine Kur eines \u00fcber Jahrzehnte \u00fcberhitzten Rei\u00dfers, die einfach guttut. Besonders gef\u00e4llt eine flexible, aber hochpr\u00e4zise Rhythmik mit perfektem Zusammenspiel auch im Rubato. Das schwedische Orchester klingt hierbei um Klassen \u201afranz\u00f6sischer\u2018 als die zumeist in England beheimatete Konkurrenz. Trotz aller Seriosit\u00e4t, die den Komponisten sp\u00e4ter altmodisch wirken lassen wird, bleibt dennoch gen\u00fcgend Raum f\u00fcr Draufg\u00e4ngertum, der auch ausgekostet wird. Und wie liebevoll Descharmes die Feinheiten\u00a0dieser Musik auslotet, h\u00f6rt man sofort im Solo des <em>Allegro appassionato op. 70<\/em>, welches diese hocherfreuliche CD abrundet. Weiter so!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, April 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, LC 05537; EAN: 0747313347674 Mit den ersten beiden Klavierkonzerten und dem \u201aAllegro appassionato\u2018 op.70 beginnt Naxos anscheinend eine neue Gesamtaufnahme der Werke f\u00fcr Klavier &amp; Orchester von Camille Saint-Sa\u00ebns (1835-1921), die aufhorchen l\u00e4sst. Es spielen Romain Descharmes und das Symphonieorchester Malm\u00f6 unter dem ehemaligen Bonner GMD Marc Soustrot. Camille Saint-Sa\u00ebns\u2018 f\u00fcnf Klavierkonzerte genie\u00dfen heute &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/09\/saint-saens-klavierkonzerte-als-serioese-gattungsbeitraege\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Saint-Sa\u00ebns\u2018 Klavierkonzerte als seri\u00f6se Gattungsbeitr\u00e4ge<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[523,1894,1895,200,1893],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1628"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1628"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1628\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1644,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1628\/revisions\/1644"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1628"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1628"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1628"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}